Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 31 (12.8.1904)
- Date
- 1904-08-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Nr. 31. Autorität. Daß er trotzdem, nach der Erfahrung eines Menschenalters, die .Frage, ob Israeliten preußische Unteroffiziere werden können, verneinen muß, mag manchen traurig dünken, sollte aber von Keinem überhört noch gar als ein Zeichen antisemitischer Gesinnung verspottet werden. Die Behörde ist einer klaren Antlvort auf diese Frage oft ansgebogen. Hier ist sic rückhaltlos offen von einem sachverständigen beantwortet. Vielleicht kommen aus anderer Erfahrung bald andere Stimmen, die sagen, die Disziplin sei in der deutschen Arinee so fest, daß cs nur eines Machtwortes bedürfe,, um dem jüdischen Unteroffizier das dem Vorgesetzten unentbehrliche Ansehen zu sichern." In der Denkschrift vom Jahre 1812 heißt es am Schluß: „Faßt man den Inhalt dieser Ermittelungen zusammen, so darf inan als erfahrungsmäßiges Resultat annehmen, daß die Juden des preußischen Heeres von den Soldaten der christliche» Bevölkerung im allgemeinen nicht erkennbar unterschieden sind. Laß .sie im Kriege gleich den übrigen Preußen sich bewährt, im.Frieden den übrigen Truppen nicht nachgestanden haben, insbesondere die jüdischen Religionsvcrhältnisse nirgends als ein Hindernis beim Kriegsdienste hervorgetreten sind." Und heute?? Und wir bemerken: Wenn die uns als beschämend kindlich erscheinenden Gründe des Obcrstleutenant v. Wartenberg wirklich maßgebend sein sollteir für die Nichtbefördcrung der Juden zu Unteroffizieren, dann dürften auch die Juden dasselbe Recht für sich in Anspruch nehmen und jüdische Unteroffiziere und Ofsizicre als ihre Vorgesetzten verlangen. Ein jüdisches Regiment wäre dann die einfache Konsequenz. Unleugbar würde eine solche Einrichtung vollkommen in den Rahmen der gegenwärtigen Politik unserer Regierung, die Konfessionen — so weit wie möglich — von einander zu trennm. passen. Frau Oberbürgermeister Körte in Danzig verweigert einer jüdischen Krankenschwester die Anstellung, weil das christliche Publikum nicht das nötige Vertrauen zu einer jüdischen Schwester habe, Justizminister Schönstedt verleiht jüdischen Rechtsanwälten nicht das Notariat, da sich viele Christen dagegen sträuben, den: „jüdischen" Notar Einblick in ihre Familienverhältnissc zu gewähren. Nehmen wir alle diese typischen Zeichen der Zeit zusammen, so kommen wir zu dem Resultate, daß der Jude gesellschaftlich und sozial wieder in einem Ghetto lebt, dessen Mauern nur die Fahnenflucht, die Taufe, oder ein wieder erwachtes Selbstbewußtsein durch die Rückkehr zum Judentume sprengen kann. Eine Antwort v. Rabbiner Reines.*) Nr. 5024. Li da, 12. Men. Ab 5064. Eine Stimme aus „Misrach". Dem Redakteur des „Tcl-Talpijoth" Gruß.und Segen! In der neuesten Nummer des „Tcl-Talpijoth" sind Aeußerungen einiger Rabbiner abgedruckt, die, auf nichts anderes als agadistischc Deuteleien und haltlose Einfälle gestützt, den Zionismus im allgemeinen und den „Misrachi" im besonderen mit Schmutz bewerfen. Ich halte es durchaus nicht für nötig, auf das Löse Gerede in jenen Briefen zu antworten, weil aus ihnen deutlich genug ersichtlich *) Dieser Brief ist eine Antwort auf den unqualisizierbaren und unerklärlichen Angriff seitens einiger Rabbiner in der ungarischen Halbmonatsschrift „Tcl-Talpijoth" gegen den Zionismus und dessen Anhänger. Welch' kindlicher Natur diese Angriffe sind, haben wir in voriger Nummer in einer redaktionellen Bemerkung dargctan. Es wird in letzter Zeit von einer Clique geradezu Sturm gegen die zionistische Bewegung gelaufen, und mit aller Gewalt und mit allen Mitteln wird hinter den Conlissen gearbeitet, um die zionistische Bewegung in gesetzestreuen Kreisen zu verleumden und zu diskreditieren. Wir werden noch Gelegenheit nehmen, auf diesen Don Quixoteschen.Feldzug einzugehen, damit unsere Leser sehen, wer cs eigentlich mit dem Judentum ehrlich meint und wer persönliche Politik treibt. Wer eines können wir uns nicht enthalten, den Gegnern in Erinnerung zu bringen, daß Schekcr.ein lau raglajim, daß Lügen kurze Beine haben. Anm. d. Redaktion. Frankfurter JsraeMischeS Familienblatt. ist, daß ihre Verfasser weder vom Zionismus noch vom „Misrachi" genügende Kenntnis, oder auch nur eine richtige Vorstellung haben; sie stellen eben nur. kühne Behauptungen auf. Ich werde auch ans die homiletischen Auslegungen nicht erwidern, — da man gerade aus den angeführten Bibelstcllcn mühelos etwas ganz Anderes herauslesen kann. Uns genügt die Menge von Beweisen, die viele rabbinische Autoritäten von heiligem Lebenswandel aus der heiligen Tauroh, den Weissagungen der Propheten, den Worten unserer Weisen, der Rischannim und Acharannim S. Z—l. s ü r den Zionismus - erbracht haben — und was sonst in einer großen Zahl von weit verbreiteten Büchern deutlich auseinandcrgesetzt ist. Aber ein Verlangen will ich in Folgendem an die Rabbiner, die uns angreifen, stellen und i ch fordere von ihnen Antwort: Haben sic sich veranlaßt gefühlt, „über das Volk Gottes Böses auszusprcngen," es als „Leugner", „Zerstörer der Tauroh" und „Widersacher der Gesetze Gottes und seiner Gebote" hinzustellen, — so dürften sie wohl im Besitze von erdrückenden Tatsachen sein, die ihre Worte bestätigen und die ihnen die Befugnis geben, über eine Schar von hunderttausende» Juden so abfällig zu sprechen. Wenn sich das so verhält, so fordern wir denn von ihnen, diese Tatsachen zu veröffentlichen, sie aller Welt vorzulegcn, daß man sehe, ob sie richtig sind oder nicht. Solange'dies nicht geschieht, sondern sie sich mit spitzigen Redensarten begnügen, wird man wissen, daß siegrundlosdasVolkGottesbeschimpst und Fahnenträger der Tauroh ges ch mäht habe n. Diese Herren Rabbiner" mögen erfahren, daß das Heer, das mit uns geht, immerhin stärker ist, als das ihre. Der „Misrachi" zählt jetzt schon etwa dreißigtau send organisierte Mitglieder,— auscrwähltc in Israel und beherzte unseres Volkes, gesetzestreue und mit Herz und Seele uni die Tauroh ernstlich besorgte, die jedes geringste und. strengste Gebot zu erfüllen bestrebt sind. Um die Fahne des „Misrachi" lagern bereits hunderte angesehene Rabbiner, deren Thorakenntnis, Frömmigkeit und Weisheit anerkannt ist und die in ihren Büchern, voll Tauroh und Chochmah, dem jüdischen Volke reiche Schätze zngeführt und durch ihre praktischen Werke viel Segen und Heil gestiftet haben. Der „Misrachi" hat auch schon hunderte Grupp e n gebildet, zur Förderung des Studiums der Tau roh, des Talmuds, des Schnlchan Arnch und der übrigen Zweige unserer heiligen Literatur; er hat auch viele andere Institutionen ins Leben gerufen, welche den Zweck haben, in uns die Emunah und die Religion zit stärken und aufzurichten. Die hohe Bedeutung des „Misrachi" und sein Wert für unser Volk wird von Jedem, der ihn näher kennt, zugestanden und gewürdigt. Ilm solche jüdischen Kreise zu beschimpfen, um die Ehre hunderter, angesehener Rabbiner in den Kot zu zerren, genügt irgend eine „homiletische Auslegung", die man leicht auch anders wenden kann, noch lange nicht; — d a muffen s ch o n klare und wahre Beweise und Begründungen ins Feld g e - f ü h r t werde n. Wenn dies aber unterbleibt, — und wir sind überzeugt, daß es der Fall sein wird —, so werden alle Redlichen in unserem Volke in allen jenen Behauptungen nur gewöhnliche, unbegründete und sinnlose Verleumdungen sehen und man wird „den Gerechten als solchen anerkennen und als Frevler bezeichnen den" — Nicht-Gerechten. — Gott, der Jerusalem ausertvählt und die Tauroh gegeben hat, er möge das auf allen Straßen vergossene Blut seiner Diener rächen und er möge unseren Volksgenossen die Augen öffnen, ans daß sie grabe und richtig schauen! Ich vertraue auf alle meine jüdischen Brüder, daß sic jenen Beschimpfungen und Beleidigungen, dem Gelärm und Geräusch, — „nicht im Geräusch ist Gott!" — keine Aufmerksamkeit schenken werden, daß sie vielmehr auf die Stimme Gottes hören werden, die von Zion und Jernscholajim aus durch den Mund von den Hunderten anerkannten Rabbinern zu ihnen ruft, die in neuerer Zeit uns erstanden sind, um' das Haus Israels aufzurichten und unserer heiligen Tauroh im Lande der Väter eine Stätte zu bauen; ich hoffe, dap alle Brüder kommen werden und teilnehmen an dem heiligen Wert, dem Werk für die Erhaltung der Tauroh, für unser gequältes Volk und verödetes Land. Diese unsere Brüder wissen cs doch, daß die großen Rabbiner Rabbi Hirsch Kali scher und Rabbi. Eliah Gutm acher cs waren, die als erste das Arbeits-Banner für den Zionismus erhoben hatten; ihnen schlossen sich dann bedeutende und berühmte Rabbiner an, die sie in ihrer Arbeit unterstützten und ihr Wert bis auf den heutigen Tag fortsetzcn. Und die begeisternden und aneiferndcn Worte dieser Großen, welche doch gewiß aus lauterem Herzen und in guter Absicht kamen, werden schließlich in die Herzen aller unserer Brüder dringen und sie in die Reihen des Zionismus stellen, dieser heiligen Bewegung, durch die für Israel im Lande der Väter ein Acker beschafft und die heilige Tanroh aus de» Boden unserer Heimat gepflanzt werden soll. Wenn uns zahlreiche unterstützen werden, so wird auch Gott uns beistehcn und unser Werk gelingen lassen und uns in Jubel und ewiger Freude nach Zion bringen. Es zeichnet mit betrübtem und wehmütigem Herzen Ivegen des Unglücks seines Volkes Jizchok Jaakauw Reines. Vor der „Misrachi"-Weltkonserenz. ■ Je näher wir den Tagen kommen, da die Delegierten und Vertrauensmänner der gcsetzestreilcn Zionisten sich in Pozsony (Preßbnrg) zusammenfindcn, damit sie der Weltorganisation des „M i s r a ch i" feste Grundlagen geben und sie zweckdienlich ansbaue», umsomehr wächst in allen Kreisen unseres Volkes das Interesse für die Ideen, die der^„Misrachi" vertritt. Selbst Gegner, die bis jetzt abseits standen, fangen langsam an, zu begreifen, von welcher Bedeutung der „Misrachi" für die Gestaltung unserer Verhältnisse werden kan». In eine jüdische Zeitung, von der wir es seit Jahren nicht mehr gewöhnt sind, verirrte sich dieser Tage ein in anständigem und würdigem Tone gehaltener Aussatz eines ungenannten Gegners, der sich mit dem »Misrachi" sehr ernst auscinandcrsetzt. Wir sehen da, wenn der Schein nicht trügt, einen denkenden Nichtzionisten, der sich ernstlich bestrebt, sich zu einer ehrliche», nnvorcingeiiommenen und einheitlichen jüdischen Lebensanschauung emporznringe». Das sind die Leute, die wir suchen — u u d diese werdcnwir in den Reihen der M i s r a ch i st e n wie - d e r s e h e n. Wir können uns an dieser Stelle auf eine eingehende Besprechung jenes Artikels nicht einlasscn, so sehr wir auch im Interesse der Sache eine fruchtbare Diskussion wünschen möchten. Die Preßburger Tage werden hoffentlich nach verschiedenen Richtungen hin Klärung bringen, oder doch auf jeden Fall anbahnen. Die Juden, die allem voran Jude», und nichts als Inden sein wollen und noch nicht verlernt haben, klar zu denken, werden — früher oder später! — tüchtige und lebensfreudige Mitarbeiter werden an dem großen Werke des „Misrachi". Ans dem Wege sind sie schon. Es ist sehr interessant, diese Entwicklung eben an jenem anonymen Artikel deutlich wahrznnchmen. Das Programm, das dort von einem „n o ch" Gegner der „Misrachi"-Konserenz vorgcschlagcn lvird, deckt sich inhaltlich f a st v o l l st ä n d i g mit dem, das von der Leitung seit langer Zeit ausgearbeitet ist und in Preßbnrg zur Diskussion gestellt werden soll. Daß der Verfasser jenes Artikels die Anschaunngeu und die Gruppierung der Misrachiftcn vielfach verkennt und daß er oft aus gar zu engen Verhältnissen heraus an die Beurteilung der Lage des gesamten Judentnms herantritt, — kann ihm leicht verziehen werden; er ist eben noch nicht Zionist. So viel von dem Gegner, der denkt. Es gibt aber auch Gegner, wie die geschätzten Leser schon wissen, denen erst durch'Briefe aus Rußland und Holland suggeriert werden muß, daß sic Äntizionistcn sind, — und wenn sie auch, erst später erfahren werden, Uvas -das eigentlich "Heißt.: Zionisums. Solche Albernheiten im voraus zu wissen, ftnden weise Männer gar nicht für nötig. Man brachte es doch auch o h n.c hin zuwege, „flammende Proteste" in Druck zu setzen, durch welche den Preßburger Juden bedeutet werden sollte, doch