Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 30 (5.8.1904)
- Date
- 1904-08-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 30. Rntzland. Petersburg. Hier erschienen bis vor kurzem vier Z e i t u ng e u in hebräischer Schrift, zwei davon in hebräischer Sprache, zwei in jüdischem Idiom. Seit dem 1. d. Mts. alten Stils (14. d. Mts.) sind alle diese vier Zeitungen gezwungen worden, ihr Erscheinen ein z u st e l l e n. Die Ursache liegt darin, daß die russische Regierung die jüdischen Schriftsetzer als Künstler (!) erklärt hat, die nach dem Ansiedelungsgesetz sich nicht im Jimcrn Rußlands, sondern nur in den Grenzrayons aufhaltc» dürfen. Sämtliche jüdischen Schriftsetzer haben infolgedessen die Hauptstadt verlassen müssen, und da andere Setzer mit den hebräischen Lettern nicht umgehen können, haben die Zeitungen wohl für alle Zeit zu erscheinen aufhören müssen. Frankreich. Paris, 25. Juli. Der kürzlich in Paris verstorbene A r t h u r v. Rothschild hinterließ hundert Millionen, für ivelche 14 Millionen Erbsteuer gezahlt wurden, da, in Ermangelung von Iran und Kindern, die Hinterlassenschaft den Leitenverwandten Zufiel. Palästina. D i c Na t i v n a l f o n d - M a r k e — obligatorisches P o st w e r t z e i ch e » in P a l ä st i » a. Es wird ans Palästina berichtet: Bctanntlich besitzen mehrere Großmächte, darunter auch Oesterrcich-Ungarn in der Türkei eigene Postämter und zwar teils infolge der Unzuverlässigkeit der türkischen Post, teils und hauptsächlich weil eigene Postämter im Orient für die betreffenden Staaten ein politisches Machtmittel darstcllen. Unter den einzelnen Postämtern herrscht daher eine große Konkurrenz. So hat R u ß l a n d , um die jüdischen Interessenten zu gewinnen, einen Inden als seinen Postmeister in Jerusalem angestellt, dasselbe Rußland, das zu Hause unter keiner Bedingung Juden zu Staatsämtern zuläßt. Die türkischen Behörden hingegen haben, um die Juden zur Benützung ihrer Post zu veranlassen, sogar Poststempel mit hebräischen Buchstaben Herstellen lasse». Die ö st e r r e i ch i s ch e Postverivaltung hat nun den jüdischen Kolonisten vorgejchlagen, die österreichische Post zu betziitzen und zu diesem Zwecke in jeder Kolonie eine» Bcrtrauensmann zu ernennen, bei dem die Postsendungen hinterlegt werden sollen. Als Aegnivalent hierfür erbot sich die österreichische Post, die Korrespondenz der Kolonien iintcrcinander gratis zu befördern. Die jüdischen Kolonisten gingen ans die österreichischen Vorschläge ein, nur stellten sie die Bedingung, daß ans jede r Sendung aus einer Kolonie eine Kn» t i o n a l f o n d - M a r k e seitens des A b s e n - ders aufgeklebt werde, was von der österreichischen Post akzeptiert wurde. Ans diese Weise gilt in de» jüdischen Kolonien in Palästina die N.- F.-Marke als vollwertiges österreichisches Postwertzeichen. Bei dieser Gelegenheit mag auch au dieser Stelle einer anderen symptomatischen Erscheinung Erwähnung geschehe». Ein hervorragendes Londoner Jndustrieblatt machte unlängst die englischen Industriellen auf die zu gewärtigendc Entwicklnng der jüdischen Kolonisation in Palästina aufnicrtsam und ermahnte dieselben, den deutschen Fabrikanten bei Einführung von landwirtschaftlichen Maschinen ltsw. nicht den Bortritt zu lassen. Wie viel könnten unsere „praktischen" Inden, die sich von der „Utopie des Zionismus" nicht imponieren lassen, aps dem Mitgeteilten lernen — wenn sie wollten. Ein Stückchen Macht, das aus der Konzentrierung und der produktiven agrarischen Arbeit weniger Tausend Juden erwächst, läßt dieselben bereits als einen Faktor erscheinen, der etwas zu geben und darum auch zu nehmen das Recht hat. Aus -er Lehrerwelt. Bamberg. Die 25. Generalversammlung des israelitischen L e h r e r v e r e i n s für das Königreich Bayern tagte Dienstag, den 26. Juli im Gemeindehause der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde. Die Wichtigkeit und Reichhaltigkeit der mit den Einladungen bekannt gegebenen Tagesordnung, sowie das Vorhandensein sonstiger, reichlicher, sozusagen in der Luft liegender Explosivstoffe hatte» einen äußerst reichen Besuch veranlaßt: von den 173 ordentlichen Bereinsmitgliedern waren reichlich über 100 erschienen, außerdem zahlreiche Gäste, jo die Herren Rabbiner Dr. G o i t e i n - Burgkundstadt und Dr. Cohn- Ansbach, Mitglieder der Knltusvcrwaltung Bamberg, Delegierte auswärtiger Lehrervereine, die H. H. Steinhardt-Magdeburg, 2 p i e r o - Fulda, N n ß b a u in - Hersfeld u. a.; auch zahlreiche Damen. Um 9 Uhr erösfnete der Bercinsvorstand G o l d - st ein- Heidingsfeld mit Worten der Begrüßung die Versammlung. Als' Vertreter des verreisten Rabbiners Dr. Eckstein-Bamberg begrüßte Dr. G o i t e i n die Versammlung, indem er besonders hervorhob, daß nur die Einigkeit zwischen Rabbinen und Lehrern zu gedeihlichem Ziele führen könne. In ebenso Frankfurter Israelitisches Familienblatt. warmen Worten sprach Kaufmann Güter m a n n namens der Kultusverivaltung den Willkommgruß aus. Herr Steinhardt -Magdeburg dankte für die freundliche Begrüßung, betonte, wie gerne er nach Bayern gegangen sei, sprach die Zuversicht aus, daß das Band der Einheit alle Kollegen im Reiche noch umschlingen werde und übermittelte die Grüße des Verbandes, den Verhandlungen fröhliches Gedeihen wünschend. Vorstand G o l d st e i n erstattete nun de» Jahresbericht. Die Zahl der ordentlichen Mitglieder ist um 8 gestiegen und beträgt 173. Ein Mitglied, der pensionierte Kollege Heymann in Mirnbcrg, zuletzt in Kalenberg beamtet, ist gestorben. Die Zahl der außerordentlichen Mitglieder beträgt etwa 1000. Dadurch ist der Kasse ein Ersatz geworden für ein Minus von ca. 1000 .11. an Spenden gegen das Boriahr. Auch das Vertragsverhältnis mit der Buchhandlung Kausmanii-Frankfurt a. M. ergab weniger als im Vorjahre: 175 . IL bei einer Beteiligung von 80 Kollegen. Der Vertrag mit der Viktoria-Berlin ergab kein Resultat und dürfte wohl gelöst werde», da die Gesellschaft wenig Kulanz zeige. Die erfreuliche Tatsache, daß die Kgl. Bayer. Staatsregierung der Vcreinskasse 2000 Jt. zuwies als Pensionszuschuß für Religionslehrer, gab Veranlassung zu einem begeistert aufgenommenen Hoch auf S. Kgl. Hoheit Prinzregent Luitpold. Kollege D i u g j e l d e r - München inacht sodann Vorschläge über die Jubiläumsfeier im nächsten Jahr, die tu bloc angenommen wurden. Als Festort ist W ü r z b u r g gewählt, wo des Vereins Wiege stand, als Festtage sind der 16. und 17. August in Aussicht genomnien. Die Verwaltung soll sich zu einem Festkomitee durch Koopticrung ergänze», es soll eine BereinSgeschichte und eine Festschrift ansgearbeitet werden: die befähigten Kollegen Iverden um Mitwirkung gebeten. Die Neuwahl der Bcrivaltnng ergibt das erfreuliche Resultat, daß sämtliche Herren der bisherigen Vorstandschaft wieder gewählt werden. Nachdem noch die E r h ö h u n g d e s 1l n t e r st ü tz u n g steils von 125 auf 140 .11. genehmigt wurde, verliest der Schriftführer zahlreiche eingcgangene Begrüßungen und damit ist der geschäftliche Teil der Verhandlungen beendigt. Es erhält nunmehr das Wort Kollege A n - s ä n g c r - Memmelsdorf zu seinem Referate: „Die rechtliche Stellung des j ü d i s ch e n Lehrer s." Redner bemerkt einleitend, daß die Erfolge öffentlicher Wirksamkeit in der Regel durch die soziale Stellung, Ansehen und Wertschätzung des Wirkenden und scincs Amtes wesentlich beeinflußt werden, daß darum sicher dem jüdischen Lehrer in dieser Hinsicht hie höchste Stellung zu wünschen sei. Leider sei dies nicht der Fall. Er entrollt sodann ein Bild der rechtlich unklaren oder vielfach unwürdigen oder gar rechtlosen Stellung des jüdischen Religionslehrers und zwar hinsichtlich der Anstcllungs- und Einkomnicnsverhältnifse, der Stellung zu den direkten Vorgesetzten, der Stellung des Lehrers als Mitglied der Gemeinde, hinsichtlich seiner Nebenämter usw., macht Vorschläge zur Verbesserung der Lage und kommt schließlich zu dem Anträge, es möge eine Kommission mit Ausarbeitung einer Denkschrift betraut iverden, um Material zu besitze», eine gesetzliche oder doch ministeriellvcrivaltungsrcchtlichc Regelung anzustreben. An den Bortrag, der reichen Beifall erntete, schloß sich eine längere Debatte, bei der verschiedene Kollegen unliebsame Erlebnisse als Belege der Rcchtsunsicherheit zu erzählen wußten. Schließlich wurde auf Antrag des Herrn Dr. Cohn- Ansbach eine Kommission von 3 Lehrern gewählt, wozu noch 3 Rabbiner delegiert werden sollen, um die nötigen Schritte in der angedcuteten Hinsicht zu unternehmen. Es trat nunmehr die Mittagspause ein. Nach dieser hielt Kollege Blatt- Obbach sein Referat: „Eine B e s p r e ch u n g der 2. M ü l - 1 e r s ch e n G e s ch i ch t s b ü ch e r". Wenn auch Referent die Bücher warm empfehlen zu können glaubte, obwohl er anhaftende Mängel nicht verkannte, wurden doch in der anschließenden, teilweise erregten Debatte joviele sachliche Unrichtigkeiten und pädagogische Mängel nachgewicse», daß die Versammlung, ohne jedoch eine Abstimmung vorzunchmen, zu einem ablehnenden Resultate kam. Gegen 6 Uhr abends ivnrde die Versammlung geschlossen mit dem Wunsche: Frohes Wiedersehen nächstes Jahr in Würzburg. \V. T. . Krefeld. Der Vorstand und die größere Vertretung der hiesigen israelitischen Gemeinde hat anstelle des auf seinen Wunsch zum Herbste d. I. in den Ruhestand tretenden Herrn Oberrabbiner Dr. Horowitz den jetzigen Bezirksrabbiner in Alzey (Rheinhessen), Herrn . Dr. L e v i, e i nst i m m i g zum 2 b c r r a b b i n e r gewählt. Diese Wahl wird von der ganzen israelitischen Gemeinde mit lebhafter Freude begrüßt, da die von Herrn Dr. Levi in seiner Prvbepredigt dargelegten Anschauungen und Grundsätze allseitigen Anklang fanden. Herr Dr. Levi ist am 13. Februar 1865 in Freudenthal, Königreich Württemberg, geboren. Nach Absolvierung des Königl. Karlsgymnasiums in Heilbronn, wurde er zum Beginn des Wintersemesters 1884 als ordentlicher Hörer des jüdisch-theologischen Seminars in Breslau ausgenommen, hörte von derselben Zeit an die Vorlesungen der philosophischen Fakultät der dortigen Universität und promovierte Januar 1888 in Tü- Eeite 3. dingen. Von Oktober 1890/1891 genügte er in München seiner Militärpflicht. Nach bestandener Abgangsprüfnng am Seminar in Breslau übernahm er die Stelle eines großhcrzoglichen Bezirksrabbiners in Alzey. Pirmasens, 23. Juli. Gestern Nachmittag fand im Rathaussaale die von der kgl. Regierung einberusene Versammlung der Mitglieder der hiesigen israelitischen Kullnsgemeinde statt, welche zu dem von Ziyeibrücken ausgehenden Antrag auf Amtsenthebung des B e z i r k s r a b b i n e r s D r. M a y e r Stellung nehmen sollte. Dieselbe ivar gut besucht. Die Versammlung gab ihrer Zufriedenheit mit der Amtsführung des. Herrn Dr. Mayer warmen Ausdruck und beauftragte ihren Bertrancnsmann, Herrn Schuhfabrikant Karl Wolfs, in diesem Sinne zu wirken. Tunis. Der Großrabbiner der portugiesischen Gemeinde Jacob i l v 6 c a ist jüngst gestorben. Er war sehr beliebt und das Leichenbegängnis legte dafür Zeugnis ab. Dem zu seinem Nachfolger bestimmten Rabbiner Daniel Lumbrofo hat die Regierung die Bestätigung versagt, weil er italienischer Nationalität ist. Aus den Vereinen. Frankfurta.M. Verein Montefiore. Wie wir hören, ist der Vorstand bereits eifrig mit der Zusammeilslelliing des W i n t e r p r o g r a m in s beschäftigt. Schon jetzt läßt sich sage», daß dasselbe den Bedürfnissen der Mitglieder in jeder Hinsicht gerecht zu werden verspricht. In Aussicht genomnien sind E i n z e l v o r t r ü g e mit Diskussionen, Vortragszyklen ans den verschiedensten Gebieten des allgemeinen und spezifisch jüdischen Wissen», Stenog r a p h i e u n t e r r i ch t usw. 'JCnt Sabbat sollen Vorträge religiösen Inhalts gehalten werden. Zur Pflege des Körpers wird eine T u r n a b t e i l u n g errichtet werden, die, wie man hosfen darf, recht großen Anklang finden wird. — Die Räume und der Garten des Vereins erfreuen sich fortgesetzt des lebhaftesten Zuspruchs. Del Umstand, daß die Lokalitäten jetzt in der heißen Jahreszeit von ungefähr 1000 jungen Leuten im Monat besucht werden, spricht wohl am besten dafür, wie dringend das Bedürfnis nach einer derartigen Einrichtung war. Berlin. Die Bereinigung jüdischer A k a d e m i k e r zu Berlin, die auf dem Boden des gesetzestreucn JiidentumeS steht und cs sich zur Ausgabe gemacht hat, den Zusamnienschluß aller gleichgesiniiteii jüdischen Akademiker zu fördern, hat soeben ihr zweites Semester beschlossen. Auch im abgelanfenen Sommer hat sie, ihrem Programm gemäß, durch Vorträge jüdisch-missenschastlichen Inhalts ihren Mitgliedern vielerlei Anregung geboten, während die Kneipen und sonstigen gemütlichen Zusammenkünfte dazu dienten, die Mitglieder auch persönlich einander näher zu» bringen. Die Bereinigung zählt jetzt 23 Mitglieder. Zum I. Vorsitzenden für das kommende Wintersemester wurde Herr cand. med. Salomo n Hildesh eint e r ans Berlin, Friedrichstr. 130, gewählt, an den auch alle Anfrage» und Meldungen zur Aufiiahmc zu richten sind. Berlin. Der engere Vorstand des „Verein zur A b w e h r des A n t i s c in i t i S »i u s", bestehend aus den Herren Dr. T h. Barth- Berlin, Königl. Archivdirektvr Dr. Winter- Osnabrück, Geh. Baurat a. D. B e n o i t - Karlsruhe, Stadtrat H. F l i n s ch - Frankfurt a. M. untz C h a r l e s L. H allgar t e n - Frankfurt a. M., hat von der ihm seitens der Generalversammlung am 16. hlpril d. I. erteilten Ermächtigung, sich im Wege der Kooptation in der Weise zu vervollständigen, daß möglichst alle Teile des Deutschen Reiches und Christen wie Juden gleichmäßig in dem Gesamtvorstaiid vertreten seien, Gebrauch gemacht und folgende Herren mit deren Zustimmung in den erweiterten Vorstand gewählt: H. A r t' l, Landtagsabgeordneter, Dessau; A r nhold, Kommerzienrat, Dresden; A ronsohn, Stadtrat, Landtagsabg., Bromberg; Battenberg, Pfarrer, Frankfurt a. M.; Dr. Boas, Geh. San.- Rat, Berlin: 2. C a h n, Mainz; Dr. Cohn, Landtagsabgeordneter, Dessau; L. D a n n h a u s e r, München : M o r i tz D a v i d, Bankier, Bonn; Eickhoff, Professor, Reichs- und Landtagsabgeordneter, Remscheid : A. E m m i n g h a u S, Professor, Gotha: Ern st, Schuldirektor, Landtagsabg., Schneidemühl; Falke n he im, Professor, Königsberg; B. Feilche nfeld, Köln: Dr. Fester, Justizrat, Frankfurt a. M.: Fischer, Senator, Hannover; Förster, Geheimrat, Prof., bisheriger Direktor der Kgl. 'Sternwarte, Berlin: F r i c d m a n n, Justizrat, Glogau: Fuuck, Landtagsabgeordneter, Frankfurt am Main; Gallinger, Kommerzienrat, Nürnberg : Gallus, Justizrat und Notar, Darmstadt; G r i l l e n b e r g e r, Hanptlehrer, Fürth i. Bayern; Dr. Walter de Gruyter, Gr. Lichterfelde: Dr. s. Günther, Professor, München; Dr. (Entfleisch, Justizrat, Landtagsabgeordneter, Gießen: Bk. de Haas, Pyrmont; Heilberg, Justizrat, Breslau: Herz, Geh. Kommerzienrat, Posen: H. Heß, Bankier, HildeSheim: Dr. Hinrichsen, Rechtsanwalt, Hamburg; Emil Hirsch, Mannheim : H ö ck, Pastor a. D., Reichstagsabgeordneter, Hamburg: F. H o l d e r m a n n, Pfarrer, Rütteln in Baden; K i » d l e r, Landtagsabgeordneter, Posen;