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Neue jüdische Presse · 1904-07-22 · Heft 28 (22.7.1904) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 28 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 28. Zangwill über Theodor Herzl. London. An-demselben Tage, an dem die sterklichc Hülle Herzl's der Erde übergeben wurde, am Donnerstag, den 7. Juli, hielten die Londoner Zionisten unter dem Vorsitze von Sir Francis M o n t e f i o r e in der Grcat-Assembly-Hall eine Tranerfeier ab, der viele tausende Menschen beiwohnten. Zangwill sprach in einer unheimlichen Stille, nur unterbrochen vom Schluchzen der Anwesenden. Seine Rede war ein Meisterwerk. Er sagte: „Diesen Sommer haben wir bestimmt erwartet, unseren geliebten Führer auf dieser Tribüne zu sehen. An diesem Abend würde er vielleicht zu uns! gesprochen haben, und an diesem Morgen ist er zu Grabe geführt worden. Begraben im Alter von -14 Jahren, am Anfänge seiner fürstlichen Männlichkeit! Aber ist denn jemand unter uns vorhanden, der ihn nicht auf der Tribüne sähe? Er hat sein Wort nicht gebrochen. Er ist mit uns, er spricht zu jedem Herzen, er wird uns nicht mehr verlassen. Nicht gestorben, weil unsterblich! Von MoseS sagte man uns, daß kein Mensch den Ort seiner Bestattung kannte. Und wer könnte sagen, haß Herzl begraben sein wird, da seine lebendige Wirkung allüberall ist? Man könnte sie leicht Nachweisen, sogar in der Zurückziehung der Fremdenbill, gegen die er sich ausgesprochen hatte und die jetzt durch ein merkwürdiges Zusammentreffen die Finsternis des Begräbnistages ein wenig erhellt. Herzl hat den Fall, den wir heute beklagen, vorausgesehc». Er wußte sehr gut, daß auch er bloß einen Blick ans das gelobte Land werfen werde, und er hat vorgesehen, daß man eines Tages seine Leiche nach Palästina tragen möge. Er wußte cs, und er legte die Hände aufs Haupt so mancher Joschna und erfüllte sie mit dem Geiste seiner Weisheit, damit sie sein Werk vollführeu. Und obwohl nie einer aufstchcn wird, der ihm gleicht, obwohl kein anderer seine prächtige Begeisterung, seine enthusiastische Ungeduld besitzt, unsere Sache, wie cs bereits am ersten Kongreß gesagt worden ist, unsere Sache ist zu groß, um auf einem Einzigen zu beruhen. Und somit hinterläßt er nicht bloß Schüler, sondern auch eine Verfassung .... Denken Sie an die Opfer, die dieser Mann brachte, der in der wogenden Hochflut seines literarischen Ruhmes in der frohe» österreichischen Hauptstadt, in der Blüte der Jugend und des Erfolges, alles beiseite schob, um die Sache seiner bedrückten Brüder aufzunchmcn und zum Lohne dafür, seine soziale Position verloren, seine Stücke ausgezischt, seine Gesundheit gebrochen, seine Gründe bezweifelt oder bespottet, seinen Charakter von jeder jüdischen Lache mit Kot bespritzt sah. Und dabei kein Wort der Klage! Im Gegenteil. „Ich möchte," sagte er am letzten Kongreß, „ich möchte, daß alle unsere Feinde begreifen könnten, >vas für ein Glück der Zionismus sei." Ja, ein Glück, das von der Vollführung des höchsten Werkes kommt. Und denken Sie an das Werk, das er im Laufe der wenigen Jahre geschaffen hat trotz aller praktischen Männer, die unser Volk so lange mißverwaltet und unsere Frage so schlecht behandelt haben. Es scheint mir, als ob es erst gestern wäre, da pochte ei» schwarzbärtiger Fremdling an die Tür meines Studierzimmers, als ob er vom Himmel hernntergefallen ivärc, und sagte: „Ich bin Theodor Herzl. Helfen Sie mir den Judenstaat wieder anfzubanen." Seit dein Tage schritt er von Wunder zu Wunder, von einer Unmöglichkeit zur andern. Wie würde er sich auf der Bühne der europäischen Politiker ausgenommen haben, er, der die Politik eines ungeborenen Staates schaffen konnte! Und lute hat ihn die Majorität der Juden aufgenommcn? Sie sagten, Israel sei verstreut und zu sehr zerrissen für eine gemeinsame Arbeit — er sammelte einen Kongreß aus allen vier Weltteile». Sie sagten, der Kongreß sei ein eitel schwätzcrischer — er schuf eine Bank und eine Aktiengesellschaft. Sie sagten, die Armen werden ihr Geld verlieren — und die Bank zahlte Dividende. Sie sagten: „Ihr wollt aus dem Zionismus eine schmutzige Sache, eine Geldsache machen" — und 300 000 Aktieninhaber verzichteten auf die Dividende. Frankfurter Israelitischer Familienbkatt. Sie sagten: „Wozu das Geld? Der Sultan wird mit ihnen nicht verhandeln." Und der Sultan machte Herzl zu seinem Ehrengäste, und wären die praktischen Männer hinter H e r z l s Rücken gestanden, der Charter wäre unser. Sie sagten: „Oh, der Sultan braucht Geld, eine solide Macht wird mit Ihnen nicht verhandeln." Und siehe! Das größte Reich der Welt hat ihm einen Boden angeboten, um seine Ideen anssühren zu können. Sie sagten: „Aber Ihren Ideen fehlt der religiöse Impuls." — Und er gab den Juden den größten geistigen Impuls, den sie seit dem Beginne des Golus hatten. Er hat Tausende von Männern und Frauen, die in den Nebeln und dem Strudel des modernen jüdischen Lebens umherirrten, gerettet und geleitet. Und während die Juden dieses alles sagten, was sagten die Anderen? Der Papst, der Katholik, sagte: „Meine Sympathien sind für Sie." Der Deutsche K a i s e r, der Protestant, sagte: „Mir scheint es ebenfalls wie Ihnen ganz natürlich, daß die Juden nach Palästina zurückkehre»." Der Sultan, der Muselmann, hat seinen Ministern gesagt: „So, denke ich mir, mußte der hebräische Prophet aus Galiläa ausgcschaut haben." Mr. C h a m b e r l ai n, der Unitarier, sah ein Land, das von Milch und Honig überfließt und sagte sich: „Das ist ein Land für D r. Herz l." Herr P l e h w e, der Griechisch-Orthodoxe, der eiserne Mann, was hat er gesagt? „Bevor Dr. Herzl zu mir kam," sagte Plehwe zu einem unserer russischen Freunde, „wußte ich nicht, daß es Inden gibt, die nicht kriechen. Bisher habe ich bloß zweierlei Juden gekannt: solche, die zu mir kamen und baten, daß gegen ihre Gemeinde nichts nnternommen werde, und solche, die für sich selbst baten.» -Bei Dr. Herzl gab es keine Bitte und keine Gnade." Denken Sie einmal! In Rußland gibt es sechs Millionen Jude», und bevor H e r z l kam, wußte P l e h w c nicht, daß der Jude kein kriechendes Geschöpf sei. Dürfen wir nun uns wundern, daß, als Herzt Rußland passierte, er das Land furchtlos durchreiste, während den „praktischen" Männern die Durchreise daselbst verboten ist, daß ihn unsere Brüder auf jeder Station wie einen Messias empfangen haben? Sind wir nicht berechtigt zu glauben, daß, wenn das ganze jüdische Volk, aufrecht wie Herzl, von der Welt Gerechtigkeit fordern, ja sogar Palästina verlangen wird, die Welt »ns einmal beides geben wird? Das furchtbare Risiko und die Gefahren, die der Zionismus angeblich den Juden bringt, sind nichts mehr als Popanze, die von den Feiglingen a u f g e st e l l t wurden, die sich vor ihrem eigenen Schatten fürchten. Der Zionismus bringt den Juden nur die Achtung der Welt ein. Die „Zionistische Gefahr" fürwahr! Ich will Ihnen sagen, worin die Gefahr des Zionismus besteht, und weshalb die Juden vor dem Zionismus zurückschreckcn. Zionismus ist ein schreckliches Spählicht, und späht alles aus, was im Judentum und unter den Juden falsch und schwach ist. Es gibt geistige' Antizionistc», aber die große Masse der Antizionisten gehört zu denjenigen, die weder Gott über sich, noch ein Menschenherz in sich haben. Es mag ja sein, daß Dr. H c r z t s Tod eine größere Wirkung erzielen wird, als sein Leben. Jetzt, endlich einmal, o bitterer- Hohn! wird er in die Synagoge einziehen, deren Prediger von börsestolzen Vorständen besoldet sind, sein Name wird mit Achtung, wenn auch kritisch, vor einer behäbigen Gemeinde ausgesprochen werde». Ich ermahne sie, alle insgesamt, dem Toten Genüge zu leisten für ihre Verhöhnung des Lebenden, und ihren Antizionismus in Herzls Grabe zu begraben. Wir auch — 'toir Zionisten, haben etwas zu begraben im Grabe H e r z l s — all das Gift der Spaltungen, der närrischen Beschuldigungen, die Bruder von Bruder getrennt und die letzten Tage unseres Führers verbittert haben. Es gibt keine zwei Arten von Zionismus; es gibt nur einen Zionismus; den Zionismus, der dem „Judenstaat" H e r z l s zugrunde gelegt wurde, die jüdisch-nationale Idee verbunden mit Palästina durch die Geschichte und die Uebcrlieferung und die Hoffnung von Geschlechtern, aber größer selbst als Palästina, da Palästina ohne jüdische Gerechtsame ein Golus, Seite 3. ein Exil in seiner schmachvollsten Form wäre. Palätinas, ohne jüdische Rechte, erfreuen sich doch bereits letzt einige Hunderttausende Juden, und wie schauen sie jetzt ans? Und auch die 'Außenwelt hat etwas in H e r z l s Grab zu bestatten. Es ist die uralte Legende von dem geldgierigen Inden. Sie werden sich noch erinnern, daß, bevor ich mich zum letzten Kongreß begab, ich für die finanzielle Fundierung der Stellung unseres Führers, wie auch die der ganzen Bewegung eintrat. Wir können nicht für immer durch die Arbeit überangestrengter professioneller Männer nach den Bureaustunden vorwärts kommen. Ich sagte, daß wenn Chamberlai n oder der Herzog von Devonshire ihren Ministergehalt bekomme», es auch unsere Führer und Ratgeber dürften. Ich sah — und alle Freunde sahen es — daß Herzl sich zu Grunde richte, daß er voin Journalismus erlöst werden müsse, nicht bloß weil die Bewegung seine ganze Zeit und Kraft erforderte, sondern auch weil er darunter litt, daß er an Wien gefesselt war. 'Als ich »ach Basel kain^ da legte ich ihm diese Erwägungen vor. „Sie haben vollständig Recht," sagte er, „ich müßte den Journalismus anfgeben. Ich sollte durch den Zionismus bezahlt werden. Mer dieses Opfer meiner Unabhängigkeit ist das einzige Opfer, das ich unserer Sache nicht bringen kann." Und als ich ihn einige Tage später, in den frühen Morgenstunden, nach dem schrecklichsten Kongreßtage, käinpsen sah, mit dem Rücken gegen die Mauer, wider eine Schar von aufgeregten „Neinsagern", ihnen sein ganzes Leben, seine Seele bloßstcllend, mußte ich ihm Recht geben, daß, wenn er bezahlt wäre, er diese majestätische Herrschaft, welche er über die Unlenksamsten ausgeübt hat, verloren hätte. Nichtsdestoweniger, als ich nach London zurückkehrte und die Dinge wieder ruhig betrachten konnte, da stellte ich mir auf's neue vor, wie er unter seinem Gebundensein an Wien und an die Journalistik leiden mußte, und einige unter uns entwarfen einen Plan, tute man ihm aus privaten, nichtzionistische» Mitteln für seinen Verzicht auf den Posten in der „Neuen Freien Presse" einen Ersatz verschasfen könnte. „Niemand wird es wissen," schrieb ich an ihn. Er aber antwortete, mit seiner unbeugsamen Würde: „Es wird immer eine Person geben, die es wissen wird — und zwar ich selbst." Und so fuhr er fort und verbrauchte seine Flamme an beiden Enden. Die gesamte österreichische Presse hat seinen Tod beweint, weil er ein eleganter Essayist war, sein Zionismus war für sie eitel nichts, aber er schrieb Essays, die nach Heine unübertrosfen dastehen. Sie wußten nicht, unter welchen Bedingungen er einige dieser eleganten Essays geschrieben habe, sie wußten nicht, daß just vor seiner letzten Krankheit, während der friedenstiftenden Konferenz in Wien, er um Mitternacht eingeschlasen gefunden wurde, hohlwangig, von Sorgen verhetzt, über einer halbgeschriebenen dramatischen Kritik, in deren Mitte sich, ganz unzusammenhängend, in dem Knoten des Schauspiels, die zionistische Resolution, die den Tag über diskutiert worden war, eingeschaltet fand. Jawohl, wir haben unser Bestes getan, um ihn zu retten. Aber vielleicht wußte er am besten, wie man unS rette. Er war bereit zu sterben, um nur nicht eine gemeine Waffe unseren Feinden in die Hände zu geben. Dies alles ist Grund genug, daß, wenn es sich Herausstellen sollte, daß H e r z l s zahlreiche Opfer für unsere Sache sein Weib ärmer gemacht oder die Erziehung seiner Kinder gefährdet haben, wir ihr Wohlergehen zur nationalen Angelegenheit machen müssen. Wenige Frauen in der Geschichte haben mehr gelitten, als Dr. H e r z l s G a t t i n. Sie hat klarer als alle andereir sehen müssen, was das Geschick im Schilde führt. Angesichts der schrecklichen Trauer seiner Frau, seiner Kinder, wagt man beinahe kaum zu sprechen von dem eigenen Verlust. Wir müssen alle Trost suchen im Gedanken, daß Herzl nicht umsonst gestorben, noch untsonst gelebt habe. Er starb sür ei» Ideal, das er so oft auf den Lippen führte, für die Ehre der Inden. Möge sie uns noch teurer fein um seinetwillen — „die Ehre der Juden!"

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