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Neue jüdische Presse · 1904-08-05 · Heft 30 (5.8.1904) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 30 (5.8.1904)
Date
1904-08-05
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30. Seite 5.!Aber diese Behutsamkeit und Aufpassung, sic nutzten doch nicht. Die armen Inden suchten Herzt immer und überall auf, wie er auch sic aufsuchtr. Er hieß sie willkommen und daher besuchten ihn diese Gäste gar oft. Er schonte sich nicht und machte alle Aiistrengnnge», um jede Bitte zu erfüllen und jedem Notleidenden Hilfe zu leisten — und wenn es auch über seine Kraft war. Niemand ging von ihm mit leeren Händen fort. Und eines Tages kam zu Herzt ein armer Jude und fast wollte es scheinen, dast er von ihm mit leeren Händen davonkommcn wird — nnd doch .... Der Mann erzählte natürlich seine Leidensgeschichte und Herzt lauschte jedem Worte die innigsten Gefühle des Unglücklichen ab. Er ist ein Auswanderer; er must weiter reisen und hat kein Reisegeld; er hat auch nichts, wo zu übernachten; er hat noch heute nichts gegessen; er wandte sich an einen Hilfsverein und man half ihm nicht: da wandte er sich au die Untcrstütznngskasse und man unterstützte ihn nicht; man jagte ihn herum, man schickte ihn von einer Stelle zur zweiten — aber nirgends bekam er etwas. Und der Hunger, der Hunger .... So steht's mit dem jüdischen Auswanderer: Ein Reisegcspräch voll Leiden. Aber noch ist seine Hvsfnung nicht verloren: — Zionismus, Kongreß, Bank, Nationalfonds. — Sie werden mir schon einen guten Rat geben könne». „Was nützt da ein Rat" — lispelten die Lippen Herzls düster und schmerzvoll, während seine Hand nach der Tasche griff; erfolglos hier, griff er dann nach der zweite», dritten und vierten .... Er fand aber nicht, was er suchte. Auch in der Büchse, die vor ihm stand, war kein Geld drin. Da zog er von seinem Finger den Ring herab und reichte ihn dem armen Auswanderer. — „Leider habe ich eben kein bares Geld. So wollen Sie, bitte, diesen Ring in ein Pfandhaus tragen und in Empfang nehme», was man ihnen dort geben wird . . . ." Der Arme stand da ganz verblüsft und mit zitternder Stimme sprach er: „D, nein! Besten Dank, besten Dank! Gott behüte, ich kann dies nicht annehmcn!" Herzl machte eine strenge Miene nnd sagte: „Zionismus, Kongreß, Bank — Sie scheinen doch diese Name» zu kennen nnd Sie wissen doch Ivohl, dast ich an der Spitze des Zionismus stehe: Sie müssen mir also gehorchen." Und der Auswanderer ging fort nnd gehorchte dem Befehl Herzls: er brachte den Ring ins Pfandhaus. — All dies ist keine Entdeckung von neuen Charaktcrziigcn, keine Enthüllung von bisher unbekannten Gcschichtchc». Es ist auch keine Erfindnng der Zionisten, die im Parteieifcr doch von manchen Vorurteile» befangen sein könnten. Der große, prächtige Kranz im schwarz-violetten Kolorit und mit der Widmung: „Dem Edelsten der Journalisten" — er' stammt nicht von Zionisten, wie überhaupt nicht von Juden, sondern von einem Schriftflellerverbande; diese Ehrenbezeugung ist also von einem Kreise hervorgegangen, i» dessen Mitte nicht wenig Neid und Rivalität obivalten. Gar oft waren diese eigentümlichen Charakterzüge Hcrzl's auch seinen intimsten Freunder ein unlösbares Rätsel. Kahn konnte es nicht begreifen, dast ein so erfahrungsreicher Mann, wie es doch nnbestritten Herzl war, ein Weltmann, der die leisesten Töne dem Leben ablauschte und in die Tiefen des mensch- Frankfurter Israelitisches Familienblatt. lichcu Leides hineinblickte, beim Anblick mir eines kranken Kindes, das in der Wiege lag, in Aufregung geraten war. Wolfsohn konnte sich nicht darüber genug wundern, daß Herzl in einer Station, auf der Reise nach Konstaiitinopel, ei» langwieriges Gespräch mit dem Lokomotivführer anknüpfte, mit diesem rumänisch - magyarisch - bulgarischen Abkömmling, dessen kauderwelsche Sprache kaum verständlich war: und welcher Anlaß war denn da, sich zu entrüsten und darüber nachdenklich zu werden, dast dieser Maschinist nur 100 Fr. monatliche Gage erhält? Katzenstein aus Libau konnte cs sich nicht erklären, warum Herzl beim Anblick einer armseligen Wohnung und der da dürftig lebenden Familie — in einer der Wilnaer Vorstädte — von heftiger Ergriffenheit befallen wurde? Weshalb hat ans ihn dieses gewöhnliche, alltägliche Lebensbild einen so erschütternden und das Innerste so tief erfassenden Eindruck ausgeübt? Mir sagte er: Vorbei sind nun für mich all die süßen Melodien, vorbei — jede Lebenswonnc; denn ich sah die nackte Wirtlichkeit in ihrer ganzen Gransamkcit und Häßlichkeit. So sprach er, nachdem er das jüdische Ghetto in Rußland mit seinen scharfen, durchdringenden Augen beobachtet hatte. Er war dann völlig niedergeschlagen, tief bestürzt, schwermütig und betrübt, als ob ihn finftere Gedanken verfolgt Hütten. Er, der Zwerge zu einem Riesenkampse vereinigte — er war doch machtlos gegenüber den schmerzlichen Oiefühlen, die ihn angesichts des Elends jo sehr plagte». „Die Zukunft ist ein Traum, die Oiegenwart ist das Leben" — schrieb er einst in einer solchen Gemütsstimmung, von der er sich so weit hinreisten ließ. Ich darf wohl jetzt sagen, dast seine Besuche in den Wohnungen der Armen seinen frühzeitigen Tod mitverursacht haben. Als Herzl in einer Umgegend Wilnas kurzen Aufenthalt machte, wünschte er diese Oielegenhcit zu benutze», um das jüdische Proletariat kennen zu lernen; er wollte zuschen, wie es lebt, wie cs sich ernährt. Dieser Mann, dessen Oicist, der eines echten Poeten, in den unendlichen Regionen des Erhabenen schwebte, hatte doch das innigste Bedürfnis, das Leben im Abgründe der Armut, es in seiner Nacktheit und Einfachheit zu beobachten und zn erfassen. In einem Zimmer saß ein Mädchen vor einer Nähmaschine und arbeitete daran. Er wandte sich an sie und fragte nach ihrem Wohlergehen, nach dem ihrer Eltern und Familie, nach ihrem Verdienste nnd ihren Bedürsnisscn. Das Mädchen entwarf in kurze» Worten ein genaues Bild: Vater, Mutter und fünf Kinder; Söhne nnd Töchter. Verdienen tue nur sie und einer ihrer Brüder. Der Verdienst sei sehr wenig. „Wir setzen unsere Zuversicht auf Gott." Sie arbeite sechs, zwölf und nicht selten auch sechzehn Stunden — je nach dem Bedarf und Verabredung. Er fragte sie dann, ob ihre Augen bei dieser ungeheueren Anstrengung nicht zucken und schmerzen; worauf dieses Mädchen ganz harmlos antwortete: Ja, manchmal — ES ist hier ein nur allzngewöhnliches und gar natürliches Bild von jüdischem Leben, eine alltägliche und häufige Erscheinung, die uns auf jedem Schritt und Tritt, in jeder beliebigen Stadt entgegentritt. Und zwar ist es ein Lebensbild, das ja nicht zu den traurigsten gezählt werden darf! Ist cs doch schon ein seltenes Glück, dast ein armer Jude eine Nähmaschine besitzt, und dazu noch eine seiner Töchter und einer seiner Söhne etwas verdienen. Man kann wohl dessen sicher sein, dast ein solcher armer Mann, der immerhin eine Nähmaschine besitzt und für sie Platz genug in seiner Wohnung hat, dessen Tochter nun, Gott sei Dank, etwas doch verdient und, ist es vom Himmel bescheert, so verdient noch dazu auch der Sohn — ein vom Schicksal so reichlich begünstigter Jude würde in Wilna, wo die Armut unserer Brüder jeder Beschreibung spottet, von seine» Verwandten als wohlhabender Mann angesehen werden, den sic in Anspruch nehme» möchten nnd mit inständigen Bitten wohl belästigen dürjten: er wolle doch ihnen Oield leihen. Auch innerhalb seiner Gemeinde würde ein solcher Mann schon etwas zu sagen haben. Es ist ja keine Kleinigkeit: eine Nähmaschine und eine Tochter, die Oield verdient. Was? Sic zuckt von großer Anstrengung mit den Augenlidern? Sie empfindet dabei schmerzliche Stiche? Lächerlich! Wo gibt's denn einen Juden, der nicht abwechselnd an Kopf, Herz, Brust oder Auge, Schmerzen leiden soll?! Es ist doch in voller Ordnung der Dinge: Esau ist stark wie ein Büsscl, Jakob hingegen ist und soll schwach sein. Und doch! Herzl stand da vor dem Mädchen und tonnte nur den Abgrund des Elends mit seinen unend lichen Blicken durchmcsse», nicht aber seinen peinvollen Gedanken Lust machen. Er stand, wie versteinert, wie stumm. Es war ein dumpfer Schmerz, der seine ganze Seele erfüllte. Die leisen, einfachen Worte des mit den Augenlidern krankhaft zuckenden Mädchens: „Ja, manchmal" — sie lagen wie schwere Steine auf seinem zarten Herzen. Eine schwarze Wolke umhüllte seine große Stirne. Ich erzählte dies, wie es mir von Herrn Dr. Katzenclsohn geschildert wurde. Ich war dabei vorsichtig genug, um dieses charakteristische Geschiehtchcn mit peinlicher Oienauigkeit wiederzugeben. Keine malerische Färbung, kein künstlerischer Beigeschmack, keine Verschönerung wurde hier zugelassen. Nur die nackte Wirklichkeit ist all dies, was ich eben erzählte. / (Schlust, jolgk > - Das „Frankfurter Israel. Familienblatt" kostet: Frankfurt a. M. (durch Postkarte bei der Geschäftsstelle des „Frankfurter Israel. Familienblattes" zu bestellen) Mk. 1.— frei ins Haus pro Vierteljahr. Auswärts (am Poftschalter zu bestellen) Mk. 1.02 einschließlich Bestellgeld pro Vierteljahr. Auch im Auslaube nehmen sämtliche Postanstalten zu dem gleiche» Preise — in Landesmünze umgerechnet — Abonnements entgegen. Bei direktem Streifbaud-Bezug von der Geschäftsstelle des „Frankfurter Israel. Familienblattes": in Deutschland Mk. 1,50, Oesterreich- Ungarn Kr. 2.—, Rußland Rubel 1.—, Holland fl- 1.25, Frankreich, Schweiz, Belgien, Italien Frcs. 2,50 vierteljährlich. 6» Wajpwf, Dentist, steinweg h. Sprechstunden von 9—12 und 2-6 Uhr. Zaiwplombeu in Gold, Porzellan, Silber n« Emaille, sowie Zahn* krönen u. Gebisse ln Gold, Platin n. s. w. in nur feiner Aus* fubrnngr. 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