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Neue jüdische Presse · 1904-07-22 · Heft 28 (22.7.1904) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 28 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 28. Zur großen Konferenz der Misrachi in Pretzburg. Zürich. Der in diesen, sowie in andere» gesctzestrcucn jüdischen Blättern erschienene Aufruf zur großen Konferenz der gesetzestrene» Zionisten- Organisation „M i s r a ch i" in P r c f; b u r g hat seine Wirkung nicht verfehlt. Jetzt zeigt es sich, in welchem Grade 'der Zionismus sich bereits die Sympathien aller Kreise des Judentums zu erwerben verstanden hat. Es hat nur dieser kleinen Anregung bedurft, um die Besten der gesctzestreue» Jndenheit zu begeisterter Mitarbeit zu veranlassen. Geradezu überraschend ist die große Zahl der Anmeldungen, die aus allen Ländern im hiesigen Organisations-Bureau des „Misrachi" einlaufen. Es ist dem Bureau fast nicht möglich, alle Anfragen zu beantlvorten. Interessant ist, daß eine besonders große Anzahl der Anmeldungen von Rabbinern stammt. Ungarn steht natürlich in erster Reihe. Die Gegner des Zionismus, sowie jeder Lcbcnsregung im Judentum beehren sehr begreiflicherweise auch den „Misrachistcntag" niit ihrem lebhaften Interesse. Die Art, wie manche noble Herren dies tun, entbehrt nicht einer traurigen — Komik. So ist es beispielsweise Jemandem gelungen, dem Rabbiner von Waitzen vorzuschwindeln, die „Misrachistcn" gcberdcn sich „nur zum Scheine" als gesetzestreue Jehudim, um so unter der „M a s k c der Gottesfurcht ihre ureigentliche, verruchte Absicht, die Tauroh hakdauschoh im Judcntumc auszurotten", unauffällig und gründlicher durchführen zu können. Daß der grundbravc Waitzener Rabbiner darob in heillosen Schrecken geriet, ist verständlich. Wie aus der letzten Nummer des Tcl-talpiauth ersichtlich ist, rät er auch folgerichtig zu Abwehrmitteln, wie man sic bis jetzt nur in den seltensten Fällen gegen die gefährlichsten seelensängcrischen Missionare anzuwendcn Pflegte. Freilich sind unsere Gegner jetzt, nach Erscheinen des Aufrufs, etwas besser unterrichtet über die Bestrebungen des „Misrachi". Der Ausruf wurde auf vielfachen Wunsch auch separat gedruckt nnd ist dcutsch nnd hebräisch im Organisations-Bureau (CH. I. Eiß, Zürich, Wüllerstr. 74) gratis erhältlich. Auch in Prcßburg werden die Vorbereitungen in großem Maßstabe getroffen. Unter dem Vorsitze des - Herrn Samuel Bettel he im hat sich ein Empfangskomitcc gebildet, das die eintreffenden Gäste und Delegierten im Bahnhose erwarten und bei Bc- . schaffung von Wohnung ihnen behilflich sein wird. Ucbcrhaupt haben die Preßburger Zionisten alle Vorarbeiten auf sich genommen. Die Adresse des Enipsangs-Komitees ist: Samuel Bcttelhcim für Konsercnz-Bureau, Prcßburg (Ungarn). Die Tagesordnung des „Misrachisteutagcs" wird demnächst veröffentlicht werden. Aus aller Well. Deutschland. Frankfurt a. M. Man schreibt uns: Hier in Frankfurt, wo schon so viele echt jüdische, gemeinnützige und wohltätige Einrichtungen bestehen, ist in diesem Sommer noch eine neue hinzugekommen. Kurz vor Beginn der Ferien sind verschiedene Damen und Herren zusammcngetretcn, um im hiesigen Wald eine Erholungsstätte für Kinder zu gründen. Es ist dabei hauptsächlich an solche Kinder gedacht worden, die im Hause während der Ferien nicht genügend beaufsichtigt werden können und an solche, die einer Erholung bedürfen, ohne gerade krank zu sein, denn für die letzteren, für die auf ärztlichen Wunsch eine Kur nötig ist, existiert bekanntlich schon ein Verein für Ferien-Kolonicn. Selbstredend konnte in diesem Jahre nur eine beschränkte Anzahl von Anmeldungen Berücksichtigung finden, da die Geldmittel nicht so schnell ausreichend zu beschaffen waren. Was aber mit gutem Willen in kurzer Zeit zu ermöglichen ist, davon kann sich jeder überzeugen, der sich ennnal die Mühe macht, an irgend einem Tage nach Isenburg hinauszufahren, um sich die neugeschasscne Ferien-Wald- Kolonie anzusehcn. Es ist in Isenburg in der verlängerten Kaiserstraßc eine Wohnung gemietet, woselbst für die Kinder gekocht wird und ivo sic auch ihre Mahlzeiten cinnehmcn. Morgens gegen 8 Uhr fahren sic hinaus, bleiben bis gegen 12 Uhr im Wald, und gehen dann zum Mittagessen, das ans einfacher, aber kräftiger Kost besteht. Verschiedene Damen des Komitees über-' zeugen sich täglich von der Güte der Speisen. Es ist wohl nicht nötig hinzuzufügcn, daß kein Unterschied Frankfurter Israelitisches Faimlienblatt. besteht, zwischen den Kindern, deren Eltern den festgesetzten Beköstigungspreis zahlen und allen übrigen Kindern. Abends V/s Uhr fahren sie wieder mit der Waldbahn zurück. 2 Lehrer und 2 Lehrerinnen haben freundlichst die Aufsicht übernommen, es ist ein Vergnügen, zu beobachten, mit welcher Liebe die Kinder dem leisesten Wink derselben gehorchen und dabei doch in ausgelassener Freude sich im Spiel ergehen. Es wäre dringend zu wünschen, daß dieser schwache Anfang im nächsten Jahre eine größere Fortctznng fände, indem alle diejenigen, denen die gute und gesunde Entwicklung unserer Jugend am Herzen liegt, diese Neueinrichtung zu fördern suchen. Ein Kindcrgcmüt ist dankbar für jeden Liebesbeweis! Frankfurt a. M. Mitgliederversammlung der Misrachi. Der bereits in der Mitgliederversammlung vom März durchberatenc Statutcn-Entwurf wird noch einmal revidiert nnd nunmehr definitiv genehmigt; seine Veröffentlichung im Frankfurter Israel. Familienblatt wird beschlossen. — Zu Delegierten für den vom 5—8 Ellnl in Prcßburg stattfindenden Misrachi-Kongrcß werden gewählt: Rabbiner Dr. Nobel-Leipzig, Louis Kahn-Frankfurt, Saly Geis-Frankfurt und als Stellvertreter: Dr. Adler- Lübeck, Dr. Franck-Altona und Tr. Kahn-Eßlingen. — Von der Nachricht des zionistischen Parteiorgans, „Die Welt", daß der große Führer der zionistischen Bewegung in seiner Selbstlosigkeit und in seiner Liebe für bas jüdische Volk sein ganzes, bedeutendes Vermögen geopfert hat, wird mit Bewunderung Kenntnis genommen und dem Ausrufe der Welt für eine Ehrengabe für die Kinder Dr. Hcrzl's wärmstens zugcstimmt. Die anwesenden Mitglieder zeichnen sofort Beiträge.*) Frankfurt a. M. Am H. er. hielt die hiesige „Z i o n i st i s ch e V e r e i n i g u n g" im großen Sale der Frankfurt-Loge die Trancrfcicr für Herzl ab. Trotz der sengenden Hitze war der Sal von einem guten Publikum bis zum letzten Platz besetzt. Der Redner der offiziellen Trauerrede war Herr Assessor Dr. Friedemann-Wiesbaden, ihm schlossen sich das zufällig anwesende Mitglied des zionistischen Aktionskomitee, Rcv. Wiese ans Cincinnati, sowie Herr I. L. Goitein und Herr Fritz Sondheimcr an. Breslau. Russische G erechtigkeit. Der nachstehende unerhörte Vorfall, der für die russischen Verhältnisse so recht bezeichnend ist, wird der „B r e slauer Z t g." unter Angabe sämtlicher Namen nnd Details mitgctcilt: Ein junger russischer Jude, der zurzeit seiner Militärpflicht genügt, ging mit seinem Regiment nach dem ostasiatische» Kriegsschauplatz. Die Eltern erhielten mehrfach Briefe, indessen seit einigen Wochen blieb jede Nachricht ans. Begreiflicherweise befanden sich die Eltern in Angst und Sorge. Vor wenigen Tagen wurde der Vater auf bas Polizeirevier gerufen nnd ihm mitgctcilt, daß ein Telegramm, seinen Sohn betreffend, vorlicge, das man es ihm aber erst gegen Zahlung von 20 Rubeln aushändigen werde. Der arme Mann war nicht in dem Besitz des verlangten Geldes. Alle Bitten des gcängstigtcn, in höchster Sorge befindlichen Vaters halfen nichts; er ninßtc wieder Weggehen und es gelang ihm nur mit Mühe und Not, in größter Hast die verlangte Snmmc aufzutreibcn, die er dann dem Polizeikommissar übergab. Hierauf cnipfing er das Telegramm. Es war vom Gcncralkominando und enthielt die Nachricht, daß sein Sohn — gefallen sei. Dresden. Die jüdische Bevölkerung S a ch s e n s zählt gegenwärtig 12,445 Köpfe. Die meisten Israeliten lvohncn in Leipzig und den Vororten, zusammen 6312. Dann folgen von den 143 sächsischen Städten: Dresden mit 3103, Chemnitz einschließlich Alt-Chemnitz mit 1137, Plauen i. V. mit 243,. Mittweida mit 51, Annabcrg niit 110, Zittau mit 114, Zwickau mit 89, Frciberg mit 84, Bautzen mit 65, Rcichcnbach mit 54, Meißen mit 46, Pirna mit 40, Löban mit 39, Meerane mit 31, Wurzen mit 30. Glauchau mit 22, Riesa nnd Werdau mit je 19, Döbeln, mit 18, Aue und Falkenstein mit je 17, Bnchholz mit 10, Radeburg mit 15, Grimma nnd Scbnitz mit je 14, Markranstädt nnd Markneukirchen mit je 13, Oedera» nnd Oelsnitz mit je 12, Frankcnbcrg, Oschatz, Penig und Crimmitschau mit je 11, Hohenstein-Ernstthal, Lichtenstein niit je 9, Limbach, Leisnig, Bischofswerda und Schnecbcrg mit je 8, Lausigk, Waldheim, Burgstädt und Eibenstock mit je 6, Treuen, Großenhain und Marienbcrg i. S. mit je 5, Frohberg, Roßwein, Zschopau, Adorf, Schandau und Lößnitz mit je 4, Geher, Thum, Pegau, Dippoldiswalde, Glashütte, Geringswalde, Johanngeorgcnstadt, Schwarzenberg und Zwönitz mit je 3 jüdischen Seelen. Oesterreich-Ungarn. Wie». Wie es sich jetzt herausstellt, ist das von Dr. Theodor Herzl hinterlasscne Vermögen sehr klein. Dies mag sonst einen befremden, jedoch in manchen zion. Kreisen wußte man längst ganz genau, daß Herzl, ohne es freilich an die große Glocke zu hängen, einen beträchtlichen Teil seines Verinögcns *) Zur Annahme lveitcrer Beiträge sind Ivir gern bereit. Onittnng erfolgt in der Welt. Die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familicnblattes. für zion. Zwecke verbraucht hatte. So hat er dem von ihm ersehnten Ideal sein Leben und sein Eigentum geopfert! . Rußland. Moskau. Die inneren Zustände des russischen Reiches haben sich in den letzten Monaten merklich verschlechtert. Zu dem Kriege mit seinen imincnscn Anforderungen an die Finanzkraft des Landes, kommt jetzt »och eine totale Mißernte: dabei liegen Handel und Wandel vollständig darnieder. Wie sehr sich die staatliche Finanzlage verschlechtert hat, zeigt der N o t e n - A u s w e i s. Zum vierten Male seit Beginn des Krieges wird die Notenemission erhöht. Es ist die Ausgabe von weiteren 20 Mill. Rubel beschlossen, wodurch sich die Emission auf 740 Millionen erhöht; zu Beginn des Krieges war sie 630 Millionen. Im letzten Ausweis hatte die Notenbank von den 720 Millionen Noten noch zirka 45 Millionen in ihren Kassen, sodaß die effekttve Zirkulatton 675 Millionen beträgt. Die Bewilligung zu weiterer Ausgabe erfolgte offenbar, weil zum Semesterwechsel eine stärkere Inanspruchnahme der Bankmittel zu erwarten steht. Im übrigen steht die Verniehrung des Notenumlaufs vor allem mit dem Kridge und nicht mit den kommerziellen Bedürfnissen in Zusammenhang. Die Anlagen der Bank in W e ch - sein sind seit Beginn des Krieges von 252 auf 201 zurückgegangen. Auch wurde Gold gegen Notenausgabe aus dem Verkehre gezogen. Der Goldvorrat der Bank ist seit 5. Februar um 20 Millionen gestiegen, und zwar ist der Jnlandsbesitz von 742 auf 833 Millionen gesttcgcn, so ziemlich um denselben Betrag, um den sich die Notenzirkulation vermehrte, während die auswärtigen Goldguthabcn von 171 auf 100 Millionen Rubel zurückgegangen sind, nachdem sie vor dem Anfang der Einzahlungen auf die neue Schatzbonsanleihe bereits auf 35 Mill. gesunken waren. — — — Charakteristisch für die jetzigen Zustände ist folgender Vorfall, derso echt — asiatisch klingt, aber durchwegs wahr ist. Bor 2—3 Wochen begab sich eine Kommission zur llebcrnahme einer neiierbauten Strecke der T r a n s b a i k a l b a h n. Zu ihrem größten Erstaunen mußte die Kommission 8 Kilometer vor Abschluß der Strecke die Fahrt unterbrechen, da die letzten 8 Kilometer Bahn (Schienen, Schwellen nsw.) einfach verschwunden waren. Es ist ein besonderes Wunder, daß kein Unglück geschehen ist. Die Wut der Behörden macht sich mit folgender Kundmachung des Oberkommandanten des Transbaikaler Rayons Luft: „Da cs ausgeschlossen erscheint, daß eine kleinere Anzahl von Verbrechern imstande wären, ganze Eisenbahnen zu „ruinieren", ohne die Mithilfe oder Mitwissen der Bevölkerung der benachbarten Ortschaften in Anspruch zu nehmen, wurde bestimmt, daß bei Wiederholung solcher Fälle, alle Einwohner derjenigen Ortschaften, welche innerhalb 25 Werst der beiden Bahnseiten gelegen sind, zur Rechenschaft gezogen und für den angcrichtetcn Schaden aufzukommen haben werden." Petersburg. Ueber die Wirkungen, welche die Aufhebung des WohnverbotcsinnerhalbfünfzigWerstvonderGrcnze auf die Juden in Rußland ausüben wird, schreibt der „Fraind" in seiner Nr. 142: „Diejenigen, welche die Verhältnisse, die in den Städtchen innerhalb fünfzig Werst von der Grenze herrschen, nicht genau kennen, können leicht der Ansicht sein, daß durch die Aufhebung dieses Verbotes die Luft im bisherigen Ansiedelungsrayon etwas freier wird, weil nun viele aus der „T s ch e r t a" in die „f ü n f z i g W e r st" übcrsiedeln werden, wer aber die Zustände in diesen Städten, wie z. B. Chotin, Nowoselitz (Bessar-Gouv.), Wolotschisk (Podolisches Gouv.) und vielen anderen Städten in diesem Teile des Reiches genau kennt, weiß ganz genau, daß es d o r t n i ch t b e s s e r st e h t, w i e i n a l l e n a n d cr e n j ü d i s ch e n S t ä d t e n. Die Zahl der jüdischen Einwohner, welche noch vor Aufhebung des Wohnverbots das Recht besaßen, in diesen fünfzig Werst zu wohnen, ivcil ihre Eltern sich noch vor dem Jahre 1858 dort angesiedclt hatten, ist so stark angewachsen und die Konkurrenz so groß geworden, daß aus ihnen jährlich eine überaus große Anzahl nach A m e r i k a a u s z u - wandern gezwungen ist. Natürlich hat diese neue Verfügung auch viele Vorteile, zunächst den Vorteil, daß die Juden nunmehr nicht gezwungen sein werden, mit vieler Mühe und vielen Kosten um ihr Wohnrecht anzusuchcn und dasselbe durchzusetzen." Schweiz. Zürich, 7. Ab. Letzten Sonntag fand in der Talmud - Thora der hiesigen „Jsr. Religionsgesellschaft" eine Trauerfeier für D r. Theodor Herzl statt. Es fand sich eine für hiesige Verhältnisse ungewöhnlich große Zahl von Trauernden ein. Herr Lehrer S. Sch achno witz ans Endin gen hielt die Gedächtnisrede, die auf die Zuhörer ciuen tiefen Eindruck machte. Nach Vortrag des El inolc rachamim richtete noch Herr Braun- Bern einige begeisternde Worte an die Versammelten.

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