Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 29 (29.7.1904)
- Date
- 1904-07-29
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 5. Nr. 29. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Theodor antwortete nicht. Und sein Reisegefährte fügte noch hinzu: „Und wenn Dn sedein Lokomotivheizer 10 Fr. geben wolltest, so würde Dir auch das Kapital eines Baron Hirsch nicht ausrcichen." Theodor schwieg. Und sein Kollege setzte fort: „Das Gehalt ist doch ganz anständig und mehr kann sich die Eisenbahnverwaltnng wahrlich nicht leisten. Was die Arbeitszeit anbelangt — ja dies ist freilich verschieden. Es gibt Beschäftigungen, die nur einige Stunden in Anspruch nehmen: hingegen auch solche, die ihrem Charakter nach viel Zeit fordern. Ueberhaupt kann man nicht alle Menschen befriedigen." Da erwachte Theodor, gleichsam wie nach einem langen Traume, und entrüstet erklang seine inbrünstige Stiminc: „Las; doch davon! Du begreifst es ja gar nicht!" S: * So erzählt David Wolfsohn von Theodor Herzl; sie reisten daun zusammen nach Konstantinopel. „Es gibt keine Geheimnisse für einen Diener, der auch in den innersten Gemächern bedient. Ich stand zu ihm in sehr engen Beziehungen und doch waren gar oft solche Momente/^wo ich ihn fürchtete. Ich hatte Ehrfurcht vor seinem Genius. Eine heilige Scheu ergriff mich wegen mancher Ideen und Pläne, die ich nicht genug bewundern konnte. Nein, cs war etwas ganz eigentümliches, was mich so bezauberte und vor seinen Worten zittern machte. Es war etwas ganz eigenartiges. Ich kann es nicht ausdrückcn, obwohl ich es so tief in meinem Herzen empfinde. Es ist unaussprechlich, unsagbar." , ikSchkuyMM» S- Was nicht im Baedecker steht. Bon Y. Z. Fremder, der du die Mainstadt betrittst, du wirst von allein Schönen, das sie Dir bietet, entzückt sei». Andachtsvoll wirst du die geweihte Stätte betreten, wo Frankfurts größter Sohn geboren, dessen Genius die ganze Welt erfüllt. Aber versäume es nicht, sich' dir auch die Stätten an, wo der Engel der Nächstenliebe seine Schwingen entfaltet; mache einen Spaziergang nach dem Röderbcrgweg und gar freudig sühlst du dein Herz bewegt, wenn dn siehst, wie hier die wahre Menschenliebe der Familie von Rothschild den edelsten Gebrauch von ihren Reichtümcrn gemacht. -Neben den mustergültigen Krankenhäusern — das Kinderspital ist eine eigene Schöpfung der Freifrau W i l h e l m v o n Rothschild, die der edlen Frau ganz besonders am Herzen liegt — erhebt sich der Prachtbau des Waisenhauses für Knaben, der hier „aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern" dank der von Rothschild'schen Hochherzigkeit vor Jahresfrist seine Anserstehung feierte. Und kehrst dn hochbefriedigt in die Stadt zurück und flanierst ans der Zeit, dann schaue dir dort das jüngste Liebeswerk der hochherzigsten und vornehmsten Dame Frankfurts an, die mit dein Adel ihrer Denkungsart, mit weitgehendem Blick, hier etwas ins Leben gerufen, das wohl einzig in seiner Art ist — ein Altersheim für isr. Damen besserer Stände. Durch die Halle des Patrizierhaufes — es .diente in früheren Jahren der Familie von Rothschild als Wohnsitz — betritt man den Flur im Parterre, wo ein großes Treppenhaus die Blicke fesselt. Eine breite, bequeme Treppe führt uns in den ersten Stock, falls wir es nicht vorziehen, den Lift zu benutzen. Wir sehen uns den geräumigen, Hellen Speisesaal an, der in seiner vornehmen Einfachheit und den von Künstlerhand ansgesührten Dockengemälden unsere Bewunderung erregt. Durch einen kleinen Salon kommt man in das hübsch eingerichtete . Gesellschaftszimmer. Große Bücherregale bieten Unterhaltung dar, und wein der Inhalt nicht interessant genug ist, der schaue nur aus den hohen Spiegelscheiben oder von dem die ganze Front des Hauses einnehmenden Balkon hinab auf die Pulsader der Stadt, wo volles Leben flutet. Wir sehen uns noch die Räume der Verwalterin an und begeben uns in den zweiten und dritten Stock, wo sich die hellen, hohen, lustigen Schlafzimmer der Dame», die Dienerschafts- und Badezimmer befinden. Hier ist alles förmlich ans Behaglichkeit geaicht, und wohin wir schaue», überall herrscht die größte Ordnung und Sauberkeit.- Im zweiten Stockwerk ist eine Synagoge, wo an den hohen Feiertagen Gottesdienst abgehalten wird. Nun noch einen Blick in des Hauses wichtigsten Teil, in die Prachtküche; sie befindet sich in einem Seitenflügel des Hofes und entspricht in ihrer Ausstattung allen Anforderungen der Neuzeit. Bon allem Gebotenen nahm ich einen schönen Eindruck mit fort; den schönsten jedoch aus der zufriedenen, heiteren Stimmung mehrerer Damen, die ich Gelegenheit hatte, kennen zu lernen. E i n Gefühl beherrscht alle: das der innigsten Dankbarkeit, und warme Segenswünsche für die edle Stifterin dieses Heims kamen über die Lippen. Hier ward ein Heim in des Wortes wahrster Bedeutung gegründet, der schützende Hafen nach Fahren des IlmherirrenS, des Alleinseins, nach Daseinskämpfe». Alles atmet Ruhe und Zufriedenheit und vereint sich in harmonischer Weise für einen behaglichen, sorgenfreien Lebensabend. „O liebe Hand, so göttergleich — — — — — 0 Feuilleton. 0 Ans bewegter Zeit. Erzählung aus der Zeit der französischen Revolution. Bon R. 5. Fortsetzung. „Als der höchstselige Kaiser Joseph uns Juden zum Kriegsdienste heranzog, da hatte er wahrlich nicht beabsichtigt, daß nur die Kinder der Armen dienen sollen: da wollte er vielmehr, daß alle Juden, reiche und arme, vornehme und geringe, ehrlich und unehrlich erzeugte dienstpflichtig seien, nicht daß die vornehmen Muttersöhnchen gemütlich von den Fenstprn herabfchancn, wenn man aus ihre ärmeren Mitbrüdcr eine Hetzjagd anstellt. So haben wir hier zum Beispiel unseren Herrn Vorsteher — ich erlaube mir, es in seiner Gegenwart zu sagen — er ist Vater sieben blühender, schön gewachsener Söhne: — warum sollte er nicht wenigstens einen derselben dem Dienste des Vaterlandes weihen, damit die einzige Stütze einer kranken Witwe verschont bleiben könne? Glauben Sie sicher, Herr Hanptmann, daß, wenn bei der Abstellung ein rechtliches Verfahren eingeführt würde, dann die unmännlichen Austritte bald zu Ende gingen." Der Vorsteher, der Hanptmann und der Untersuchungsarzt sahen sich bei diesen Worten einander beschämt an: die ganze Versammlung lohnte dem Jüngling mit beifälligem Kopfnicken. Unterdessen war die Mutter de-s durch Abarbanels Großmut von der Heerespflicht befreiten Abraham Jcntel aus ihrer Ohnmacht erwacht, und ihr Sohn berichtete ihr nun in überstürzenden Worten die Freudenbotschaft. Mit Tränen der Dankbarkeit segnete sic ihren Retter, raffte dann eilig die sieben Sachen ihres Sohnes zusammen, um möglichst schnell den Ort ihres Kummers zu fliehen, und halbbekleidet —. die wenigen Kleidungsstücke selbst in der Hast verkehrt und unordentlich angezogen — folgte ihr dieser. Die Nachricht von der edelmütigen Aufopferung Abarbanel's verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die ganze Stadt. Wo Abarbancl, der würdige Sprößling eines großen Geschlechtes, sich sehen ließ, da blieb Alles stehen, um ihn anzustaunen: und ein Jeder wollte finde», daß die Kriegcrtracht seinen! schlanken Wuchs und seiner kühnen körperlichen Haltung weit besser stehe, als der zerknitterte lange Rock und der hohe, rückwärts geneigte Spitzhut eines Bachur's. Aber erst die alte Jcntel! — sie hätte ihren Netter am liebsten tot geküßt, verzuckert und vor Liebe anfgegesfen, wenn ihm damit gedient gewesen wäre. So aber mußte sie sich vorläufig damit zufrieden geben, ihm dreimal des Tages das Essen in die Kaserne zu schicken, damit er koschere Kost habe. Abarbancl selbst blieb bei aller Bewunderung der Alte. So oft xs ihm seine Dienstpflicht erlaubte, wohnte er wie früher den Vorträgen des Rabbi bei; und es nahm sich garnicht übel ans, einen stattlichen Krieger an den talmudischen Disputationen den lebhaftesten Anteil nehmen zu sehen. Seine Zeit wechselte recht angenehm zwischen körperlichen und geistigen Uebnngen. Bei beiden benahm er sich gewandt und geschickt; nichts Linkisches, nichts Unbeholfenes, wie es sonst häufig den Schülern der Wissenschaft anzuhaften Pflegt, war bei ihm anzutrefsen, und so hatten auch seine militärische» Vorgesetzten ihre Freude an seinem intelligenten, männlichen und freimütigen Wesen. 'Aber auch bei seinen Kameraden erwarb er sich bald eine achtnngsgebietende Stellung. Dem mutigen, wahren Menschen müssen sich überall Türen und Tore öfsnen, während dem Zaghaften überall die Bosheit einen Fußtritt zu geben wagt, denn er schweigt ja doch. Freilich auch der mutige, wahre Mensch muß riskieren, daß er Pfüsse und Stöße bekommt; er vertrant aber der Kraft seiner Arme und der Ehrlichkeit seiner Gesinnung und diese bringen ihn schon vorwärts. So ging cs auch Abarbancl. Bereits am ersten Abend in der Kaserne hatte er eine Probe seiner unbeugsamen Festigkeit auf dem Wege seiner Pflicht abzulegen. Und das kam so: Er hatte einen Mifchnahband mitgenvinmcii, um seiner Gewohnheit, vor dem Schlasengehen einen Abschnitt aus der Mischnah zu lernen, treu bleiben zn können. Hätte das Buch reden können, so würde es bei seinem Eintritt in die Kaserne gefragt haben: Wie komme ich in dieses Haus, wenn hat man mich noch je hier gesehen? Als er nun mit dem dicken und großen Buche in das MannschaftSzimmer trat, da riefen feine Kameraden mit Halloh: „Zuwachs, Zuwachs, neuer Kriegskamerad! Ei, was Teufel, bringt uns der mit, ein Meßbuch! Auch gut, mit einem Regiments-Kaplan wurden wir also auch schon versorgt!" Darauf nahte sich ihm ein lustiger Gesell mit einem vollen Branntweinglas, klopfte ihm derb auf die Schultern und rief ihm zu: „Trink, Bruder!" „Ich danke Freund, ich habe noch nie Branntwein getrunken." „So mußt Dn es lernen! — Was, ein Soldat und nicht trinken, den elenden Wicht möchte ich gerne kennen." Um sich Ruhe zu schaffen, kostete der junge Rekrut, obwohl mit größtem Widerwillen, einige Tropfen. „Das heißt nichts! So muß man's machen, wie ich!" fuhr ihn daraus der Kamerad an, indem er das Glas in einem Zuge leerte und es dann mit einer solchen Heftigkeit auf den Tisch stieß, daß es entzwei sprang, wobei er sich aber tüchtig in den Finger schnitt. „Nein, so muß man's nicht machen!" riefen alle Anwesenden mit Lachen. „Ei, der Teufel, habe ich mich in den Finger geschnitten? pah, das macht nichts!" Und er wischte das Blut vom Finger und wandte sich dann wieder dem neuen Kameraden zu: „Höre, Kamerad, trinken mußt Du lernen, sonst bleiben wir keine guten Freunde!" „Lernen will ich, das Trinken aber laß ich Dir." „Was willst Dn lernen; ich meine Du habest genug gelernt." „Mit meinem Lernen wird man nie fertig." „Nie fertig? — Das ist doch sonderbar, das muß doch ein teuflisches Lernen sein, mit dem man nie fertig wird! — Ein Handwerker macht seine Lehr- und Wanderjahre durch, wird dann Meister und ist fertig: ein Arzt, Geistlicher oder Rechtsgelehrter besucht das Gymnasium und die Universität, legt seine Staatsprüfungen ab, tritt dann sein Bernssleben an und ist fertig mit dem Lernen: — aber ewig lernen, nie fertig werden, dafür möchte ich mich doch bedanken!" > „Du hast recht! aber sieh, — bei uns lernt man, um zu lernen: bei euch, um etwas in der Welt zn werden. Uebrigcns erfüllt der recht klüglich seinen Berns, der da glaubt, daß eS mit dem Lernen während der Lehr- oder Schuljahre abgetan sei. Wem cs um wahre Vollkommenheit in seinem Fache zu tun ist, der kann nie aufhören zn lernen." „Wenn Du aber solche Lust am Lernen hast, warum tratest Dn in den Kriegsdienst? — Wie ich höre, hast Du Dich freiwillig dazu hergegeben." „Lernt man denn beim Kriegsdienst nicht? Und was ist denn das ganze Leben anders, als ein großer Krieg? nichts als Kämpfe: erst wenn man ausgelebt hat, hat man ausgekümpft." „Bravo, Herr Feldpredigcr, wir lassen eS gelten. Also trinken willst Dn nicht mit mir, aber ein Stückchen Schinken wirst Dn doch mit mir essen, diese Freundschaft wirst Tu mir doch nicht versagen?" fragte ihn nun mit spöttischem Lächeln sein erster Gegner. „Ich danke, ich habe schon zn Nacht gegessen." „Wir haben auch schon zu Nacht gegessen; jedoch ein Stückchen Schinken kann man auch noch bei vollem Magen vertragen," fuhr er zudringlicher fort, indem er sich zum Tisch begab, einen Schnitt Schinken von einem Teller mit der Gabel anfspießte und es ihm in den Mund stecken wollte. „Bruder, laß mich zufrieden," rief Abarbanel, während die Zorncsröte sich über sein sonst so gleichmütiges, freundliches Gesicht verbreitete. „Ja richtig, Dn bist ein Jude und darfst daher keinen Schinken essen, das hätte ich bald vergessen." „Darauf bin ich stolz und ich rate Dir, mein Judentum unangetastet zn lassen." „So, so," versetzte jener und rückte mit herausfordernder Miene Abarbancl auf den Leib, „und was kann mir geschehen, wenn ich dennoch Dein verdammtes Judentum antaste?" Jetzt aber hatte Abarbanel die Geduld verloren, er trat einen Schritt zurück, ballte die Faust und ver-