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Neue jüdische Presse · 1904-08-05 · Heft 30 (5.8.1904) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 30 (5.8.1904)
Date
1904-08-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Dr. 5 erb. Krieger, Königsberg; K ü stcr , Landgcrichtsrat a. D., Stettin: W i l h. Langenbach, Darmstadt; Lenzmann, Justizrat, Reichstagsabg., Lüdenscheid: Josef Levison, Düsseldorf; von Liszt, Geheimrat, Professor, Charlottenburg; Dr. L o e b, Rechtsanwalt, Mainz; Löwensohn, Kommerzienrat, Fürth r. B.; Dr. Martin, Gymnasialdirektor, Gnescn; Dr. Heinrich M e y c r Cohn, Jnstizrat, Berlin; O t t o mar M ü l l e r, Obcrlandesgerichtsrat, Köln; M u s e r, Landtagsabgcordncter, Offenburg i. B.: Dr. Paul Nathan, Stadtverordneter, Berlin; Dr. S. N e u m a n n, Berlin; Dr. Nöldccte, Landrichter, Hamburg: Dr. Osthoff, Professor, Heidelberg; P a y e r, Rechtsanwalt, Rcichstagsabgeordneter, Präsident der württemb. zweiten Kammer, Stuttgart; Pa in per in, Direktor, Elbing; Martin Philivpsoh » , Professor, Berlin; Pohl, Jnstizrat, Rcichstagsabgeordneter, Glciwitz; Dr. Portig, Pastor, Bremen: Albert Rathenau, Rentier, Berlin; R a st b a ch, Stadtverordneter, Magdeburg; H. Reh, Rechtsanwalt und Notar, Alsfeld; N c i n b a ch e r, Justizrat, Schöneberg-Bcrlin; L. H. R c i st, Frankfurt a. M.; Dr. Ro sc n t h a l, Oberstabsarzt, Magdeburg; Dr. M a x Rothfels, Jnstizrat, Rechtsanwalt und Notar, Kassel; S. Saling er, Rentier, Berlin; Dr. S ch ü ck i n g, Sanitätsrat, Pyrmont; R c i n h a r t Schmidt, Reichs- und Landtagsabgcordneter, Elberfeld; Dr. Scligsohn, Rechtsanwalt, Wiesbaden; A. M. Si m o n, Konsul, Hannover; M a x S i m o n , Stadtverordneter, Elberfeld; Moritz Simon, Wiesbaden; P h. Simson, Danzig: Stein- Hauer, Hofbesitzer, Obcrmühle bei Köslin: Dr. O. Stern, Jnstizrat, Würzburg; Stoddart, Kommerzienrat, Danzig: I. Tcws, Lehrer, Berlin; I. T r c n k n c r, Oberlehrer, Ottcrndorf; V i c t o r i u s , Kommerzienrat, Graudcnz; Emil W a l d st e i n, Gncsen; MoritzWarbnrg, Hamburg: K. W c i st, Kgl. Stadtschulinspektor, Nürnberg; Dr. W e n d o r s, Gutspächtcr, Toitz bei Grimmen: Dr. F. C. Witte, Fabrikbesitzer, Rostock; Carl Wolfs, Darmstadt; Dr. Wolsfbcrg, Breslau; Wo lga st, Landtagsabgeordneter, Kiel. Stratzburg i. Elsaß. Der .Israelitische Verein für Ferienkolonien" beginnt seinen dritte» Jahresbericht, betreffend das Jahr 1903, mit folgenden Worten: „Mit Genugtuung können >vir erklären, das; wir auch in diesem Jahre in die angenehme Lage versetzt waren, 30 Kindern einen mehrwöchcntlichen Sommcraufcnthalt in Bad Nauheim zu gewähren, eine Wohltat, die nur von dem in ihrer ganzen Größe erkannt iverdcn kann, der schon Einblick genommen in die dumpfen Zimmerchen, der schon Einkehr gehalten in die ärmlichen Dachwohnungen der engen, staubigen Gästchcn der Großstadt: den Heimstätten unserer Pfleglinge. Wahrlich, eine menschliche Pflanze solch ungesunden Winkeln entreiste» und derselben Lust und Licht in. ausreichendem Maste, Reinlichkeit und freie Beivcgung, stärkende Nahrung und ordentliche Kleidung spenden, das ist die Verwirklichung des höchsten Grundsatzes unserer Religion: „Liebe deine» Nächsten wie dich selbst" in idealster Bedeutung. Wie manches Hebel, wie manch wirtschaftliches und sittliches Elend der arine» Kleinen wird so dank der edlen Einrichtung verhindert, wie manch' schwächlicher Körper gckräftigt und manch schleichende Krankheit im Keime erstickt! Und trotzdem hat die Betätigung an unserem Verein nicht gleiche» Schritt gehalten mit dem Segen, den er verbreitet, und unser Wirken ist deshalb bei weitem nicht so umfangreich, als es die Notwcntigkcit erfordern würde. Wir richten darum auch in diesem Jahr an alle, die uns bis setzt ferne gestanden, die Bitte, uns Beiträge zur Verfügung zu stellen, und an unsere bisherigen Freunde das ergebene Ersuchen, Propaganda für unsere Bestrebungen zu machen." Der Rechnungsabschluß verzeichnet als Einnahme» u. a.: Beitrag Sc. Durchlaucht des Kaiserl. Statthalters 200 AL, Beitrag der Stadt St rast bürg 200 .1/., Mitglicdsbeiträgc 1963 AL und als Ausgabe» u. a. Verpflegung in Nauheim 2050 AL, Reise nach N'auhei»; 286,50 , H., Kleider und Schuhe 155,05 AL Der Vorstand des Vereins fetzt sich zusammen aus folgenden Herren: Oberrabbiner Ury, A Oppenheimer, Leop. Heymann, S. Kräiner, Joseph Lcvy und I. Hagucnoncr. G Feuilleton. G Aus bewegter Zeit. Erzählung aus der Zest der stanzösischen Revolution. Bon R. 6. Fortsetzung. „Schajskops! — Handelt es sich denn hier nur um die Güter der kaiserlichen Prinzen? Die Bande des Blutes, die unseren Kaiser mit dem König von Frankreich verbinden und die Pflicht der Selbsterhaltung sind die Gründe, welche unfern Kaiser zum Kriege zwingen. Des König von Frankreichs Frankfurter Israelitisches Fmmlienblatt. Nr. 30. Gemahl, Marie Antoinette, ist eine Schwester unseres Kaisers und dann: wenn die nenfranzösischen Ansichten in Frankreich siegen, wer verbürgt uns dafür, daß sic nachher nicht auch die französische Grenze überschreiten und so auch die anderen Völker gegen ihre Landesherren sich auslehnen?" erwiderte eifrig ein Dritter. „Was wollen denn eigentlich die Franzosen? Ich höre viel von der Sache reden und verstehe kein Wort davon," meinte daraus ein Vierter. „Was sie wollen? Freiheit und Gleichheit aller Staatsbürger und Anteil des ganzen Volkes an der Verwaltung des Landes l" Es war Abarbanel, der cs dazwischen rief. „Freiheit? Heißt nicht Freiheit, daß ein Mensch den anderen am hellen lichten Tage auf der Straße totschlagen darf?" „Amerika und die Schweiz sind auch freie Staaten, und trotzdem wird der Totschläger dort ebenso hart wie bei uns bestraft. Unter Freiheit versteht man die Erlösung des Volkes von-ungerechtem Drucke; freie Entwicklung jeder geistigen Kraft, ohne von Ausnahme- und Zunftgcsetzen, nach Stand- und Glaubensbekenntnissen gesetzlich in Schranken cingezwängt zu iverdcn. — Hört, Brüder, ob wir es erleben, weist ich nicht; einst aber wird es auch bei uns so sein!" „Seht Kameraden, wie der rot wird; er scheint ja für die Sache recht zu schwärmen," unterbrach da Abarbanel einer aus der Schar; doch, ohne sich stören zu lassen, fuhr dieser mit begeistertem Tone fort: „Und welcher Mann, der Sinn für Wahrheit und Recht hat, sollte dafür nicht schwärmen? Wie lange noch wird es im Staate zweierlei Menschen geben, verzehrende und entbehrende, prassende und darbende, knechtende und geknechtete? Wird stets der ehrliche Landmann im Schweiße seines Angesichtes für den Adel arbeiten müssen, damit dieser seine Tage in Wohlleben und Untätigkeit verbringe? Und auch wir Juden, werden wir stets in allen Rechten vor unfern christlichen Mitbürgern zurückgesetzt sei»? Ich frage Euch, Kameraden, wäre es eine Wohltat oder ein Unglück für die Menschheit, wenn durch dergleichen Umstände alle Unterst zu Oberst gekehrt würden?" „Ja, wie wird cs aber aussehcn, wenn, jeder Unberufene über die Landcsvcrwaltung ein entscheidendes Wort zu reden hat; wie es jetzt die Franzosen wollen?" „Das wollen die Franzosen keineswegs! — Sic wollen nur, daß jeder Bürger im Staate — ob hochgeboren oder nicht, ob reich oder arm, ob Christ oder Jude — berechtigt sei, berufene Männer zu wählen, welche mit dem Landesherren die Verwaltung des Landes zu teilen hätten. Die Stimmenmehrheit hätte übrigens zu entscheiden, wer die eigentlich Berufenen sind." „Schönen Dank! Da haben wir wieder etwas Nützliches gelernt. Mer glaubst Du, daß die Franzosen ihren Willen durchsetzen werden?" Und ein anderer — cs war der Soldat, der die Unterhaltung begonnen — erwiderte voll Feuer: „Durchsetzen? — Davon ist keine Rede. Glaubt Ihr, daß Oesterreich und Preußen die einzigen Gegner Frankreichs sind? Allen europäischen Fürsten wackeln ihre Throne unter den Füßen, und es liegt im Selbsterhaltungstrieb aller, mit den ersten zwei gemeinschaftliche Sache gegen Frankreich zu machen. Gesetzt den Fall aber, daß sie es nicht täten, so sind jene allein, wenn sie vereint sind, auch imstande, Frankreich zu demütigen; noch dazu, wenn man bedenkt, daß die Franzosen unter sich selbst uneins find und ein beträchtlicher Teil von ihnen, besonders der Süden, mit der neuen Ordnung unzufrieden ist. Auch hat unser liebes Deutschland mit Frankreich eine mchrhnndertjährige Rechnung auszuglcichcn und diese muß baldigst zu unserem größten Ruhme erledigt werden, so wahr der heilige Cyprian mein Schutzpatron ist!" „Sachte, sachte, Brüder," entgegnete Marbancl, „so leicht erdrückt man Frankreich nicht! Ich, als Krieger im österreichischen Heere erwünschc gewiß, ebenso wie Du, den Sieg unserer Waffen; gar so leicht stelle ich mir aber die Sache nicht vor. — Weißt Du, Bruder, was das 'Wort „Idee" bedeutet und welche Riesenkraft eine „Idee" dem einflöstt, der für sic kämpft. Weißt Du, daß ein Mann, der für seine eigene und seines neugeborenen Vaterlandes Freiheit kämpft, cs leicht mit Dreien aufnchmen kann, die als blinde Werkzeuge ihrer Vorgesetzten sich für fünf Kreuzer und einen Laib Kommißbrod schlagen? Man mag den Franzosen alle Tugenden absprcchcn, aber die Vaterlandsliebe must, man ihnen lassen. Während wir Deutsche mit dein Franzosentume so sehr liebäugeln, uns recht vornehm halten, wenn wir französisch gekleidet gehen, uns hochgebildet dünken, wenn wir in unsere Umgangssprache jo viel französische Brocken als möglich cinslicken; geht dem Franzosen sein Vaterland und mit diese»! seine Volkssitte und seine Sprache über alles. Dies, lieber Bruder, müssen wir bedenken. In wie weit meine Behauptung richtig ist, wird uns die Zukunft lehren!" „Wohl bekomm' die Predigt; jetzt gehen wir schlafen, Brüder," nahm Abarbanel's bekannter erster Gegner, den er so tüchtig abgcscrtigt hatte, daS Wort. „Der Kamerad hat Recht, es ist schon halb . Zehn," stimmten mehrere Andere ein. Während die Kameraden sich von ihren Plätzen erhoben und sich zum Schlafengehen anschickten, schlug Abarbanel schnell seinen Mischnahband auf, um — wie er es gewöhnt war — vor dem Schlafengehen einen Abschnitt daraus zu.lernen. „Ei was, er wird uns doch nicht vor dem Schlafengehen etwas aus seinem Meßbuch vorpredigen wollen?" bemerkte sein Gegner, als er sein Vorhaben sah, boshaft. „Für Dich ist garnichts darin. Du kannst schlafen gehen und Dich für heute mit der ersten von mir erhaltenen Lehre begnügen," erwiderte Abarbanel, ihn mit einem warnenden Blick ansehend. „Für mich ist nichts darin; für wen den»? Gewiß nur für euch Juden, um euch zu lehren, wie man handeln und schachern und die Christen betrügen soll!" „Ich will Dir den Inhalt in möglichster Kürze mitteilen," erwiderte Slbarbanel, indem er ganz ruhig den dicken Band mit der rechten Hand faßte und ihn dem. lästigen Gegner an de» Kopf warf. Dieser taumelte, fiel mit dem Kopf an die Mauer, richtete sich dann wütend auf und wollte dem edlen Geber das erhaltene Geschenk in derselben Weise wieder zurückwerfcn, wie er es erhalten hatta. Die Kameraden fielen ihm aber in den Arm und riefen ihm lachend zu: „Nun ist Deine Neugierde vollkommen befriedigt; der Inhalt dieses Buches ist Dir au; leicht faßliche Weise in den Kopf gedrungen; cs geschah Dir ebenso recht, wie das erstemal; jetzt, Bruder, komm schlafen!" Darauf zerrten sie ihn gewaltsam zu seiner Spreu hin und hielten ihn vor jedem ferneren Angriff zurück. „Er wird mir's schon bezahlen, der verdammte Jude! Das hat man wirklich Doch noch nie gehört, — ein Jude einen Christen schlagen, und die Christen nehmen des Juden Partei!" „Was geht es Dich an, wenn er etwas lernen will? Hat er Dir damit ein Leid zugefügt?" „Ja, cs geht mich an! — In einer Kaserne soll gezecht und gesungen, nicht gelernt werden." „Jetzt sei ruhig, Raufdcgen, sonst werfen wir Dich hinaus!" Während dieser Rede hatte Abarbanel das Buch vom Boden aufgehoben und ruhig daraus weiter gelernt. Als er seinen Abschnitt ansgelcrut hatte, begab er sich ebenfalls zur Ruhe. (Fortsetzung folgt.) Erinnerungen und Gedanken von>N. S o k o l o w. Aus dem Hebräischen übertragen von I. K. , (Fortsetzung.) ^Ein armer Jude kam auch zu Hcrzl. Das ist ja ganz natürlich, daß die armen Juden zu Hcrzl liefen. Er — er wird sicherlich helfen, er muß helfen! Was heißt das?! Zionismus, Kongreß, Kolonialbank, Nationalfonds, Millionäre — ein solcher Reichtum an Geldquellen! Dieser Reichtum von Hoffnungen wimmelte immer im Gehirn des armen Juden, so oft er an Hcrzl dachte. Man begreift wohl, daß auch Rothschild's sich manchmal genötigt sehen, ihrem spendenden Beutel Halt zu gebieten und die sich in Ilnmassc anhänfenden Gesuche nicht völlig zu gewähren. Hcrzl aber konnte nicht einen zurückweiscn. Und dann konnte er auch nicht, wie es gar viele „gute" Leute tun, die so leicht gerne versprechen und sich dann ans dem Staube machen. Wohl waren viele Freunde Hcrzls darum besorgt,' daß er von diesen häufigen Bitten, die seine edle Natur anfzchrtcn, nicht allzuviel überlastet lvcrde. Denn — sagten sie sich mit Recht —, soll nur Hcrzl seine Kraft und Zeit in den Dienst der aufreibenden Tätigkeit für die vielen -und verschiedenartigen ihn täglich um Hilfe anrusendcn Notbcdürftigen stellen; soll sich nur Herzl mit jedem einzelnen Unglücklichen abgeben, ihre Verlangen anhören und flir sie Sorge tragen oder wenn auch nur an ihrem Schicksal >nitleidsvoll jAntcil zu nehmen — was doch für einen solchen innigsten, zart fühlenden Mann schon sehr angrcifcnd ist — so würde er rasch erschöpft, verbraucht werden. Wer für etwas Großes bestimmt ist, darf nun nicht iin Kleinen anfgehcn. Die große Kraft soll nicht für Bagatellen vergeudet werden. Herzl hat eine Volkssachc vertreten, er mußte daher vor Zersplitterung seiner Kraft in alltäglichen Wohltaten gegenüber einzelnen Individuen — er inußtc davor geschützt, gewarnt werden. Und dies taten nun seine Freunde, die ihm näher standen und sein tief empfindliches Herz kannten.

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