Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 28 (22.7.1904)
- Date
- 1904-07-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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gttan&fntfet Istutlilislhes fniliruklBtt. i: » Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- ■ Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe Schluß des redaktionellen Teiles). i -' Ke-aKttoir imd HefchLftsstelle: Srsnkfurl a. IR., Leiliglreuzgaffe 32, Ecke Llapperftldstraße (gegenüber der Neuen Zeit). -- Herausgeber: Kalg Heis. Jnfertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile.25 Psg. Die Reklamezeile.100 „ Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.—. Freitag, de« 10. Aw 5661 (22. Juli 1904). No. 28. 2. Jahrgang. Die Trostreden Jesajah's. Bon Benno Fische r. Verklungen sind die drohenden und geißelnden Strasworte Jesajah's in der „Hört ihr Himme l"-- Predigt, worin er sein entartetes Volk ermahnt und sein Verderben verkündet hat; verklungen auch die wehmütigen und schmerzensreichen Klagen Jerem.ia's, da er aus den Trümmern der Herrlichkeit Israels den Fall des Gottesvolkes beweint hat. — Die Strafdrohungen sind eingctroffen, den Jammer haben wir mitgefühlt, die Klagen mitgeklagt, — und nun lagert ein düsteres Bangen auf unserem Gemüt, gleichwie wenn dichte Finsternis ihre nächtlich schreckenden Flügel über uns ausbreitet, Nach einem festen Halt sehnt sich unser von wilden Ahnungen durchwühltes Herz, nach Sicherheit schmachtet unsere von tiefem Weh erschöpfte Seele. In dieser Stimmung trifft uns die Trostesb o t s ch a f t des Gottesprophcten. Seine Erlösungsknndung verheißt uns Hilfe und Stütze, ermutigt unser verzagtes Herz, beruhigt und macht hoffnnngssroh imser von Zweifeln zerwühltes Gemüt, klärt und erhält unseren ratlos sinnenden Verstand. Wunderbar ist die Wirkung dieser göttlichen Trostcsbotschaft! Ihre lüstenwcich slüsterndcn Töne hauchen zu neuem Leben verschlossene Blumenkelche von verdürstcten Judenseelen, ihre mächtig klingende, kampfbereit und siegesgewiß brausende Stimme erweckt zu Heller Glut verglommene Funken von erloschenen Judenherzen! Solange das Verderben noch vor dem Tore stand, eiferte und geißelte Iesajah, hielt seinem Volke seine Pflichtvergessenheit vor. Mit heiligem Zorn wies er hin auf seinen Fehl, zählte seine Sünden alle ans. Doch da das Unglück h e r e i n g e b r o ch e n, das Land erobert, Jerusalem zerstört, das Heiligtum ein Raub der Flammen ward und das Gottesvolk in die Hände der Feinde siel, von seiner Heimat entwurzelt in die Fremde geschleppt wurde, das bittere Golnsschicksal durchkostet hat —: da tut sich der Mund des Propheten weit auf, aber nicht mehr zu Drohungen, sondern zu t r o st r e i ch e n Verheißungen. In dem großen Schiffbrnch bietet er seinem Volk einen Rettungsbalken, damit es sich daran festklammere, damit es nicht versinke im Meere des Unglücks und der Verzweiflung. Der schreckliche Fall war von Gott beschlossen, er war notwendig, ja, war für Israel heilsam. Doch das Exil soll nicht ewig währen, es wird endlich voll die Leideuszeit, sie dauert nicht bis in die Hoffnungslosigkeit. Israel hat noch eine Zukunft, herrlicher noch als seine Vergangenheit. Das Werk der Volkszerstörung war ein Läuternngsprozeß, der Zeit der Reinigung und Büßung naht ihr Ende, Gott erhebt aufs neue sein Volk. Er wendet feine Gnade wieder dem in den Staub getretenen, verachteten, verzweifelten Rest zu, dem elenden Wurm Jakob flößt Er Mut ein, erhebt ihn auf seine Herrlichkeit, nach Z i o n führt Er ihn wieder heim. Denn Israel bleibt doch Gottes Volk und Zion dieStättederGottesverkündigung. Sein Name und seine Ehre ist mit seinem Volk, mit seiner Stadt, mit seinem Heiligtum eng verknüpft. Er leidet mit Juda und Zion, Er selber wird erhoben, Er selber wird erst recht gekannt, wenn Israel zu seiner Ehre, zu seinem Rechte kommt. Ja, ein Recht hat Israel auf seine Erlösung, im Namen der Gerechtigkeit muß Gott es erlösen. Wohl ist die harte Prüfung Gottes nicht ungerecht; Gott gegenüber ist die Prüfung als Strafe gerechtfertigt. Aber was hat das Judenvolk gegen die Völker der Erde verbrochen, daß sie es gleich einem Aussätzigen behandelt, gejagt und verfolgt und gepeinigt hatten. Israel hat die Bittersten Demütigungen, Peinigungen,und Unterdrückungen von seiten der Völker erduldet, ihnen erscheint es als ein von Gott Verworfener, von Gott Verdammter, ein todeswürdiger Verbrecher. Aber es ist nun schuldlos; die Sünden, die es gegen Gott, — nicht gegen die Völker der Erde — verübt, tilgt die Verbannung, verwischt die erlittene Qual und Bedrückung. Und scheint auch Gott auf es nicht zu achten, in Wahrheit verhüllt Er sein Angesicht nicht vor ihm. Denn um Gott und sein Gesetz duldete es ja, für die Wahrheit der Gottcslehre ertrug es Marter und Tod. Darum kann es nicht dem Unglück auf ewig anheimfallen, nicht gänzlich untergehen im Meere der Leiden. Sonst ginge unter die W a h r h e i t, die Gott eben durch sein Volk verkünden läßt. So ist Israels Sache die Sache der W a h r - heit und der G e r e ch t i g k e i t, und eben das bildet den Hort seines Trostes, die Burg seiner Hoffnung, die Bürgschaft und das Unterpfand seiner Auferstehung aus dem Grabe des Exils. Das Recht seiner Sache muß siegen, die Wahrheit muß ans Licht kommen und durch seine Erhebung besiegelt werden. Israels weltgeschichtliche Aufgabe ist nicht zu Ende, im Gegenteil, sie beginnt letzt e r st recht, Gott hat es zu etwas Großem Vorbehalten. Gott, Israels Hüter, der Leuker der Weltgeschichte, der Schöpfer des Himmels und der Erde, der Erste und Letzte, der Einzige und Alleinige, braucht cs noch in seinem Weltcnplane. Erst jetzt soll Israel der Licht- und Heilbringer der Völker werden. Es empfing die Wahrheit vor Zeiten, es bewahrte sie, verteidigte sie, wagte für sie Gut und Blut; durch seine Erlösung soll nun die Völkerwelt die Macht und Größe dieser Wahrheit erkennen und dem Geber dieser Wahrheit huldigen. Denn e r st mit der Erlösung aus tausendfältiger Bedrückung kann die Größe des Gottesg e s e tz c s vor aller Welt sichtbarlich werden, erst in der Freiheit in der eigenen H e i m a t kann die Gotteslehre sich in ihrer Prächt entfalten. Erst d a u u werden Israels Sprößlinge alle, von Klein bis Groß, die Kenntnis Gottes haben, erst so das Gesetz ihres Herrn voll und ganz — wie es im Exil nicht möglich — erfüllen und damit den Glanz dieses Gottesgesetzes vor den Augen der ganzen Welt erstrahlen lassen. — So ist die weltgeschichtliche Aufgabe Israels überall mit der Erlösung verbunden, folgt dieser erst n a ch. So erfüllen sich Gottes herrlicher Plan und Israels idealer Beruf. Zu dem freien Israel, zu dem nach Zion heimgekehrten Gottesvolk strömen dann die Völker hin, um Lehre zu holen, um Lebensweisung zu erhalten. — — Sprechen diese Reden nicht auch zu uns, zum Israel der Gegenwart? Findet diese Trostesbotschast nicht Widerhall in dem erlösungsbedürftigen Rest des Gottesvolkes? Eine herrliche Zukunft ersteht öor unseren Augen in diesen prophetischen Verheißungen. Aber es sind das keine luftigen Phantasien, keine traumhafte Zukunftsbilder, die bequem in nie zu erreichende Ferne gerückt werden können. Wir führen sie zu unserem Gemüte an den „Trost-Sabbaten", zur inneren Erhebung und zum Sporne vorioärts zu schreiten nach diesem Ziele. Im Namen Gottes spricht der Prophet — und Gott verwirklicht, was er versprochen. Die Verheißung soll nicht eine ewig unstillbare Hoffnung sein, die nie Wirklichkeit werden darf. Der Prophet verweist auf die Zeichen der Zeit, auch unserer Zeit, deckt darin das Tun Gottes auf und zeigt auf die A II f ä n g e der E r l ö s IIII g s z e i t. Der Haß der Völker überflutet gleich einer Sintflut das jüdische Volk, aber es ertrinkt nicht, es geht nicht unter, es erhebt sich vielmehr gereinigter daraus empor. In diesem weltengroßen Haß und Groll finden sich die Volksgenossen wieder, erwerben sich ihr Selbstgefühl, das sie schon fast verloren, gewinnen sie Zähigkeit, auszuharren dort, wohin sie Gott gestellt. Sie verknüpfen sich wieder mit der Berg a u g e u h e i t, von der sie sich losgelöst hatten, ergreifen wieder die Hoffnung ihrer Zukunft. ll n d ein Vvlk, das auf seine Zukunft hofft, dem i st seine Zukunft gewiß! Raschi, (Rabbi Salomo Jtzchaki) sein Leben und Wirken. (Zu seinem Todestage, 29. Tamus/12. Juli) Bon M. I. G-n. (Fortsetzung.) Ungeheure Schwierigkeiten boten Raschi die vielfachen Verstümmelungen des Talmudtextes, die bei den vielen Abschriften und dem manchem Abschreiber unzugänglichen Sinne desselben unvermeidlich waren. Es galt nun diese Corruptionen — Toijoth-Sofer (Jrrtümer des Abschreibers) nennt sie Raschi — zu korrigieren und de» richtigen Wortlaut festzustellen. Und auch hierin zeigte sich Raschi ans seiner ganzen Höhe. Die Blenderungen, die er vorgenommen, erschließen nicht nur den Wortsinn, sondern auch das tiefere Verständnis schwieriger Diskussionen und Erörterungen. Selbstverständlich verfährt er bei seinen Korrekturen (Hagohot) äußerst vorsichtig; erst wo eine Aenderung unbedingt geboten erscheint und in älteren Varianten eine Stütze hat, gestattet sich Raschi, den Text zu korrigieren. Bei den vieljachen Reisen, die er unternommen hat, wird Raschi den Zweck verfolgt haben, sich mit den verschiedenen älteren Lesearten des Talmuds bekannt zu niachen. Raschi hat in seinem Talmudkommentar nicht der Reihe nach gearbeitet. Er ist in zwei Traktaten zugleich, in Baba-Bathra und in Makkoth, in der Mitte stehen geblieben. Jenen hat sein Enkel, Rabbi Samuel ben Meir, diesen sein Eidam, R. Juda b. Natan fortgesetzt?) Wie Raschi selbst das gesamte Gebiet des Mischen Schrifttums beherrschte, so ging sein Streben dahin, dies ganze weite Gebiet durch Kommentare allgemein zugänglich und verständlich zu machen. Aus diesem Bestrebe» ist neben dem Talmud-Kommentar auch der Kommentar zur heiligen Schrift hervorgegangen, der gleichfalls auf der l) Im Kommentar zu Makkoth ist Raschi bei der Erklärung des Wortes „Tohaur" (rein) stehen geblieben. R. Juda b. Natan fährt daher also fort: „Unser Lehrer, dessen Körper rein und dessen Seele in Reinheit abgeschieden ist, hat nicht weiter erklärt"' usw.