Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 33 (26.8.1904)
- Date
- 1904-08-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Iraitkfrtrter Istttlilisihrs laiilinblitt. Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Pvstanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. lAbonncmentsPrcise siehe Schluß des redaktionellen Teiles). KedaKtio« imd HefchLftsstMe: Srankfurt a. M., LeiligtreuzgaKe 32. Ecke Llapperfeldstraße (gegenüber der Urnen Zeit). — - berausgeven Salg Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Stellcn-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 „ Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8- 2. Jahrgang. Freitag, de« 15. Ellul 5664 (26. August 1904). Ro. 33. Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Die Welt-Konferenz des Misrachi. — Der Jude und sein Verhältnis zur Natur, von eand. phil. Salkinowitz. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Im Abnehmen begriffen, von I. L. Perez. deutsch von M. Kohen. — Aus bewegter Zeit, von R. Inhalt der Beilage: Artikel: Wie der Protest der ung. Rabbiner entständen ist. — Das Programm des Misrachi. — Der Mainzer Israelit als verfolgte Unschuld! — Bunte Chronik. Die Welt-Konferenz des Misrachi. Die Vorbereitungen. Mit einem Gefühle der Bangigkeit traten wir Delegierten die Reise nach Pozsony (Preßburg) an. Wird man uns gleich am Bahnhofe mit einem Steinhagel empfangen? Denn, daß wir mindestens gesteinigt werden würden, erschien uns nach der künstlich arrangierten Kischinew-Agitation seitens einiger Blätter ziemlich selbstverständlich. Doch nichts von dem! Am Bahnhofe der in iveiiibcwachseiien Bergen gelegenen Großstadt Preßbnrg empfing uns das Empfangskomitee, und in offenen Kaleschen führen wir nach dem früheren Jndenviertcl, das auch heute noch den Mittelpunkt der 8000 Seelen zählenden jüdischen Gemeinde bildet und sich auch heute noch seinen früheren Charakter bewahrt hat. - Es war Freitag, zwei Tage noch bis zum Konferenz-Beginn und ein Teil der Gäste war bereits cingctroffen, darunter die .Herren Rabbiner R e in c s - L i d a, L a n d a u - B o t o c a n i, F i s chm a n n - M a r k o l e s ch t i, G r ü n h a u s - T r o k. Jewez-Wilna, Dr. Nobel-Leipzig, Tr. Fink-Wien, Dr. Gutmann-Jersey City (Amerika) u. a. — Hatte man bisher noch nichts von einem .Hasse der als Zionsseinde hinausgeschrieenen Preßburger Juden gesehen, so war mit Ausnahme der blanweißen Fahnen in den Fenstern der Judengasse auch noch nichts von einer Anteilnahme zu bemerken. Erst der Abend brachte die Ueberraschung. In dem Augenblicke nämlich, als die verketzernden Misrachi-Rabbincr die Synagoge verließen, da empfing sie draußen mit nicht enden tvollenden Jechi- und .Eljen-Rnfen eine begeisterte Menge. Es war eine hinreißende Ovation! Ter Samstag kam und mit ihm ein warmer Begrüßungsartikel in der Prc ßb ur ge r Zeitun g. Dieselbe schreibt: „Sonntag, am 21. d. M., um 10 Uhr. Bormittags wird, wie in unserem Blatte schon mehrmals mitgeteilt tvorden ist, im großen Saale des Etablissements „Bellevue" der erste allgemeine Misrachislentag eröffnet werden. Unter dem. Namen „Misrachi" haben sich jene Zionisten vereinigt, die auf der Basis des Baseler Programmes stehen, außer den polittschen und national-ökonomischen Grundsätzen des Zionismus auch die Forderung der strikten Aufrechterhaltung der religiösen Traditionen und Judentums, und die Krästtgung der Glaubcnstreue innerhalb des Judentums auf ihre Fahne geschrieben haben. Tie Lösung der Jndenfragc erstreben auch sie im Wege und mit den Mitteln des Politischen Zionismus, jedoch unter gleichzeitiger Wahrung aller Interessen des religiösen Konservatismus. Da diese Auffassung des Zionismus insbesondere unter den Juden der östlichen Länder platzgegriffcii hat. hat diese Gruppe im Rahmen des Zionismus für sich den Namen der „Misrachim", d. h. der Oestlichen, gewählt. Daß die Misrachistcn gerade unsere Stadt als den Ort ihrer ersten größeren Tagung gewählt hat, ist wohl zumeist aus den guten Ruf, den die jüdische Gemeinde in Pozsony in religiöser und gastfreundlicher Beziehung allerorts genießt, zurückzuführen, und hoffentlich werden unsere jüdischen Mitbürger diesen guten Ruf rechtfertigen und dafür sorgen, daß die fremden Gäste unserer Stadt sich während ihres hicrortigen Aufenthaltes wohl und heimisch fühlen. Mehr als hundert Delegierte aus Ungarn, Oesterreich, Deutschland, der Schweiz, England und Amerika, hauptsächlich aber aus Rußland und Rumänien sind angemeldet, unter ihnen viele Rabbiner von bedeutendem Ruf und gelehrte hebräische Literaten. In den zumeist von Juden bewohnten Gassen wird zu Ehren der auswärtigen Gäste der Flaggens ch m u ck des Königs- und Stefanstages auch über den Kongreß auf den Häusern bleiben. Auch wir heißen die Delegierten in unserer Stadt herzlich willkommen und wünschen, daß ihre bekannt gediegenen Beratungen und edlen Bestrebungen von ersprießlichem Erfolg begleitet fein mögen, zum Heile ihrer Glaubensgemeinschaft, unseres Vaterlandes und der Menschheit." Ter Abend desselben Tages vereinigte die Mitglieder der Preßburger zionistischen Vereinigung und die bereits anwesenden Delegierten in Fischcr's .Hotel zur Krone zu einem Bekanntschaftsabend, den der tatkräfttge Führer der Preßburger Zionisten, Herr Samuel Bettelheim, mit einer warmen Ansprache eröffnete und der von den Herren Rabbinern mit herrlichen Thoraworten ansgefüllt wurde. Erster Ber handlungstag. In dem großen Saale des luxuriös eingerichteten Bellevue erösfnete namens des Organisationsausschusses und im Aufträge des Präsidenten, Herrn Rabbiner Reines, um Schlag 10 llhr Herr Rabbiner Dr. Nobel die Sitzung. Tann erhob sich der Präsident, Herr Rabbiner Reines, und hielt eine hebräische Ansprache folgenden Inhaltes: „Wir danken zuvor Gott, daß er uns vergönnt hat, diese erlauchte Versammlung hier zu begrüßen. Das Zustandebringen der Versammlung hat uns mancherlei Mühe gekostet: wir hoffen, daß der Erfolg die Arbeit lohnt und n.nsere Verhandlungen die Samenkörner zu einer Fülle von Segen legen werden, von Segen für unsere heilige Thora, für unser Volk und für das heilige Land. Wir haben deshalb Preßburg als den Ort unserer Versammlung gewählt, weil hier seit undenklichen Zeiten Gedaulim in Israel gewirkt haben. Männer, die Preßburg zum Sitz der Thora, zur Leuchte in Israel machten. Und Alle sollen die Wichtigkeit dieser Versammlung vernehmen, und Alle sollen sich klar werden über die Bedeutung des Misrachi,' insbesondere, welche Aufgabe der Misrachi in der zionistischen Bewegung zn erfüllen hat. Ter Misrachi steht zu dem ZionisiiinS in dem Verhältnis einer Erläuterungsverbindung. Es giebt drei Stnsen solcher Verbindungen: 1. eine Sache war nicht klar und mau erklärt sie, 2. durch die Erläuterung kommt eine Ergänzung der Sache, 3. durch die Erläuterung wird einer Sache erst der richtige Geist eingehaucht. Ter Misrachi steht auf der dritten Stufe, er nur kann dem Zionismus den Inhalt geben, durch den dieser den richtigen, feinem Namen angemessenen und seine Zukunft sichernden Geist empfängt. Wohl ist die zionistische Bewegung nicht von gcsetzestreuer Seite geschaffen worden, sie verdankt dieser weder ihre Gestalt noch ihre Form: und dennoch giebt der Misrachi erst dem Zionismus sein Leben. Wäre der Misrachi nicht, dann könnte der Zionismus auf die Tauer nicht bestehen, denn die gesetzestrencn Juden sind die einzigen Vertreter des historischen, von den Vätern überlieferten Judentums. Es ist gut, daß die zionistische Bewegung den ncologen Juden ihr Entstehen verdankt. Die Gesctzestreuen haben sich daran gewöhnt, auf den Messias zn warten. In ihrem Gottvertrauen konnte sie der Antisemitismus nicht sonderlich aufregen und der Antisemitismus konnte deshalb nicht jene Stoßkraft ausüben, die notwendig ist, um eine große Bewegung ins Dasein zu rufen. Die Neologen aber, die geglaubt hatten, daß sie alle Freiheiten des bürgerlichen Lebens haben werden, bekamen durch den Antisemitismus jeneu gewaltigen Stoß, der die Kraft zur Schaffung und Organisation der weltumfassenden zionisttschen Bewegung gab. Auch in dem seinem Judentum entfremdesten Juden schlummert noch ein Stückchen „Jüdischkeit" und wie die Lava auf einmal ansbricht, so auch bei diesen Leuten, die von neologen Assimilationsjuden Zionisten geworden find. Diejenigen, die nicht tief in die Sache sehen, erblicken nur die Neologie der Zionisten, aber nicht die Tiefe der Sache; sie verwechseln Zionismus und neologes Judentum. Diese Meinung hat dem ganzen Zionismus Schande und Schaden gebracht. Denn giebt es eine größere Schande für Juden, als zu jagen, daß es im tausendsten Teile erlaubt sein könnte, das Streben nach dem Lande der Väter zu verbieten? Warum soll es, wo es dem Einzelnen heiligste, jüdische Pflicht ist zn arbeiten, damit er sein Brot verdiene, warum soll es da dem jüdischen Volke verboten sein zu arbeiten, daß es existenzfähig sei? Spricht der fortgesetzt starke Mfall von unserem heiligen Sabbath nicht schon, eine Sprache, die deutlich genug sagt, daß die sozialen Verhältnisse dem jüdischen Volke seine Existenzbedingungen nehmen? » i