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Neue jüdische Presse · 1904-08-26 · Heft 33 (26.8.1904) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 33 (26.8.1904)
Date
1904-08-26
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 33. Der Jude und sein Verhältnis . zur Natur. ii. Wie dem Judentum die natürlichje Freude uud uugebundeue Lust fremd ist, so teilnahmlvs steht der Jude dem natürlichen Leben gegenüber. Ihm fehlt nicht nur jene ungestillte, geheimnisvolle Sehnsucht, jenes Begehren uiÄ Verlangen in der Natur zu leben, sondern auch die Art und das nötige Verständnis aus der Natur zu leben, d. h. seine Lebensgestaltung aus der Natur abzuleiten. Die ästhetische Schönheit, die Zaubermacht der Natur, ihr praktischer Nützen für die Gesundheit, überhaupt das ganze Gefühlsleben in der Natur ist im Juden erstickt. Nicht der leiseste Schimmer jenes unter den europäischen Völkern neu erwachten Naturlebens, hervorgerufcn durch die Einwirkung des großen französischen Naturprophetcn und Philosophen Rousseau, drang in das Lager der Juden hinüber. Dieses Erlöschen des Gefühlsleben des Juden» in der Natur war n n d i st c i» e notwendige Folge seiner Zurücksetzung und A u s - nahmestellung im Leben der europäischen Völker und ist daher die Konsequenz seines geschichtlichen Lebens.' Bekanntlich war den westeuropäischen Inden im Mittelalter und bis in die neuere Zeit hinein, das Leben und Wohnen auf dein Lande und in den Dörfern verboten. — In Rußland besteht sogar noch heute dieses Verbot für die Inden. Erst vor kurzem ist in Moskau ein wissenschaftlicher Aerztekongreß von der Polizei aufgelöst worden, weil die Aerzte die Kühnheit besaßen, die Negierung auf die gesundheitlichen Gefahren der künstlichen Konzentrierung der jüdischen Bevölkerung in den Städten und Flecken des südlichen und westlichen Rußlands aufmerksam zu machen. Der Kongreß stellte nämlich fest, daß die zunehmenden epidemischen Krankheiten, besonders der Tuberkulose, eine Folge der Armut und Uebersüllung der Ghettos, in welcher zu leben die Juden gezwungen lvcrden, ist und forderte daher, daß den Juden das Recht, ungehindert sich von Ort zu Ort zu bewegen, verliehen tverden niuß. (Das i st mein eignes Vaterland (richtiger gesagt: Stiefvaterland), das sich doch zu den zivilisierten Staaten Europas rechnen will und sich rechne t.) — Der Jude wurde dadurch genötigt, seinen Wohnsitz in einer Stadt aufzuschlagen, wo sie an irgend einem Stadtviertel, meist in den größer» Städten, ein eignes Ghetto bildeten. In diesem Ghetto war den Juden nur der Kleinhandel — jener traurige Geschäftszweig, der das ganze Mittelalter hindurch bis apf die neuere Zeit herab den Juden den Fluch der Mitlebenden zugezogen hat — und manche Zweige des Handwerks nur gestattet. Zwar gab es in manchen Zeiten auch Ausnahmen, die ihnen den Wohnsitz auf dem Lande erlaubten, jedoch die in der Stadt schon eingebürgerte Familie zog cs war, sei es um für Freud und Leid einander nahe zu sein oder um das jüdische Leben mit weniger Schwierigkeit ausüben zu können, in der Stadt zu bleiben. So nimmt es gar kein Wunder, wenn dem Juden unter solchen Umständen das Verlangen und das eigentliche Verständnis für die Schönheit des Naturlebens abgeschwächt oder abgest u m p f t blieb. Sind die Städte an sich schon ein Mittel, geeignet, den Menschen von der segensreichen Natur zu entfremden; so wurde der Jude noch durch die Wschließung im Ghetto noch um so mehr von der Natur fern gehalten, als er durch sein Gewerbe genötigt war, sein ganzes Leben in den Mauern des Ghetto zuzubringen. Das Leben aus der Natur, das ebenfalls dem Juden fehlt, ist weniger auf das geschichtlichealsaufdaseigentlicheWesen des Judentums selb st zurückzuführeu. Wie schon gesagt, kennt das Judentum nicht die natürliche Freude; ebensowenig kennt es auch das N a t u r l e b e n der heidnischen Völker. Dem Judentum ist diese Welt nur eine Vorhalle zum ewigen Heil des Jenseits; wie es im Talmud heißt: „Diese Welt gleicht nur einem Vorzimmer zu der zukünftigen Welt." Unter solchen Bedingungen mußte das Judentum in konsequenter Weise auf das Wachsen und Ge¬ Frankfurter Israelitische? FamilieMatt. deihen des Naturlebens Verzicht leisten. Die Natur ist nicht Selbstzweck, sondern nur ein Mittel zu einem höheren Zweck, nämlich, der der sittlichen, moralischen Weltordnung. Der Jude soll und darf nicht seine Lebensaufgabe und seine geistig höheren Kräfte einzig und allein im Dienste der Natur verschwenden. Sein Streben und Leben muß immer dahin hinauslaufen, de» Willen Gottes im täglichen )L e b e n z u v erwirk l i ch c n, d i e Bl e n s ch h e i t z u e i n e r sittlichen V o l l k o ni ni e n h e i t h e r a n z n b i l d e n und die Natur dieser sittlichen Welto r d n u n g u n t e r z u o r d n e n , sie in den D i e n st dieser moralischen Welt z u stellen. Kurz, die Natur ist zum Heile der sittlichen Welt, nicht aber umgekehrt. Daher begreift man auch, warum im Judentum die Poesie an Form und Inhalt nnübertroffen nur dort zum Ausdruck kommt, wo es sich uni religiöse und sittliche Motive handelt. Erstaunlich gering, fast verschwindend ist die idyllische Poesie im Judentum, was nur auf eine innere Tcilncihmlosigkeit des Judentums dem Naturleben gegenüber znrückzuführen ist. Am Schlüsse sei noch bemerkt, daß alle meine Erörterungen über den Juden und das Judentum nicht auf die westeuropäischen Juden Bezug hatten, denn der Jude des Westens hat seit dem Beginn seiner Emanzipation binnen kurzer Zeit solche Riesenschritte auf diesem Wege gemacht, daß man schwerlich ein Bild des ursprünglichen Judentums von ihm bekommen kann. Meine Ausführuiigen beziehen sich vielmehr meist auf das russische, galizianische Judentum, wo ich e» in ursprünglicher Gestalt kennen lernte und wo es noch bis heute in seinen Einzelheiten aufbewahrt blieb, und so lange bleiben wird, solange sie wie einst die deutschen Juden im Ghetto gehalten werden. Wird aber das Ghetto auseinandcrfallen, werden die physischen und geistigen Fesseln gesprengt werden, dann wird auch dort das ursprüngliche Judentum, wie in Westeuropa, schwinden. In der Natur des Geknechteten und Unterdrückten liegt es leider einmal, keine Grenzen zu kennen, wenn er freigelassen wird, und gar bald tritt er das Alte, das ihm vorher heilig war, rücksichtslos mit deck Füßen. Will man aber das alte Judeiitum aufrecht erhalten, io gibt es' nur ein Mittel, nämlich: Im heiligen Lande, wo einst das Judentum entstand, auf eigenem Boden wird der russische Jude seine Eigenart als Jude stets beibehalten. Salkinowitz, eand. Phil. Aus aller Wett. Deutschland. Karlsruhe. 'Im Großherzogtum Baden sind in den letzten fünf Jahren 73 Juden zum evangelischen Glauben übergetreten. Kirchhain, 17. August. Heute beging unsere Gemeinde das erhebende Fest der Einweihung unserer neuerbauten Synagoge. Bon Nah und Fern waren zahlreiche Gäste eingetrofsen, um an unserer Freude teilzunehmen. Bei allen fand unser Gotteshaus großen Beifall, dessen Inneres durch einen prachtvoll ausgeführten Vorhang in reicher Goldstickerei herrlich ausgeziert war. Der rührige Frauenverein hatte dieses Perauches gestiftet. Der Hochherzigkeit verschiedener Privater verdanken wir die elegante Schulchandecke und 7 prachtvoll schöne Sifre Tauroh Mäntelchen. Die gesamten Stickereien stammen aus der hebr. Buchhandlung B. Grünebaum, Kassel. Berlin. Wie die Zeitungen melden, richtet die „Ica" in Brasilie n eine jüdische Kolonie ein, und zwar hat sie dazu den Staat Rio Grande do Sul ausersehen, dessen Klima sich dem von Westeuropa am meisten nähert und in dem es nicht schwer fallen soll, sich durch seiner Hände Arbeit eigenen Grund und Boden zu erwerben. Im Jahre 1900 wurde -ine Sachverständigenkommission nach Rio Grande do Sul gesandt, um die Bedingungen für eine dort anzulegende Kolonie zu studieren. Die eingezogenen Erkundigungen waren die denkbar günstigsten, und schon im Jahre 1902 kani ein Vertreter der „Association" aufs neue nach hier. In der Gegend von Pinhal, 20 Kilometer entfernt von Santa Maria, schon auf der Serra, fand Dr. Lapine einen Landkompler von zirka zwei Quadratleguas Flächeninhalt, der ihm besonders geeignet erschien. Er kaufte ihn daher an. Jetzt wird an der Vermessung des Landes in Kolonielose und an den Wegen gearbeitet. Der Koloniekomplex besteht aus Kanipland. Es ist dies der erste größere Versuch, der in Rio Grande mit Kampkolonisation gemacht wird. Bisher hatte man Kolonien nur im Urwald angelegt. Die jüdische Seite 3. Kolonie wird nur Kampwirtschaft betreiben. Jeder Kolonist erhält allerdings auch auf seinem Lose ein Stück Wald, aber nicht um es nicderzuhaueu, sondern nm sich sein Brenn- und Bauholz daraus zu holen. Die Kolonisationsgesellschaft liefert jeder Kolonisteiifamilie ein LoS von annähernd 25 Hektaren und ein Häuschen darauf, sowie Ackerbaugerätc, Sämereien und Zugtiere. Dadurch entstehen vergesellschaft natürlich große Ausgaben, aber man hofft, daß der Kolonist auf diese Weise viel schneller in der Lage sein wird, seinen bei Empfang des Kolonieloses eingegaiigeneu Verpflichtungen nachzukomiiien. Die „Association" spielt nur die Vermittlerin, bereitet alles vor und liefert da» nötige Anlagekapital, damit der Kolonist sich sofort einer einträglichen Beschäftigung widmen kann. Die kontrahierte Schuld soll binnen einer bestimmten Anzahl von Jahren ratenweise abgetragen werden, und zwar erhebt die Gesellschaft nur sehr mäßige Zinsen und gewährt gewisse Erleichterungen in Fällen von schlechter Ernte oder sonstigem Mißgeschick. Aber die Hauptsache ist, daß der Kolonist alles, was er erhält, auch durch seiner Hände Arbeit bezahlen muß. Berlin.DieSammelbüchsen einer hiesigen Synagoge b e st o h l e ii hat ein dort zu Dienstleistungen aiigcstellter Mann namens Förster. Seit dem Antritt dieses Mannes fiel auf, daß die Sammelbüchsen, die von sechs zu sechs Monaten geleert werden und sonst immer einen Inhalt von je 40 bis 30 Mk. ergeben, nur einige Pfennige erhielten. Ein Synagogendiener übernahm ihre genauere Ucberloachung uud bemerkte schließlich, daß der Reiniger Förster sich mit einem Schlüssel an einer solchen zu schaffen machte. Der Verdächtige wurde festgeiiommeii, und nun stellte sich heraus, daß man in dem Reiniger den früheren Schlosser Emil Förster, einen alten Einbrecher und Zuchthäusler, angestellt hatte. Er hatte sich zu den Büchsen Nachschlüssel gemacht und die Sammlungen in seine Tasche gleiten lassen. Berlin. Wehmut ergreift das Herz, wenn man als Jude, der ein offenes Auge für die Gebrechen seiner Zeit hat, sehen muß, wie die Entjudung der deutschen Juden schon soweit ist, daß sie bald an der äußerste» Grenze angelangt sein dürfte und wie daniit ganze jüdische Gemeinden sich auflösen und ihre Institutionen verfallen. Selbst die heiligen Stätten des Todes verschwinden, ohne daß eine jüdische Seele sich darum kümmert. So lesen wir in dem „Altmärkischen Intelligenz- und Lescblatt" in Calbe a. d. Milde: Seit 'kurzem ist im Innern unserer Stadt in dem neuen Stadtviertel eine wesentliche Veränderung eingetreten. Der allen Besuchern unserer Stadt _ bekannte Judenfriedhof, der mit der Zeit niitten in den Straßen eingebaut war, ist seit kurzem verschwunden, an seiner Stelle erhebt sich, wie aus dem Profil ersichtlich ist, ein Schmuckplätzcheii, das der Stadt dauernd zur Zierde gereichen wird. Die sterblichen Ileberreste der dort begrabenen Angehörigen jüdischer Konfession wurden auf dem städtische» Kirchhofe beigcsetzt. Es ist dieses in kurzer Zeit die zweite Ueberfiihrung sterblicher Ileberreste nach dort, denn vor ein paar Jahren wurde auch das nur wenige Schritte vom Judenfriedhof benachbarte Schildsche Erbbegräbnis abgebrochen. Bereits beim Chausseebau Ealbe-Brunan bildete das Erbbegräbnis ein Hemmnis, sodaß schon damals im Jahre 1880 ein Teil des Gewölbes abgebrochen werden mußte. Die Neuanlage eines jüdischen Begräbnisplatzes dürfte wohl kaum zu erwarten sein, da sich zur Zeit nur eine F a m i l i e jüdischen Glaubens hier befindet. Berlin. Das jüdische Mädchenstist zur unentgeltlichen Ausbildung unbemittelter Mädchen für den Ticnstbotenberuf nimmt für die zum 1. Oktober frei werdenden Stellen schon jetzt Anmeldungen, die an den Borsitzcndcn Tr. 2 t r e l i tz, Schönhauser Allee 162, zu richten sind, entgegen. Osnabrück. Die Strafkammer in Osnabrück als Berufungsinstanz fällte ein Urteil, in deni ausgesprochen wurde, daß sür jüdische Kinder eine Verpflichtung zur Teilnahme an dem jüdischen Religionsunterricht nicht bestehe. Oesterreich-Ungar«. Wien. Die »Wiener Allg. Zeitung" meldet, General Stössel, der Verteidiger von Port Arthur, sei der Abstammung nach ein Ocsterreicher und in Brünn geboren. Die Familie Stössel bekennt sich zum mosaischen Glauben und lebt in Nikolsburg in Mähren. Stössel trat in jungen Jahren in Rußland zum griechischorthodoxe» Glauben über. Rußland. Petersburg. Der Zar hat die Bewilligung zu der schon längst angcstrebten Anlage einer neuen I u d e n k o l o » i e in B e s s a r a b i e n erteilt. Petersburg. Das vom Kaiser anläßlich der Geburt des Großfürsten-Thronfolgers erlassene Gnaden-Manifest enthält unter andere» Bestinimnngeii auch folgende: Im Reiche werden die Familien von Juden, die sich ihrer Militärpflicht entzogen haben, von der ihnen auserlegten Geldstrafe befreit.

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