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Neue jüdische Presse · 1904-07-29 · Heft 29 (29.7.1904) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 29 (29.7.1904)
Date
1904-07-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Nr. 29. wortung gutachtlicher Anfragen Hilfe leisten konnte. Sifulai* 8) erzählt, er habe den zweiten Teil des Schwile- Haleket im Manuskript gesehen; das Buch enthalte viele Responsa Raschi's und in einem derselben, welches einen sehr schwierigen Gegenstand aus dem Gebiete des „Jssur-w"Hether" behandle, heiße es, Raschi sei zur Zeit, >vo die betreffende Anfrage ein gelaufen sei, krank gewesen, und -habe seine Tochter die Antwort schreiben lassen. Die Frage, wie weit die Kenntnisse Raschi's aus dem Gebiete der profanen Wissenschaften, gereicht haben mochten, erscheint mir, gemessen an seiner großen Bedeutung für das Judentum, die ja auf ganz anderem Gebiete liegt, völlig belanglos. Jedenfalls aber sind Beweise dafür da, daß er in der Astronomie und in der Medizin beschlagen tvar. Und wenn auch Zunz9) von dem medizinischen Buche Raschi's, das R. Sdjofitai10) gesehen haben soll, nicht viel hält, so weiß doch Bloch") zu berichten, daß das Manuskript sich heute noch in der Oxforder Bodliana befinde. * * * Fünfundfünfzig Jahre war Raschi alt, als er Zeuge der blutigen Verfolgungen lverden mußte, die wie ein Blitz von heiterem Himmel seine Brüder in Frankreich und namentlich in Deutschland ereilten. Es war dies inr Jahre 1096, wo die Schwärme der heiligen Wallbrüder, ans dem Answnrf der französischen, englischen, lothringischen und flandrischen Länder bestehend, hinauszogen, um das Grab ihres Herrn zu erobern. Dieses schamlose Gesindel, das den wildesten Ausschreitungen fröhnte, lechzte nach jüdischem Geld und jüdischem Blut. Und so begannen denn die geweihten Streiter Christi, denen alle Sünden, vergangene und zukünftige, vergeben waren, das hellige Werk des Mordens und Plünderns mit den Juden Frankreichs und Süddeutschlands — und neue Ströme jüdischen Blutes und jüdischer Tränen flössen nun in das uferlose Meer des ewigen Martyriums Israels. Die Juden aber zeigten sich gerüstet für die schwere Prüfung, an ihrer unbedingten Gottergebenheit und heroischer Glaubensfestigkeit prallte die tobende Flut menschlicher Bestialllät zurück, sie zogen den Märtyrertod schmählicher Fahnenflucht vor, ganze Gemeinden gaben sich selbst den Tod, Männer töteten ihre Frauen, Väter ihre Töchter, um sie vor Schändung zu bewahren. — Der Geist Raschi's und seiner Schule lebte in der französischen und deutschen Diaspora. Den Eindruck dieser Erlebnisse hinterließ uns Raschi in wehmütigen Klagelieder», die in schlichter, ergreifender Sprache seinen tiefen Schmerz über die Leiden Israels und seine brennende Sehnsucht nach Erlösung zum Ausdruck bringen. So steht nun das Bild Raschi's vor unseren Augen, hervorragend durch umfassende Gelehrsamkeit, einen edlen Charakter und idealen Lebenswandel, groß als Rabbiner und Richter, unerreichbar als Lehrer und Kommentator, auf Schüler und Nachfolger mächtig einwirkend, nächst Maimonides die einflußreichste Erscheiimng im jüdischen Mittelalter, an Popularität aber diesen noch erheblich überragend. Am 29. Tamus 4865'-) wurde der große Meister inmitten der Beschäftigung mit der Ausarbeitung des Talmudkommentars. im Alter von 65 Jahren dem Kreise der Lebenden entrissen. Die Nachwelt bezeugte seinem Andenken, ihre Liebe und ihre Dankbarkeit, indem sie um seinen Namen einen nimmer welkende» Kranz von Sagen und Märchen wand, durch die sie sein Bild verklärte und verherrlichte. Es wäre eine dankbare Aufgabe, all die Legenden und Sagen, die an seine Geburt, sein Leben und seinen Tod gehi Schein Hagdolim, Z., zitiert bei Bloch, Toldoth-Raschi, neuere Auflage, Warschau. 1862. - 9) a. a. O., p. 291. -0) Sisfe-Jeschenim, p. 71. n) a. a. O., s. 11a. >-) Luzzatto, Orient 1846, p. 418. CH. Michel lOr. - Hachaim, p. 584) und S. Bloch (Toldoth-Raschi, Note 1) führen ein in der Bibliothek de Rossi's in Parma aufgesundenes, im Jahre 1305 angesertigtes Manuskript des Raschi-Koinmentares zum Pentateuch an, wo in einer vom Abschreiber am Schlüsse angesügten Notiz der 29. Tamus 4865 als der Todestag Raschi's bezeichnet wird. Aehnlich Rabbi Salome Lurie (Responsa Cap. 29) und Jochsin eompl. (p. 131, resp. 171). Zitiert von S. Buber in der oben erwähnten Raschinummer der Hazefirah (Wochenbeilage Nr. 8, 1904). Frankfurter Israelitisches Familienblatt. knüpft werden, zu samnielu, und sein Bild, wie es im Voltsmund und in der Volksphantasie lebt, zu konstruieren. Wegen -seiner großen Leistungen als Kommentator verlieh ihm^ die Nachwelt den ans einer witzigen Anwendung eines biblischen Namens hervorgegangenen Ehrentitel P a r s ch a n d a t h a (Gesetzerklärer). kAm Schlüsse noch einige Worte über die Feier des bevorstehenden achthundcrtjährigen - Todestages Raschi's. Der Verlag der allgemeinen hebräischen Eneyklopädie kündigte zu diesem Tage ein großangegelegtes Gedenkbuch in hebräischer Sprache an, das sowohl für Fachmänner als auch für die breiten Volksschichten berechnet ist. Es wäre nun erwünscht, daß die jüdischen Gelehrten und Forscher deutscher Zunge, die Herausgabe eines ähnlichen Werkes in deutscher Sprache veranstalten, damit auch dem deutschlesenden jüdischen Publikum zu Belvußtsein gebracht wird, was Rabbi Salomo Jtzchaki dem Judentum war. Gedanken zum Misrachistentag. Bon entern gesetzestreuen Juden. „Jede Vereinigung, die in lauterer Absicht entsteht, hat Bestand." — Vor mir sind die Annalen unserer Geschichte geöffnet — und ich finde in den letzten Jahrhunderten keine Vereinigung, ans die mit größerem Recht die obige Bezeichnung des „Vätersprnches", zuträfe und die mit solchem Recht auf Gelingen und Bestehen hoffen und rechnen darf, wie jene, die von den Misrachisten an ihrer großen allgemeinen Konferenz zu Preßburg geschaffen werden soll. Es ist ein gesunder und zeitgemäßer Gedanke, der diejenigen Juden, die auf dem Boden des traditionellen Judentums stehend der jiidischnationalen Bewegung sich angeschlossen haben, aus allen Ländern zusammenruft und vereinigt, um gemeinsam in t r a d i t i o n e l l e m Sinne für das große Ziel des Zionismus zu arbeiten und auf jüdisch-nationalem Boden für die religiöse Gesetzestreue zu wirken. Eine solche Vereinigung ist notwendig und natürlich, ist zeitgemäß und in einer alten Tradition begründet, sie muh zu stände komnien und Bestand haben. Denn was ist grundverwandter, was inniger "miteinander verwachsen, als G e s e tz e s t r e u e und Zionismus. Sie mußten sich einander finden, einander ergänzen. Tatsächlich existierte dieser vereinigende Gedanke schon seit der Entstehung des Zionismus, wie er vor dessen Entstehung stets nur als eine einzige Idee im Bewußtsein aller gesctzes- und traditionstreuen Juden lebte. In erkenntlicher Form ist dieser Gedanke vor einigen Jahren unter den russischen Juden in der vom Lidaer Goann Rabbi I. I. Reines begründeten Bereinigung „Misrachi" hervorgetreten, die als eine große und einflußreiche Gruppe innerhalb des Judentums durch ihre doppelte Wirksamkeit, Verbreitung der Zionsidee unter den Gesetzestreuen und Förderung der Taurokenntuis und der Gesetzestreue unter den Zionisten, schon jetzt viel Gutes und Heilsames gewirkt hat. Das Gute und Heilsame, das der „Misrachi" in Rußland für die russische Judenheit gewirkt, ivird aber verhundertfacht, wenn er als ein a l l g e nt. Verband aller gesetzestreuen Zionisten sich organisiert, seine Wirksamkeit auf alle Länder ausbreitet und als einheitliche Organisation für seine Prinzipien sowohl in der neugeschaffenen Volksvertretung, auf dem Kongreß, Achtung und Geltung verschafft, wie auch im gesellschaftlichen Leben der Juden für die N e u b e l e b u n g des ganzen und vollen Judentums, des der Religion und des Volkstums in traditionellem Sinne arbeitet. Die Ncubclcbung des Judentums in seiner alten Größe und Pracht kann nur durch die Wiederherstellung unserer Religion auf der alten geschichtlichen nationalen Basis und durch die Zurücksüh rung des jüdisch en RationalismusaufdiealteQueile der Tau roh und der Tradition erwirkt werden. Denn das Wesen der jüdischen Religion tritt in der Form des jüdischen Volkstunis in die Erscheinung und das Wesen des jüdischen Volkstums ist in der Gestalt der jüdischen Religion verkörpert-: die innige Vereinigung beider in traditionellem Sinne ist das ga u z e Jude lt t u nt. Nur solange diese Vereinigung in harmonischer Einheit lebendig ist, ist der Typus des traditionellen Judentums gewahrt und rein erhalten. Sobald aber eine Lockerung zwischen beiden zusammengehörendxn und nur geeint berechtigten Elementen entsteht und eine lleberwucherung des einen auf Kosten des andern Platz greift, da tritt uns einerseits ein Konsession a l i s m u s entgegen, der im traditionellen Jndentum unbekannt und unbegründet ist und der, kleide er sich auch äußerlich in „orthodoxen" Mantel, doch bereits auf r e f o r m i st i s ch e n Boden steht — öderes bildet sich anderseits ein Nationalismus heraus, der trotzdem er von Inden und für Inden gepredigt wird, dennoch nicht jüdisch ist. In beiden ist das historische, traditionelle Judentum gefälscht. Der „Misrachi", der die Nenbelebnng des Judentums auf der oben gekennzeichneten Art sich zum Ziele gesteckt hat, hat damit eine Tat vollbracht, die ihm der Genius des Judentunis danken wird, und eine zweckdienliche aber auch zur Begeisterung befähigende Organisation, die die ans dem „Misrachistentag" Versammelten sicherlich schassen werden, wird eine Zukunft haben, sie wird jenes hohe Ziel der Verwirklichung nahe bringen. Der „Misrachi" hat sich der großen, alle Schichten unseres Volkes beherrschenden, zionistischen Bewegung angeschlossen, er will für seine Ziele unter der bereits aufgerollten Fahne des Z i o n i sm u s kämpfen. Damit hat der „Misrachi" die große Bedeutung des Zionismus begriffen; er hat verstanden, daß gerade ans dem Standpunkte und im Interesse der jüdischen Gesetzestreue die Bewegung zu fördern ist. Ist es doch schon eine einfache Forderung des gesunden Verstandes, daß der orthodoxe Jude mit aller Kraft eine Bewegung unterstütze, die seinen eigenen Prinzipien die vornehmste und festeste Grundlage bietet, das jüdische Volkstum, durch das er in der Tat Daseinsberechtigung erhält. Nur der Reform- oder der - sogenannte „neologe"-Jude, der -Assimilant wird und hat sich mit allen ihm zu Gebot stehenden Mitteln vor dem Zionismus gewehrt und offen gegen eine Bewegung gekämpft, die ihm seine Lieblingsideen und -Pläne von dem geräuschlosen Untergang des jüdischen Volkes in den es umgebenden Nationen, von der Preisgabe der jüdischen Volkseigentümlichkeiten und des jüdischen Religionsgesetzes, vereitelt und ihn lvieder zu seiner alten jüdischen Pflicht zurückruft. Durch eine große Vereinigung aller Gesetzestreuen in der allgemeinen großen Organisation des „Misrachi" werden dann zum e r st e n m a l die gesetzestreuen Juden der ganzen Welt ein gern einsam es einigen desOrgan besitzen, das ihnen möglich machen wird den großen Kamwf, der noch lange nicht ausgefochten ist, den Kampf zwischen Tradition und R e s o r nt, endgiltig ansznkämpfen und die Tradition zum bleibenden Siege zu verhelfen?--"' (Schluß folgt.) jf % Aus alter Wett. s- Dentschland. Berlin. Jüdisch eArbeitsnachweise will der „Verband der Vereine zur Förderung des Handwerks und der Bodenkultur unter den Juden", durch Vermittelung der jüdischen Logen in allen größeren Städten Deutschlands ins Leben rufen. Es soll jüdischen Knaben erleichtert werden, passende Lehrstellen, jüdischen Gesellen und Arbeitern geeignete Beschäftigung zu sinden. Man will darauf hinwirken, daß der Zustand ein Ende nimmt, daß g r o ß e j ü d i s ch e A r b e i t g e b e r k e i n e I u d e n unter ihrvui Personal dulden, ein Verhalten, das namentlich in kleineren Ortschaften die Stellenvermittelung für Juden ungemein erschwert. Die Arbeitsnachweise, von denen einige bereits bestehen und gute Erfolge aufweisen, sollen einer Zentralstelle unterstehen, um auch nach außerhalb Stellungen zu vermitteln. Berlin. Wie die hiesigen Tageszeitungen berichten, ist der bekannte antisemitische Agitator GrafPückl e r - K 1e i n - T s ch i r n e schon seit einigen Wochen Gegenstand psychiatrischer Beobachtungen. In den letzten Tagen ist der Zustand des Grafen ein so bedenllicher geworden, daß die Ueberführung desselben nach einer amtlichen Beobachtungsstation bald erfolgen dürfte. Aus Bade«. Fortbildungskursus für Kantoren und Synagogengottesdienst auf dem Lände. Sonntag, den 24. d. M. fand

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