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Neue jüdische Presse · 1904-07-29 · Heft 29 (29.7.1904) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 29 (29.7.1904)
Date
1904-07-29
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Veite 4 Frankfurter Israelitisches Famiilienblatt. Nr. 29. dcr Schulzeugnisse besitzt, darf vo» einem Handiverksuicistcr als Lehrling angeuominen werden. Afrika. Copland, Cape Towu. Am 2. Juni legte Sir Walter F. Hely-Hutchinson, Gouverneur der Kap- Kolonie in Gegenwart dcr jüdischen Honoratioren' von Cape Town, einer Anzahl städtischer Behörden und Prediger verschiedener Glaubensbekenntnisse, den Grundstein zu dcr NeuenSyn a g o g c in dem Gartcnteil, in dem die jiidische» Schulen liegen. Unter den Zuschauern befanden sich u. a. der Dekan von Cape Town, Erzbischof Lightfodd, Rcv. G. Willoughby, Ncv. A. Pitt, Rev. B. Evans und dcr Bürgermeister Mr. W. Thorne, der den Magistrat repräsentierte. Die Kinder dcr jüdischen Volksschulen begrüßten das Erscheinen des Gouverneurs mit der Nationalhymne. Rev. A. P. Bender hielt, unterstützt von Rev. E. Lyons, die Andacht ab, während Herr E. Eltman den Chor dirigierte. Nachdem der Gouverneur unter den üblichen Formalitäten den Grundstein, einen schweren Granitblock in dcr nordöstlichen Ecke nicdergelegt hatte, versicherte er seine Freude, daß ihm Gelegenheit geboten werde, diese interessante Zeremonie zu leiten. Er freue sich aus dem Grunde, anwesend zu sein, tvcil seine Gegenwart den Beweis biete, daß unter der englischen Flagge religiöse Freiheit und Duldung herrsche. Er und alle Anwesenden wüßte», daß es keine treueren, dem Gesetze gehorsamere Untertanen des Königs gäbe als die jüdische Gemeinde. „Ich wünsche Euch von Herzen Glück," so schloß er seine Rede, „und hasse, daß dieses neue Gebäude, dessen Grundstein ich eben gelegt habe. Euch ein Gebethaus gebe, das den Gottesdienst Eurer wachsenden Gemeinde dem alte» Kultus würdig mache, zu dem Ihr gehört." Mit einigen Worten des Rcv. B e n d c r, in denen er besonders dem Gouverneur seinen Dank aussprach, schloß die schöne Frier. Personalien. Berlin. Der Privatdozent an dcr Technischen Hochschule in Berlin, Professor Dr. Ä a l l a n d in Charlottenburg, hat das Ritterkreuz des Nicdcrländischen Ordens von Oranien-Rassau erhalten. Die Eheleute R a b a n feierten am 12. d. M. im Kreise ihrer zalilreichcn Familie das Fest dcr goldenen Hochzeit. Am 18. d. M. feierte die in dcr Bülowstr. 78 wohnhafte Frau Lina Jacoby ihren 100. Geburtstag. Die Matrone, die eine einzige, jetzt siebzigjährige, unverehelicht gebliebene Tochter hat, ist seit fünfzig Jahren Witwe. Die Greisin erfreut sich noch einer unverminderten Geistesfrische. Karlsruhe, 22. Juli. Als g e i st l i ch e Abgeordnete zur israelitischcn Landessynode sind gewählt die Rabbiner Dr. Do ct o r in Bruchsal, Dr. Hannes in Konstanz, Tr. Oppenheimer in Mannheim, Dr. P i n k u ß in Heidelberg und Dr. Rawicz in Osfenburg. Karlftadt bei Würzburg, 19. Juli. Als Kultusvorstand der Gemeinde dahier wurde der Kaufmann Nath.an Süßer gewählt. München. Herr Kgl. Oberlandesgerichtsrat Adolf Epstein hier ist zum Mitglied der Kgl. Disziplinär! a m m e r in M n n ch e » ernannt. Dies dürfte im Jüstizdicnst wohl der höchste Rang sein, den ein Jude in Deutschland erreichte. Herr Epstein ist ein frommer Jude. — D.er Staatsanwalt am Kgl. Oberlandesgericht München, Eduard Silbe r m a n n, wurde zum Obcrlandesgerichtsrat ernannt. Königsberg, 20. Juli. Die Beerdigung des so plötzlich verstorbenen Bankiers Robert Cohn, Inhaber des Bankhauses S. A. Samtcr Nachfolger, hat heute Mittwoch Vormittags um 10 Uhr unter großer Anteilnahme weitester Kreise stattgcfunden. Ans dem Friedhof vor dem Königstor hatte sich eine überaus zahlreiche Traucrvcrsammlung eingefundcn, in dcr wir unter anderen die beiden Stadtverordneten-Vorstchcr Stadtrat K r o h n c und Justizrat Vogel, die Stadträtc Schaff, R o s c n st o ck, Mag n u s und W o b b c, zahlreiche Stadtverordnete, Vertreter der Kaufmannschaft, dcr Synagogcngcmeindc nsw. und Freunde bemerkten. Raab (Ungarn). Unser hochverehrter und geliebter Rabbiner, Rabbi I. S n y d e r s, ist nach langem Leiden von dem Sckianplatzc seiner rastlose», segensreichen Tätigkeit abgerufen worden. Er war in Amsterdam geboren, besuchte die Jcschilvoth in Schwabach, Würzburg, und Prcßburg, amtierte bis 1872 in St. Jörgen und von da ab in der hiesigen Gemeinde, die ihm all ihre niustergiltigc Institutionen zu verdanken hat und in dcr sein Andenken ein ewiges sein wird. Aus de« Vereinen. Frankfurt a. M. Der H i l f s v e r e i n für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien, Sitz in Wien, sendet uns einen Aufruf, in dem es heißt: „Eine halbe Million vcrhungcrder galt zisch er Juden ruft um Hilfe, um Arbeit, um Verdienst! Das Elend, in dem die Mehrzahl unserer Glaubensgcnossen in .Galizien dahinsiecht, spottet jeder Beschreibung. Wenn schon in früheren Fahren ein großer Teil dcr dortigen Juden — zumeist aus Mangel an ständiger Beschäftigung — mit seinem Erwerb ans den Zufall angewiesen war und sich infolgedessen in arger Lage befand, hat in den letzten Jahren die bitterste Not auch jene Schichten ergriffen, die bis dahin im Kleinhandel und Kleingewerbe ihr häufig nur kümmerliches Auskommen gesunden hatten. Offen und' geheim wird darauf hingearbcitet, den Juden die Existenzbedingungen zu unterbinden; Maßnahmen der Gesetzgebung und der Verwaltung tun noch das Uebrigc. Unter mächtigem Schutze und mit Unterstützung der Landesbchörden breiten sich über das ganze Land Konsum- und Handelsvereine aus, denen die jüdischen Krämer unterliegen; der Salzverkauf, der früher Hunderte ernährte, ist monopolisiert, die Propinationspachtungen sind erschwert und verteuert; im Wettbewerb um Verkaufslizenzen, um öffentliche Arbeiten, um Dienstellungen werden die Juden hintangesetzt; die zahlreichen jüdischen Handwerker erhalten von Nichtjuden nur selten Beschäftigung, abgesehen davon, daß sie, sowie auch die jüdischen Kleinhändler, die ohnedies den Sanistag auf das strengste feiern, durch die Sonntagsruhe auch noch einen zlvciten Tag in der Woche für ihre Arbeit verlieren — kurz, die Juden werden unbarmherzig,. geradezu systematisck, ausgehungert. Tausende Existenzen wurden so vernichtet, tausende von Familien an den Bettelstab gebracht. Vom Hunger getrieben, wandern die Bejammernswerten, Erwerb suchend, in Scharen aus den Dörfern in die Städte, aber nur mit dem Erfolge, daß sie das Elend der dort ansässigen Juden vergrößern und schließlich mit diesen zusammen in Not und Krankheit verkommen. . Wir hatten bereits in unserer Nr. 23 „Die Bestrebungen zur Hebung der sozialen Lage dcr galizischen Juden"' eingehend behandelt und hatten aus Grund der Tatsache, daß auf ein Rundschreiben des Hilfsvereins an „tausend jüdische Fabrikanten und Händler", ihre galizischen Brüder doch durch Zuweisung von Hausindustrie-Arbeit vor dem Hnngerstode zu retten, nur „eine einzige Antwort" eingelaufen war, cs ausgesprochen, daß dem Gros dcr österreichischen Juden, besonders der reichen, jedes Mitgefühl für die Not ihrer Brüder, jede Spur von Solibaritätsbewußtsein abgesprochen werden muß. — Auch der neue Appell wird sicherlich keine andere Wirkung haben, als seine Vorgänger. Wir westeuropäischen Juden sind nun einmal heute durchweg „cntjudet", „assimiliert"; und die Regeneration, die von dem Zionismus ausgeht, hat bis jetzt noch wenig unsere kapitalkräftigen Kreise, die, weil cs ihnen gut geht, die jüdische Not nicht sehen wollen, ersaßt. > Erinnerungen und Gedanken von N. S o k o l o w. Aus dem Hebräischen übertragen von I. K. I. . Aus der Reise nach Konstantinopel. Die Hitze war eine fürchterliche. Der Zug hatte in einer kleinen Nation, an der Grenze Bulgariens und Serbiens, Anfcuthalt. Eine gerade, farbcnlose Ebene, die keine Abwechselung bietet und das.Auge nur ermüdet. Von der Ferne zeigen sich die Spitzen der Balkangcbirgc in den verworrenen Gestalten von Händen und Spießen. Die Reise war lästig und abspannend. Aus dem Coupö stiegen zlvei Personen ans. Der eine war von großem Wuchs, der andere war wohl höher als mittelmäßig, jedoch an der Seite des crsterc» schien er klein. Sie spazierten beide auf dem asphaltischcn Trottoir. Plötzlich verschwand der elftere. Wo steckt der Theodor? Es genügte einen Blick auf den letzten Wagen des Zuges zu werfe», um au der Lokomotive den — Theodor zu bemerken. Er stand neben der Dampfmaschine und war in ein Gespräch mit dem Lokomotivführer tief versunken. Nun streckt er die Arme nach seinem Reisegefährten und ruft ihm kräftig zu: „Komm' 'mal her, David! Komm' doch!" Und David läuft hin, verblüfft starrt er seinen lieben Kollegen an und fragt murmelnd: „Was machst Du denn hier? Warum hast Du unser Coupö verlassen? Wozu stehst Du eigentlich da, in dieser Sonnenhitze?" Aber Theodor rührte sich nicht von dcr Stelle und Ivie ein strenger Befehl klangen seine Worte: „Bleibe hier, wo ich stehe!" Es war eine mächtige Stimme, die den unwilligen David an diesen unbequemen Platz magisch fesselte. Aus der Lokomotive stieg ein feuerigcr Dampfwirbcl ans, der in den letzten Wagen unaufhaltsam Funken sprühte und Kohlendunst, von Petroleumgcruch durchdrungen, reichlich spendete. Es war ungeheuer anstrengend, inmitten dieser erstickenden Lust zu verweilen. Aber c r befahl, hier zu bleiben. „Da hast Du eine» Platz. Nun sage mir mal: Wieviel denkst Du, bekommt dieser Lokomotivsührer monatliches Gehalt?" David schwieg und folgte aufmerksam dem Gc- 'prächc. Und der große schöne Mann unterhielt sich gerne mit ’ dem ungeschlachtete», nichts weniger als amüiercndeu Arbeiter, dessen Gesicht ganz braun gngebrannt und mit Ruß dicht bedeckt war. Sic sprachen einen französisch-ungarlsch-rumänischcu Jargon. Und so oft nun die zwei großen, tiefschwarzen, träumerisch funkelnden Augen den Lokomotivführer trafen, da gebahrte er sich wie ein schüchternes Kind . . . Und mit getrübter Stimme, die-oft von dein anschwellenden Rauche unterbrochen wurde, erzählte er, wie cs ihm geht. Er erzählte, daß seine Frau und fünf Kinderchen in einem entlegenen Dorse wohnen; er erzählte, daß dort die Lebensmittel sehr kostspielig sind und die Ernährung seiner lieben Frau und Kinder nur mit knapper Not erkämpft wird; er erzählte ferner, daß seine Belohnung ans Fr. 100 monatlich sich beschränkt und er dafür 10 Stunden täglich arbeite» muß. Und dcr schlanke, breitschulterige Maun lauschte mit großer Spannung jedem Worte, das im Qualm und Dunst dumpf verhallte. Mit einem Fuße auf der kleinen Treppe des Lokomotivivaggons stehend, unterstützte er mit einem Arm seinen prächtigen Kopf, während er mit dcr zweiten Hand den eindringenden Rauch zerstreute und fortjagte. Und gar oft wandte er sich an seinen Kollegen und rief ihm mit seiner zarten, geheimnisvollen Stimme zu: „Hörst Du? Hörst Du?" Die Aufcnthaltszcit des Zuges war bald zu Ende. Und Theodor flüsterte dem David ins Ohr: Gib ihm zehn Franken! Der Kollege zögerte ein wenig und da hörte er nochmals die strenge und doch liebevolle Stimme: „Also, Du gibst sie ihm nicht?" Und sofort legte er neben den Lokomotivführer 10 Fr. hin: „Ach, bitte, ein Geschenk für Ihre Kinder." Wie sanft und wie bescheiden klangen diese Worte! Der Zug rührte sich bereits, und die beiden Kollegen mußten nun vorläufig in diesem öden, von dcr Sonne uucrbärmlich angcbrannten Fleckchen verweilen. Theodor hat sich um diesen unangenehmen Vorfall gar nicht gekümmert: „Wir können ja nach der nächsten Station telegraphieren, daß man unsere Gcpäcke in Sicherheit bringe. Es ist nicht schlimm, wenn wir mit dem nächsten Zuge reisen. Jedenfalls sind wir, obwohl de» Zug verspätet, doch viel glücklicher als der Lokomotivführer, der den Zug nicht verspätete." Und sie setzten sich beide auf den Steinhaufen, in einen Winkel des öden Bahnhofs. Theodor war tief in Gedanken versunken. Sein Augenblitzen verriet einen schweren Kampf. Man merkte, daß in seiner großen Seele ein Meer von Gefühlen tobt. Das Milde, das Annehmliche, das Gefällige — alles dies, was ihn doch so sehr auszcichnete, — es verschwand in diesem Moment. Nach einer kurzen Panse raffte er sich auf und rief siegreich aus: „Nein! bei uns wird es so nicht sein!" „Aber warum bist Dil so aufgeregt? Ist denn das etwa neu, was Du da erfahren hast? Schließlich ist er ja gar nicht so unglücklich — er dcr Maschinist." Und er versuchte seinen Kollegen durch folgende Logik zu beruhigen: „Ich bin dessen überzeugt, daß sehr viele sich um diesen Posten beworben hatten, obwohl sie ganz genau die von dcr Eisenbahnverwaltung angekündigte Lohntaxe kannten. Diese würden sich glücklich geschätzt haben, wenn sie diese Stelle erhalten hätten. Nur war jener Maschinist der glückliche unter der großen Anzahl von Petenten. Wieviel beneiden ihn darob und wünschten sich an seine Stelle!"

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