Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 32 (19.8.1904)
- Date
- 1904-08-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 32. der Menschheit kann nur ein ethisch ganzes und selbständiges Volk sein. — Soll cs etwa iin Interesse des jüdischen Volkes als solches sein? Höchstens kann es doch nur zum groben materiellen Nutzen Einzelner werden! Wer solche Leute, bei denen der rein materielle Vorteil über den ideelle» Interessen steht und die keine Lust haben, mit ihren Volksgenossen um eine gesicherte Heimstätte zu kämpfen, gehen uns nichts an; sic mögen gehen und mögen sich den Völkern anschließcn; wir gönnen sie ihnen! Das Judentum, meint Herr Schiff aus Baden bei Wien, entbehrt einer kulturellen Aktualität. Wie sonderbar! — Hat denn wirklich eine Kultur, die eine grandiose Lebens-Ethik zur Grundlage hat, keine Existenzberechtigung; — hat nur die Aesthctik Daseinberechtigung? Wer das Judentum ist auch nicht der Aesthetik bar; gewiß hat das Judentum der Aesthetik gewisse Schranken gesetzt, doch das geschah nur um zu verhüten, daß sie nicht zum Kult ausarte. Dieser Umstand beweist, daß das jüdische Volk sich nicht vom Gefühl allein beherrschen ließ, daß auch der Gedanke stets ihm zur Seite stand, daß der Jude gleichzeitig real und ideell ist. Noch weiß niemand zu sagen, was das begabte, jüdische Volk, wenn ihm erst Ruhe in seiner Heimat vergönnt ist, zu leisten im Stande sein wird; aber soviel weiß ein jeder, daß das jüdische Volk, noch während es in seinen Kinderschuhen steckte. Unvergängliches zu leisten wußte und auf seiner 2000jährigen .Folterbank bei all seinen gräßlichen Martern die sittliche Höhe geistigen Vorwärtsstrebens bewahrte, indem es an allen kulturellen Regungen seiner Zeit tätigen Anteil nahm und alle menschlichen Gedanken, wie Gefühle der Zeit mitdurchdacht und mitgefühlt hat. Eines hat es freilich nicht mitgemacht: die schauerlichen, barbarischen Taten der Völker. Wer dies wird doch hoffentlich seitens des Herrn Schiff und Genossen ihm nicht zur Last gelegt werden können. — Oder doch! Herr Schiff kann sich ja nicht genug darin tun, sein Herz für die Kanonenkultur der Völker zu begeistern. Unglückliches, jüdisches Volk, du bist von jeher von Feinden, wie Freunden verkannt und mit anderem Maße gemessen worden. Dieselben Männer, die sich zu begeistern wissen für die Selbständigkeit eines Volkes, wie des der Armenier, das ein unbeschriebenes Blatt ist, haben für dich und deine 2000jährige Ruhmestaten nichts als Untergang übrig. „Den Menschen im Juden zur Ehre bringen", will Herr Schiff. — Welch' kühner Traum! Wahrlich nach all' den langen, bitteren Erfahrungen und all' den Wahrnehmungen, die wir Tag für Tag von der schrecklichen Lage der Juden auch in den konstitutionellen Ländern machen, muß man schon die Phantasie und den Optimismus eines orientalischen Juden besitzen, um an diesem Traum festzuhalten. Herr Paul Schiff und seine Gesinnungsgenossen werden uns auf die Zeit der Aufklärung, in der eine Verbrüderung und Gerechtigkeit für alle sich anbahnte, Hinweisen. Mlein das war in der Sturm¬ und Drangperiode, in einer Zeit der Revolution. Was in ihr geschah, war kein Ausfluß des Verstandes, der Ueberlegung und Besonnenheit. Die befreienden Männer wollten die konfessionelleil Fesseln der Völker sprengen —wohlgemerkt, die konfessionellen — die Quellen des Hasses und der Unterdrückung —, aber nicht die nationalen —, da sahen sie das unglückliche, jüdische Volk und glaubten in ihrem Rausche, ein gequälles Volk vor sich zu haben, das lediglich feiner Konfession loegen so gräßlich leidet. Da sagte ihnen ihr erwachtes Gerechtigkeitsgefühl: auch das jüdische Volk darf nicht nur seiner Konfession wegen vom allgemeinen Bruderbünde ausgestoßen werden. Sie sagten sich, erst soll das jüdische Volk zu seinen Rechten gelangen, dann wird cs von selbst seine konfessionelle Besonderheiten ausgeben; aber sie rechneten und vcrrechneten sich, da sie in ihren Handlungen wohl groß fühlten, doch wenig rechneten. Das jüdische Volk litt nicht nur seiner Religion, sondern auch seiner Nationalität wegen; bewußt für die erstcre, unbewußt für die letztere. Welche von beiden der stärkere Faktor war, wer vermag das zu entscheiden? (Auch der gegenwärtige Kampf, den die Juden um ihr Judentum führen, ist derselben Natur. Sogar die Assimilationsjuden vom Schlage des Herrn Paul Schiff, die für ihre wenigen Reste Judentum mutig känipfen, tun cs — wenn auch unbewußt — einzig und allein nur wegen ihrer Nationalität. Sie kämpfen für ihre Nationalität, obgleich sic ihre Volksgenossen zum Wiegen derselben auffordern.) Hätten die Völker damals gewußt, >vas für ein Volk sie vor sich haben, hätten sic gewußt, was das Judentum eigentlich ausmacht, sie würden «ine andere Lösung der Judenfrage gefunden haben. Man wäre dann nicht zur Einsetzung eines Sanhedrin in Paris, sondern in Jerusalem geschritten und die Judenfrage würde damit vom Erdenrund verschwunden gewesen ’ sein. Wer was die Völker einst nach hundertjähriger Isolierung der Juden verkannt haben, ollten sie jetzt, nachdem sie in nähere Berührung mit ihnen gekommen sind und so das jüdische Volk nebst dem Judentum besser kennen lernten, begreifen, nämlich, daß dem jüdischen Volke mit bloßen Menschenrechten in der Diaspora nicht geholfen werden kann. Es dürfte nunmehr klar sein, daß eine völlige Assimilation für die Juden ganz ausgeschlossen ist; ie können es nicht und daher wolle» sie es nicht. Eine halbe Assimilation ist aber — abgesehen der Unmöglichkeit derselben auf die Dauer — ein Unding, unannehmbar für die Völker und daher ein Unglück für die Judenheit. Nach alle dem bleibt also dem jüdischen Volke bloß ein einziger Weg übrig, der Weg, der zur Heimat führt, der Weg, den die Zionisten eingeschlagcn haben. Und die Erreichung dieses Zieles? (Schluß folgt). Der Jude und sein Verhältnis zur Natur. i. In einem von mir in dieser Zeitung unlängst erschienenen Artikel hatte ich das Thema,. wie sich das Judentum zur natürlichen Lebensfreude und Lebenslust stellt, mit einigen Worten berührt. Die kurze Erörterung dieses Themas hatte zur Folge, daß ich von einer Seite mißverstanden und mir von dieser Seite eine falsche Auffassung des Judentums zum Vorwurf gemacht wurde. Man schreibt mir: „Das Judentum ist durchaus nicht — wie Sie schreiben — nach dem Himmel weisend, sondern durchaus irdisch und entbehrt deshalb keineswegs die Freude, sondern fordert sie in den Grenzen der Sittlichkeit." Auf diese Bemerkung möchte ich hier etwas näher eingehen, um zu zeigen, daß meine Ausführungen zu ihr in gar keinem Widerspruch stehen, daß hier nur die strenge Scheidung des Begriffes der Freude auseinander gehalten werden muß. Die Freude wird vom Judentum nicht nur nicht verworfen, sie wird dem Juden sogar an bestimmten Zeiten befohlen, wie z. B. an den jüdischen Festtagen, ivic cs in der Thora heißt: „Du sollst dich an den Feiertagen freuen." Zahlreich sind hierfür Beweise aus Bibel und Talmud; jedoch das angeführte Beispiel ist so stichhaltig, daß ich noch andere zu bringen für überflüssig halte. Also von einem Verwerfen der Freude im Judentum kann gar keine Rede sein. Um aber die von mir gestellte Behauptung, daß dem Juden die natürliche Freude instinktiv nicht gegeben und dieses aus der Lebensanschauung des Judentums zu erklären, ist, in einem klareren Lichte, als es in den von mir gebrauchten kurzen Worten möglich war, darzustellen, will ich auf die Sache ausführlich eingehen. Zuerst werde ich den „Begriff" der Freude auseinander setzen. Es gibt zwei verschiedene Arten von Freude, und diese beiden auseinander zu halten, darauf kommt es hier hauptsächlich an. Die eine ist die r e l i g i ö s e Freude und entstammt aus dem Gemüts- und Gefühlsleben des Menschen. Diese Freude besteht in dem harmonischen Uebereinstimmen und in dem sichern Bewußtsein, gemäß seinem sittlichen Willen gehandelt zu haben. Diese Art Freude empfinden wir auch bei der Ausübung einer Wohltat oder bei der Ersilllung einer uns selbst auferlegten Pflicht. Dann gibt es eine u a t ü r l i ch e F r e u d e, die von den Sinnesorganen des Menschen ausgeht und auch nur 'von ihnen empfunden wird. Die natürliche Freude wird gewöhnlich durch ein erregtes Lustgesühl, durch äußere angenehme Eindrücke hervorgerufen und äußert sich in einem Wohlbehagen. Mau könnte die erstere Art rationelle, die letztere sensible Freude nennen. Damit kominc ich nun auf das eigentliche Thema zurück. Das Judentum kennt keine natürliche Freude, wie wir sic iin Griechen- und Heidentum finden, es kennt nur eine religiöse ,F r e u d e i m r e l i g i ö s e u L e b e n s w a n d c l. Ich will hier nicht mißverstanden werden: Ich sagte, das Judentum kennt keine natürliche Freude, das soll' oviel heißen, daß das Judentum sich der natürlichen Freude gegenüber indifferent verhält, es ertaubt sie nur, solange sie sich in den Grenzen der Sittlichkeit hält und im Einklang mit deren Vorschriften steht. Danach ist unter der in der Bibel befohlenen Freude an den Festtagen nicht die natürliche, sondern die religiöse Freude zu verstehen, was schon daraus hervorgeht, daß die jüdischen Feste nicht von der Natur oder von sonstigen Lust hcrvorrufcndcn Mitteln abhängig gemacht werden. Der fromme Jude braucht und hat keine Anregung von außen her, wie durch die olympischen Festpiele draußen in der freien Lust und im duftenden Walde; er empfindet in einer ans Brettern znsaminengeschlagencn Hütte — in der die frommen russischen Inden am Hüttenfest die ganze Nacht auch schlafen — mit dem Bewußtsein, dadurch den Willen Gottes erfüllt zu haben, eben solche Freude oder vielleicht noch größere, als der Grieche und der Römer in ihren bacchantisch durchschwärmten Nächten empfanden. Dem emanzipierten westeuropäischen Inden mag alles Gesagte vielleicht fremdartig klingen, damit aber kann und wird er doch nicht die bestehende Tatsache wegdisputieren. Deremanzipiertewe st europäische Jude, der sich in seiner ganzen Lebensart dem Germanentum an genähert hat, kann sich von der religiösen Freude des Judentums gar keine Vorst e l l u n g mache n. Er soll einmal einen „Simchath Thora" in' einer jüdischen Gemeinde Rußlands feiern, da wird er vielleicht etwas Verständnis für die' religiöse Freude bekommen. Mir ivar es während meiner Kinder- und Jugendjahrc vergönnt, solche Feste nicht bloß anzusehen, sondern auch mitznmachen, und ich kann dem Westeuropäer nur raten, solch einem Feste einmal selbst zuzusehen. Da erfreut sich nicht das Auge an der künstlichen Ausschmückung der Synagoge durch Palmen und Myrten, die an die griechischen und heidnischen Festfeiern erinnern, da freut sich nur das Herz. In einem kleinen „Bethhamidrasch", daS durch das Mer von außen und innen schon schwarz aussieht, steht der Jude, mit der „Sefer-Thora" in der Hand, jugendlich aufgerichtet und singt aus voller Brust mit religiöser Begeisterung und jauchzender Lust' das geliebte hebräische /Festlied. Die Auge» strahlen vor Freude, geschwunden sind die Sorgen und still schweigen die Schmerzen. Das ist die wahre religiöse Freude, die das Judentum kennt und empfiehlt. Nicht im Geringsten heißt aber das Judentum das „Simchath-Thorafest" in ein Kostümfest verwandeln und anstatt in der Synagoge in einem Festlokal feiern, tvie man eS in vielen westeuropäischen jüdischen Gemeinden nicht selten, sieht. Salkinowitz, cand. Phil. Zellenarttisemittsmus. Unter dieser Ueberschrist veröffentlicht das ^Leipziger Tageblatt", dem Niemand philosemitische Tein denzen nachrühmen wird, den folgenden, ihm aus seinem Leserkreise zugegangenen Artikel: „Die jährliche Ferienreise, die ich ein Jahr , wie alle Jahre nach der See unternehme, ist für mich im geistigen Ivie im körperlichen Sinne ein Bad der Wiedergeburt. Nicht allein erlangen hier die erschlafften Nerven ihre Spannkraft wieder, sondern ich empsinde es auch wie eine moralische Reinigung und Läuterung, mich einmal wieder dem Busen der Natur nahe zu wissen und mit Menschen.verkehre» zu können, die in weniger differenzierten Lebens-