Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 28 (22.7.1904)
- Date
- 1904-07-22
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Nr. 28. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Gestalt, die sich ihre erregte Mädchenphantasie aus ihrem unbekannten Freier geschaffen hatte. Ich muß vorher bemerken, das; mein Großvater einer der schönsten Greise war, die ich je gesehen habe. Von imposanter Gestalt, leuchteten aus einem edlen Gesicht ein paar geistvolle dunkle Auge», und ein weißer, tief über die Brust wallender Bart vollendeten das ehrwürdige Bild. — Aber damals war er noch nicht groß — er war erst 17jährig und ist erst später gewachsen — außerdem war er eben vom schwere» Nervenfieber erstanden und seine Haltung war matt, die Augen gerötet und die Haare von der Krankheit ausgegangcn. So bot er kein Bild, das ein 18jähriges Mädchcnherz entzücken kann und was in der Seele Ester's damals vorgegangen, mag mit der süßen Seligkeit einer Braut sehr wenig Achnlichkeit gehabt haben. Was sie da mit sich abgemacht hat, erfuhr kein Mensch; denn niemand küminerte sich um die Braut in dem einsamen Stübchen. Unten ging cs unterdessen desto lebhafter zu. Alan hatte sich zur Mahlzeit niedergesetzt, und nachdem man sich von den Strapazen der Fahrt durch Speise und Trank genügend gestärkt hatte, ging cs in die Studierstube, wo sich inzloischen schon die Aeltesten der Gemeinde cingcfunden hatten. Man begann mit deqi Bocher zu lernen, ihm aus den verschiedensten Gemores tiefsinnige Frage» vorzulegen, und siehe da, der knabenhaft aussehende, schwächliche Jüngling schien jetzt ein ganz anderer geworden zu sein. Seine Gestalt richtete sich straffer auf, und die bis dahin matt blickenden Augen leuchteten, als er in dem eigentümlich singenden Ton, in dem gelernt wird, die an ihn gerichteten Frage» beantwortete. Die Gesichter der älteren Leute wurden immer freundlicher und der Urgroßvater strahlte. Da hatte ihm der Vetter ja ein wahres Juwel gesandt, und im Stillen gelobte er sich, gleich nach der Chaßene zwei fette Hühner ihm ins Städtchen zu senden. Vielleicht gab man sie gleich dem Mcchutten mit. Doch aus den zwei Hühnern wurden vier, als sich herausstellte, daß der Bocher 800 „Blatt" Gemore auswendig kannte, für seine Jugend eine schier unglaubliche Leistung. Die Lcrncr verabschiedeten sich glückivünschcnd, der Urgroßvater aber trat auf seinen Schwiegersohn zu und umarmte ihn mit Frcudcnträneu. Ja, Gott hatte ihn schwer geprüft; er hatte ihm die •, vier Säulen seines Hauses genommen, doch er beglückte ihn wieder in diesem Jüngling, der die Erforschung der heiligen Tora zu seinem Lebenszweck machen würde. —---•- So war nach langer Zeit wieder heller Sonnenschein und auch im obere» Stübchen hatten sich die schweren Wolken verzogen. Die Mutter war hinaufgegangen und hatte das Töchtcrche» durchaus nicht in einer Sttmmung vorgefunden, wie es einer Braut zukam. Sie konnte das auch begreifen; hatte doch auch sie sich schier erschrocken, als der zukünftige Mann ihrer Tochter so gar unmännlich vor ihr gestanden. Doch auch sie hatte gehört, wie alle den Schwiegersohn als einen ganz bedeutenden „Lamden" priesen, und hatte ihr Gatte nicht heiter ausgcschaut, wie nicht wieder seit dem Tode der geliebten Söhne? „Mein gut Kind," sagte sic daher, „nun, wahr ist's, er ist nicht gar schön. Aber was tut's? Er wird noch schön werden, wenn Du ihn wirst Pflegen, daß er sich erholt von seiner schweren Krankheit, die er durchgemacht hat. Aber bedenk' doch, Kind, die Kowed. Den besten Lerner von der Kvwnowcr Jeschiba, und alle die Leut' haben die Kops' geschüttelt, wie er hat aiigcfaiigeu zu lernen und haben gesagt, ein Zweiter zu ihm wär' nicht zu sinden; und Du sollst sehen, Ester, er wird Raw werden, möglich noch bei uns in der Kehillc und Du wirst Ehr' haben von ihm." Und Esterchcn trocknete ihre Tränen und bald schien auch die Sonne hier oben so hell wie unten. Und als die Freundinnen alle kamen, die Gitel, und Golbchcn und die Milka, und nicht genug erzählen konnten, wie sehr ihre Väter den scharfen Kopf und die große Gelehrsamkeit des jungen Mannes gerühmt hatten, da regte sich ein ganz klein wenig der Stolz, daß sie, sic dieses Wunder zu ihrem Manne haben sollte. Am anderen Tage wurde die bräutlich geschmückte Ester dem Bräutigam unter dem Trauhimmel zugeführt, und hier war es, wo er zum ersten Male das Weib sah, das ihm angehören sollte. Es mag uns moderne Menschen sonderbar anmuten und ich will mir auch kein Urteil über diese Art von Eheschließung aumaßcn; ich kann nur die Tatsache berichten, daß die Großeltern in 62jähriger, glücklicher Ehe gelebt und Freud' und Leid getreulich zusammen getragen haben. Ich sehe noch den Großvater, wie er sein altes Frauchen in die Arme schließt und zu meinem Bruder sagt: „Mache cs wie ich, Josef, nimm Dir eine hübsche Frau ivie mein Altchen, dann hast Du Deine Freude dran." Naseweiser Backfisch, der ich damals war, rief ich ihin entgegen: „Du hast ja Deine Frau erst unter der Chuppo gesehen, Großvater; da tonntest Du doch nicht wissen, ob sie hübsch ist." „Närrchen Du," lachte der Großvater, „ich habe wohl erst.hingeschaut; wenn sie nicht schön gewesen wäre, hätte ich nicht „li" gesagt." Den seltenen Mann deckt nun schon jahrelang der grüne Rase». Mitten beim Preise Gottes, dem sein ganzes Leben geweiht war, mit dem Tallit angetan, ist er abberufcn. An seiner Bahre weinten nicht nur seine Angehörige» und zahlreiche Schüler, auch viele Fromme trauerten um den Verlust des Rabbi, der durch seine Gelehrsamkeit und seinen Lebenswandel eine Leuchte des Judentums gewesen. Doch 'was seine Frau an. ihm verloren, das weiß nur sie allein, die das hohe Glück hatte, 62 Jahre mit einem, solchen Manne das Leben zu teilen und darum ist ihr immer die seligste Erinnerung, wie die Großmutter den Großvater nahm. Blume* Michaelis. Feuilleton. 0 Aus bewegter Zeit. Erzählung aus der Zeit der stanzöflschen Revolution. Von R. 4. Fortsetzung. „Dazu haben mich zwei Gründe bewogen: Erstens wollte ich — wie cs Ihnen, Herr Vorsteher, gebührt — Ihnen eine Beschämung bereiten; und zweitens wollte ich einmal cs öffentlich aussprechen, daß man bei den Haussuchungen häufig dem armen Fremden den Paß vor dem Angesicht zerreißt und ihn dann als päßlos zum Militärdienst einreiht. Ich hielt eS deshalb für gut, meinen Paß erst hier vorznweisen." „Können Sie mir ein solches Vorgehen Nachweisen?" „Nicht eines, sondern mehrere." Der Untcrsuchungsarzt, der vom andere» Zimmer aus dem Gespräche folgte und der sich selbst nicht ganz rein sühltc, gab dem Hauptmannc einen bedeutungsvollen Wink, den Gegenstand abzubrcchen, der Hauptmann verstand ihn und ließ Abarbancl abtrcten. „Abraham Jcntels," erscholl nun bet Ruf. Der Gerufene wurde totenbleich und taumelte von seinem Sitze auf. Nur mit größter Mühe konnte er sich vorwärts bringen. Der Rabbi kam ihm entgegen und stützte ihn am rechten Arm, während seine Mutter, eine hagere, bleiche Frau, der man den Gram und die Verzweiflung vom Gesichte ablas, — obwohl selbst des Trostes bedürftig — die größte Krastanstrcngung machte, ihrem Sohne Mut einzuflößen. Als sie an dem freudestrahlenden Abarbancl vorübergingcn, rief dieser ihnen zu: „Fürchten Sie nichts, Mutter; — Ihrem Sohne geschieht nichts!" Bei ihrem Eintritte warf sich die Mutter vor dem Hauptmannc nieder, umklammerte krampjhast seine Füße und schrie unter herzzerreißendem Schluchzen: „Guter, herziger, schöner Herr Hauptmann! Hundert Fahr' sollen Sie leben; haben Sic ein Stückel Mitleid mit mir! Das Kind ist mein einziger Trost, mein einziger Ernährer; ich bin eine schwache, kranke Frau und kann nicht arbeiten; nimmt man mir mein Kind, so Hab' ich den Tod!" „Um so besser; ob sie etwas früher oder später abkratzt. Ihresgleichen hat man genug; was Int sie auf dieser Welt?" versetzte der Hanptmann, der — ohnedies etwas hartherzig — durch den vorhergegangencn Auftritt in böser Stimmung war. Und, nachdem er die Frau unbarmherzig von sich gestoßen hatte, rief er den, Jünglinge barsch zu: „An das Maß gestellt!" Der Arme schwankte zum Maß, ließ aber vor Angst seinen Körper bald nach rechts, bald nach links wackeln. „Grade stehen, Kerl!" fuhr ihn der Hauptinann an, indem er ihm einen Stoß vor die Brust gab. „Wer seien Sie doch etwas menschlicher," erlaubte sich da — cingewidert von der rohen Behänd^ lung — der Rabbi zu bemerken. . „Nun habe ich genug," fiel der Hauptmann hitzig ein, „hier ist mein Gebiet, aus welchem ich mir mißliebige Personen entfernen lassen kann. — Habe ich deutlich genug mit Ihnen gesprochen?" „So deutlich, so höslich 'und handgreiflich, als man cs von einem Manne, der mit Soldaten umzugehcn gewohnt ist, erwarten kann." Und der Rabbi begab sich langsam zur Türe hinaus, blieb aber im Vorsaale stehen, um das Ende abzuwarten. Unterdessen hatte sich die Mutter fortwährend heulend und haarausraufcnd auf dem Boden herumgcwälzt mit dem Geschrei: „Ich überlebe es nicht, ich überlebe cs nicht!" „Zum Donnerwetter, bin ich in einer Judenschulc oder bei einer Abstellungsbehörde? Schasse mir doch einer die Alte da vom Hals!" rief der Hanptmann zornig dem Korporal zu, der darauf die Alte mit einein kräftigen Griffe packte, um sie hinansznbringen. „Nein, nein, hier will ich sterben," jammerte diese und sträubte sich mit einer solchen Gewalt, daß noch ein Soldat zur Hilfe hinzutreten mußte. „Fünf Schuh sechs Zoll: —j jetzt links hinein!" rief die Kommandostinnne des Haüptmannes. Bei dem Arzte im Nebenzimmer war auch ohne Untersuchung schon das Urteil bestimmt. Um der Form Genüge zu leisten, prüfte er freilich flüchtig die Körperbeschaffcnheit des Jünglinges; sprach aber dann trotz dessen Schwäche und sogar mancher Gebrechen nach einigen Minuten das verhängnisvolle „Tauglich". „Eingereiht in das Linien-Jnfanterie-Regimcnt Nr. 4," diktierte darauf der Hauptinann dem an einem Schrcibpulte stehenden Feldwebel. „Nicht cingereiht!" scholl eine kecke, frische Jünglingsstinlinc von der Türe her dazwischen, — und der junge Abarbancl stand in stolzer Haltung und mit blitzenden Auge» vor dem Gewaltigen. „Was will er hier!" schrie ihn dieser barsch an. „Ich melde mich als Stellvertreter dieses Jünglingcs!" „Er? — Nun der Tausch ist recht vorteilhaft; ich nehme ihn an." Inzwischen war auch der Rabbi wieder cingctrcten; er wandte sich an Abarbancl: „Bedenke wohl, was Du tust. — Deine Aufopferung ist zwar edel; aber als Dein Lehrer fühle ich mich verpflichtet. Dich vor einem Schritte zu warnen, der Deine ganze Zukunft in Frage stellt. — Du bist noch jung. Jugend kennt keine Ueberlegnng; es kann eine Zeit komme», wo Du Deinen heutigen Entschluß bereuen wirst, doch dann ist es zu spät." „Ich habe alles richtig überlegt, Rabbi! Ich bin nicht der erste Sprössling aus dem Hanse David, der die Waffe fürs Vaterland führt. — Schon gestern, als ich in Ihrem Hanse vernahm, daß lener armen Frau ihr einziger Sohn entrissen werden sollte, reifte in mir der Entschluß, mich für ihn aufzuopfern Meine Eltern sind bereits tot; ich ziehe kein anderes Menschenleben mit, wenn mir im Kriege etwas widerfährt, während an jenem das Leben seiner Mutter hängt. — Rabbi, mein Wille ist fest, ersparen Sie sich alle Bemühungen, mich von meinem Vorsatze abbringcn zu wollen" „So segne Dich Gott, mein Sohn, und erteile seinen Engeln den Befehl, Dich auf allen Deinen Wegen zu bewachen," erwiderte der Rabbi mit Rührung. Dann setzte er seinen Hut auf, legte ihm seine beiden Hände aufs Haupt, richtete die Augen zum Himmel und betete einige Augenblicke still und inbrünstig. Die ganze Versammlung war tief gerührt. Alle Anwesenden hatten sich unwillkürlich in einem Halbkreise aufgestellt und sahen den Rabbi mit Ehrfurcht, den Jüngling mit einem Gemisch von Achtung und Bewunderung an.! „Du bist eilt Mann, wie er sein muß; in Deinen Adern rollt noch das Blut euerer Makkabäer, die einst euer Land von schmachhaftcr Bedrückung befreit hatten; ich habe von diesen Helden stets gern gehört und gelesen," brach der Hanptmann das allgemeine Stillschweigen, indem er Abarbancl herzlich die Hand drückte; „wir werden bei Deiner Behandlung im Dienste die beste Rücksicht auf eine solch' hochherzige Gesinnung zu nehmen wissen. Schade, daß Du -heute nur eine Ausnahme unter der jüdischen Nation bist." „Entschuldigen Sie, Herr Hauptmann, daß ich gegen den Ausdruck Ausnahme Verwahrung einlcge. Wie sie alle meine Genossen hier sehen, würden sic alle mit Freude zur Fahne schwören, wenn es bei der Wstellung nach dem Recht zuginge." „Wie denn das?" fragte der Hauptmann etwas gereizt. (Fortsetzung folgt.)