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Neue jüdische Presse · 1904-07-22 · Heft 28 (22.7.1904) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 28 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Nr. 28. Frankfurter Israelitisches Fämilienblatt. Höhe des Könnens steht und sein Zweck voll und ganz erfüllt.') Der Bibelkommentar ist von einer wahrhaft überraschenden Schlichtheit und Knappheit und hat ein ausgedehntes, klares Verständnis der „Tauroh schebiksaw" angebahnt und gefördert. Durch den anziehenden Ton und die natürliche, stets zutreffende Erklärung des Bibelwortes ist er bis auf den heutigen Tag das populärste Volksbuch geblieben. Jhni ist die Ehre geworden, das älteste gedruckte hebräische Buch (Februar 1475) zu sein und bis in unsere Tage hinein steht er in seiner Priorität unerschüttert da, als Schlckbuch, das die Jugend in die Schätze der heiligen Schrift einführt, als Lehrbuch, welches das Mer mit demselben vertraut macht, ein treuer Freund, ein verläßlicher Berater und untrennbarer Begleiter aller derer, die im Worte Gottes Erbauung und Belehrung suchen. Zunz (Zeitschrift für die Wissenschaft des Judentums 1822, p. 350—366) weiß 98 Manuskripte des Bibclkommentars, 17 Ausgaben ohne biblischen Text und 164 neben biblischem Texte aufzuzählen. Dabei ist zu bemerken, daß dieses Verzeichnis keineswegs Ansprüche auf Vollständigkeit machen kann. So z. B. schließt die Reihenfolge der gedruckten Ausgaben schon mit dem Jahre 1722, resp. 1780. Seit dieser Zeit aber verließen nahezu jährlich neue Ausgaben die Druckerpresscn von Gitvmir, Wilna, Warschau uslv. Charakteristisch für die Beliebtheit und das Ansehen des Raschikommentars zur Bibel ist der Umstand, daß man mehr als 60 Superkommentatoren — von R. Juda b. Elasar (C. 1300, Minchath-Jehuda) bis zu Prof. Dr. A. Berliner — zu demselben zählt. Die jüdische Literaturgeschichte kennt nur noch einen zweiten Kommentator, dem die Ehre zuteil wurde, wiederum komnientiert zu werden: R. Abraham Jbn Esra. In der Erklärung des Bibelwortes ist Raschi streng sachlich und gibt dem natürlichen Wortsinn den Vorzug, nach dem Grundsatz: „En Mikroh jauze mide Pschutau"; jedoch versäumt er es selten, auch die agadischen Deutungen des Talmuds und des Midrasch heranzuziehen. Und darin liegt nicht zum Geringsten die Bedeutung Raschi's, daß er die großen, wunderbaren Schätze der agadischen Literatur auf diese Weise weiteren Volkskreisen erschlossen hat. Denn dieses Gebiet des jüdischen 'Schrifttums wurde eben nie übermäßig gepflegt und gerade diejenigen unter unserem Volke, die lediglich und ausschließlich dem Thorastudium lebten — und ihr Name ist Legion'— waren in der Agada wenig beschlagen: hatten sie doch schon Titanisches zu leisten, um allein das gewaltige Gebiet der halächischcn Literatur zu bewältigen, die im Laufe der Jahrhunderte ins Unübersehbare angewachsen ist und die ihrem ganzen Wesen nach dem Studierenden so ungeheuer viele Schwierigkeiten stofflicher und methodischer Natur bietet. Und so könnte es nun dahin kommen, daß die Agada, in der sich der Geist des jüdischen Volkes und seiner Lehre in seiner ganzen Reinheit und Ursprünglichkett wiederspiegelt, und die dem armen unglücklichen Volke in den Jahrhunderten der bitteren Not und der grausamen, unmenschlichen Qualen eine unversiegbare Quelle des Trostes und der Kraft war, vernachlässigt worden wäre und wie ein dürrer Zweig am Baume des jüdischen Schrifttums ein kümmerliches Dasein gefristet hätte, keine labenden Früchte, keinen erquickenden Schatten dem alten müden Wanderer gewährend. Raschi gebührt nun der Ruhm, diese Schätze in seinem Kommentar dem Volke vermittelt zu haben. Er erreichte somtt nicht nur, daß die einzelnen agadischen Deutungen durch seine Zttaten Gemeingut wurden, sondern regte zugleich dadurch ein eifrigeres, eingehenderes Studium der Agada aus erster Hand an. Raschi hat sich auch um die hebräische Sprache große Verdienste erworben. Abgesehen von seinem gefälligen, fließenden Stil, der für die folgenden Schriftsteller mustergültig werden mußte, hat er den Wortschatz und die Wendungen der hebräischen Sprache bereichert. Zunz-) zählt an die vierzig Wörter auf, die von Raschi — nebenbei bemerkt: sehr geschmackvoll und dem Geiste der hebräischen Sprache entsprechend — geprägt wurden und seither im hebräischen Lexikon Bürgerrecht erlangt haben. Berliner') weist nach, daß viele hebräische Wendungen und Redensarten, die uns heute geläufig sind zuerst von Raschi eingesührt wurden. i) Bezüglich des Raschi zugeschriebenen Kommentars zu Bereschith-Rabah (gedruckt in Venedig 1562) werden kritische Zweifel geltend gemacht. Ucbrigens weist auch dieser Kommentar große Vorzüge auf. -) Synagogale Poesie, p. 375. s) „Aus dem Lebe» der deutschen Juden im Mittelalter" p. 137; ferner: „Beiträge zur Geschichte der Raschi-Kvmmentare". Berliu 1903. Ich zitiere nach der hebräischen Uebersctzung in der Wochenbeilage zur ,Hazefirah" Nr. 8, 1904. Raschi's Stil entbehrt niituntcr auch einen gewissen poetischen Reiz nicht; er liebt es bisweilen, biblische und talmudische Redensarten anzuwenden. Interessant sind die kurzen Einleitungen, die er seinem Kommentar zu den verschiedenen Büchern der hettigen Schrift voranschickt, so z. B. zum hohen Liede oder zu Zacharias, wo er sich ganz allgemein über den Charakter des Kommentars ausläßt. Seine Erörterung zu Psalmen Kap. 55, 14, meint Prof. Dr. Berliner,') erinnert an den glänzenden Stil des „Miwchar Hapninim.“ Auf den lexikalischen Wortbestand richtet er besonderes Ilugenmcrk, er erläutert das Wort, setzt cs grammattsch auseinander und übersetzt es,!vo er es für nötig sindet. Die tlebcrsetzung geschieht in der Regel in der französischen Sprache, in welcher er an die 2500 Erklärungen einzelner Wörter gibt, er bedient sich aber, wo ihm dies geboten erscheint, auch der arabischen, persischen, lateinische», griechikchen, deutschen und italienischen Sprache. Pariser Briest Max N o r d a u über das Ableben H e r z l s. Die allgemein - russische Zeitung „Nowostt" — ein sehr angesehenes und zuverlässiges Blatt — veröffentlicht ein interessantes Interview ihres Pariser Berichterstatters (vom 6. Juli) bei M a x N o r - d a ». Er empfing mich — erzählt dieser Berichterstatter ohne die übliche Begrüßung, und ohne ein Wort zu sprechen, rückte er mir mit langsamer Handbewegung einen Sessel vor. In der Stille, die etwa zwei Minuten anhielt, in der nicht vergossenen Träne und in dem langsamen unbewußten Schütteln des greisen Hauptes gab sich ein bitterer Kummer kund, der durch.Worte /clbst von diesem großen Nedekünstler sicherlich nicht ausgedrückt werden könnte. — „Ja, Ja" .... Und wiederum trat jenes Schweigen ein, das — wie jedes innigste Empfinden, welches man doch nicht unterbrechen möchte — nicht schwer fallen konnte. „Ick) bin nicht hingefahren zu ihm, zu meinem armen Freunde. . . Ja, was kann ich denn ihm helfen?, Was kann denn meine Anwesenheit der Sache nützen? Herzl ist nicht mehr, es gibt keinen Herzl mehr! Unser armes Volk kann noch nicht die ganze Tragweite des Verlustes begreifen, es weiß noch nicht, wen cs verlor. Wir werden dies erst später recht empfinden, daß Herzl für uns eine Erinnerung und sein Tod, an den wir unsere Gedanke» vorläufig nicht gewöhnen können, eine unbezwciselte Tatsache sein wird — ein kaltes, versteinertes Factum. Bon allen Seiten werde ich um Nekrologe über Herzl ersucht. Wie kann ich 'aber jetzt über einen Freund schreiben, der um zehn Jahre jünger als ich war und mit dem ich noch lange zusammenzugehcn hoffte. Was könnte ich denn sagen? Armes Volk! Von den zehn Millionen weißer Lose hatte es das schreckliche, das entsetzliche Unglück: ein schwarzes zu ziehen — und zivar gerade für Herzl; für diesen unersetzbaren Mann, für diesen Unersetzbaren! Ich bin mir dessen völlig bewußt, was ich eben sagte; ich weiß wohl, daß es in dem Weltsystem nichts Unersetzbares gibt. Freilich in der Natur wird alles ersetzt, aber nur nicht bei uns Menschen, bei uns armen und schwachen Wesen. Für Menschen gibt es schon unersetzbare Menschen! Und ein solcher Mensch war Herzl für uns, für unsere Bewegung. Er vereinigte in sich einen unverletzten, keinen Augenblick zweifelnden Glauben, Standhaftigkeit des Charakters, eine unerschöpfliche Energie und kolossale Willenskraft, dann die Bereitwilligkeit, alles aufzuopfer», alles, — bis zum Aeußersten zu gehen, ohne selbst vor Märtyrertum Halt zu machen. Er hatte die Ideen eines Mose und die Beredsamkeit eines Aron. Wo sollen lvir jetzt noch einen solchen Mann hernehmen? Den einen mangelt es an Glauben, den andern — au starkem Willen; der eine hat zu wenig Geistesinhalt, dem andern fehlt es an imposanter Erscheinung und Redekunst. Freilich ist der Zionismus eine zu tiefnationale, eine zu lebendige Bewegung, um jetzt aufhören zu können. Ich zivcisle daran keinen Augenblick, daß unser ') a. a. O. Volk noch viele, viele ihm unentbehrliche Männer, die an seiner Spitze stehen könnte», hervorbringen wird. Die Funktion erzeugt das Organ. Aber jetzt, vorläufig. . . Wer denn? Ich sehe keinen . . . Etwa in England? Wir wollen da von den Persönlichkeiten völlig absehe», aber sollte sich doch in England ein geeigneter Mann finde», so würde die Unkenntnis der den russischen Juden verständlichen Sprache ein erstes Hindernis bieten. Die Macht des Zionismus, insbesondere die moralische, besteht i» den Juden Rußlands. Wir dürfen freilich weder die amerikanische, noch die englische, noch die österreich-deutsche Judenheit ignorieren, aber die wichtigste bleibt doch die russische Judenheit; unsere Zukunft liegt in ihr. Kann denn nun an der Spitze ein Mann stehen, der ihre Sprache nicht versteht, — den Jargon? Oder nicht einmal Deutsch? Nein! Ich vermute, daß nach einigen Monaten ein Kongreß cinbcrnfrn werden wird, der den geeigneten Leiter unserer Bewegung ausfindig machen wird. Die Bewegung kann nicht ohne einen Führer bleiben, aber die Konstitution des Zionismus wird, nach meiner Ansicht, manche Aenderungen erfahren müssen. Wie die Konstitution Preußens von Bismarck, so wurde die nnsrigc von Herzl ansgearbeitet. Ein anderer wird ihr nicht gewachsen sei»; mit der Revision derselben muß sich der nächste Kongreß befassen. II n d wir >v e r d e n Weiterarbeiten! Wohl werden wir den, großen Schmerz nie besiegen, doch darf man nicht in Verzweiflung geraten. Die Rettung des Judentums und der Juden he st e h t im Z i o n i S in u s. Der Moment ist ein kritischer. Ohne den Zionismus werden wir zweifelsohne untergehen, entarten. Wenn unsere nationalen Ideen nicht anfangen sollen, sich in konkrete Formen zu gestalten, so lvird im Lause von etwa 30 Jahren die Intelligenz von uns sortgehen. Und ohne Intelligenz vollzieht sich der Untergang eines Volkes ganz rasch, unbemerkbar schnell." Im Verlaufe des iveiteren Gespräches über die Lage der Juden in den verschiedenen Ländern, kam Nord au jeden Augenblick auf Herzl zurück. Nach seiner Ansicht, als Arzt, waren die häufigen Aufregungen die Ursache des frühzeitigen Todes Herzls. Er hätte bei seiner Herzkrankheit noch 10 Jahre lebeii können. Die Aufregungen haben ihn getötet. Selbstverständlich ist Niemand daran schuld. Verantwortlich dafür ist die Geschichte, nicht aber einzelne Personen. Herzl hat vor 2 Jahren ein politisches Testament abgefaßt, das von N o r d a u und Marmorct durch ihre Unterschriften als echt verbürgt wurde. Der.Inhalt desselben ist weder dem einen noch dem andern bekannt; er wurde immer geheim gehalten. Herzl hinterließ drei Kinder im Mer von 11 bis 15 Fahren, die — wie Nordan treffend sagte — zu alt sind, um den große» Schmerz nicht zu empfinden, wiederum zu jung, um sich trösten zu können." Es gibt keinen Herzl mehr, aber das jüdische Volk ist jetzt um ein heiliges Grab reicher und auf den Gräbern wachsen Blumen. Derselbe Korrespondent erzählt ferner, daß die Nachricht über Hqxzls Tod einen erschütternden Eindruck in allen jüdischen Kreisen Paris' hervorrief, obwohl sehr viele darauf gefaßt waren. Man wußte, daß dieser große Held des jüdischen Volkes, der durch enorme Willcnsmacht auch die schwersten Leiden zu überwinden vermochte, bereits auf dem letzten Kongresse ein sehr kranker Alaun war, dem jeden Augenblick die Gefahr eines Schlaganfalls drohte; er benutzte daher die Unterbrechungen der stürmischen Sitzungen nicht ausschließlich zu zionistische» Zwecken, wie es doch immer auch bei den größten Mstrcngungen geschah, sondern diese kostbare, heilige — weil unserer heiligen Sache gewidmet — Zeit, sie mußte leider gar oft mit profaner Beschäftigung ausgefüllt werden: Theodor Herzl, dessen imposante Haltung während der langen und ermüdenden Kongreßverhandlungen nichts Böses verraten' konnte, begab sich während der erfrischenden Pansen in sein Zimmer, um seinen Körper in Kompresse zu hüllen. Man wußte dies und doch, dessen ungeachtet, wirtte die Nachricht über das Ableben Herzls ganz besttirzend. - K.

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