Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 31 (12.8.1904)
- Date
- 1904-08-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IrankfirrLer Hsdaktton nnd HefchLftsstelke: Zrankfurt a. IR., Leiliglreuzgaffe 32. Ecke Llapperfeldstraße (gegenüber der Neuen Zeit). Heransgöber: Kaln Geis. < ' Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnemcnts- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnenientspreise siehe Schluß des redaktionellen Teiles). 'i ■ — Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Psg. Die Reklamczeile. ivo „ Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 .. Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mt. 8.- 2 Jahrgang. Freitag, de« 1. Elim 5664 (12. August 1904), Ro. 31. Die Erben des zionistischen Vermächtnisses. Von Schalmaun. Mit dem Ablebe» Theodor Herzl's, des Führers der Zionisten, haben sich gar manche Prätendenten eingcfundcn, die das reiche Erbe antreten wolle». Herzl's Soldaten sind gar brauchbares Material! Auch die Assimilationsjuden haben sich eingestellt, auch sie, — wie sehr paradox cs klingen mag — machen Erbschaftsrcchte geltend! Im ersten Morgenblatte vom 22. Juli bringt die Fr a n k f u r t e r Zeitung aus der Feder von Paul Schiff- Baden bei Wien einen Artikel mit der Ucberschrist „Theodor Herzl und der Zionismus". Schreiber verlangt, daß der Zionismus das Nationale fallen läßt und nur das M c n s ch l i ch e beibehält. Nur nach Menschenrechten soll der Zionismus fortan streben, also „nicht der Jude im Jude n zur Ehre bringen, sondern den M en - s ch e n i m Jude n." Zwar verkennt Schreiber die Schwierigkeit der Ausgabe nicht,, er weiß, daß die Juden nicht so schnell zu vollen Menschenrechten gelangen werden, aber ausdauernd und optimistisch >vie ein Jude, bringt er es fertig, in seiner Hoffnung auf den cndgiltigcn Sieg der Gerechtigkeit zu verharren; die Zeit, in der Wolf und Lamm zusammen weiden,. kommt, sic kommt ganz sicher, wenn nicht jetzt, dann später. — Trotzdem wolle der Leser nicht glauben, daß Schreiber zu jener Kategorie Träumer gehört, denen in ihrer Phantasie eine Zeit der völligen Gleichheit, des Schwindens jeglicher Unterschiede zwischen Mensch und Mensch, zwischen Nation und Nation vorschwcbt, eine Zeit, in der Wolf und Lamm eins sind, in der cs nur eine Nation und eine Religion oder Moral aus Erden gibt; im Gegenteil : Unterschiede wird.cs wohl geben — Nationen, denen „politische oder kulturelle Aktualität" zu Grunde liegen, sind ja existenzberechtigt und sogar das Judentum, das des Autors Ansicht nach keine Nationalität ansmacht, soll neben den Nationen existenzbcrcchtigt ■ sein —, aber die Aufklärung wird es mit sich bringen, daß der Wolf niemals das geringste Leid dem Lamm antut, sie leben neben einander, ohne den geringsten Ton der Disharmonie, also: eine friedliche, gerechte Menschheit im höchsten Sinne dieser Begriffe. Es ist sehr müßig, von Dingen zu sprechen, die bereits hundertmal gesagt wurden; allein die Worte des Herrn Schiss beweisen zur Genüge, daß in diesem Falle die hundertmal gesagten Dinge entweder nicht vernommen oder nicht verstanden worden sind; und wir sind deshalb gezwungen — schon der Frankfurter Zeitung wegen, die die Bibel der süddeutschen Inden, sowohl der neologen als auch .der orthodoxen ist (ein Zentralorgan der Orthodoxen hat nichts Eiligeres zu tun gewußt, >als den Aussatz des Assimilationsjndcn Schifs vollinhaltlich zum Abdruck zu bringen) — näher ans den Artikel einzugehen. , Zur Lösung der Judcnfrage gibt cs zwei Wege: der eine der der Zerstreuung und Auflösung, der Assimilation; der andere der der Sammlung und Regenierung, der nationalen Selbständigkeit. Die Grenzen des ersteren stellt die Diaspora dar, die des zweiten Palästina, die llrheiinat des jüdischen ^Volkes. Jeder einzelne der beiden Wege muß konsequenter Weise bis zu Ende gedacht, bis an die äußerste Grenze gezogen werden. Eine halbe Assimilation ist undenkbar, denn eS ist nicht möglich, wenn man sich erst einmal in dem Auflösungsprozesse der Assimilation besindet, bei einer bestimmten Grenze Halt zn machen; dazu kommt noch, daß der halbe Jude den Bollern viel lästiger als der g a n z e ist, letzterer geht seines Weges, drängt sich nicht auf, um acn Lauf des össentlichen Lebens zu beeinflussen und macht keine Anstrengungen als Voll- Aricr zn gelten. Aber auch der Weg der Regenierung kann nur vor sich gehen, wenn das jüdische Volk sich ein Endziel gesteckt hat, wenn ihm ein "ideales Sammcl-Zentrnm vorschwebt, auf welches die neu erwachten Kräfte mit freudiger Hoffnung Hinblicken können. Einen anderen Weg, als einen der beiden erwähnten, gibt cs nicht. Wohl zeigen manche auf den Weg der „Tauro im dcrcch crez", der „Perbindung der jüdischen Ueberlicferung mit der allgemeinen Kultur". (Auch Schreiber will im gewissen Sinne das nämliche, auch er will das Judentum neben der arischen Kultur gewahrt wissen; freilich ist sein Judentum ein anderes als das der Vertreter der „Tanroh im derech crez, allein die Tendenz ist dieselbe», aber dieser Weg ist bei all' seinem schönen Klang in wahrhaft freien Ländern unhaltbar und sogar in reaktionäre» Ländern ein künstlicher, voll Gefahren, Straucheln und Verirrungen aller Art. (Schluß folgt.. Indische Unteroffiziere. Zn diesem Kapitel veröffentlicht Oberstleutcn a n t a. D. K a r l von Warte nberg in der letzten Nummer der „Zukunft" einen Artikel, in dem cS u. a. heißt: „Das Verlangen unserer jüdischen Mitbürger, daß auch ihren Söhnen die Laufbahn des deutschen llnteroffizicrs nicht verschlossen werde, ist an sich durchaus berechtigt; und jeder gerecht Urteilende mutz verstehen, daß sie nach dieser Richtung energisch Vorgehen. Haben sie nicht alle Pflichten des Staatsbürgers ohne Ausnahnie zu erfüllen? Wie läßt sich da rechtfertigen, daß ihren Söhnen die vom Staat nnterhaltcnen Unterosfizierschulen verschlossen bleiben? Sicht es nicht fast aus, als seien sie Staatsbürger zweiter Klasse, deren Rechte den Pflichten nicht entsprechen? Theoretisch muß ohne Zweifel auch den jüdischen jungen Leuten der Eintritt in die Unteroffizierschulen gestattet werden. Aber wie selten decken sich Theorie und Praxis! Auch hier steht die Praxis im schroffsten Gegensatz zur Theorie. Die jungen Israeliten wollen durch den Besuch der Unter« offizierschulen eine Qualifikation zum militürischeii Vorgesetzten erreichen. Dagegen sprechen aber sehr vernehmlich die Rücksichten aus die Disziplin unseres Heeres. Der jüdische Soldat hat sich im Dienst durchaus nicht etwa als unzulänglich erwßeseu. Ebenso wenig kann ihm im allgemeinen die Befähigung zum Vorgesetzten abgesprochen werden. In meiner — ein ganzes Menschenaktcr ausfüllenden — Dienstzeit habe ich sehr viele Inden unter meinein Befehl gehabt. Wenige von ihnen ließen dienstlich zu wünschen übrig. Einzelne waren geradezu ideale Soldaten, die mich und auch andere Offiziere zu aufrichtiger Bewunderung hinrissen. Nur Voreingenomnicnheit kann daher die militärische Beanlagung der Juden leugnen. Unter den besten Truppen führern Bonapartes ivaren Juden. Ein Jude ist, wenn ich nicht irre, Kriegsminister des Königreiches Italien. Daran, daß sich trotzdem im deutschen Heere die Israeliten nicht als Vorgesetzte verwende» lassen, trägt das Widerstreben des christlichen Mannes die Schuld, einem Juden zu gehorchen. So fremd unserem einfachen Mann, wenn er nicht konfessionell oder religiös einseitig beeinflußt wurde, auch jede Gehässigkeit gegen Andersgläubige ist: gegen die Pflicht, jüdischen Vorgesetzten zu gehorchen, lehnt er sich innerlich auf. Ein jüdischer Soldat zeichnet« sich im letzten Feldzug so ans, daß er in kürzester Zeit der Liebling aller Offiziere wurde, und sie nicht eher ruhten, als bis sie seine Beförderung zum Unteroffizier durchgcsetzt hatten. Kaum war er es aber, als die Schwierigkeiten mit den Mannfchasten begannen; nnd so taktvoll sich auch bei jeder Gelegenheit der junge Unterossizier benahm: sehr 'bald mußten die Offiziere bereuen, daß sie seine Ernennung vorgeschlagcn hatten. Denn sie konnten nicht verkennen, daß unter der Zugehörigkeit des Unteroffiziers zum Judentum die Disziplin der Kompagnie litt. Die Staatsraison steht aber über der Theorie! Verlangt sie, daß Soldaten jüdischen Glaubens nicht in die Charge eines Unteroffiziers vorrücken, so muß dieser Forderung unter allen llinständen genügt werde», mag sich das Rechtsgefühl noch so sehr dagegen aufbänine». Die suliis puhlic.-i ist eben das höchste Gesetz. In Frankreich und Italien stellt sie auf konfessionellem und religiösem Gebiete an die Armee nicht so harte Forderungen wie bei uns; vielleicht, weil Franzosen und Italiener religiös weniger tief empfinden als wir Deutschen. So bedauerlich es ist: unsere jüdischen Mitbürger müssen der Eigenart des christlichen deutschen Soldaten Rechnung tragen und sich damit begnügen, den Rechtsanspruch ihrer Söhne theoretisch zu betonen. Das fordert übrigens auch ihr eigenstes Interesse. Welche Befriedigung kann diese» Söhnen ein militärisches Amt gewähren, in dem sie stets auf dem (jui vive leben, bei jeder Berührung mit ihren Untergebenen einen Konflikt fürchten müssen? Ich kann deshalb das Verfahren der militärischen Behörde nur billigen, die sich nicht zu entschließen vermag, das Heer und junge jüdische Leute ernsten Unzuträglichkeiten auszusetzen. Hierzu bemerkt H a r d e n selbst: „Der Ossizier, der hier das Wort nimmt, hat, wie er selbst in der „Zukunft" erzählte, unter dem Pseudonym Freiherr von Guhlen eine Schrift veröffentlicht, die sich gegen allerlei Mißstände deutschen Heerwesens wandte nnd auch in der demokratischen Presse viel Beifall fand. Er ist also weder stockkonservativ noch ein blinder Anbeter aller geltenden