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Neue jüdische Presse · 1904-08-12 · Heft 31 (12.8.1904) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 31 (12.8.1904)
Date
1904-08-12
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Veite 4 Nr. 31. von schwerem Siechtum erfüllt, vvn dem ihn der Tod erlöste. Im Bewusstsein derer, die ihn kannten, wird er in ehrendem Gedächtnis sortlcbcn. Reustettin. Ein Rabbiner als Lebensretter. Durch ihre Wagehalsigleit setzten sich dieser Tage hier zwei junge Leute der Gefahr aus, ihren Tod im Wasser zu finden. Trotz des strengen Verbots seitens der Badcanfsicht schwammen der Schreiber Otto I. und der Kclliierlchrliiig eines hiesigen Hotels von der Badeanstalt aus über den Strcitzigsce. Bei ihrer Rückkehr verließen letzteren die Kräfte, und da er nahe am Versinken lvar, schrie er taut um Hülfe. Zu seinem Glück fuhr nicht allzuweit entfernt ein Boot vorüber, in dem Herr Rabbiner Levy und Herr Heinrich Heide mann sich befanden. Diese "ruderten aus den Ertrinkenden zu und zogen ihn ins Boot, dort liehen sie dem Nackten Kleider und spedierte» ihn dann aufs Trockene. Ohne diese Hülse wäre der junge Mensch unzweifelhaft ertrunken, denn die Unsallstellc war mitten auf dem Sec, und che das Rettungsboot der Badeanstalt, lvo man die Hükferufc vernommen hatte, herankominen konnte, wäre cs zu spät gewesen. Treuicssen, 1. August. Vorgestern Abend veranstaltete die hiesige israelitische Gemeinde einen Abschicdskommers zu Ehren des Kantors ist a ch m a n n der nach einer achtjährigen Tätigkeit die Stadt verläßt, um seine neue Stelle in Buk zu übernehmen. Der erste Vorsteher, Kaufmann Zucker, wie auch der zweite, Kaufmann Spieldoch, wiesen in ihren Abschiedswortcn, die sie an den Scheidenden richteten, daraus hin, wie Kantor Nachmann cs verstanden habe, durch Gcivissenhaftigkeit und Pflichttreue sich die Liebe'und das Vertrauen der Gemeinde zu erwerben, sodaß sein Weggang, allgemein bedauert, lvird. Kiew (Rußland). Vor kurzem ist hier der bekannte hebräische Schriftsteller E l i e s c r Schulmamt im Alter von 70 Jahren gestorben. In ihm verliert die hebräische Literatur einen ihrer besten (Mehrten und talentvollsten Schriftsteller. Schulmann ist der Verfasser verschiedener größerer Werke. 1k. a. hat er eine Biographie Heines und Börnes in hebräischer Sprache veröffentlicht. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Am 4. September wird in .Frankfurt a. M. eine D e l c g i e r t e n - V e r s a m inl u n g der Vereinigung zur Ausbildung indischer Krankenpflegerinnen in Deutschland stattfindcn, in welcher die, in dem vergangenen Jahrzehnt hierbei gesammelten Erfahrungen zur Erörterung gelangen dürften. Die Verhandlung wird sich wesentlich mit der Frage betreffend Festsetzung gemeinsamer Grundsätze für die Ausbildung, Verwendung und Versorgung der Schwestcru beschäftigen. Es ist zu hoffe», daß immer weitere Kreise unserer Glaubensgenossen, diesem schönen Berus ihr Interesse zuwcndcn und immer mehr Mädchen und unabhängige Frauen aus besseren Familien sich der Krankenpflege lvidmen. Das provisorische Komitee besteht aus den Herren: Dr. S. K i r ch h c i m , Dr. G ü n z b u r g, Philipp S ch i f f in Frankfurt am Main, Frau Julie G e r s o n - L i c b c r m a n n und Herrn Louis Sachs, Berlin. Marburg a. L. Am 26. Juli beschloß die hiesige „Jüdische w i s s e u s ch a f t l. - g e s c l l i g e Bereinigung" mit einer überaus wohlgelungencn sestlichcn Veranstaltung das dritte Semester ihres Bestehens. Der Verein ist jetzt einschließlich der inaktiven und Ehrenmitglieder auf 30 Mitglieder angewachse», von denen im abgelausenen Semester 17 aktiv waren. Die wöchentlich stattfindcndcn wisscnschaftlichcn Abende boten auch im verflossenen Semester de» Mitglieder und Gästen manche Anregung, was sich besonders in den regen Diskussionen kund tat. Auch die Geselligkeit kam in den an die Borträge sich anschließenden gemütlichen Teilen zu ihrem Recht. Und daß der Verein auch nach dieser Seite seines Programms sich allgemeiner Beliebtheit bei der Marburger jüdischen Bürgerschaft erfreut, zeigte die große Beteiligung an dem obengenannten Feste, sowie an den sonstigen Veranstaltungen des Vereins. Zum.ersten Vorsitzenden der I. W. G. V. wurde Herr cand. jnr. Julius Wolf, zum Kassierer Herr Bertold Eichelberg, zum Schriftführer Herr sind. mcd. Julius P r.a g c r gewählt. Den Verein betreffende Anfragen sind an de,, 1. Vorsitzenden zu richten, und zwar während der Universitätsferien nach Frankfurt a. M.-Oberrad, Offcnbacherlandstraße 29.7, im Wintersemester nach Marburg, Stcinwcg 11, II. Personalien. Frankfurt a. M. Hier starb im 60. Lebensjahr der Leiter des SeiickenbergianumS Geheimer M c d i z i » a l r a t D r, K a r 1 Weigert. Ter Verstorbene, ein liebenswürdiger Mensch und eine Koryphäe feiner Wissenschaft, hatte s. Zt. auf eine ihm angctragcnc ordentliche Professur vezichtek, weil dieselbe von seiner Taufe abhängig gemacht wurde. Seine Beerdigung fand auf dem jüdischen Friedhose unter glänzender Beteiligung statt. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Berlin. Karl Emil Franzos' Grabs ch r i f t. Ans dem Grabe des Dichters Karl Emil Franzos in der Ehrenreihe deS jüdischen Friedhofes zu Wcißcnscc ist in aller Stille ein schlichter Grabstein ausgestellt worden, der folgende Inschrift trägt: „Hier ruht Karl Emil Franzos, geb. 27. Olt. 1313, gestorben 28. Januar 1901. Ist Dein auch alle Erdcnpracht Und aller Weisheit Blüte, Das, was Tich erst zum Menschen macht Ist doch allein die Güte." Berlin. Robert Jaffa, der bekannte Berliner Schriftsteller, der bisher der jüdischen Religion angehörte, trat, wie ans Dresden gemeldet wird, zur christlichen Kirche über und wurde nach lltägiger Vorbereitung durch Pfarrer Lindncr in der Glashiittcr Kirche getauft. Berlin. Auf den Universitäten im Deutschen Reich sind nach dem im „Reichsanz." veröffentlichten Perzeichnifsc im letzten Winterhalbjahre nein! medizinische D o k t o r p r o m o t i o » c n von Frauen vollzogen worden. Darunter sind Therese O P p l e r und P a n l a P h i l i p p s o n in Breslau, die Enkelin Ludwig Philippsons, R a h e l H i r s ch in Frankfurt die Enkelin von Samson Raphael Hirsch, und die Russin Lea G n t k i n d in Frcibnrg. Berlin. Der Charakter als Geheimer Sanitätsrat ist dem Sanitätsrat D r. Moritz W i e s e n t h a l und der Charakter als Sanitätsrat den Acrztcn Dr. Benno Holz, Dr. M a r t i n Ia c o bs t h a l, Dr. Otto W i c s e » t h a l verliehen worden. Breslau. Der stellvertretende Repräsentanten- Vorstchcr der Israelitischen Gemeinde, Herr Bankdirektor M o r i tz Lyon, feierte am 4. August seinen 70. Geburtstag. Mechernich (Rheinland). Am 9. August feierten die Eheleute Situ ü n W o I f und Frau Henriette geb. Mayer in voller Rüstigkeit das Fest ihrer golden c n H o ch z e i t. Optzeln. Der Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Apotekcr M u h r, wird sein Amt als solcher nicderlegcn und am 1. Oktober nach Berlin verziehen. Sein Nachfolger in der Gemeinde dürfte Jnstizrat Cohn werden. .Herr E. Muhr bekleidet im Stadtverordiietenkollegiiim, dem er ca. 17 Jahre angehört, schon seit beinahe 9 Jahre» das Amt eines Schriftführer» dieses Kollegiums. Stiftungen. Berlin, 2. August. An der Berliner Universität sind mehrere Stiftungen gemacht worden, darunter auch folgende: Frau Professor Dr. Immanuel M unk hat zum Andenken an ihren Gatten der Universität ein Kapital von 12 000 ,IL zugewcndet. Das „Immanuel Munk- Stipendium", ans den Zinsen des Kapitals, soll alljährlich einmal an einen bedürftigen, durch Fleiß und Leistungen ausgezeichneten Studenten der Medizin vergeben werden. Justizrat Lislo hat als Testamentsvollstrecker des verstorbenen Fräuleins Dr. phil. Elsa Neu mann (der ersten Berliner Doktorin) der Universität einen Betrag vvn 30000 JL überwiese»; die Summe war ihm von einer Fräulein Dr. Ncumann nahestehenden Seite mit der Bestiniimiiig übergeben, daß damit eine Stiftung zum Andenken an die so früh Verstorbene begründet werde. Während alle diese Stistungcn konfessionslos sind, ist die des l861 verftorbcncn Gel). Obcrmedizinalrat C a s p e r, der aus einer alten jüdischen Familie stainmte, zur Hälfte zur Unterstützung armer Studierender cvaiigclischcn (Klaubens bestimmt. Zum Andenken des am 28. Juli 1883 in Jschia verstorbenen Malers Adolf G i n s b e r g aus Berlin haben dessen Geschwister, Herr Philipp Ginsberg in Berlin und Frau v. Boschan geborene Ginsbcrg in Wien, eine Stiftung errichtet, welche den Namen „Wolf Ginsberg-Stiftung" trägt. Der Zweck der Stislung ist, jungen befähigten Malern deutscher Abkunft.ohne Unterschied der Konfession, lvctchc ihre akademische Studienzeit absolviert und davon mindestens das letzte Semester die königliche akademische Hochschule für die bildenden Künste zu Berlin besucht habe», durch Verleihung von Stipendien die Mittel für ihre weitere Ausbildung entweder in Meistcrateliers oder auf answürtigeii Akademien oder durch Stndicnrcisen ins Ausländ zu gewähren. Die Stipendien sollen vorwiegend jungen Malern zugute komme», doch sollen in besonderen Ausiiahmcfällc» auch hervorragend begabte junge Bildhauer berücksichtigt ivcrdcn dürfen. Das Stipendium beträgt ca. l 700 Jk und wird für die Zeit vonü A5>. Dezember 1901 bis dahin 1907 verliehe». Geeignete Bewerber haben ihre Gesuche mit den in Vorstehendem geforderten Atteste» bis zum 17. Oktober d. I. an den Vorsitzenden des Kuratoriums, A. v. Werner, eiiizurcichcn. — Bei der notorischen Benachteiligung jüdischer Bewerber aus allen Gebieten des öfsentlichcn und des privaten Lebens — und so auch bei Stipendien — find jüdische Stiftungen 'für allgemeine Zwecke meistens der Beweis, das; ihre Stifter ihr Zugehörigkeitsgesühl zur jüdischen Gesamtheit bereits verloren haben. Wohl ist cs »ach dem jiidischcn Gesetze Pflicht des Juden für das Allgemeinwohl zu arbeiten und im Sinne allgemeiner Menschenliebe seine Lebensaufgabe zu erfüllen: doch bei, der gegenlvärtig so verzweiflungsvollen sozialen Lage der Gcsamtjndcnheit — besonders im Osten — muß eS als eine Gesinnungslosigkeit gcbrandmarkt tverdcii, lvenii ein Jude seine materielle Hülse statt seinen verhungernden Brüdern, sür die man von uichtjüdischer Seite ans nicht sorgt, allgemeinen Zwecke», für die schon genügend Annehmer vorhanden sind, angedcihen läßt. UcbrigenS ist cs eine Tatsache, daß eine Reihe vvn jüdischem Gcldc gegründeter konfessionsloser Stiftungen grundsätzlich jüdische Bewerber ausschließt. Das kvinmt nämlich in den Fällen vor, in denen die Stiftnngsverwaltnng in christlichen Händen ruht. Wenn deshalb jemand unter uns Inden eine Stiftung sür allgemeine Zwecke macht — und im Prinzip haben wir ja nur unter den gegenwärtigen Verhältnissen dagegen Einwendungen zu machen — so muß er doch wenigstens darauf bedacht sei», daß die Majorität des Berwaltnilgsratcs ans Juden besteht, sonst kan» cs passieren, daß seine Stiftung in antisemitisches Fahrwasser gerät. Oesterreich-Ungarn. Klauscnburg, den 10. August. (Privat-Tclegramm). Der Oberrabbiner von Klausenburg, ein Enkel des C h a s a m S o f e r, hat soeben ein geharnischtes Rundschreiben gegen das gehässige Treiben der Misrachi-Feinde erlassen, das großen Eindruck macht. 0 Feuilleton. 0 Ans bewegter Zeit. Erzählung aus der Zeit der französischen Revolution. Bon R. 7. Fortsetzung. Ein anderes Abenteuer, tvelchcs noch weit wichtigere Folgen für ihn hätte haben können, übcrstand der ehemalige Talmudjünger in seiner ersten Dienstzeit und zwar zu seinem größten Ruhme. Es war eben an ihm der Patrvuillendienst uns der Hauptwachc: er unterhielt sich recht gemütlich mit seinen neuen Freunden und Kricgsgefährten, als plötzlich die Schitdwachc mit lauter Stimme „Gewehr raus" ries, -welcher Ruf erfolgt, lvenn ein Stabsoffizier oder ein katholischer Geistlicher mit der Wegzehrung sür den Kranken vorübcrzieht, in welch' letzterem Falle vier Soldaten dem Geistlichen bis zum Hause des Kranken das Geleite geben müssen. Wirklich war letzteres der Fall, der junge Abarbanel nebst drei anderen seiner Gefährten verließen die Hauptwache und geleiteten den Priester zn seinem Bcstimmungshanse. Dort aiigekomme», erteilte dieser ihnen durch eine Schwenkung der Monstranz seinen Segen, worauf alle nicderknietcn bis ans Abarbancl, der ruhig stehen blieb. „Knie doch nieder! Siehst Du nicht, daß wir alle kniecil?" flüsterte ihm sein nächststchender Gefährte zu, indem er ihn unsanft in die Seite stieß. „Ich knie nur vor dem da oben, nicht vor einem Menschen," erwiderte Abarbancl, mit den Augen zum Himmel blickend. „Wir knien ja nicht vor dem Priester, sondern vor dem Hochwürdigsten nieder!" „Mir ist es aber nicht das Hochwürdigste!" sprach darauf Marbancl fest und aufrecht stehend. — — Am nächsten Samstag, dem sogenannten Rappvrt-stagc, an dem den Soldaten immer die Dicnstgesetze vorgclcsen werden und auch die etwaigen Beschwerden der Soldaten, sowohl gegen einander, als auch gegen ihre Vorgesetzten, wie auch umgekehrt, zur Sprache komme», wurde unser junger Held vom Hauptmannc mit Namen herausgerufen. „Ephraim Abarbancl, Du bist angeklagt worden, die schuldige Ehrfurcht vor unserer Religion verletzt z» haben, indem Du Dich weigertest, vor dem Hochwürdigstcn zu knien. Du unterstehst dem kaiserliche», österreichischen Kriegsgesctze und dieses gebietet jedem Soldaten, ohne Unterschied des Glaubens, vor dem Hochwürdigsten Ehrjnrcht zn bezeugen." „Zu Befehl, Herr Hauptmaim! — Meine Religion verbietet mir aber, irgend einem Bildnis göttliche Verehrung zu zollen!" Alle Soldaten sahen sich 'ob dieser Kühnheit erschreckt an, der Hauptmann selbst war verblüfft und cs dauerte einige Augenblicke, bis er erwiderte: „Wenn Du an Deinem Gesetze so fest hängst, warum tratest Du in den Kriegsdienst? Wie wirst Du mit Deinen mosaischen Satzungen durchkommcn? Wir haben stündlich Kriegserklärung zu erwarte»; was wirst Du tun, wenn Du an Eueren Sabbate,» und Feiertagen marschieren oder sonstige Kriegs- Verrichtungen wirst vollbringen müssen? Wir können auch Monate lang in Gegenden lagern, lvo meilenweit in der Umgegend kein Jude wohnt, von wo wirst Du Dir da eine koschere Küche herzaubern, oder wirst Du von der Lust leben?" „Entschuldigen Sie, Herr Hauptmail», das ist eine ganz andere Sache. Sobald das Wohl des

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