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Neue jüdische Presse · 1904-08-19 · Heft 32 (19.8.1904) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 32 (19.8.1904)
Date
1904-08-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 32 Jsraelite Universelle für die am meisten leidenden Gemeinden 100 000 Fr. zur Unterstützung bewMgt. Zweifellos wird dieses Beispiel in vielen Kreisen Nachahmung finden. Kiew. Der Senat in Petcrsbmg hat mit der bereits gemeldeten Entscheidung, daß jüdische Setzer nicht als Handwerker, sondern nunmehr als Künstler zu betrachten sind, eine Verfügung getroffen, die mehr als deutlich dafür spricht, daß trotz aller scheinbaren Versprechungen der russischen' Regierung ihre bisherige Judenpolitik in ihrer ganzen menschenentwürdigenden Grausamkeit und Schärfe u nverändert bleibt. Die .Folgen dieser Entscheidung haben sich mit verblüffender Raschheit bereits einzustellen begonnen. Hier in Kiew hat die Gouvernementsverwaltung auf Grund der Entscheidung des Senates die Verfügung getroffen, jüdischen Setzern künftig das -Recht des Aufenthaltes in Kiew nicht einzuräumen und die den jüdischen Setzern bereits ausgestellte», sogenannten Wohnungsscheine nicht zu erneuern. Es befinden sich hier gegen 1200 jüdische Setzer, darunter Besitzer einiger Druckereien und Lithographien. Diese Leute mit ihren Faniilien sind, wenn am 31. Dezember ihre Wohnungsscheine nicht mehr erneuert werden, ausgewiesen und so ihrer kümmerlichen Existenz beraubt. sprach zuletzt den Segcnsspruch über das Jubelpaar aus. An dem frohen Festmahl nahni wiederum die Spitze der Behörde teil. Frankfurt a. Oder. Dem dirigierenden Arzte der inneren Station des hiesigen städtischen Krankenhauses Dr. mcd. Glaser ist der Charakter als Sanitätsrat verliehen worden. Colmar i. Elsaß. Landgerichtsrat Levy ist zum Oberlandcsgerichtsrat ernannt worden. Paris. Der bekannte junge Gelehrte Theodor Reinach ist zum Ritter der Ehrenlegion ernannt worden. Reinach hat sich auch um die Wissenschaft des Judentums verdient gemacht; seine trefflich geschriebene „Geschichte der Juden seit ihrer Zerstreuung bis auf die heutige Zeit" wird in den israelitischen Religionsschulen .Frankreichs allgemein benutzt. 0 Feuilleton. 0 Im Ab nehmen begriffen. Bon I. L. Perez, deutsch von M. K v h e n. Aus den Erzählungen des Jochanan Amerika. Argentinien. Während die Nachricht von der Gründung einer neuen Jkakolonie „Philippson" in Argentinien den Weg durch die Blätter nimmt, kommen von dort selbst traurige Nachrichten. Der „Fraind" verzeichnet die Nachricht des „Argentinischen Tagblatt", daß Wiederuin 50 Familien die Kolonien „Klara" und „Lunenwill" verlassen haben. Tie Schuld schreibt das einheimische Blatt der Direktion zu, toelche die Kolonisten wie willenlose Knechte behandle. Die Administratoren selbst müssen gegen die Bauern rücksichtslos streng sein. Der den Kolonisten wegen seiner Strenge verhaßte Administrator Lappin wurde Direktor der Siedlungen in Brasilien, dagegen zwei Verwalter wegen ihrer Milde entlassen. Die Abfahrt der Kolonisten — schreibt der Korrespondent des „Fraind" — ist eine so alltägliche Sache, daß man die Kolonisten bei ihrer Ankunft fragt, wie lanae sie zu bleiben gedenken.^ Unter den letzt Wegfahrenden befinden sich auch solche, die schon in.Rußland Ackerbau betrieben haben! _ Personalien. Frankfurt a. M. Freifrau Mathilde von Rothschild zu.Frankfurt a. M. erhielt die Rothe Kreuzmedaille dritter Klasse. Berltu. Hier starb der Bankier Alexander Meyer-Cohn. Der Verstorbene war bekannt, durch seine rege und opferwillige Tellnahme an künstlerischen und Gelehrtenbestrebungen. Berühmt ist die von ihm angelegte Autographensammlung, eine der größten und wertvollsten der Welt. Berlin. Der Zahnarzt und staä. msä. Adolf Kantorowicz aus Posen hat eine Preisaufgabe der hiesigen medizinischen Fakullät „ausgezeichnet gelöst. Seine Arbeit wird als ein namhafter .Fortschritt auf dem einschlägigen Gebiete bezeichnet. Der bisherige Chef des Konstruktionsbureaus der Waffenfabrik Ludwig Löwe u. Co., Dr. ing. Georg Schlesinger wurde zum et a tsmäßigen ordentlichen Professor der hiesigen Technischen Hochschule ernannt. Dr. Schlesinger steht erst im Anfang der dreißiger Jahre. Seine Ernennung zum ordentlichen Professor dürfte auf Jnftiaüve Se. Majestät des Kaisers zurückzuführen sein. Mechernich lRheinprovinz). 9. Aug. Das goldene Hochzeitsfest des Ehepaares Herrn Simon Wolf und seiner Gattin Henriette geb. Mayer gestaltete sich fast zu einem Volksfeste. In künstlerisch schöner Weise waren die Straße, in welcher das Jubelpaar wohnt, sowie der Weg zur Synagoge mit Guirlanden, Blumen und Fahnen ge- .schmückt. Der Bürgermeister von Mechernich überreichte am Morgen des Festtages den Jubilaren die Ehejublläumsmedaille im Namen Sr. Majestät; auch die katholische Geistlichkeit brachte ihre Glückwünsche dar. Die israelitische Gemeinde, deren langjähriger Vorstand Herr Wolf ist, verehrte dem Paare einen herrlichen Silberpokal mit Inschrift. Eine Deputatton derselben brachte zugleich den Dank der Gemeinde Herrn Wolf gegenüber zum Ausdruck, dessen Opferwilligkeit und Mühewaltung allein der Bau der schönen Synagoge zu verdanken ist. Um die Mittagsstunde bewegte sich ein großer, wohlgeordneter Zug durch die geschmückten Straßen zur Synagoge hin. Voran gingen Knaben und weißgelleidete Mädchen mft Blumen und .Fahnen. Dann folgte, ungebeugt vom Alter, in voller Gesundheit prangend, das Jubelpaar, die große Anzahl der Kinder, Schwiegerkinder und Enkel, der Bürgermeister und ' die stattliche Reihe Verwandter und Freunde. Auch die Synagoge prangte in herrlichstem Festesschmuck. Herr Lehrer Voß aus Münstereifel hielt eine tief ergreifende Festpredigt, die sich sowohl durch schöne Form als auch gehaltvollen Inhalt auszeichnete und M e l a m e d. Mso spricht Jochanan Melamed: Wenn meine erste Erzählung weder den Spott der Gebildeten, noch den Aerger der „Gesinnungsgenossen"'') hervorgcrusen hat, so ist das für mich ein Beweis für die Richtigkeit meiner Behauptung, daß nämlich der Unterschied zwischen einem Chassid und einem „Aufgellärten" heutzutage, nur noch in der bloßen Etikettierung bestehe, hinter der weiter nichts steckt. Und wenn sich die Leute dennoch gegenseitig in den Haaren liegen, so geschieht dies einzig und allein um des leeren Namens willen. Ist dem aber so, bann liegt auch 'für mich kein Grund vor, mich bescheiden zurückzuhalten. Die Biene, die den Saft aus den Blumen und den Blüten saugt, bringt den Honig hervor, ich, der ich im Leben so manches mitgemacht und erfahren habe, habe die moralische Pflicht, meine Mitmenschen an meinen Erfahrungen teilnehmen zu lassen. So will ich euch nun erzählen, was mir während des Unterrichtens ins Gedächtnis kam. Gekommen bin ich darauf durch meinen Schüler Jtzikel. Dieser Jtzikel hält gar große Stücke auf die moderne Zeit. Welche eine Welt! pflegt er zu sagen, welche Maschinen! (sein Vater ist nämlich Fabrikbesitzer) welche Betriebsmittel! Der Dampf und die Elektrizität sind uns dienstbar; sie mahlen uns das Mehl, backen das Brot, befördern uns von einem Weltende nach den: zweiten, die reinste „Kfizashadercch"! (Verkürzung des Weges auf übernatürliche - Weise). Er ist fest überzeugt, daß die Erfinder sich dereinst auch noch d>er Winde bemächtigen und sie an die Werkstätten spannen werden; mau wird die Sonnenstrahlen anfsangcu und sie, beispielsweise-, Stiefel putzen lassen. Vor allem wird man noch einst auf Ballonen in der Luft umherfliegen, ivic die Engel, wenn der Vergleich gestattet ist. Nun ja, was die Technik und die Maschinen anbetrifft, so lasse ich mir das noch gefallen. Die jüngere Generation erbt ja immer die Erfindungen der vorangegangenen; je weiter, desto mehr Erfindungen; also: Das Kind auf den Schultern des Vaters, reicht höher als dieser. Mein Schiller Jtzikel meint aber, daß der Mensch sich überhaupt immer mehr vervollkommne, sowohl intellektuell, als auch moralisch. Mit jedem Jahre, pflegt er zu sagen, wachsen wir um einen Kopf in die Höhe. Vielleicht ist cs darauf zurückzuführen, daß er, mein Schüler Jtzikel, von Natur aus eine gute Seele ist, zudeni hat er ja auch Grund, mit der Welt zufrieden zu sein. Die Friedcnsidee, sagt er, schreitet auf der ganzen Linie siegreich vorwärts, die. Menschenliebe gewinnt von Tag zu Tag an Boden, und der Tag ist nicht mehr fern, sagt er, wo die Worte des Propheten Jcsaias in Erfüllung gehen werden, daß weiden wird der Wolf neben dem Lamm. Ued daran eben zweifle ich! Ich erinnere mich der.Frage des weisen Königs: „Wer weiß, ob der Geist der Menschen in die Höhe *) Gemeint siyd die Chassidim. Anmerkung des Uebersetzers. steigt?" Denn aus der Erfahrung weiß ich, daß es unreines Wasser gibt, welches durch Sand fließt und im Fließen imnicr sauberer wird, weil cs die unreinen Elemente im Sande zurtickläßt; zu guter letzt kann man es noch als labenden Trank gebrauchen. Hingegen gibt cs aber auch Quellwasser, das ciucm Felsen, einem durchaus reinlichen und erhabenen Orte entspringt, aber durch menschliche Siedelungcn zieht und deshalb immer schmutziger, ja sogar geradezu schädlich ivird. Welchem Wasser sind wir wohl ähnlich? Wenn ich so darüber nachdenkc, erscheinen vor meinem geistigen Auge: Rabbi Süssele, das Andenken des Gerechten sei gepriesen! der weltberühmte Gaon, der zwanzig Jahre hindurch Rabbiner in Samoschtz war und sein Sohn, R. Jcchicl, Friede sei mit ihm, ein sehr wohlhabender Mann, der sich im Hause eines Lubliner Kotzins cingeheiratet hatte und daselbst dem Thorastndium und der Ausübung der religiösen Vorschriften oblag, während seine Güte und Mildtätigkeit weit und breit bekannt war. Und ein dritter, den man gleichfalls nicht unterschätzen darf, ein Sohn des seligen R. Jechiel und Enkel des Gaon Rabbi Süssele. (Geschieden seien Tote und Lebende!) Es ist dies Rabbi Joseph, der Vater meines Schülers Jtzikel, der hier in Warschau wohnt, Eigentümer einer großen Fabrik ist und großes Ansehen in der ganzen Stadt genießt. Kehren wir zu Rabbi Süssele zurück. Jedermann weiß, daß R. Süssele zu den „Größten der Generation" zählte! Im Jünglingsalter hat er die Jeschiwah des Rabbiners von Lissa besucht, der ein Gaon vom alten Schlage war. Der Rabbiner hielt große Stücke auf ihn; in einer seiner gelehrten Abhandlungen findet sich eine Stelle, die sich auf ihn, den Schüler, bezieht und folgendermaßen lautet: „und mein erprobter Schüler Süsse, sein Licht möge strahlen! hat in Meiner Gegenwart diesen Mschnitt vorgetragen; er tauchte ins tiefe Meer hinab und .holte eine kostbare Perle; ich bin überzeugt, daß er ein „Großer in Israel" sein wird." Und so geschah es auch! Rabbi Süssele war, was man so einen wandelnden Bücherschrank nennt; ein phänomenales Gedächtnis, ein scharfer, eindringender Verstand, kurz ein Gaon mit allen Vorzügen. Weshalb nannte man ihn aber Rabbi Süssele und nicht einfach Rabbi Süsse? Erstens aus lauter Liebe. Ungemein bescheiden und sanftmütig, war er sehr beliebt. Und doch zeigte er einen Löwenmut, wo es Thauroh und Awaudoh oder Gemeindeangelegenheiten galt. Er kümmerte sich nicht nur die einflußreichsten Gcmeindemitgliedcr, um die größten Ktzinim, waltete seines Amtes zur Zufriedenheit aller und verstand es, die auseinanderstrebendstcn Elemente zu vereinigen: Daitschen (Deutsche-Gebildete), den Mittelstand, allerhand Gruppen von Chassidim,-) Handwerkers) wahrlich „wie ein Hirt, der seine Herde weidet." Alle empfanden eine tiefe Ehrsucht vor ihm und ließen kein lautes Wort in seiner Gegenwart fallen. Er brauchte nur zu sagen: meiner Ansicht nach wäre dies so und so — und die Sache war erledigt. Denn sonst „wird sich R. Süssele ärgern". Damit aber R. Süssele sich nicht ärgere, wird der Pächter der Koscherfteischsteuer nicht den Preis des Fleisches in die Höhe schrauben, damit R. Süssele sich nicht ärgere, wird der Wochernift) nicht das Pfand den Armen verkaufen; damit R. Süssele sich nicht ärgere, wird die Chewra-Kadischah nicht die „Träger" (Die Leichenträger, die in Polen den Leichenwagen ersetzen) drücken, und werden diese sich nicht gegen die Chewrah-Kadischah auflehnen. Nicht einmal die Chassidim -) Gemeint sind die Sldcpten der verschiedenen Rabbis. Anmerkung des Uebersetzers. 3) Bekanntlich vereinigen sich in den russischen Städten die verschiedenen jüdischen Zünfte zu Minjonim, Klausen und Botei-Midrasch, sodaß 'man von Schneider-, Schuster-, Metzger-, ja sogar von Kabronimschulen spricht. Anmerkung des Uebersetzers. 4) Von Woche. Eine sonst sehr verrufene Klasse von Wucherern, die kleinere Summen an geringe Leute auf wöchentliche Abzahlung verleihen und dieselben erbarmungslos ausbeuten. Anmerkung des Uebersetzers.

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