Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1904-08-19 · Heft 32 (19.8.1904) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 32 (19.8.1904)
Date
1904-08-19
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692358-2692390--01047-2695516
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 32. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. werden, wie es sonst ihre Art ist, sür sich extra einen Schauchet cinsetzen! Wenn aber so alle Welt den sanftmütigen R. Süsse ehrfürchtet, so fürchtet er selbst nichts außer „Chomez-Bapcssach." Das ganze Jahr hindurch gilt der Grundsatz: „Kaucho d'hetheroh odif" (heißt ungefähr: Die Gründe, die für die Gestattung sprechen, sind vorzuziehen) und er entscheidet sich in den meisten Fälle» für „koscher", besonders wenn es sich um „Hefsedmruboh" (bedeutenden Geldverlust) handelt. Am Pessach hingegen lautet die Entscheidung in allen fraglichen Fällen: Trephoh! und im Haushalte der braven Samoschzer werden große Vcrheerungen angerichtet, da ja am Pessach jeder direkte und indirekte Genuß sowohl der für Chometz erklärten Speisen, als auch des dazu gehörenden Gefässes strengstens verboten ist. Der Grund für diese ungewöhnliche Aengstlichkeit liegt in der strengen Strafe, die sür den Genuß der noch so geringen Quantität von Chometz angesetzt ist. (Für einen „Maschhn" (Jrgendwieviel) die „Kores"strafe (Ausrottung). „Ausgerottet wird diese Person aus der Mitte ihres Volkes werden." Er pflegte zu sagen: „Lieber alle Höllenqualen, als Ausrottung, von der jüdischen Gesamtheit ausgeschlossen zu werden." Ein tiefer Gedanke das! Das wäre der erste Grund. Der zweite Grund (weshalb man ihn R. Süffele und nicht R. Süsse nannte) war, >veil er sehr klein vom Wüchse war. Der große Geist wohnte in einem Körper, der gut unterm Tisch hätte spazieren können. Wenn R. Süssele bei einer Versammlung der Gemeindemitglieder obenan sitzt, sieht nian ihn in einiger Entfernung gar nicht, obgleich er eine ganz hohe Pelzmütze trägt. Wenn jemand zur Versammlung zu spät koinmt, muß er seinen Nachbar erst fragen, ob' R. Süssele schon da ist; sich nach ihm nmzusehen, wäre vergebliche Mühe. Aemerkt er aber im Eintreten, daß das Publikum, die Köpfe seitwärts gewendet, lautlos hinhört, so weiß er schon, daß R. Süssele da ist. Und er lächelt, der Neuangekommene, und denkt: R. Süssele läßt sich wohl schon vernehmen, die Gemeinde lauscht andächtig und schlürft gleichsam die goldenen Worte ein. Daß er uns nur lange erhalten bleibe, dieser R. Süssele! Besonders gerne machte er sich mit den Kindern zu schaffen. Diese liebte er über alle Massen. Das „junge Volk" im Beth-Hanridrasch wußte cs. Er brauchte sich nur iin Beth-Hamidrasch zu zeigen, so umgaben ihn die halbwüchsigen Talmudjünger mit ausgeschlagenen Gmoraus in den Händen und traten an ihn mit allerlei Fragen heran: diesem ist in der Ssugjo (Mhandlung) einiges unklar, jener stößt in einer anderen ans Schwierigkeiten, dort scheine sich der Rambam zu widersprechen und so fort. Er aber lächelte sanft, schaute mit seinen kindlich-gutmütigen Augen, die er sein lebelang bewahrt hat, vergnügt drein und eine geraume Weile tönte seine silberhelle Stimme im ganzen Beth-Hamidrasch, wie er so jedem besonders auf seine Frage ausführlich Bescheid gab. Sehen konnte man ihn nicht, wie er so mitten im Kreise der Knaben da stand. Eine charakteristische Tatsache wird über ihn berichtet. In Schebrzin, einem Städtchen, drei Meilen von Samoschz entfernt, wurde einst, ein neuer Rabbiner aus irgend einer fernen Stadt ausgenommen, der Rabbi Süssele persönlich nicht kannte. Gleich nach dem ersten Samstag, den er in Schebrzin zubrachte, beeilte er sich, R. Süssele in Samoschz aufzusuchen. Ms er ihn nicht zu Hanse traf, begab er sich zunächst ins Beth-Hamidrasch. Wo sollte denn sonst ein Rabbiner aus Schebrschin hingehen? Hier erblickt er eine Gruppe von Knaben, ans deren Mitte eine helle Stimme erklingt: einer beantwortet leichthin und im Nn verschiedene an ihn gerichtete Fragen. Er nähert sich den Diskutanten und tritt überrascht und bestürzt zurück. „Was ist denn dem Knaben passiert," fragt er, „daß er so greis grau ist?" Am Rosch-Haschonoh pflegte R. Süssele in der großen Synagoge Mussaph vorzubeten. Da ja der Vorbeterpult in der Synagoge sich in einer Senkung befindet, (heißt es doch: „Aus den Tiefe» rufe ich dich, o Herr!") so sieht man Rabbi Süssele aus einiger Entfernung selbstverständlich gar nicht mehr. Das Publikum möchte aber dennoch sehen, >vic der kleine liebliche Kopf sich schüttelt (die Leute sind bereit daraus zu schwören, daß seine Kopsbewegungen im Vereine mit seinen süßen Melodien ihnen den Sinn aller Gebete zum Bewußtsein bringen) und steht die ganze Zeit hindurch ans den Zehen; manche besteige» einfach die Bänke. (Schluß solgt.) Aus bewegter Zeit. Erzählung aus der Zeit der französischen Revolution. Bon R. 8. Fortsetzung. Während nun die Franzosen so stürmisch fortschritten, gab es im lieben Deutschland einen endlosen Briefwechsel zwischen den regierende». ‘ vierthalbhundert Herren, was bei dieser Sachlage zu tun sei. Nach langen Bemühungen gelang es Oesterreich, Preußen zur Teilnahme am Kampfe zu bewegen. Es Ivurde scstgesetzt, daß beide Mächte ein gemeinschaftliches Heer in Frankreich einrücken lassen sollte». Bon preußischer Seite erhielt Herzog Ferdinand von Braunschwcig, von österreichischer Seite Clairjait den Oberbefehl. Ferdinand von Braunschweig, eiir in Ehren ergrauter Krieger, der sich im siebenjährigen Kriege seine Sporen verdient chatte, stellte sich die Zermalmung Frankreichs als eine gar zu leichte Arbeit vor. Bei einer Kriegsübung, die er kurze Zeit vor dem Aufbruch des Heeres in Berlin abhielt, rief er den Ofsizieren das stolze Wort zu: „Meine Herren, nicht zu viel Gepäck und Aufwand! Wir machen ja nur einen militärischen Spaziergang." Wie er, so dachten auch die anderen hohen Offiziere; so sagte der Generalmajor von Bischosfswerder: „Kaufen Sie nicht zu viel Pferde, die Sache wird nicht lange dauern. Der Freiheitstanmel in Paris löst sich allmählich wieder auf; die Armee der Advokaten in Belgien lvird bald vernichtet sein, und gegen Herbst sind Ivir wieder zu Hause." Infolge solcher Anschauungen und durch die Langsamkeit, mit der man besonders nach österreichischer Sitte alles zu betreiben pflegte, verzögerte sich der Beginn des Krieges bis zum Juli desselben Jahres (1792), während das französische Heer gleich nach der Kriegsankündigung im Älpril sich nach allen Richtungen erobernd zerstreute. — Es war an einem Sabbatvormittag. Die Gemeinde — und unter den Betern die jüdischen Soldaten — war im Gottcshanse versammelt, als plötzlich eine Militärordonnanz erschien und die Soldaten aus der Synagoge rief. Es war nämlich vom Kriegsstabc der Befehl ergangen, eiligst ins Lager zu rücken, und mit diesem vereint, sich zum Hauptheere nach Wien zu begeben. Nachmittags um 2 Uhr sollte die Abreise vor sich gehen. Da gab cs nun ein gewaltiges Durcheinander in der Judengasse. Die Sabbatruhe war hin. Mschiedsbesuche folgten auf Abschiedsbesuche, Tränen auf Tränen, Umarmungen ans Umarmungen. Die zweite Nachmittagsstunde rückte heran, und mit ihr begann ein rührendes Bild des Abschiednehmens. Da sah man Eltern ihre Kinder, Geschwister ihre Brüder, Bräute ihre Bräutigame mit Tränen zur Kaserne begleiten. Hier hörte man eine Mutter ihren Sohn beschwören, daß er ja recht oft von sich hören lasse und sich nicht allzukühne der Gefahr aussetze, dort eine Braut de» Bräutigam, daß er ihr nicht untreu werde und sein Herz einer anderen zuwende. Der junge Abarbanel war unter allen abziehenden Marssöhnen am besten daran. Er hinterließ keine trauernden Eltern, keine über Untreue besorgte Braut; er hatte keinen anderen als sich und den nahm er vollständig auf die Reise mit. Zwei Besuche hatte er nur abzustatten: einen dem Rabbi, den er wie einen Vater liebte und ehrte und einen der alten Ienkel, die ihn während seines bisherigen Soldatenlebens aufs beste verköstigt hatte. Zum Rabbi begab er sich noch des Vormittags, gleich nachdem er seinen Tornister ordentlich gepackt und zngeschnallt hatte. Der Rabbi nahm ihn herzlich auf und drang in ihn, vor der Abreise noch ein Mittagessen bei ihm zu nehmen, welche Einladung unser Freund auch gerne annahm. Es war ein recht gemütliches, anheimelndes Mahl, woran der Rabbi, seine Frau, seine Söhne — drei hoffnungsvolle Jünglinge, welche sich bereits eines ansehnlichen' Rufes im talmudischen Wissen erfreuten — und noch zwei arme Talmudjüngcr teilnahmen. Ms der gütige Hausherr die Mahlzeit mit dem gewöhnlichen Segensspruche über die Sabbatbrode eröffnete, da — in diesem weihevolle» Augenblicke — verlor der junge Rekrut seine ganze Beherztheit und heiße Tränen liefen ihm über die Wangen herab. — Wann würde cs ihm tvieder einmal vergönnt sein, den heiligen Sabbattag nach Gottes Gesetz im Kreise Seite 5. der jüdischen Familie zu begehen? Auf wie lange würde er den Anblick seines geliebten Lehrers, auf wie lange den Anblick der geliebten Talmudfolianten entbehren? Das war die bange Frage, die der sonst o 'mutige Jüngling im Stillen an den Herrn des Weltalls richtete. Tränen sind ansteckend: und so ward auch de» Anwesenden das Herz schwer und schwerer, bis manch' verstohlene Träne ihren Weg aus dem Auge fand. Selbst der Rabbi hatte Mühe, seinen Scgensspruch vollenden zu könne». Das erste Gericht, eine Erbsensuppe mit eingeschnittenem Rauchfleische, blieb fast unberührt stehen: alles saß verstimmt da, und nicinnnd hatte Lust, etwas zu essen oder zu sprechen. Erst beim Aufträgen des zweiten Gerichtes, des gebratenen Fleisches, stellte sich allmählich die Eßlust ei» und als dieses gemütlich verzehrt war, sprach der Rabbi: „Nun, was sitzen wir so stille? sage doch einer etwas?" Abarbanel raffte all' seinen männlichen Mut zusammen, erhob sich von seinem Sitze und sprach: „Erlaube mir, würdiger Rabbi, Dir ein kleines Gcschichtchen zu erzählen: Ein Man» reiste einst durch eine Wüste hungrig. durstig und matt. Da erblickte er von ferne einen weitschattigen Baum, der mit den herrlichsten- Früchten belastet war; er ging auf Diesen Baum zu und als er ihm näher kam, überraschte ihn noch srendiger das süße Plätschern einer liebliche» Quelle, die an dem Baume vorüberfloß. Als er dort angelangt war, labte er sich an dem erfrischenden Trunk der Quelle, atz von der wohlschmeckende» Frucht und ruhte unter des Baumes Schatten aus. Als er sich zur Fortsetzung seiner Reise anschickte, wandte er sich an seinen gastfreien Wirt mit den Worten: „Baum, Baum, womit soll ich Dich segnen? Soll ich Dir wohlschmeckende Frucht wünschen? — Du hast sie bereits. Oder kühlenden Schatten oder eine liebliche Quelle mit erfrischendem Wasser? Auch die sind bereits vorhanden. Ich kann Dir nichts anderes wünschen, als daß Deine Sprößlinge, wenn sie an einen anderen Ort verpflanzt werden. Dir gleichen mögen." — So richte ich auch an Dich, würdiger Rabbi, das Wort: Soll ich Dir einen großen Schatz an Gelehrsamkeit, soll ich Dir Ehre, Ansehen, Reichtum wünschen? — Du besitzt sie schon alle. Aber was soll ich Dir denn wünschen, bevor ich Dich, vielleicht auf immer, verlasse? — Daß Deine Söhne Tir in allen Stücken gleichen mögen!" „Omein", erwiderte gerührt der Rabbi auf diese sinnigen und geistreichen Worte seines Schülers, nahm darauf die Weinflasche, die vor ihm stand, schenkte jedem der Anwesenden ein Glas voll ei», füllte auch seinen silbernen Becher, faßte ihn mit der Rechten, erhob sich von seinem Sitze und begann: „Der Ewige ist ein Kriegsmann, Ewiger ist sein Name", so sangen Moses und die Kinder Israels am rote» Meere. Fand nun Moses, unser Lehrer, nichts Anstößiges daran, hem Allmächtigen, Allheiligen und Allweisen den Titel „Kriegsmann" beizulegen, so muß in diesem Namen gewiß nichts Schimpfliches liegen. — Du, edler Jüngling, bist nun Kriegsmann geworden und zwar aus freiem Antrieb, aus edler Aufopferung. Du hast den Stand Deines erlauchten Ahnherrn, König David, gewählt, der auch ein tapferer Krieger war. Trachte, ihn« zu gleiche»! So wie er als Hirtenknabe seine Schafe vor wilden Tieren schützte und durch Erlegung des Riesen Goliath sein Volk von der Knechtschaft der Philister erlöste, so gebrauche auch Deinen Arm zum Schutze Deines Vaterlandes und aller Bedrückten! — Und so möge der höchste Kriegsman». der einst sein Volk unversehrt aus dem roten Meere führte, auch Dich einst glücklich und unversehrt aus dem rotgeiärbte», stürmischen Meere des Krieges führe» und Dich stets in seine» gnädige» Schutz nehmen!" „Omein", stimmte» alle Anwesenden ein und stießen mit de» Gläsern an. (Fortsetzung folgt.) Aus dem Geschäftsleben. U e b e r „2 e c u r i a - E n t h a a r u n g s m i t t e l" (gesetzlich geschützt! von D r. Weil. Als im Jahre 1886 im bakteriologischen Kurse ein Pilz vorgeführt wurde, die Rasierflechte, auch scheerende Flechte genannt, der llorpes lr»i8uraiw, und auf die Verheerungen aufmerksam gemacht worden war, welche dieser ansteckende Pilz auf behaarten Körperstellen, namentlich im Barthaare, verursacht, faßte ich die Frage ins Auge, ein giftfreies, chemisch wirksames Präparat herzustclten, welches gerade so gut wie das Rasiermesser die Haare entfernt, ohne daß Pilzinfektionen, wie diese beim Rasiere» mit dem Messer zuweilen Vorkommen, möglich sind. Zwar ist cs nicht schwer, ein wirksames chemisches Enthaarungsmittel, das jegliche Ansteckungsmöglichkeit ausschließt, zu finden: die meisten Enthaarungspulver des Handels haben diesen Vorzug und besitzen sogar antiseptische, also pilztötende Eigenschaften, dafür haften aber diesen Pulvern Mängel anderer?krt an. Die Unzahl der Enthaarungsmittel, die es im Handel gibt, beweist am besten, daß das Enthaarungsmittel fehlt, welches nach keiner Richtung etwas zu wünschen übrig läßt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.