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Neue jüdische Presse · 1904-07-22 · Heft 28 (22.7.1904) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 28 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 28. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5, Personalien. Berlin. Der Wirkliche dänische Kammerrat Emil I. Jonas feierte am 14. er. seinen 80. Geburtsin voller körperlicher und geistiger Frische. Der Jubilar hat sich als vielseitiger uud verdienstvoller Journalist, als fruchtbarer Roman- und dramatischer Schriftsteller und als vorzüglicher Uebersetzer der Meisterwerke der dänischen, schwedischen und norwegischen Literatur einen Namen erworben; von 1852 bis 1863 stand er im dänischen Hofdienste, in welcher 'Stellung er sich verschiedentlich auszeichnete; auch zu König Oskar II. von Schweden und Norwegen, dessen Werke er ins Deutsche übertrug und der ihn mit dem Wasaorden 1. Klasse auszeichnete, steht er in freundschaftlichen Beziehungen. Emil I. Jonas hat sich stets ein jüdisches Interesse bewahrt. Breslau. Am Samstag, 10. Juli feierte der Kommissionsrat Schlesinger mit seiner Gattin Paula, geb. Bielschotoski, Schwiegervater des 2. Vorsitzenden unserer Gemeinde, Herrn Landgerichtsrats Wöllstein, das Fest der goldenen Hochzeit. Der Jubilar, der vor einigen Jahren nach Breslau übergesiedelt ist, um hier die wohlverdiente Ruhej des Alters zu geniesten, stammt ans. Trachenberg, wo er eine Zuckerfabrik und eine Mühle besäst und sich durch Intelligenz, Fleitz und Hochsinn die hohe Achtung weiter Kreise seiner Mitbürger und große Verdienste um seine Heimatstadt erworben hat. Nach Verkauf der Fabrik erwarb S. das Rittergut Klein- Krutschen, das er mit großer Umsicht bewirtschaftete, wodurch er sich in Berufskreisen den Ruf tüchtiger landwirtschaftlicher Bildung verschaffte. Die Stadt Trachenberg würdigte seine Verdienste durch Ernennung zum Ehrenbürger, unser früherer Oberpräsident, Fürst Hatzfeldt, gleichfalls Ehrenbürger der Stadt beglückwünschte ihn hierzu in einem launigen Gratnlationsschreiben mit der Anrede „Sehr geehrter Herr Kollege." Freiburg i. Br. Die Berliner Akademie der Wissenschaften hat den Preis der Diezstiftung Herrn Professor Emil L e v y, hier, zngesprochen. Frankfurt a. M. Der Reichskommipar für die Weltausstellung in St. Louis hat Herrn Josef Fromm von der Sektkellerei I. Fromm G. m. b. H. zum Preisrichter für die Nahrungsmittel-Ausstellung ernannt. Aus der Lehrerwett. Berlin. Dr. Schlesinger, Dozent an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, ist als Dozent an das Hebrew Union College in E i nc i n n a t i (Amerika) berufen worden. Deutz. Am 1. August ds. Js. kann der Lehrer und Kantor I. B l u m e n t h a l auf eine fünfzigjährige Dienstzeit, wovon er 48 Jahre, in hiesiger Gemeinde tätig war, zurückblicken. Die Gemeinde, die leider nicht in der Lage ist, ihrem wackern, verdienstvollen, sich allgemeiner Liebe und Verehrung erfreuenden Beamten nach so langer, pflichtgetreuer TäUgkeit eine ihm gebührende, auskömmliche Pension in Aussicht zu stellen, gedenkt durch Ueberreichnng einer Ehrengabe an den Jubilar au diesem Tage den Gefühlen ihrer Dankbarkeit und Anerkennung Ausdruck zu verleihen. Für Veranstaltung einer größeren Feier ist erst der 17. Oktober, an dem der Jubilar seinen 70. Geburtstag begeht, in Aussicht genommen; es hat sich hierzu ein Ausschuß gebildet, der die Vorbereitungen in die Hand genommen hat. Krefeld. Auf dem letzten rheinischen Ge - nreindetag war über die Bildung von Bezirksrabbinaten verhandelt worden. Im Hinblick hierauf wurde auf der Jahresversammlung des Vereines israelitischer Lehrer der Rheinprovinz und Westfalens die folgende Resolution angenommen: Die zu Krefeld versammelten Lehrer der Rhein- Provinz und Westfalens erklären, daß von den Bezirksrabbinaten keine wirksame Förderung des Judentums zu erwarten ist, daß die Schule nicht in ihrer Fortentwicklung gehoben, wohl aber das Wirken des Lehrers erschwert wird. Aus diesen Gründen spricht sich die Versammlung gegen die Bildung von Bezirksrabbinaten aus und beauftragt eine Kommission bestehend aus den Kollegen Baum, Eppstein, Goldschmidt, Ransenburg und Wallach, Material in dieser Angelegenheit zu sammeln. Krefeld. Provinzialrabbiner Dr. L e v y - A l z a y wurde einstinlinig zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde gewählt. Aus Mittelfranken. Auf der Generalversammlung des israel. Lehrervereins für das Königreich Bayern am 26. Juli in Bamberg sprechen über die rechtliche Stellung des jüdischen Lehrers: L. Anfänger in Memmelsdorf und über die S. Müllerschen Geschichtsbücher: N. Blatt in Obbach. Daran schließt sich eine Besprechung von Schul- und Standesangelegenheiten. Wie die Großmutter den Großvater nahm. Nein, lieber Leser, du brauchst dich nicht zu wundern, die Sache hat ihre Nichtigkeit. Es ist kein Irrtum, auch kein Druckfehler. Die Großmutter hat den Großvater genommen oder vielmehr die Eltern der Großmutter de» Großvater; denn so war es in jenen guten, alten Zeiten, von denen die Großmutter noch immer leuchtenden Auges spricht. Ich höre sie so gern erzählen, die alte Frau. Sie hat ein langes, inhaltreiches Leben hinter sich. Viel hat sie erlebt. Trauriges und Frohes, und bunt wie in einem Kaleidoskop wechseln die Bilder, die sie aus ihrer Erinnerung vor uns erstehen läßt; doch uns das Liebste ist es, wenn sie erzählt, wie „der Alte" ihr Mann geworden. Ihre Eltern waren die ersten Juden in der kleinen Stadt an der Grenze. Erst nach Ablauf vieler Jahre hat sich dort eine größere Gemeinde gebildet; 4 blühende Söhne und 4 Töchter berechtigten die Eltern zu den schönsten Hoffnungen. Die Söhne waren hochbegabt und im Lernen sehr bedeutend. Da traf die Urgroßeltern der harte Schlag, im Verlauf weniger Jahre 4 Söhne durch den Tod zu verlieren. Der Schmerz der hartbetroffenen Eltern war tief; doch ein echter Jude darf sich nicht maßlos seiner Verzweiflung hiugeben; „der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen, der Name des Herrn sei gelobt." Und so mußte weiter gelebt werden, wenn auch die Wunden noch schmerzlich zuckten. Doch schrecklich war es dem Vater, in die Studierstube der Söhne zu gehen. Da standen bis an die Decke hinauf die Bücher, Seforim, worunter der Talmud, der so tief ist wie das Meer und ebenso unergründlich. An der Hand des Vaters hatten die Teuren die ersten Schwimmversuche gemacht und leuchtenden Auges hatte er gesehen, daß bald die Schüler den Meister übertrafen und sich immer tiefer hineinwagten in die Welt, die sich ihnen aufgetan, und die ihnen bald eine vertraute ivar. Ach, nun stand alles verödet und die Gcmores an den Wänden sahen ihn an, wie verwaiste Kinder, die vaterlos geworden. Aus dieser Stimmung heraus schrieb er an einen Verwandten, der in einer russischen Stadt lebte, in der eine bedeutende Jeschiba war. Er schrieb, daß ihm ein unerforschlicher Ratschluß seine Söhne genommen, daß er nicht wolle, daß die Gemores, die ihnen so heilig gewesen, in fremde Hände übergehen, und bitte ihn deshalb, da seine Tochter Ester schon lange heiratsfähig sei, aus der Jeschiba dort einen Bocher als Schwiegersohn auszusuchen, der „gut lerne» könne." Die Antwort traf umgehend ein. Dort an der Schule sei ein Bocher, der so gut lernen könne, das; sich der größte Kozin seiner auch nicht als Schwiegersohn schämen brauche. O, glückliche Zeit, da Wissen noch mehr ivog, als alle anderen Güter! — Die Partie war fertig. Der Hauptbeteiligten, meiner Großmutter, wurde bedeutet, daß sich ein sehr guter Schidduch für sie gefunden habe, ein junger Mann, der ein guter Leruer sei. Weitere Personalbeschreibung wurde nicht beigefügt, weil die Eltern auch nichts Näheres mußten. Dann auch war das Aeußerc ganz Nebensache und damit hatte sich die I8jährigc Ester abzusindcn. Auch hatte sie nicht viel Zeit, darüber nachzudenkcn; denn in nächster Woche traf der Auscrwählte — ihrer Eltern ein uud bis dahi» gab es alle Hände voll zu tun, um eine würdige Chaßenc, wie es sich für das Haus des größten Baal ha Bajis in der Stadt schickt, herzurichten. So wurde denn mit dem Backen der Kuchen begonnen und Ester blieb nicht viel Muße, sich sehnsüchtigen, verliebten Träume» hinzugeben. Und dennoch! Wo ist das junge Herz, das vor so einem bedeutenden Wendepunkt in seinem Leben steht und nicht höher schlägt bei dem Gedanken an denjenigen, dem es sich bald ganz zu eigen geben wird? Es ist wahr; Ester hatte ihn noch nie gesehen; aber ihrer Phantasie war freier Laus gelassen und beim Eierschlagen und Teigrühren war gar bald eine herrliche Männergestalt erstanden, stolz und kraftvoll, mit feurigen Augen, die, ach, so liebevoll blickten, wenn er sich zu ihr niederbeugte, um sie in die Arme zu schließen. Und wie gelehrt war er! Das ganze Städtchen würde staunen, wenn er anfing zu lernen. Wer weiß, vielleicht würde sie gar noch einmal Rcbbezin. O, sicher! Und in der Weiberschul würde sic den Ehrenplatz einnehmen, und wenn er seine Drösche halten würde, dann würde die ganze Schule lauschen; den» er sprach so schön und zu Herzen gehend, ihr Mann. — „Ester, ist der Schnee schon fertig, es ist Zeit, daß er an den Kuchen kommt," weckte sic die Stimme der Mutter aus ihren ehrgeizigen Träumen und erschrocken fuhr sie auf: den» der Schneebesen batte müßig in ihrer Hand geruht, und sie mußte mit doppelter Eile sich rühren, um den Schnee der Mutter in die Küche liefern zu können. Doch alles im Leben geht vorüber und so auch diese so arbeitsvolle, erwartungsfrohe Woche. Endlich war der Tag angebrochen, der den Erwarteten bringen sollte. Es schien, als ob auch die Natur sich rüste, dem Bräutigam ein fröhliches Willkommen zu bringen. Hell und freundlich lachte die Sonne am leuchtend blauen Himmel und die Linden vor dem Hause hatten ihr schönstes Gewand angelegt, ihr hellgrünes, liebliches Frühlingskleid. Ja, es war Frühling, herrlicher, sprossender Frühling, und wie eine Frühlingsknospe sah unsere Ester aus, die eben in den Garten getreten war. Das frische, liebliche Gesicht war mit einer holden Röte übergossen, die dunklen Augen, sonst wahre Schelmenaugen, blickten gar sinnig und erwartungsvoll, und die braunen Zöpfe, die morgen am Tage der Chuppo — unter der grausamen Scheere fallen sollten, tanzten lustig bei jedem Schritt auf dem Rücken des Mädchens, als wüßten sie nichts von dem harten Schicksal, das sie bedrohte. Langsam ging das sonst so flinke, rührige Mädchen durch all die Frühlingspracht. Ihr schien heute alles so anders, so feierlich, ganz als wäre der heilige Sabbat wiedergekehrt und doch war erst gestern Abend der liebe Gast mit Kerze und Räuchermerk hinausgeleitet. Sie erschrak fast, als Mendel, der Schneider, ihr über die Gasse einen Willkomm zurief, und sie fragte, ob der Mechutten schon mit dem Bocher gekommen sei. Sie verneinte errötend und eilte behende in's Haus. Auch hier alles so frisch, und hell. Die Stube» iveiß gescheuert und mit Sand bestreut, die Tische mit weihen Linnen bedeckt und aus der Küche drangen gar liebliche Düfte von Braten, Fischen und frischen Kuchen. Die Mutter trat eben heraus, stattlich anzuschauen mit der blendend weißen Haube und dem schwarzen Seidenkleid. „Geh' nur hinauf in Dein Stübche, Kind," sagte sie und strich zärtlich über die blühenden Wangen der Tochter. „Sie müssen gleich kommen, der Vater — soll leben — ist ihnen schon entgegengegangen, und es paßt sich nicht, wenn die Kalle so herumläuft. Geh', mein gut Kind, Haschem wird Dir schon Massel und Brache geben und Du wirst noch im späten Alter ihm danken für den heutigen Tag." Sic drückte mit Tränen in den Augen einen Kuß auf die Stirn der Tochter und Ester stieg hinauf in ihr kleines Mädchenstübchen, das im obersten Stockwerk lag. Vom Fenster aus konnte sie einen Teil der Straße überblicken und so schaute sie nun klopfenden Herzens da hinab, von woher ihr das Glück kommen sollte. Da — da hinten, das müssen sie sein; denn eine Staubwolke, von Pferdehufen aufgewirbelt, erhebt sich dort. Sie tritt erschrocken zurück: ein heftiges Zittern überfällt sie, und als sie sich dem Fenster wieder nähert, ist das Geführt schon ganz nah. Ein sehr elegantes Geführt ist es übrigens nicht: kein Brautwagen mit aklasgepolsterten Sitzen, auch nicht einmal eine einfache Droschke, nein, frei heraus sei es gesagt, ein ganz einfacher Leiterwagen, auf dessen Vordersitz sie deutlich ihren Vater und einen stattlichen, in einen Kasta» gekleideten Man» erkennt. Das ist wohl der „Mechutten"; wer aus dem Hintersitz sich befindet, kan» sie noch nicht sehen; denn der Wagen ist überdeckt. Jetzt hält der Kutscher vor der Tür. Die Mutter ist herausgetreten und bewillkommt den Fremden, und nun klettert auch der Bräutigam aus der hinteren Wagenccke heraus und tritt zu den Eltern. Großer Himmel! Ester sinkt erschrocken auf einen Stuhl und einen Augenblick ist eS ihr, als habe sich ein schwarzer Schleier zwischen sie und die strahlende, lachende Sonne geschoben. WaS sie da eben erblickt hatte und nun wieder erblickt, als sie durch die Gardine lugt, das hat gar ivenig gemein mit der

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