Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 33 (26.8.1904)
- Date
- 1904-08-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 33. ^Seite 2. Und Schaben hat diese Meinung angerichtet, weil sie der Ausbreitung des Zionismus Hindernisse in den Weg legte. Wir Misrachisten, denen das Wohl des jüdischen Volkes ans Herz gewachsen ist, wir wissen, das; der Zionismus eine jüdische Sache ist, das; . er also unserm Judentum nur tzkutzen bringt. Damit^der stützen ein allseitiger und möglichst großer sei, damit etwaige Schäden verhindert werden; darum haben wir uns als die Vertreter des überlieferten Judentums zusammengeschlossen. Möge es in Gottes Plan liegen, unser Werk zur Vollendung zu bringe»! Delegierter F i s ch e r (Papa) verliest sodann unter lebhaftem Beifall in ungarischer Sprache den Text einer an Len König von Ungarn noch Ischl gerichteten Huldigungsdepesche. Ter Präsident des Ungar. Landeskoinitees, Herr Samuel Bettelheim, entbietet der Konferenz die Grüße der Federation. Er gab der Sehnsucht nach deni nie vergessenen Lande der Ahnen Ausdruck und schloß mit der Versicherung, daß in Wirllichkcit alle gesetzestreuen Juden Ungarns „misrachistisch" gestimmt seien. Es wird nun per Mllamation die Wahl des Präsidiums'vorgenommen; die Wahl ergab das folgende Resultat: i Präsident: Rabbiner I. Reines-Lida, Vizepräsidenten: Rabbiner Landau-Botocani und Rabbiner Dr. Nobel-Leipzig, Schriftführer: Rabbiner Dr.. Zink-Wien, Rabbiner Grünhaus-Trok und Redakteur Ge.is - Frankfurt, Beisitzer: Samuel Bettelheim-Preßburg und Z a r b st e i n - W a r s ch a u. Nachdem Dr. Nobel des Andenkens H e r z l s und Rabbiner Landau des Andenkens von Neb. Pinchas Rosowsky und Rabbi Nisscn aus H o r o d o k gedacht Hatten, nahm Herr Dr. Kahn- Wien als Wgesandter des zion. Aktionskomitee das Wort. Et bringe die Grüße des engeren Aktionskomitee. Es freue ihn sehr, daß der Misrachi nicht ein Staat im Staate bilden wolle, sondern, daß besondere Interessen, welche der misrachistischen Bewegung zustehen, ihn leiten; dagegen könne niemand etwas haben. Es habe ihn schmerzlich berührt, daß unfreundliche Ruse der Konferenz entgegengehallt seien. Er müsse gestehen, daß er sich nicht gewundert haben lvürde, wenn dieser Ruf erschollen wäre von jener Seite, die Zion aus dem Gcbetbuchc gestrichen habe; daß er aber von der -Seite erschollen sei, die täglich dreimal in der Schmono Esrch ihrer Sehnsucht nach Zion Ausdruck gebe, darüber könne er sich nicht genug wundern und deshalb müsse auch die Zukunft des jüdischen Volkes im Zionismus liegen. Wenn wir Juden nicht stets von der Hoffnung beseelt gewesen wären, nach dem heiligen Lande zurückzukehren, dann hätte cs schon längst kein Judentum mehr gegeben. Wer nur zum Fenster hinaussehe, der wisse, daß die Majorität der zionistischen Bewegung von der orthodoxen Richtung gestellt werde und man könne deshalb den antizionistischen Orthodoxen nur zurufen: „Es ist Euere Sache, um die es sich handelt." Die Zionisten seien so sicher, so wie man an eine Wahrheit glaube, daß auch alle sich noch Zurückhaltenden noch ins zion. Lager kommen werden. Herr Michel Bcrkowitz überbringt die Grüße der ö st c r r. Landsmannschaft. Nun nimmt Herr Dr. Nobel das Wort zu seinem Neseratc über Zionismus -und Gesetzestrcue. Er begann: „Wir sind cs durch unsere geschichtliche und jüdische Erziehung gewöhnt, daß alle unsere Feste, die wir in Haus, Schule und Genieinde feiner», mit der Religion eng verwebt sind. Große Gedanken sind uns zu Festen geworden, und so möge auch der große Gedanke des Misrachi uns zum Feste werden. Wir Misrachisten haben uns vereinigt, weil wir zu der Ueberzcugung gekommen sind, daß gegen den allgemeinen und fortgesetzten Abfall der I u d e n h e i t vom Judentum, daß gegen das allgemeine und fortgesetzte iSchwinden jüdischen Bewußtseins das einzige Mittel die Aufhebung der Heimatlosigkeit ist. Ziehen doch alle Zasern unseres religiösen, ästhetischen lmd ethischen Empsindens uns Juden nach dem heiligen Lande hin!" Dann geht der Referent auf die Schilderung des Exils über, schilderte den Verfall des Sabbath, den Niedergang der religiösen Gebräuche, die Glaubens- Frankfurter Israelitisches Familienblatt. losigkcit der sich selbst überlassenen Jugend, wie sie besonders in den westlichen Ländern zutage tritt, und folgerte hieraus auf die Notwendigkeit und Berechtigung des misrachistischen Programmes, dessen Verwirklichung eine Ncgenerirnng der jüdischen Glaubenstrcue bewirken wird, ebenso ivic der Zionismus eine Renbelebung des Judentums auf allen anderen Gebieten bedeutet. Redner schloß sein ebenso lichtvolles, wie inhaltsreiches Referat, das er mit begeistertem Schwünge vortrug, mit beit Worten, daß die Stunde, in welcher die Pozsonher Konferenz zusammengetreten ist, nach seiner Ueberzcugung für das Judentum von historischer Bedeutung sei und eine neue Epoche in der jüdischen Geschichte einleitc. „Und Ihr könnt sagen, Ihr seid dabei gewesen." Da unterdessen die Mittagsstunde herangebrochen war, beraumte der zweite Vorsitzende Landau die Nachmittagssitznng auf 4 Uhr an, bestimmte als Tagesordnung derselben die Debatte über das Referat des Dr. Nobel und schloß die Sitzung. N a ch in i t t a g s s i tz u n g. An der Diskussion über das Referat Nobel beteiligten sich die Delegirten Dr. Zink, Melzer, Austerlitz, Landau, Rabbiner Frankl (Cseßte) und Kopp. Unter diesen Ansprachen ragten durch dialektische Schärfe und reichen Ideengehalt besonders hervor diejenigen der Herren Dr. Fink, Landau und Rabbiner Frankl. Als Delegirter Melzer das Wort ergriff, entspann .sich eine kurze Geschäftsordnungsdebattc, da der Vorsitzende nicht zugeben wollte, daß der Redner gegen die antimisrachistisch gesinnten Rabbiner polemisiere. Die Konferenz pflichtete der Anschauung des Vorsitzenden bei, wodurch dieser Zwischenfall erledigt war. Der greise Rabbiner Frankl aus Cseßte sprach mit der Wucht eines , alttestamentarischen Propheten und geißelte insbesondere die Uneinigkeit, .die das Judentum im Innern zerklüpftet. Ein Brief Sr. Ehrw. des Oberrabbincrs von Papa, Herrn M. dl. Roth, gelangte auf speziellen Wunsch der Versannnlung zur Verlesung, in. dem derselbe seinem Bedauern darüber Ausdruck verleiht, an der Konferenz nicht persönlich teilnehmen zu können und seine besten Wünsche für die Ersprießlichkeit der Verhandlungen des Misrachistentages übermittelt. Um 6 Uhr Nachmittags wurde die Debatte über das Referat Nobel geschlossen und nach einer viertelstündigen Panse die Wahl dreier Ausschüsse vorgenommen, li. zw. eines Programmansschusscs, eines Ausschusses für Presse und Literatur und eines Ausschusses für die Angelegenheiten der Jugenderziehung. In jedem dieser Ausschüsse sind sämtliche Landsmannschaften vertreten. Sodann folgte als zweites Referat das des Rabbiner Dr. Fink (Wien) über die Fragen der religiösen und weltlichen Jugend- und Volkserziehnng. Der Redner führte über das Thema: „Die Hebung der Religion und ihre Betätigung im jüdischen Volke" folgendes aus: In einer Zeit, in der das Bildun'gsproblem im fortschreitenden.Flusse sich bewegt, könne es nicht verwegen erscheinen, auch vom Standpunkte des gesetzestreuen Judentums diese Frage zu behandeln. Wohl werde auch diesmal, wie gewöhnlich, Mißtrauen sich regen; allein wer könne denn vom Mißtrauen ausschließlich seine Existenz fristen? Fast hundert Jahre hatten wir dieser stets brennender werdenden Frage keine.Antwort entgegenzusetzen als die Umgehung. Es ist durchaus kein Teuselswort, wenn unser Volk den Notschrei nach weltlicher Bildung erhebt. Seitdem die Völker aus den engen Schranken der Industrie hinausgetreten und in das verwickelte Getriebe der Weltwirtschaft eingetreten sind, gehört ein gewisses Maß weltlichen Wissens ebenso notwendig zum Leben, wie das tägliche Brot. Unsere Chachomim haben sich dagegen aufgelehnt und der Erfolg war, daß sie die Führung an Mendclsohn und seine Schüler verloren haben. Wie teuer haben wir das bezahlen müssen! In den Ländern Westeuropas allein haben lvir seit jener Zeit 1H- Will, jüdische Seelen durch Taufe verloren. Wer aber zählt erst die Zahl derer, die in unserer Mitte äußerlia, zwar verblieben, aber geistig uns verloren gegangen sind? Man hat nun verschiedene Versuche in Westeuropa behuss Lösung dieser Frage, d. h. Aussöhnung zwischen Kultur und Judentum, unternommen. An der höchsten Leistung dieser Anstrengungen, das ist der moderne Doktor-Prediger — als Rabbiner werden doch diese Herren ernstlich nicht in Betracht kommen — kann man erkennen, daß diese Versuche gänzlich verfehlt sind. Es konnte auch nicht anders kommen! Man hat bisher alles nur darauf angelegt, auf das allgemein übliche, dem Hellenismus entlehnte Bildungsverfahren etwas mehr oder weniger Judentum aufzupropfen. Ter moderne Prediger ist dem entsprechend nichts anderes als ein ins Jüdische übersetzter evangelischer Pastor, tvas er auch, fast unbewußt durch Anlegung von Amtstracht bekundet. Wer von Jugend auf Ghmnasialstndien, mannbar geworden an Universitätsstudien sich gewidmet hat und so nebenher während des letzteren Studiums Bekanntschaft mit dem jüdischen Schrifttum gemacht, der muß doch viel mehr mit dem Wesen des Hellenentums als mit der Lehre des Judentums vertraut sein? Nkun wird gar solchen Leuten die Lehrbefugnis im Judentum zugesprochen und ihren Händen die Wahrung unserer geistigen Güter anvertraut. Es ändert nichts an der Tatsache, wenn diesem System ein Stich ins Orthodoxe zu geben versucht worden ist. Wir müssen vielmehr aus einer jüdischen Gcsamtanschauung heraus das jüdische Bildungsproblein zu lösen versuchen. Das'jüdische Bildungsideal verkörpert uns Rabbi Jochanan ben Sakk a i und seine Lehrweise. In seiner allseitigen Ausprägung haben es nur wenige Männer wie Rabbi Sadja Gaon, Rambam und in anderer Zeit der W i l n a e r Gaon zur Darstellung gebracht. Aus Grund dieser heiligen göttlichen Wahrheiten haben wir eine Erkenntnis der Welt, der Natur, des Menschen, und des eigenen Selbst zu erstreben. Natürlich gehören hierzu zahlreiche Hilfsmittel und Hilsserkenutnisse, die wir allesamt zu pflegen haben, jedoch nicht um ihrer selbst willen, sondern als Mittel zur Bewältigung der umfassenden großen Aufgaben an den großen Erkenntnisobjekten. Es bedarf hierzu keiner Gründung von neuen Lehranstalten, sondern nur der liebevollen Pflege und fürsorglichen Ausgestaltung der bestehenden Cheder und Jeschiwoh. Cheder und Jeschiwoh sollen eben aus ihrer Einseitigkeit heraustreteu und ihre Aufgabe darin erkennen, Menschen auszubilben, an denen Gott und die Welt ein Wohlgefallen, finden können. In unserer Mitte schlummern so zahlreiche geistige und moralische Schätze, die ungehoben bleiben, gradezu verkümmern und verkrüppeln, daß in Anbetracht der Armut unserer Zeit an solchen Gütern es jedem wahren Juden ins Herz schneiden müsse. Wir können unser gesetzestreues Judentum zu neuem Glanze erheben, wenn wir ihm auch die wissen-- schafüichen Errungenschaften der Gegenwart — worunter keineswegs ihre Theorien, oder als Wissenschaft sich geberdende Zweifelsucht zu verstehen sind — zugänglich machen.' Redner schlägt zum Schlüsse die Annahme folgender Thesen vor: 1) Das jüdische Bildungsideal wurzelt in der in unserer heiligen Schrift niedergelegten und gemäß der lleberlieserung unserer Weisen ausgebauten Gotteserkenntnis. 2) Von dieser Grundlage aus erstrebt und vermittelt das jüdische Bildungsideal unter Verwertung der geeigneten Hilfsmittel und Hilfserkenntnisse ein Verständnis und eine Erkenntnis der Welt, der Natur, ' der Menschheit und des eigenen Selbst. 3) Das jüdische Bildungsideal verwirklicht sich in 3 Erkenntnisstufen: a) in der jüd. Volksbildung, d) in der jüd. Lehrerbildung, c) in der jüd. Gelehrtenbildung. 4) Pflanzstätten des jüd. Bildungsideals sind die zweckentsprechend ausgestatteten und von entsprechend vorgebildeten Trägern des jüd. Bildungsideals geleiteten Chedorim und Feschiwohs.