Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 29 (29.7.1904)
- Date
- 1904-07-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3. Nr. 29. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. in der Synagoge zu Karlsruhe die Schlußübung des vom Großh. - Oberrate der Israeliten veranstalteten freiwilligen Kautoreufortbildungskurses für die Bezirke Breiten und Bühl statt. Die Teilnehmer, die vom greisen Hauptlchrer bis zum jüngsten lütter» lehrcr große Begeisterung und Eifer hierfür an den Tag gelegt hatten, waren alle zur Stelle. Bon Seiten Großh. Oberrats beehrte die Versammlung wiederum der Geh. Regierungsrat Herr D r. Mayer und für das Sekretariat des Großh. Oberrates Herr Direktor D r i e s c n. Auch einige Gäste waren zugegen. Der Herr Geheimrat sprach namens des Großh. Oberrats für die starke Beteiligung nochmals seinen Dank aus und stellte einen weiteren Kursus für später in Aussicht. Er betonte namentlich, daß durch diese Veranstaltung der Gottesdienst ans dem Lande ein Ivürdigerer werden möge, besonders möchten die Lehrer — Vorbetcr, immer mehr bestrebt sein, mit allen Kräften in diesem Zinne zu wirken. Der Senior der Kursteilnehmer, Herr Hauptlchrcr Lehma n n - Lichtenan sprach dann namens seiner Kollegen Großh. Oberrat den Dank aus sür die Veranstaltung des Kursus, in dem alle, selbst die ältesten, noch viel gelernt hätten, sowie ferner für die Bewilligung der Mittel hierzu. Auch dem Instruktor wurde allseitig Dank ausgesprochen für redliche Mühe, für die liebenswürdige Belehrung und für die schönen Erfolge, die erzielt wurden. Sodann trennte man sich unter herzlicher Verabschiedung. Und in der Tat sind solche Fortbildungskurse ein Bedürfnis. lieberall, sogar im entlegensten Dorfe, empfindet man, daß eine Besserung in Vortrag und Gesang Bedürfnis ist. Ein Vorbetcr, der zwischen den Wörtern Triller und Schnörkel anbringt oder gar dem Texte durch Singen weltlicher Melodien, einen weltlichen Rock anzieht, dürfte wohl an wenigen Orten heute noch Anklang finden. Hat der Vorbeter früher durch seine Triller die Zuhörer ergötzt, so war das nur ein Mittel gegen die Langweile. Heute huldigt man mit Recht der Ansicht: Man kann nur das mit Wärme vortragen, was man versteht und fühlt. Daß es auch in sonstiger Beziehung mit der Würde des Gottesdienstes ans dem Lande — namentlich in den weltentlegenen, von der Kultur nur oberflächlich gefirnißten Gemeinden — noch sehr schlecht steht, wird wohl von keinem Einsichtigen, der die Verhältnisse kennt, bestritten werden, ivenn auch zugestandener Maßen in vielen Gemeinden vieles besser geworden ist. Findet sich aber überall die erhabene Stimmung, die Ruhe, die Ordnung und der Anstand, mit einem Worte, die Andacht, welche als die Basis eines jcd'en Gottesdienstes betrachtet werden muß? In ihrem Gottesdienst spiegelt sich das Angesicht jeder Kultusgemeinde ab. Welchen Spiegel zeigt aber unser gegenwärtiger Gottesdienst in vielen Landorten? Ein trauriges Sprüchwort kennzeichnet ihn: „Es geht zu wie in einer Judenschule" pflegt man oft zu hören, wenn man einen hohen Grad von Unordnung und Durcheinander bezeichnen will. Leider läßt sich dem in vielen Landorten nicht widersprechen. Unregelmäßiger, willkürlicher Beginn des Gottesdienstes, unregelmäßiges, unanständiges Ein- und Ausgchen ins Gotteshaus, lautes, ungeregeltes Mitsingen, Beten, Sninmen und Brummen, Unterhaltung, Disputieren, Räsonieren, Kritisieren, lautes Zurufen, Hin- und Herlaufen, Herumstehen und Herumdrehen. Ja, in einer größeren Landgemeinde, in der es bei j e d e m Gottesdienst — entweder vor, während oder nach demselben — Radau gibt, gab cs sogar am jüngsten Schabbos »ach einem Rummel in der Synagoge, auf der Treppe zur Synagoge eine ordentliche Schlägerei zwischen zwei Männern, ob der Streitfrage, wer die meiste Unart in der Synagoge treibe. Ich bitte, gehen Sie doch einmal in die Dorflirche! Feierliche Stille! Ordnung — Anstand — Würde — der ungcbildeste Baller, gezähmt, gehalten, gehoben vor seinem Gotte; er weiß, wo er sich befindet. Auch bei uns muß es soweit koinmen, daß Andersgläubige beim Verlassen unseres Gottesdienstes — sei es am Werktage, Sabbat oder Feiertag — sagen können: „Wie schön, wie feierlich war euer Gottesdienst." Mögen darum die nicht hoch genug zu schätzenden Bemühungen Großh. Oberrats, diesen beklagenswerten. Zuständen ein Ende zu machen, von seinen Organen auch richtig unterstützt und beachtet werden, damit sie von segensreichem. Erfolge seien. Das walte Gott! Stratzburg i. Elf. Die unter dem Direktorat des Herrn D r. S. G r o m b a ch e r stehende Religionsschule der israel. Gemeinde wurde ' am 1. Juli 1904 von 148 Knaben und 146 Mädchen besucht, die in 6 Knabenbezw. 6 Mädchenklassen (und 1 Fortbildnugskursus für Mädchen) unterrichtet wurden. An der Schule wirken ailßcr dent Direktor, 2 Lehrer und 1 Lehrerin. München. Zu Beginn dieses Seniesters hat sich hier eine Vereinigung jüdischer Akademiker konstituiert, welche den -Zusammenschluß der gesetzestreuen augenblicklichen und ehemaligen Akademiker bezweckt. Hatte sich'in Berlin schon zu Beginn des vorigeit Winters bei der erfreulicherweise stets zunehmenden Zahl gesetzestreuer Studenten aller Fakultäten die Notwendigkeit herausgestellt, eine Vereiniglmg gleicher Tendenz zu schaffen, trotzdem das Rabbinerseminar den betreffenden Kreisen einen gewissen Sammelpunkt bot, so war für München um so mehr die Erkenntnis maßgebend, daß in einer geistigen Zentrale wie der zweiten Universität des Reichs, die alljährlich eine wachsende Anzahl jüdischer Studenten herbeiruft, für den Akademiker unserer Richtung' ein Krystallisatioiispnnkt geschaffen werden müsse. Der Vereinigung liegt jede aggressive Tendenz fern. Doch unverzeihlich wäre es, den zentrifugalen Kräften, welche fort und fort in verheerendem Kampfe den Kern des alten Judentums anfzulösen versuchen, tatenlos zuzusehen, ohne ihnen auf positiver Grundlage in der Vereinigung alter Elemente, welche noch treu zuin Glauben ihrer Väter schwören die natürliche Gegenkraft entgegenznsetzen. Doch gibt es heute noch ganz andere Erscheinungen, die einen Zusammenschluß der Akademiker tlnserer Richtung viel dringender fordern als der Kamps gegen Feinde in unserer Mitte, deren Abwehr uns unsere große» Meister im vorigen Jahrhundert gezeigt und gelehrt. Wgesehen davon, daß es .dem jungeil Studenten an und für sich sehr schwer werden wird, ohne Aussprache mit älteren, gleichgesinnten Kommilitionen den Ruhepunkt im Kampfe von Glauben und Wissen zu finden, ist beispielsweise eine neue Gefahr e n t st a n d e n d u r ch d i e V e r b rei t n n g u n d w i s s cn s ch a f tliche Fundierung der Hypothesen der Bibelkritik, die heute von vielen schon als Axiome aufgestellt werden. Daneben begnügt man sich nicht, den Pentateuch in verschiedene zu verschiedenen Zeiten entstandene Urschriften zu zerlegen, sondern würdigt auch das Judentum zu einem jämmerlichen Abklatsch einer weit höher stehenden babylonischen Religion herab. Scheint es angesichts dieser und ähnlicher Erwägungen nicht geradezu.geboten, den jungen Studenten zu ermöglichen, durch Aussprache und den Verkehr mit älteren das Gleichgewicht beizubehalten oder wiedcrzugcwinnen? Wir sind fest davon überzeugt, daß diese Bestrebung bei allen wahren Gesinnungsgenossen die rechte Würdigung erfährt und auf wohlwollende Förderung und tatkräftige Unterstützung rechnen kann, zumal es sich darum handelt M ä n n e r hcranznbilden, die naturgemäß dazu berufen sind, in den jüdischen Gemeinden eine f ü h r e n d e S t e l l u n g c i n z n n e h m e ns und Einfluß auf Kreise zu gewinnen, welche von den berufenen Verfechtern von Thora und Glauben bisher leider so wenig beeinflußt Iverden konnten. L. Breslau. Zur Annahme folgender drei Zu- Wendungen ist die Genehmigung erteilt worden: der Zuwendung, welche die unverehelichte Henriette G o l d s ch m i d i in Breslau der israelitischen Kranken-Berpflcgungsanstalt und Beerdigungs-Gesellschaft in Breslau sür ihre Altcrs-Versorgnngsanstalt mit '6000 Jk, der Zuwendung, welche der Rentner H c n s ch e l Go l d s ch m i d t der israelitischen Waisen- Verpflegnngsanstalt mit 6000 Jk und der Zuwendung, welche der Rentner H e n s ch c l G o l d s ch m i d t der Synagogengemeinde in Breslau mit 39 000 Jk gemacht hat. Dortmund, 22. Juli. DasalteSynagogengebäude am Wüstenhof, etwas über drei Hektar groß, soll, wie wir hören, von der Stadt erworben werden. Der Kaufpreis ist auf 83 000 Jk festgesetzt. Die Stadtverordneten werden sich wohl in der nächsten Sitzung mit der Sache zu befassen haben. Das frei werdende Gelände kann die Stadt gut brauchen, sobald es gilt, an der neuen Bahnhofstraße Bauplätze zu verkaufen. Oesterreich-Ungar«. Pretzburg. In Rücksicht auf die am 16. August stattfindende Sitzung des großen Aktionskomitee und auf die am 17. August stattfindende Jahreskonfcrcnz der österreichischen Zionistenvcreine ist die große Konferenz der M i s r a ch i in Preßburg auf den 10.—13. Ellul (21.—24. August) verschoben worden. Lemberg. Galizische Justiz. In Soklipchin wurden einige Juden und Christen wegen Ruhestörung vor den Richter gebracht. Die Angeklagten wurden schuldig erklärt, die ch r i st l i ch e n Beschuldigten zu je fünf und die j ii d i s ch e n zu zehn Kronen Geldstrafe verurteilt. Als einer der Juden den Richter fragte, warum die Juden das Doppelte zu zahlen hätten, da doch ihre Schuld die gleiche ist, wie diejenige der Christen, antwortete der Hüter des österreichisch-galizischen Gesetzes: „Weil die Juden mehr Geld haben, müssen sie auch mehr bezahlen!" . . . Und da sagt inan noch, die Juden wäreit in Oesterreich nicht gleichberechtigt! Rußland. Petersburg. Die abgebrannten Juden in Wilkomir, Dombrovitza und Korostyschew sind von der A l l i a n c c Jsraölite U n i v c r s e l l e mit 3000 Fr. unterstützt worden. Warschau. .Freiwillige" Spenden. In dem blutarmen Podolien, wo die Juden zu den Aermsten der Armen zählen, sind bisher von Juden allein zirka 65,000 Rubel als freiwillige Spenden für den ostasiatischen Krieg gesammelt worden. Die „Oswoboschdenje" erzählt zur Kennzeichnung der Art, wie solch' „freiwillige" Spenden eingetrieben werden, folgende wahre Begebenheit aus dem rnssichen Dorjlebcn: Beim Torsschulzen hatte sich bereits die gesamte Bauernschaft versammelt: der Hausherr bewirtete den Stanowoi (Polizeiorgan eines Gerichtsprengels) mit Magenbitter und Salzgurken. Die Bauern stehen zu einer Gruppe gedrängt beisammen. Am Herde siedet und brodelt der Samowar. Der Stanowoi leert ein Gläschen/ räuspert sich, beißt dazu ein Stück von der Gurke ab und schaut schweigend mit stierem Blick rings um sich. Der Stanowoi hat die kleine „Erfrischung" zu sich genommen, wischt sich nun ausführlich den Mund ab, zwirbelt den Schnurrbart auf und verläßt seinen Platz am Tisch. Nachlässig an den Knöpfen seiner llniform putzend, bekreuzt er sich, das Gesicht nach der dunklen Zimmerecke wendend, wo die Heiligenbilder für gewöhnlich zu hängen pflegen, dann setzt er sich ans die Bank und richtet seinen Blick auf die Bauern. „Nun ja," brummte er, „ihr habt doch davon gehört, daß es dem Japaner eingefallen ist, mit uns Krieg zu führen und daß er uns in ganz räuberischer Weise unterm Wasser eine Sau zugesendet hat? Habt ihr davon gehört?" Die Bauern werden unruhig, schweigen jedoch. Der Dorfschulze tritt vor und sagt hastig in einem Zuge: „Wir haben davon gehört. Euer Wohlgeboren: Väterchen hat es uns in der Kirche erzählt," damit tritt er wieder in die Hinteren Reihen zurück. „Nun also. Und jetzt braucht die russische Flotte Verstärkung, in der -Staatskasse ist aber recht wenig Geld gesaminelt auf Grund dieses ... ja also . . . das heißt. . . man braucht eben ..." Er schweigt, zieht aus der Tasche die Zigarettendose hervor und zündet sich eine Zigarette an. Wieder tritt der Dorfschulze vor und fragt schüchtern: „Wie viel von jeder Seele, Euer Wohlgeboren?" ' „Je einen halben Rubel!" lautet die kurze, energische Antwort und die Zigarette rückt von dem einen Mundwinkel in den andere» hinüber. Nach diesen Worten hört nran aus den Reihen der Bauern ein kaum unterdrücktes Seufzen, die Gesichter neigen sich zu Boden und eine beklemmende, düstere Niedergeschlagenheit überkommt alle. > „Nun?" frägt der Stanowoi gleichmütig. Schweigen. Einer von den Alten fährt plötzlich auf und mit einer Art verzweifelter Entschlossenheit, den Blick starr auf den -stanowoi gerichtet, platzt er heraus: „Kann man cs nicht absitzen. Euer Wohlgeboren?" „Dummkopf! Hölzerner Tölpel, du!" schreit der Stanowoi und spuckt sogar vor Zorn ans. Eine Weile blickt er dann schweigend auf die Gruppe der Bauern hin. Endlich wendet er sich zu dem Dorfschulzen und sagt mit der entschiedenen Betonung eines Menschen, der seiner Macht bewußt ist: „Daß mir Sonntag das Geld zur Stelle ist. Hörst du, Dorfschulze?" „Zu Befehl!" autwortete jener militärisch. „Ihr aber packt euch, ich brauche euch nicht weiter." Die Worte, mit denen der Ttanolvoi die Bauern verabschiedet, bringt er schon in milderem Tone vor. Geängstigt murmeln diese ein „Lebeil Sie wohl. Euer Wohlgeboren" und drücken sich mit gekrümmten Rücken zur Stube hinaus. England. Limerick (Irland), 20. Juli, lieb er fall. Zwei Juden wurden auf offener Straße von einem Arbeiter ohne weiteres angefallen. Der eine wurde durch einen Stockschlag auf den Kopf niedergeschlagen, der andere entkam dem gleichen Schicksal durch das Dazwischcntreten eines Schutzmannes. Es handelt sich um ein antisemitisches Verbreche». Italien. Rom. Nach der Volkszählung von 1901 wohnen in Italien 35 617 Juden; im Jahre 187t betrug ihre Gesamtzahl im Lande 35 356; also seit 30 Jahren ein Stillstand oder nach den Gesetzen der natürlichen Entwicklung eine rapide Verminderung. Wer die Verhältnisse in Italien kennt, der weiß, daß die Assimilation — die unzähligen Mischehen und Taufen — den Zusammenbruch der italieitischen Judenheit, der seit Jahrzehnten eine Tatsache ist, verschuldet hat. Die meisten Juden wohnen in de» Hauptstädten, in Rom 7121, in Mailand 3012, in Turin 2800, in Genua 1053. Größere jüdische Gemeinden habe» auch Ferrara mit 1227 Seelen und Mantua mit 1068 Seelen. Unter den 35000 italienischen Juden befinden sich 329 Advokaten, 212 Aerzte und 173 Offiziere. Rumänien. Bukarest. Für arme jüdische Eltern in Rumänien hat die Alliance I s r a ü l i t e die Summe von 1000 Fr. neuerdings bestimmt zur Bestreitung derjenigen Schulauflagen, deren Zahlung den Kindern das Recht zum Schulbesuch gibt. Ohne Schulbesuch gibt es keine Schulzeugnisse und nur der Knabe,