Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 29 (29.7.1904)
- Date
- 1904-07-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ilrankfrtrter Zftiklitislhks familirnlilutt. Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschästsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise stehe Schluß des redaktionellen Teiles). HedaKttoil Md Geschäftsstelle: Srsnkfurl 2. m.. Leüigkreuzgafle 32, Lcke Llapperfeldstraße (gegenüber der Nene« Zeit).!>e?a«sgebep: Sarg Geis. Jnfertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 „ Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8- —• 2. Jahrgang. Freitag, de« 17. Aw"5664 (29. Juli 1904). Ro. 29. Raschi, (Rabbi Salomo Jtzchaki) sein Leben und Wirken. (Zu seinem Todestage, 2S.Tamus/12. Juli) Bon M. I. G-n. (Schluß). Wie hoch der Bibelkommentar „Raschis" eingeschätzt werden muß, erhellt aus der Aeußerung seines großen Enkels, Rabbi Jakob Tam. „Einen Kommentar, wie der ineines Großvaters zum Talmud," sagt der Vater der Tossafisten an einer Stelle, „würbe ich auch schreiben können, keineswegs aber vermöchte ich es,-einen Bibelkommentar zu schassen, der dem (einigen ebenbürtig wäre." Die Bedeutung der Raschi'schen Kommentare für das Judentum scheinen auch unsere Erzfeinde, die katholischen Geistlichen des Mittelalters, bald eingesehen zu haben: sie ließen es dem Raschi'schen Werke an Feuerproben und Scheiterhaufen nicht fehlen. „In Spanien ist es verboten, in Italien verbrannt worden, Zensoren haben ganze Stücke weggestrichen, bisweilen interpolieren lassen, oft zur Entstellung geschichtlicher Treue."Z Daß der Raschi - Kommentar nicht auch noch unter den vielen Abschriften, bei welchen Textverstüminlungen und Interpolationen für die Dauer unvermeidlich sind, übermäßig zu leiden hatte, ist lediglich ein Verdienst späterer Superkommentatoren, die zugleich als Tcxtverbesserer Vorzügliches geleistet haben; die Bedeutendsten derselben sind: R. Elia Misrachi, Schabthai, Heidenheim u. a. Besser als die katholische Geistlichkeit meinten es die ^christlichen Gelehrten, namentlich die Bibelexegeten, mit Raschi. Sein Bibelkommentar wurde von denselben sehr viel gelesen, zitiert und aus verschiedene Weise angewandt und epitomiert. Mcolaus de Lyra, der bekanntlich aus Luther in Bezug aus Bibelexegese einen großen Einfluß ausgeübt hat, stand ganz im Banne des Raschi'schen Kommentars, so daß man noch in den' Uebersetzungen Luthers die durch ihn vermittelte Einwirkung Raschi's erkennen kann. Hervorragende ^chctftkichs Gelehrte waren es auch, die die zahlreichen lateinischen Uebersetzungen des Bibelkommentars, mit und ohne Noten, bejorgten.-) Wenn wir nun Gelegenheit hatten, schon allein die gewaltigen Leistungen Raschi's als Kommentators zu bewundern, so werden wir uns vollends eines Gefühls des Staunens nicht erwehren können, wenn wir bedenken, daß er auch 'auf anderen Gebieten des rabbinischen Schrifttums Großes geleistet hat. Von den selbständigen halachischen Werken Raschi's ist bis jetzt allerdings nur eine unter dem Namen „Pardes" (Lustgarten) bekannte und von den ältesten Autoren zitierte Sammlung von Gutachten und Urteilssprüchen im Druck erschienen. Ein Auszug aus dieser Sammlung, die wahrscheinlich Raschi selbst besorgt, wenigstens aber veranstaltet hat, wurde später unter dem Namen „Likute-Hapardes" von seinen Schülern an- Zunz: Zeitschrift für die Wissenschaft des Judentums, 1822, p. 371. Siehe Anmerkung dortselbst. -) Siehe Zunz, a. a, O. PP. 317, .348. , r4>-A<v4-C-- gcfertigt; derselbe fand gleichfalls große Verbreitung und"wurde 1519 in Venedig in Druck gelegt. Allein mit diesen populär gewordenen Gutachtensammlungen ist die Tätigkeit Raschi's als Paussek noch lange nicht erschöpft; er hat noch eine ganze Reihe von Schriften dieses Genre's verfaßt, welche, obwohl sie bis jetzt unveröffentlicht geblieben sind, durch den mächtigen Einfluß, den sie auf die älteren Decisoren ausgeübt, große Bedeutung erlangt haben. Zu diesen gehören: Sefer-Hoauroh, Ssidur Raschi (Gebetordnung), Sefer Hasdorim?) Jssur w'Hethcr^) (Verbotenes und Erlaubtes). Die bedeutendste der aufgezählten Schriften ist Wohl „Sefer-Hoauroh", von welchem der bereits erwähnte Bibliograph Asulai Folgendes zu berichten weiß: „Ich habe das Raschi zugeschriebene Werk Sefer-Hoauroh im Manuskript gesehen. Es besteht aus 128 Paragraphen und enthält in reiner, prägnanter Sprache geschriebene Entscheidungen aus dem Gebiete des „Aurach-Chaiin" und des Verbotenen und Erlaubten. Das Werk wird vielmals vom „Birke- Joseph" und vom „Pcssach-Enajim" angeführt. "ß) Im Einschluß an diesen Bericht Asulais zählt S. Buber«) noch eine ganze Reihe älterer Poskim aus — darunter Rawad, Ritwo, Magid-Mischne — die gleichfalls Sefer-Hoauroh zitiere» und anwenden. Es dürfte die Leser interessieren zu erfahren, baß Aussicht vorhanden ist, diese bedeutende halachische Schrift in Kürze veröffentlicht zu sehen. In der wiederholt erwähnten Raschinummer der Hazesirah teilt S. Buber mit, er beabsichtige den Sefcr-Hoauroh, den er in vier verschiedenen Abschriften besitze, mit einer ausführlichen Einleitung und Anmerkungen zu versehen, einer eingehenden Korrektur zu unterziehen, die von Raschi benutzten Quellen — dem babylonischen, dem jerusalemischen Talmud und den Schriften der älteren Gaonim — in jedem einzelnen Falle nachzugehen und sie anzuführen und sodann das Werk in dieser allgemein zugänglichen Form zu dem bevorstehenden achthnndertjährigen Todestag Raschi's der Oeffentlichkeit zn übergeben: später werde er sich der Gebetordnung Raschi's zuwenden» die er in gleicher Weise herauszugeben gedenke. Die Würdigung Raschi's als Paussek würde nicht vollständig sein, wenn wir nicht auch noch seiner Einrichtungen (Tukonoth) gedächten, die sich bis auf den heutigen Tag fortgeerbt haben.') So hat er z. B. die Aufhebung der Leviratj^ei^sester begründet; eine Verordnung über Steuerverpflichtung von fremden Geldern ist uns durch R. Jakob Tam vermittelt worden. Daß unsere Tesillin den Namen Raschi's führen, ist auf die von ihm vorgeschriebene Ordnung der Thoraabschnitte (Parschioth) derselben, die wir 3) Nach S. Buber (Hazesirah Nr. 8, 1904) ist diese Schrift nichts anderes, als ein unvollständiges Exemplar des Ssidur Raschi. 4) Dieses Manuskript, das sich in der Merzbachschen Bibliothek in München befand, wird wohl mit dieser zur Frankfurter Stadtbibliothek übergegangen sein. 5) Schem-Hagdolim, Buchstabe A. ß) Raschinummer der Hazesirah (Nr. 8. 1904). 7) Siehe Zunz, Zeitschrift für die Wissenschaft des Judentums, 1822, p. 331, Anmerkung. H im Gegensatz zu derjenigen Rabbenu Tam's befolgen, zurückzuführen. lieber die Tätigkeit Raschi's als Lehrer und Leiter des Lehrhauses zu Trotzes hatten wir bereits Gelegenheit zn sprechen. In diesem Lehrhause bildeten sich 'seine Jünger aus, die nachmals die Gründer der Tossafistenschule wurden. Die bedeutendsten Vertreter dieser Schule, die etwa zwei Jahrhunderte wirkte und mehr als zweihundert hervorragende Talmudforscher in ihrer Mitte zählte, waren gerade die Schwiegersöhne und namentlich die Enkel Raschi's, aus die sein großer Geist übergegangen ist. Er hatte nämlich keine Söhne, nur Töchter, die an namhafte Gelehrte verheiratet wurden und noch gelehrtere Söhne zur Welt brachten. Einen seiner Schwiegersöhne, Ji. Juda b. Natan, der den Kommentar zn Makkoth fortgesetzt hat, haben wir bereits erwähnt. Der zweite, Rabbi Meir den Samuel aus Rainer» (unweit Trotzes) war der Vater der drei großen Tossafisten, R. Isaak, R. Samuel und R. Jakob Tam (Ribain, Raschbam und Rabbenu Tam), deren weitaus Bedeutendster R. Tain war.*) In Anbetracht der hohen Bedeutung, die die Tossasistenschule — mittelbar ein Produkt der Raschischen Wirksamkeit — für das Talmudstudinm und die Gesetzeskcniitnis erlangt hat, seien hier ciuige Worte über dieselbe gesagt. Diese Schule, die tossaphistische genannt, weil die Lehrer derselben ihren Arbeiten den bescheidenen Namen Tossafoth (Zusätze) gaben, zeichnete sich nicht nur durch den Scharfsinn aus, mit dem sie die schwierigsten logischen Operationen des Talmuds kritisch zerlegte und klar machte und durch den sie den Geist für das Studium rege hielt und entwickelte, sondern gewann auch durch die Art und Weise wie schwierige Stellen erörtert, scheinbare Widersprüche gelöst, ältere Ansichten angeführt und beleuchtet wurden für die Gesetzcskenntnis große Bedeutung, indem die gewonnenen Resultate für die Halacha feftgestellt und verwertet wurden. Neben einer außerordentlichen Verstandesschärfe zeigen die Tossafisten eine staunenerregende Beschlagenheit in: Talmud, eine geradezu phänomenale Beherrschung des umfangreichen und weitschichtigen Stoffes. Diese Vorzüge waren es, die ihnen unbestrittene halachische Autorität durch alle folgenden Jahrhunderte gesichert haben. So wurde nun durch Raschi und seine Schule das nördliche Frankreich die Heimat des Talmud. Hier wurde die so schwierige Aufgabe gelöst: das umfangreiche Gebiet des Talmuds und seiner ganzen Nebenliteratur begriffe» und erklärt, der für de» Nichteingeweihten unlösbare Knoten von Begriffen, Sätzen und Meinungen in ein streng logisches System gebracht, der gewaltige spröde Stoff zu imposanten halachischen Gebilden und Kompositionen geformt. Was die Nachkommenschaft Raschi's ferner anbetrifft, so wäre noch zu erwähnen, daß eine seiner Töchter so gelehrt war, daß sie ihm in der Beant- *) Die dritte Tochter gab er an Rabbi Ephraim Hasoken, einen Schüler von Rabbi Jizchok Alfasi (siehe Kore hadoroth, Auerbach Brith Awrohom). Anm. d. Redaktion.