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Neue jüdische Presse · 1904-08-19 · Heft 32 (19.8.1904) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 32 (19.8.1904)
Date
1904-08-19
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 32. - Verhältnissen existieren, als wir beneidenswerten oder beklagenswerten Großstädter. Nicht etwa, daß ich zu wertherischcr Sentimentalität neige und die Wesensart unserer Land- und Seebewohner idealistisch verkenne. Ls liegt mir fern, in süßlichen Auerbachiaden zu schwelgen. Trotzdem erwächst mir aus gelegentlichen Unterhaltungen mit jenen Menschen, die einige von uns verächtlich, andere ehrfurchtsvoll als „Volk" zu bezeichnen Pflegen, immer wieder ein Gefühl der autochthonen Kraft, als ob ich ein Äntäus wäre und den mütterlichen Boden berührte. Dieses Gefühl der Schlichtheit und der Sauberkeit ist einer der feinsten Reize der schönen Zeit, die ich alljährlich im Anblick des ewigen Meeres verleben darf, und die mich für die langen Monate eines staubigen Bnreanberufes stählt und entschädigt. Li» solcher Aufenthalt verleitet mich dann dazu, über die Natur des deutschen Bolkes, seine unverwüstliche Kraft, seinen herrlichen Reichtum, seine in rauher Schale verborgene Innigkeit und Zartheit allerhand freudige, jugendlich hoffnungsvolle Betrachtungen anzustellen, die mir in der Unrast der Großstadt uienials nahen. Leider aber ist dafür gesorgt, daß ich nur allzu rasch wieder in die gemeine Wirklichkeit der Dinge — und ich muß hinzufügen: der Menschen — zurückge.rnfcn werde. In jeden: Jahre erlebe ich in den Bädern, die ich besuche, eine schmerzliche Enttäuschung, und ich inöchtc hier kurz berichten, wie ich sie erlebe: Als ich vor Jahren zum ersten Male mich in der Zelle eines Rügenscheu Bades auskleidete, der Berührung mit den Wogen schon sehnsuchtsvoll und mit gespannter Freude entgegcnlechzend, gewahrte ich an den Wänden des kleinen, saubergehaltenen und frisch duftenden Raumes einige Bleistiftinschriften, die ich neugierig entzifferte. Im Lause der Wochen bedeckte» sich die Wände immer mehr und mehr. Sic wurden unsauberer, leider in jedem Sinne unsauberer. Seitdem betrete ich in jedem Jahre die Zellen mit einer fast nervösen Erwartung. Immer hoffe ,ich, daß sic rein sein werden; immer denke ich wieder auf's neue, meine Volksgenossen müßten, da inzwischen wieder 365 Tage in das Meer der Vergessenheit gesunken sind, in dieser Zeitspanne reifer und reiner geworden sein, und immer wieder schaudere ich angcckelt vor demselben Anblick zurück. Die meisten Leser werden wissen, was ich meine. Es handelt sich um die abscheuliche Abart von Antisemitismus, die an dieser Stätte der Erholung ihr Wesen treibt. Was da an Rohheit und Unsauberkeit geleistet ist, läßt den, der unter dem Eindruck dieser beirrenden Lektüre steht, am Genius unseres Volkes, an der Möglichkeit, die Mensche» zu veredeln, geradezu vcrztoeifeln. Ich hätte nichts dagegen, wenn ein gewaltiger, tieswurzelnder Haß sich hier in elementarer Leidenschaftlichkeit anstobte, aber davon kann gar nicht die Rede sein. Fast innner sind es schnrutzige, sexuelle Anspielungen, iin äußersten .Falle ist es eine Aufforderung, die Juden hier oder dort zu boykottieren. Nun will ich bei dieser Gelegenheit nicht Pas Problein des Antisemitismus aufrollen. Ich verkenne die unsympathischen Eigenschaften des Judentumes keineswegs; aber ich weiß auch, daß >vir selbst an diesen Eigenschaften mitschuldig sind, und ich halte eine Assiniilierung der wertvollsten Elemente für wünschenswert, ja für notwendig und keineswegs für unmöglich; aber ich verstehe durchaus, daß jemand Antisemit sein kann und den Standpunkt dieser Partei init aller Energie vertritt. Der Zellenantisemitismus aber ist von so niedrigen Trieben eingegcbcn, entbehrt so jeder Größe des Empfindens und wirkt in seiner kleinbürgerlichen, engen Anschauungsweise so widerlich, daß alle Deutschen ihm mit Ernst entgegentrcten sollten. Die meisten der Inschriften rühren von jungen Leuten her, und es wäre die Aufgabe der Väter und Erzieher, ihnen zu zeigen, wie verächtlich ihr Treiben ist. Ich habe mich danach erkundigt, ob in den Zellen des Damenbades die gleichen wüsten Ausschreitungen stattfinden, und eine angesehene Dame hat mir mitgeteilt, daß sie sich nicht traue, die Aufzeichnungen ihrer Geschlechtsgenossinnen zu lesen. Der Gegenstand ist peinlich, aber ich halte es doch jür notwendig, daß dieses Gebühren einmal öffentlich gegeißelt werde, und dafür erscheint mir das Frmcksurter Israelitisches Familienblatt. „Leipziger Tageblatt", dem man konfessionelle Voreingenommenheit nach keiner Seite hin vorwerfen kann, besonders geeignet. Der Schreiber dieser Zeilen ist nicht Partei. Er blickt auf einen nachweislich „makellosen" Stammbaum zurück, den selbst der spürwütigste Antisemit anerkennen müßte. Aber gerade darum darf und muß er seine Stimme erheben. Es wäre schön, wenn es gelänge, unser Volk in dieser Beziehung zu größerer Zurückhaltung zu erziehen. Dieser Antisemitismus, der jedes feinere Gefühl schwer beleidgit, ist sicher nicht im Stande, dem jüdischen Geiste wirksam entgcgenzutreten, und außerdem wollen wir nicht vergessen, daß der Kampf des germanischen mit dem jüdischen Geiste immer nur ein Kampf sein kann, in dem die höhere Kultur siegen wird und siegen soll. Die Gesinnungsäußerungen aber, die ich auch in diesem Jahre wieder in den Zellen meiner geliebten Ostseebäder fand, sind nicht geeignet, mich über den Kultnrstand der deutschen Nation völlig zu beruhigen. Den jungen Rowdies, die sich dort verewige», wäre mindestens eine ernste Strafpredigt zu wünschen, die sic erkennen ließe, daß ein Problem, welches säst, seit unser Kontinent historisch denkt, die Menschheit beschäftigt, mit erbärmlichen Witzeleien nicht abgetan werden kann." Aus aller Well. Deutschland. Alzey, 6. Aug. In diesem Jahre kann die hiesige israelitische Religionsgemeinde das 50-jährige .Fest ihres Synagogenbaues begehen. Schon seit Wochen wird im Innern fleißig gearbeitet, um das Gotteshaus fast vollständig neu und in schönster Weise herzurichten. Nach beendigter Fertigstellung soll, wie man hört, eine entsprechende Einweihungsseier stattfinden. Aus Anlaß des 25jährigen Jubiläums fand am 10. und 11. Oktober iin Jahre 1879 eine kirchliche und weltliche Feier statt, die damals .in schöner und würdiger Weise unter allgemeiner Beteiligung aller Konfessionen verlies. Greifswald, 8. August. In der letzten Sitzung des 35. Anthropologen-Kongresses am 6. d. M. kam es zu einer interessanten Debatte durch einen Antrag des Herr» Zunz,'des Schatzmeisters der Frankfurter Anthropologischen Gesellschaft, der im Hinweis auf die Stiftung des vor einigen Jahren verstorbenen Kölner Nervenarztes Dr. Mies, der er antisemitische Tendenzen unterschiebt, beantragte: „Die Miessche „Stiftung zur Förderung der anatomischen und physiologischen Anthropologie in Deutschland" enthält Bestimmungen, welche mit den Bestrebungen der deutschen Gesellschaft sür Anthropologie nicht vereinbar sind. Da es sich überdies herausgestellt hat. daß das Legat vom Erblasser nicht der Gesellschaft vermacht, sondern ihr nur zur Verwaltung überwiesen worden ist, so beantragt der Unterzeichnete, diese Verwaltung abzulehnen." Der Antragsteller sah in der Ausführung dieser Bestimmungen antisemitische Tendenzen, weil der Testator verfügt hat, daß nur immer zum fünften Male die Stiftung einem Juden zufallen dürfe. Zunz hob hervor, daß er an sich durchaus neutral sei, er sei aber fortschrittlich freisinnig, und deshalb meinte er mit Recht, daß bei der Beurteilung wissenschaftlicher Arbeiten nur die Qualität, nicht aber die Frage entscheidend sein dürfte, ob der Verfasser Christ oder Jude sei. Die Gesellschaft dürfe sich nicht dazu ^ergeben, solchen Bestrebungen Vorschub zu leisten. Der Redner glaubte, die Annahme der Stiftung, die auf dem Kongreß in Lindau erfolgte, könne rückgängig gemacht werden, da sie unter falschen Voraussetzungen erfolgte. Man möge sie daher den Erben zur Verfügung stellen und sagen, diese Bestimmung paßt sich nicht für die Gesellschaft. In der Versammlung fanden diese Ausführungen entschiedene Ablehnung. Herr Sökeland-Berlin, Geheimrat Waldeyer-Berlin und Dr. Birkner-München sprachen sich dagegen aus und bestritten namentlich die Behauptung einer antisemitischen Tendenz. Die Ablehnung sei jetzt, nach Jahren, garnicht mehr möglich. Herr Zunz schloß mit der Erklärung, er hätte nur verhindern wollen, daß die Sache überhaupt totgeschwiegen werde. Tilsit. 40 russische Auswanderer wurden am 25. Juli durch die Polizei in Königsberg vom Dampfer „Adolf Andersen", der sie nach Dänemark bringen sollte, heruntergeholt, weil sie die Grenzkontrolle umgangen hatten, und wurden über Insterburg nach Tilsit gebracht. Den Mitgliedern des in Tilsit neu gegründeten Lokalkomitees der Alliance Jsraölite Universelle gelang es, von der Polizei die Erlaubnis zu erwirken, die Emigranten nach Amerika ordnungsmäßig weiterzubefördern, um sie von dem traurigen Geschick einer zwangsweisen Zurücksendung nach ihrer unwirtlichen russischen Heimat zu bewahren. Um dieses menschenfreundliche Werk zu vollbringen, waren erhebliche Seite 3. Geldmittel erforderlich. So wurden durch Sammlungen in Tilsit, Königsberg, Insterburg ca. 3000 Jk ausgebracht. (Tils. Allgem. Ztg.) Delitzsch (Prov. Sachsen». 9. Aug. Durch dm Polizcisergeanten Klein wurden jene Buben entdeckt, die die Grabsteine auf dem israelitischen Friedhofe z e r t r ü ni in e r t hatten. Es waren ztoei Schulknaben, die außerdem verschiedene Gartendiebstählc auf dem Gewissen hatten. Achern lWürttemberg). Auf dem Jberg soll ein Erholungsheim sür Israeliten erbaut »verden, zu diesem Zwecke ist der Blüstenhof ausersehen. Oesterreich-Ungarn. Wien. Erzherzog Franz Ferdinand als Schützer kirchlicher Altertümer. Die klerikalen und antisemitischen Blätter veröffentlichen eine Zuschrift, welche im Aufträge des Erzherzogs Franz Ferdinand dessen Fliigeladjutant an das Ordinariat des steierischen Bistums Gurk richtete und worin der Erzherzog sich für eine sorgsame Konservierung kirchlicher Altertümer und gegen jede Veräußerung derselben ausspricht. Die Zuschrift schließt mit folgenden Worten: Seine kaiserliche und königliche Hoheit berührt es stets sehr unangenehm, bei Juden und ausländischen Antiquitätenhändlern aus Kirchen stammende Knnstgegenstünde zu finden. Budapest. Der im Mainzer .Israelit" veröffentlichte Protest ungarischer Rabbiner gegen den Zionismus im allgemeinen und gegm den Aisraebi im besonderen hat in Ungarn, wo man die Verhältnisse kennt, sehr kalt gelassen. Sehr zutreffend ist, was der „Hanizpah“ darüber schreibt, nämlich, daß die Protestrabbiner nicht einmal den vierten Teil der orthodoxm Rabbiner Ungams ausmachen, daß eine Anzahl Protestrabbiner Enkel von chassidischen Rabbis sind, die aus persönlichen Gründen — nämlich aus Furcht, ihre autokratische Autorität durch die Volksbewegung des Zionismus einbüßen zu müffen—dagegen sind und daß andere Unterschriften von .orthodoxen" Rabbinern stammen, die in A s similations gemeinden amtieren, und so — unter dem Drucke von Affimilationsvorstehern handelnd — sich gegen den .reaktionären" Zionismus, der die Assimilation in ihrem sanften Auflösungsprozeffe stört, erklären müssen. Femer macht der „Hanizpah“ darauf aufmerksam, daß die meisten der unterschriebenen Rabbiner von der zionistischen Bewegung keine Ahnung hoben und daß ihr Borgehen nur durch Hintermänner aus anderen Ländem, die als grimmige Feinde des Zionismus bekannt sind, veranlaßt wurde; so komme es auch, daß sie sich in ihrem Ausmse nicht auf triftige Gründe und Beweise aus der Tauroh stützten. Budapest. Wahlen bei der Pester israelitischen Religionsgemeinde. Das unter dem Präsidium Paul Tencers stehende Wählleitungs- Komitee hat den Wahlaufruf an die Mitglieder der Pester israelitischen Religionsgemeinde bereits versendet. Im Sinne des neuen Wahlstatuts besitzen nur die sogenannten immatrikulierten Gemeindemitglieder das Wahlrecht. Die Zahl derselben beläuft sich auf etwa 9000. Die Wahlen werden in den ersten Tagen des Monats Oktober stattfinden. Bei dieser Gelegenheit kommt der ganze Vorstand und der Gemeinde-Ausschuß in die Wahl. Holland. Amsterdam. Der Kriegs minister hat bestimmt, daß den jüdischen Soldaten auf ihren Wunsch an den diesjährigen jüdischen H e r b st f e i e r - tagen, wie folgt, Urlaub zu geben sei: 1. Denjenigen, die Angehörige und Verwandte in ihrer Garnison haben, Befreiung vom Dienste anr Neujahrsfeste, 10. und 11. Sept., Versöhnungsfeste, 18. und 19. September und am Laubhüttenfeste, 23. Sept. bis 2. Oktober zu gewähren. 2. Den übrigen Soldaten einen Urlaub vom 9. September bis 3. Oktober zu gewähren. 3. Den Soldaten, die auf 10.. 17. oder 24. September einen unbestimmten Urlaub nachgesucht haben, diesen bereits ain 9. September beginnen zu lassen. 4. Den Militärpflichtigen, die am 29. August, 1., 5., 7., 8., 12. und 19. Sept. eingezogen werden, eine Fristverlängerung bis zum 3. Oktober zu gewähre». — Ein ministerieller Regierungsbesehl, in liberalster Weise erlassen zu Gunsten des jüdischen Religionsgesetzes, dürste in Deutschland wie ein Märchen anmuten, doch dieses Märchen ist, wie die obige Verordnung zeigt, in Holland kein Märchen, sondern eine selbstverständliche Tatsache. Rußland. Der Krieg mit Japan hat in Rußland wie bekannt, eine schwere wirtschaftliche Krise hervorgerufen. Die Lage unserer Glaubensgenossen, die schon vorher insolge der Ausnahmegesetze beinahe unerträglich geworden war, hat sich infolgedessen noch mehr verschlimmert. Der Kleinhandel liegt vollkommen darnieder; die Arbeiter finden kaum irgend welchen Verdienst; ganzen Familien droht derHungertod. Obwohl äußere Hilfe hier machtlos erscheint, hat das Zentralkomitee der Alliance

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