Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 31 (12.8.1904)
- Date
- 1904-08-12
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31. Seite 5. Vaterlandes oder die Rettung eines Menschenlebens es erheischt, da gebietet das jüdische Gesetz, das; der Jude — so weit notwendig — es nicht beobachte. Der Hohepriester Mathatias, einer der gottbegeistertste» Männer unseres Lottes, erlaubte ausdrücklich, an Sabbaten und Feiertagen für das Vaterland zu kämpfen; der Talmud gestattet ausdrücklich den jüdischen Soldaten, wen» es der Kriegsdienst verlangt, das 'Sabbatgcsctz zu übertreten: er gebietet auch, rettend zu helfen — und wäre es inmitten des Gottesdienstes —, wenn an den benannten Tagen irgendwo ein Jener oder sonst ein llngliick ansbricht; er erlaubt dem jüdischen Arzt, ivcgen Kranker jeden Glaubens — so weit notwendig — die Satzungen zu übertreten; denn der Talmud sagt, das; das Gesetz nicht für Engel, sondern für Menschen sei, das; das Gesetz sei, damit tzcr Mensch durch es lebe." „Es ist gut," erwiderte der Hauptmann gnädig, dem wackeren Soldaten ans die Achseln klopfend. — und die Angelegenheit war zum Guten erledigt. Das Gewitter, welches bald über ganz Europa kommen sollte, hatte sich unterdessen gewaltig zusammcngezoge». Kaiser Leopold, welcher noch immer mit der Kriegsdrohung an Frankreich gezögert hatte, indem er noch bis zur letzten Lebensstunde ans eine friedliche Lösung der Dinge hoffte, war unterdessen gestorben, und sein Sohn Franz bestieg den österreichischen Kaiserthron. Der neue Kaiser richtete bald durch seinen Gesandten in Paris, den Grafen Kobcntzcl, an die französische Volksversammlung ein sehr ernstes Schreiben, worin er bei KriegSandrohuug vom französischen Volke vollständige Rückkehr zu der von König Ludwig im Jahre 178!) freiwillig erteilten Verfassung, Wiedereinsetzung des Adels und der Geistlichkeit in die ihnen entzogenen Güter, Wiedereinführung des Lehenwesens' nsw. forderte. Zn gleicher Zeit erlies; auch Preuße» eine in demselben Tone gehaltene Aufforderung an Frankreich. Die Aufforderungen riefen in Paris und beim ganze» französischen Volke die größte Aufregung hervor. Die französische Bolksversainmlnng erließ an beide Mächte ein sehr beherztes Schreibe», worin es unter ander,» hieß: „Ihr wollt uns den Krieg bringen, wir wollen dasür Eueren Untertanen die Freiheit bringen; die Staatsumwälzung soll durch ganz Europa die Runde machen." Und so wurde denn seitens Frankreich schnell entschlossen der Krieg erklärt. Zn Tausenden drängte» sich Scharen französischer Jünglinge zu den Waffen, uni für ihr Vaterland und dessen Grundsätze zu siegen oder zu sterben. Dunionriez, der Anführer der französischen Truppen, entwarf den Plan, zuerst die Waffen nach Belgien zu tragen. Dieses Land, damals zu Oesterreich gehörig, trug schon längst ngr mit größtem Unwillen dessen Herrschaft. Zur Zeit seiner Ueberrumpelung durch die Franzosen gab cs daselbst drei Parteien:, die der Geistlichkeit und des Adels, welche die Aufrechterhaltung der alten Zustände mit Ausnahme der österreichische» Oberherrschaft wünschten, die gebildeten Volksschichten, welche jür Frankreich schwärmten und endlich die österreichische Partei, bestehend ans der österreichischen Besatzung und dem in der österreichische» Sonne sich wkrincndcn Beamtenstande. Mit den beiden ersteren setzte sich Dninouriez bei seinem Einfall in Belgien ins Einvernehmen: jeder von ihnen verhieß er Gewährung ihrer Wünsche, wenn sie ihm bei der Vertreibung der letzteren Partei behülflich sein würden. Es kani zur Schlacht bei Jemappes (6. November 1792), in der die Franzosen einen großen Sieg erfochten, infolge dessen Belgien von den österreichischen Truppen ganz geräumt ivurdc und eine Bersassung ganz nach französischem Muster, auf Freiheit und Gleichheit aller Staatsbürger beruhend, erhielt. Ermuntert durch diesen guten Ersolg und in genauer Kenntnis der staatlichen Lage der deutschen Rheinländer, unternahm dann der französische Oberst Cnstine das Wagestück, mit einer verhältnismäßig kleinen Anzahl Truppen einen Einfall in diese Länder zu machen, in der sicheren Erwartung, daß ihm dort viele Herze» frohlockend cntgcgcnschlagen werden. Die deutsche» Rheinprovinzen schmachteten unter dem Drucke vieler weltlicher und geistlicher Herren, die das mühevolle Amt des Regierens erwerbssüchtigen Beamten überlassen hatten. Bürger und Bauer konnten vor unzähligen 2lbgabcn nicht zum Genuß ihrer Arbeit komnien und wurden außerdem noch roh und ungerecht von der löblichen Beamtenschaft behandelt. War es bei solchen verrotteten Zuständen ein Wunder, daß die Franzosen den Rhcindcutschen mehr als Erlöser, wie als Eroberer erschienen? Mußte nicht jeder Einwohner jener Länder und Ländchen denken: Etivas Schlimmeres, als wir bereits haben, können uns die Feinde unmöglich bringen: eher Besseres! Deshalb braucht inan auch nicht über den folgenden Aufruf, den Colistine bei seinem Eintritt in die deutschen Rheinprovinzen an die dortigen Bewohner erließ, zu erstaunen. Der Aufruf lautete) „Deutsche! wir kommen nicht als llntcrjvcher, sondern als Befreier: wir bringen Euch die heiligsten Menschenrechte, die Euch^Eucre bisherigen Landesherren Jahrhunderte lang vorcnthaltcn haben: Persönliche Freibeit und Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetze; Frankfurter Israelitisches Familienblatt. kein gedrückter Stand, keine zurückgesepte Glaubensgenossenschaft inehr!" Die Franzosen zogen also in die Rheinprovinzen ein und lvurden von der Bevölkerung mit Jubel empfangen. Auf gleiche Weise setzten sich die Franzosen bald darauf in den Besitz Savoyens und Nizzas. (Fortsetzung folgt.) Der ewige Jude. Bekanntlich ist die abendländische Sage vom „Ewigen Juden" im dreizehnten .Jahrhundert in England entstanden, wohin sie 1228 durch einen aruirnischei: Bischof gebracht worden sein soll. Allmählich verbreitete sie sich dann über das übrige Europa, was jedoch bei der mittelalterlichen Empfänglichkeit 'für das ilebernatürliche kaum lvuuderniinint. Selbstverständlich wußten Schlanköpfc diese Leichtgläubigkeit, die nicht allein bei dem niederen Volk, sondern auch unter den gebildeten Ständen weit verbreitet war, schon frühzeitig ausznnützen und so tauchte „Ahasverus" bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts bald hier bald dort auf. Um 1207 wurde er zu Fori, im kl. Jahrhundert zu Siena gesehen. Der Doktor der Theologie Paulus von Eilzcn, Bischof von Schleswig, behauptete, als Student den ruhelos nmherirrenden Greis 1712 während einer Predigt in eifrigem Gebet und die Augen voll Tränen in Hamburg beobachtet und hierauf weitere Forschungen über dessen Schicksal angestellt zu haben, deren Ergebnisse dann 1261 im Druck erschienen und den Grund zu dem nachher in den verschiedensten Sprachen und zahlreichen Auflagen veröffentlichten Volksbuch vom „Ewigen Inden" legten. Im Jahre 1600 tauchte „Ahasver" unter dem Namen Isaak Laqnedcm in den Niederlanden auf, und zwar in Brügge. 1610 offenbarte sich Lagucdem in einem Wirtshaus im Walde von Soigne zweien Bürgern. Er sei von Stand Seifensieder, von Christus verwünscht und müsse bis zum „jüngsten Gericht" unstet wandern. Setzen dürfe er sich daher nicht; dagegen nahm er einen Trnnk an. lieber 130 Jahre später, am 22. April 1771, erschien „Laquedein" noch einmal in Brüssel, und ein Holzschnitt aus dieser Zeit stellt ihn nach der Natur gezeichnet vor. Näheres über einen ander» „Ewigen Juden" berichtet eine in der Genter Bibliothek bcsindliche handschriftliche Chronik von Aper». Am 26. Mai 1623 erschien an einem Tore dieser Stadt ein sonderbar gekleideter Fremder mit kahlem Borderhaupt und langem grauen Bart. Er stützte sich auf einen Pilgerstock. Der wachhabende Bürger Daniel De Brehne fragte den Alten auf Flämisch, wer er sei, und erhielt auf Spanisch die Antwort: „Ich bin der ewige Jude." Der erstaunte Posten führte den Sonderling zum Amtmann, der ihn einem langen Verhör unterwarf. Der Fremde gab au, er habe Christus, als dieser aus dem Wege »ach Golgatha vor seiner Behausung habe ansruhen wolle», fortgetrieben und fei darauf von ihm verurteilt worden, bis zum „jüngsten Gericht" unablässig zu ivandern und von der öffentlichen Mildtätigkeit zu leben. Er bitte daher um die Gnade, betteln zu dürfen, wie man ihm dies auch anderwärts erlaubt habe. Und der Amtmann glaubte dem ruhelosen Wanderer, der 1628 Jahre alt zu sein behauptete, auf das Wort. Der Fremde kehrte in einer Herberge ein und sührtc dank den ihm zufließcnden Almosen ein herrlichcs Leben. In Ipern und der Umgebung brauchte er sich nur zu zeigen, und Arm und Reich wetteiferten, ihm sein endloses Dasein zu erleichtern. Er selbst trug hierzu besonders insofern bei, als er abends manche alte Flasche leerte und sich nebenher in die Tochter seines Wirtes verliebte; und diese zeigte sich, angesichts der Tatsache, daß der Werber ein reiches Einkommen befaß und es bis zum „jüngsten Tage" zu beziehen Aussicht hatte, dein Antrag höchst geneigt. Allerdings war der Freier verwünscht, aber seine sechzehnhundertjährige Wanderung mußte doch schon einige Sühne für sein Vergehen bieten. Beweis dafür war, daß er in Ipern so lange ausruhe» durfte, und obendrein schwärmte die Mutter des Mädchens für diese Heirat. Leider kam sie nicht zu Stande. „Ahasver" ivurde zuin Mahl beim Bischof eingeladen, der ihn großartig empfing, dann bei andcric Vornehmen der Stadt, u. a. bei einem spanischen Hauptmann. Tort ereilte den „Eivigcn Juden" sein Schicksal. Ein Diener des Hauptmanues behauptete, mit dem sonderbaren Gast in Spanien in demselben Regiment, das aber nachträglich nach (tzent verlegt worden war, gedient und längere Zeit zusainnie» geschlafen zu haben. Erkundigungen bei dem Obersten diese-s Rcgiuieuts bestätigten die Angaben des Bedienten. Dazu aber kamen jür „Ahasver" noch andere schlimme Dinge. In Ipern traf eine Frau ein, die er drei Monate vorher in Saint- Omer geheiratet hatte und setzte die Herberge in Aufregung. Ehrisliue Berschuercn, die Tochter des Wirte/, ergriff zunächst die Defensive: darüber aber wurde der „Ewige Jude" unter starker Bedeckung hcrangcsührr. Man hatte ihn ans die Genter Anskunst hin verhaftet und schließlich mußte er gestehen, daß er nicht allein der rechtmäßige Gemäht der zugereisten Fra», sondern anch nicht in Palästina, sondern in Paris unter dem 'Rainen Leopold Delporte geboren und spanischer Fahnenflüchtling war. Damit nahmen die Dinge sofort eine andere Wendung. Alles zeigte sich über den Doppelgänger des echten „Ewigen Inden" entrüstet und der spanische Gouverneur von Ipern sandte den Abenteurer an dessen frühere» Regiinentskonimandenr nach Gent, der ihn kurzerhand henken ließ. Christine Verschneren aber genas nach der Chronik von Ipern eines Knäbleins, das Pol Joorts oder „der Jude" genaiint ivurde und viele Nachkommen hatte. Bücherschau. M e y e r s (V> r oßes K o » v c r s a t i o n s - L ex i - k o ». Ein Nachschlagewerk des allgemeinen Wissens. Sechste, gänzlich uenbearbeitcte und vermehrte Auflage. 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