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Neue jüdische Presse · 1904-08-05 · Heft 30 (5.8.1904) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 30 (5.8.1904)
Date
1904-08-05
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. freudige Führer ihres Volkes in eifriger Mitarbeit das Wohl und Heil der jüdischen Gesamtheit zn fördern bereit sind, an ihnen liegt cs, die Massen über die Tendenzen des „Misrachi" aufzuklärc», durch ihre Autorität das rechte Verständnis für die Sache des Zionismus zu verbreiten. Es ivird das um io mehr nötig sein, da in der jüngsten Zeit im Namen des gesetzestreue» Judentums gegen den Zionisnius Angriffe geschleudert wurden, hie auch den „Misrachi" betrafen, und so in dein Volk, das nicht weis;, von welchen rein P c r so n l i ch e n und p v l k t i schein seit! gen Tendenzen diese Angriffe diktiert sind, eine ungünstige und falsche Meinung über das Wesen des Zionismus im allgemeinen und des „Misrachi" im besonderen zn verbreiten versucht wird. Dazu ließen sich noch gewissensschwache Personen herbei, bei einzelnen, die Bctvegung nicht kennenden Rabbinern nicht allein den Zionismus zu verleumden, sondern auch die Tendenzen des „Misrachi" b e w u ß t zu fälschen,*) um ihre Leichtgläubigkeit dann gegen den „Misrachi" auszunützen. Auch dafür soll nun der Misrachistentag da sein. Von ihm und nur von ihm, als einer Versammlung von gelehrten Rabbinern und frommen Männern, unter ihnen wirkliche G o a u n e Iißroöl, wollen wir das kompetente Urteil hören! — Der Aufruf zum Misrachistentag für de» 10. Ellul nach der ehemaligen ungarischen Krönungsstadt Preßburg ist von den 19 r a b b i n i s ch e n Mitgliedern des 32gliehrigen Organisations-Komitees unterschrieben. Es sind sämtlich streng orthodoxe Rabbiner, unter ihnen viele von Weltruf. Ich erwähne nur die bekanntesten: der wahrhaft große Goaun von Lida (Rußland) Rabbiner I. I. Reines, der weltberühmte Chassid Rabbiner L. Do» I a ch j a in Sklow, der hervorragendste Führer der der „Chabad"-- Richtung angehörenden Chassidim, der große Talmudist Rabbiner L. Ai. Lands u in Botosani (Rumänien), der bekannte und angesehene Rabbiner von Kolomea Rabbi Gcdalja Sch welkes, der bekannte Newyorker orthodoxe Rabbiner Dr. Klein, Schwiegersohn von Direktor Dr. Mendel Hirsch s. A., und der durch seine gesinnungstüchtigc Ehrlichkeit und opferfreudige Ahaivaß Jisrocl ausgezeichnete Papacr Obcrrabbincr Rot h. Wir möchten von diesem Aufruf, der auch in diesen Blättern abgcdruckt Ivar und nn» als Flugblatt erschienen ist, nur zivci Sätze tviedcrgeben, die die Aufgabe des Misrachi-Verbandes programmatisch festlcgen: Die Aufgabe des Verbandes ist: als s e st g e - fügte Organisation der gcsctzestreuen Z i o n i st c n den Standpunkt der Gesetzestreue innerhalb des Zionismus zu wahren und z n vertreten, die z i o n i st i s ch e Idee in ihrer Reinheit zu p s le g e n m n d zu fördern, alles U n j ü d i s ch e, alles, was der heiligen Lehre und den jüdischen Traditionen nicht entspricht, vom Z i on i s in n s f e r n z u h a l t c n, d i e g e s e tz c s t r e n e Judenheit für den Zionismus zu gewinnen und so allen Gefetzestreuen Gelege nheitzu geben, ihren heiligen Eifer und ihre B e g e i st e r u n g m i t r u h i g e m G cwissen in den D i c n st des großen Werkes der zionistischen Bewegung zu stellen. Der „Misrachi" hat mit Wort und Tat für den Grundsatz einzutrcten, daß beide, Thora und Zion, Grundlagen des Judentums darstellen, die einander ergänzen und aufeinander hingcwicsen sind." Der Misrachistentag in P o z s o n y ivird zeigen, ob die gesetzestrcne Jude n h e i t ein V e r st ä n d n i s für die wahren Vorteile der Gesetzcstrcu c besitzt, ob sic s ä h i g i st i in Interesse der heilig st en Sache Opfer zn bringen und ob sic es *) Als krasses Beispiel, wie weit die Entstellungen gehen, dient uns ein vom 10. Aw dss. I. ■ datierter Privatbries eines orthodoxen, ungarischen Rabbiners, in melcheni derselbe schreibt: Der Zionismus basiert aus der Grundlage des Atheismus und bezweckt lediglich, die Juden von ihrer Religion und ihrem Glauben abznbringen und an deren Stelle Atheismus zu setzen. Anm. d. Redaktion. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. e r » st und c h r l i ch meint mit de m jüdischen Volk und seiner T a n r v! B. P. Briefe aus RutzlanÄ. Meine geliebte Frau! Ein hartes Wort ist es, das ich niederschrcibc: Berichte mir nicht mehr über Schmnlkas Befinden! Dein Brief, der vor acht Tagen anlangte, hat meine ganze geistige Fähigkeit zu Grunde gerichtet und -!»ic männliche Entschlossenheit, die mir jetzt jo not tut, war eine ganze Woche lang gelähmt. Heute bin ich auf's Reue wieder stark! Mein kleiner Sohn ist vielleicht seitdem schon gestorben, vielleicht genesen. Das Erstere will ich nicht wissen, da ich aus das zweite nicht hoffen darf. Ich darf nicht weich werden, darf nicht schwach sein, felsenfest muß ich aus dem Posten ausharreu, auf welchen mich das Schicksal meines Vaterlandes gestellt hat. Im Lazarct sind wir zu zweit. Mein Kollege Dr. Kohan, den ich noch von der Wiener Universität her kenne, ist ein vorzüglicher Operateur, aber weiter hat er keine Praxis, zumal man hier nicht nur durch Kugeln geschlagene Wunden behandeln muß. Die Soldaten kommen hier krank an, und auch im Lazaret ist die Epidemie ausgebrochcn. Das -Schicksal dieser Soldaten ist mir anvertraut, ich muß sie für das Vaterland retten, das in eine derart kritische Lage geraten ist, daß cs jeden Einzelnen seiner Söhne braucht. Ich muß diese Kranken ihren Truppen zurückgeben, damit sie helfen, den erblaßten Glanz des russischen Namens zu neuem Ruhme zu bringen und unseren Fahnen zum Siege zu verhelfen. Der k eine 'Schmnlka darf heute nicht m ein Kranker, mein Toter sein, hundert Kranke, hundert Tode habe ich statt seiner, heute gehört Schmnlka nur Dir. Vor zwei Wochen verließen hnndertzwanzig das Spital. Noch dieselbe Woche hatten wir starkes Gefecht, meine Kranken bekamen alle Medaillen mit Heiligenbildern. Das ist meine Auszeichnung. Es blieben im Lazarct noch zweihundert Mann, deshalb muß ich stark sein, und wenn der Gedanke an Euch meine Seele erfaßt, muß ich ihn verscheuchen. Ich versündige mich gegen mein Vaterland, ich begehe einen Verrat, wenn ich unter solch vielen Kranken auch nur auf einen Moment einen Einzigen vergesse. Mein Vaterland hat mich hierher gesandt, meine ganze Sorge gehört ihm. Es ist spät in der Nacht, man bringt einen Kranken. — — — Gott mit Dir! Leo. Gott verhelfe den russischen Waffen zn», Siege! * .1: * Mein geliebter Mann und Gebieter! Schmnlka ist schon wohl und da Du mir von Deinen Kranken schreibst, darf ich Tir auch von meinem Kranken berichten. Auch Schmnlka kämpft schon Schlachten mit des Nachbars Kindern, er ist der Russe und sic sind die Japaner. Natürlich — wie Du aus dem Poststempel ersiehst — sind wir nicht mehr in Kiew. Die dortigen Nachbars- Kinder ließ man nicht mehr in unsere Nähe, und so hatte der Arme Niemand, mit dem er russischjapanischen Krieg spielen konnte. In Kiew sind wir deshalb nicht mehr, weil wir die Gesetze unseres Vaterlandes befolgten. Als Dn fortgingst, forderte man mich ans, daß ich die Stadt verlasse, weil nach den Gesetzen unseres Vaterlandes eine alleinstehende jüdische Iran in Kiew nicht wohnen darf. Ich befolgte die Gesetze des Vaterlandes, so wie Du folgtest dem Ruse Deiner patriotischen Pflicht ans das Schlachtfeld und ins Lazarct und kam hierher. Das Tors ist sehr lieblich, es hat drei Kirchen, die .Hälfte der Einwohner sind Juden, auch Schmnlka tut die Landlnst gut und die Nachbarskindcr, an denen er die russische ilcberlegenhcit zu beweisen sucht. Wir sind somit wohl. Gott behüte auch Dich, mein geliebter Mann! Pcrewolwc, 10. Mai 1901. Deine treue Frau Rachel. Gott verhelfe den russischen Waffen zum Siege! Nr. 30. Aus ullev Wett. Deutschland. Berlin. Ter D eutsch - If_raeli tische Gern e i n d e b u n d versandte dieser Tage an diejenigen preußischen Gemeinden, die eine öffentliche oder p r i v a t c E l e m c n t a r s ch n l e besitzen, das svlgcnde Schreiben: Verehrlichcr Vorstand! Im Austrage des Verbandes d e r D e n t - scheu Juden und um die nötige Grundlage zn gewinnen für Stellung von Anträgen an die preußische Regierung und an die Häuser des Landtages bei Gelegenheit des voraussichtlich schon Anfang Oktober dieses Jahres an den Landtag gelangenden S ch u l u n t c r h a l t u n g s g e s e tz e s richten wir an Sie die ergebene Bitte, uns baldmöglichst den nebenstehenden Fragebogen mit genauer und zuverlässiger Antwort versehen zurücksenden zn wollen. Da die Interessen jeder Gemeinde, der größten wie der kleinsten, durch eine Gesetzgebung auf dem Gebiet der Schulunterhaltungspslicht in einschneidender Weise betroffen werden können, so wird der verchrlichc.Vorstand die Wichtigkeit einer ausreichenden Begründung der zn stellenden Anträge, und mithin die Wichtigkeit der gegenwärtigen Umfrage nichr verkennen. Wir halten uns daher der Mitwirkung des verchrlichen Vorstandes, und zwar in tunlicher Besch l c u n i g u n g, von vornherein dankbarlichst versichert. Die Herren Lehrer, deren persönliches Interesse auch abgesehen von demjenigen der Allgemeinheit, ganz besonders in Frage steht, werden Ihnen sicher bei der Auskunft zu Diensten stehen. Berlin. Nach dem neuesten Hefte der „Monatsschrift für höhere Schulen Preußens" befanden sich im Schuljahr 1902/03 unter 5709 Abiturienten 374 Juden (davon 323 Gymnasialabiturienten). Von diesen 323 jüdischen Gymnasialabitnrienten entfiel allein e.in Drittel ans die Provinz Brandenburg und 15 Prozent auf die Provinz Schlesien. Der prozentuale Anteil der Jude» an der Gesamtzahl der Mituricnten stellt sich also ans 0,55»/», während ihr Anteil an der Bevölkerung nur 1»/» beträgt; gewiß ein glänzendes Zeugnis für ihren Bildungstricb! München, 28. Juli. Antisemitisches Flugbla t t. Heute Nachmittag wurde in allen größeren Restaurants, Cafes, sowie auf den belebteren Straßen und Plätzen ein von der christlich-sozialen Bereinigung herausgegebenes Flugblatt in Massen verbreitet. Der Inhalt des Flugblattes enthält im Wortlaut die von der Vereinigung an den Magistrat und das Kollegium der Gemeindebevvlliuächtigtcn in München gerichtete Eingabe betreff „M a ß n a h m c n z n r Erschwerung der Einwanderung und Niederlassung ausländischer Juden." München, 30. Juli. Der Magistrat hat ein Eingehen auf die Eingabe der Antisemiten betreff „Maßnahmen zur Erschwerung der Einwanderung und Niederlassung ausländischer Inden" ohne weiteres abgclehnt. Königshofen i. <&x. lBahern). 29. Juli. Anläßlich der S y n a g o g e n - Ei n w e i h n n g hatte heute unsere Stadt Festgewand angelegt. Nachmittags 2Vj llhr fand in der bisherigen Synagoge die Abschiedsseier statt. Nach dem Mincha-Gebet richtete Distriktsrabbiner Dr. C o h n - Burgprcppach Abschiedsworte an die Versammlung. Die Thora-Rollen wurden unter Gesang ans dem heiligen Schrein der bisherigen Synagoge aiisgehobcn und sodann in feierlichem Zuge, in dem man u. a. Kgl. Bezirksamtmann Thomas und andere Ehrengäste bemerkte, zur -Wohnung des Knltusvorstands Alb. M a l z e r und von dort zur neuen Synagoge verbracht. Bor der Synagoge, deren Vorplatz und nächste Umgebung mit Fahnen, Kränzen und Gnirlanden geschmückt ist, nahm der Synagogenchor Aufstellung und intonierte den 19. und 20. Vers des 118. Psalms, grl. Rosa R e i n h o l d sprach den Prolog und überreichte den Schlüssel zur Synagoge an Kgl. Bezirksamtmann Thomas. Dieser übergab mit einer Ansprache die Synagoge dem Knltusvorstand. Redner schloß mit einem begeistert aiifgenommenen Hoch aus den Prinzregcnten. Kultusvorstand M a l z e r übernahm namens der israelitischen Knltusgemeinde Königshosen die Synagoge. Nachdem die Behörden, die Gemeinde und sonstigen Gäste in derselben eingezogen waren, wurden die Thorarollen in die heilige Lade verbracht, unter den vorgeschriebenen Zeremonien und Gesängen. Es folgte nun die Weihercde, gehalten von dem Distriktsrabbiner Dr. C o h n- Bnrgpreppach, womit die Synagogenseier abschloß. Wcnds 7(4 Uhr fand abermals Gottesdienst statt. Nach demselben war gesellige Unterhaltung in der „Rosenau". Oesterreich-Ungarn. Lemberg, 26. Juli. Bei der gestrigen Feuersbrunst in Brzesko wurden insgesamt 330 Gebäude, darunter die Kirche und das Pfarrhaus — wobei die Matrikelbücher verbrannten —, ferner die Synagoge und das Gemeindehaus zerstört. Der infolge der großen Dürre herrschende Wassermangel machte jede Rettungsaktion fast unmöglich. Der Schaden beträgt nahezu eine Million Kronen.

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