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Neue jüdische Presse · 1904-07-15 · Heft 27 (15.7.1904) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 27 (15.7.1904)
Date
1904-07-15
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. vernahm mich von Neuem. Auch hier sagte ich zu allem ja, und man nahm darüber Protokoll auf. Es ist sonderbar, daß ich Barry während des Verhöres für einen sympathischen guten Menschen hielt. Ich sagte ihm auch später unter vier Augen, ganz vertrauensvoll, daß meine Aussagen unwahr seien und haß der Gendarm mich dazu zwang, worauf Barry ernst und entschlossen sagte: „Mein Sohn, was der Mensch einmal gesagt hat, dabei soll er bleiben." Sonst sprach er kein Wort. Seitdem stand ich, so ost ich vor Barry erschien, im Banne einer drückenden, zwingenden Macht." Nachher erzählte mir Scharf die Phasen der bekannten Affäre. Man brachte ihn in's Gefängnis nach Nijiregyhäza und setzte ihn in's Wachzimmer. „Einmal," fuhr Moritz fort, „hörte ich in später Nachtstunde aus einer Zelle im Korridor des Wachzimmers die leisen, rufenden Worte meines Vaters. Ich schlich'mich leise hin, mein Vater fragt leise: „Mein Kind, was hast Du dem Untersuchungsrichter gesagt, ich hörte. Du habest mich des Mordes beschuldigt?" Ich hatte nicht den Mut, meinem Vater die Antwort zu gestehen und gab eine ausweichende Antwort. Er munterte mich aus: „Lenke nicht ab von der Wahrheit mein Kind, verlasse ihre Pfade nicht, Gott, Israels Gott, wird auch diesen harten Schlag von uns abwälzen." Viele, viele Nächte verbrachte ich schlaflos. Ich weinte und schluchzte in mich hinein. Wem sollte ich meine Qualen klagen? Die Gendarmen ermutigten mich immer: „Moritz, Du bist ein rechtschaffener Knabe, Du bist der einzige ehrliche Jude auf der ganzen Welt, die anderen sind alle Halunken." Immer spöttelten sie über die Juden, schimpften, fluchten und schmähten sic. Am 23. August kam ich zur „Erziehung" znni Schloßhauptmann Henter. Dort behandelte man mich gut. Henter und seine Familie waren gärtlxd). gegen mich, und überschütteten mich mit Schmeicheleien, gaben mir alles Gute. Anfangs verlangte ich koschere Speisen. Man ließ mir von einem jüdischen Wirt namens Röchlitz das Essen holen. Aber nachher machte man mir Angst: „Moritz, Du wirst sehen, die Juden werden Tein Essen vergiften." Einmal kam mir das Essen verdächtig vor, seitdem getraute ich mich nicht mehr, von dem Röchlitzschen Speisen zu essen. Eine Zeit lang lebte ich von Wasser und Brot, doch konnte ich dies nicht lange vertragen. Henters ermutigten mich, doch von ihren Speisen zu essen. Nach langem Zaudern versuchte ich einmal. Es schmeckte mir. Seitdem speiste ich bei ihnen. Es kamen die Herbstsciertage. Noschhaschono wollte ich in den Tempel, gehen. Die religiöse Erziehung hat starte Wurzeln. Obcrgespann Zaltän ließ mich rufen, er erlaubte mir, in die Synagoge zu gehen, machte mich aber auftnertsani, mich in Acht zu nehmen, da die Inden Rache gegen mich geschworen hätten und mich umzubringen trachten. Ich blieb zu Hause, erbat mir ein Gebetbuch und betete. Langsam blieb auch das Beten aus, auch Zitzith zog ich keine mehr an. Bei Henters wurde ich ganz verwandelt. Immerzu hörte ich die Juden schmähen, der Schloßhauptmann witzelte satyrisch über die Juden und suchte mich immer als einen hinzustellen, der mit diesen elenden Geschöpfen gar nichts ähnliches habe. Ich werde noch ein großer Herr werden — sagte er — nicht so ein schundiger zerlumpter Jude mit „Peyes". Ich hatte ein leichtes Leben, sorgenlos und munter. Aber doch sehr oft erwachte in mir das Gewissen. Ich wollte hervortreten und in die Welt schreien: „Alles, alles ist Lüge und Trug." Aber als ich versuchen wollte, in diesem Sinne zu sprechen, traf mich der strenge strafende Blick H e n t e r' s und das Wort blieb mir in der Kehle stecken. Schließlich wurde ich im Ganzen ihre Kreatur. Was sie mir vorsagten, wiederholte ich. Ich wiederholte es einmal, zweimal, hunderttnal und nachdem ftng ich selbst mi, daran zu glauben. Und dann— dann kam die Schlußverhandlung. Zuvor mußte ich bei Henters eine harte Probe Frankfurter Israelitisches Familienblatt. bestehen. Man verhörte mich, verwickelte mich in Kreuzfragen, überraschte mich init plötzlichen Wendungen und allerlei unerwarteten Fragen. Ich beantwortete alles. Was ich nicht wußte, hatte ich gelernt. Ms ich zur Verhandlung kam, war ich so präpariert, daß ich in meiner Wissenschaft die Reifeprüfung hätte bestehen können. In der Schlußverhandlung — Sie wissen — hatte ich das traurige Examen glänzend bestanden, aber manchmal brachte mich Karl Eötvös — Gott geleite ihn auf allen seinen Wegen — doch in Verlegenheit. Für solche .Fälle war mir der Trotz als Antwort einstudiert. Sonderbar, wieviel Mut und Kraft ich aus der Tatsache schöpfte, daß das Publikum im Saale meine Aussagen mit brausendem Beifall ausgenommen hatte. Der Beifall gefiel mir, er berauschte mich. Das llcbrige brachte die tägliche Präparicrnng fertig. Der Zeuge Gendarm B a r c z y verkehrte öfters bei Henters. Einmal, nach dem Wendessen, ries er mich zu sich Und fing ein Gespräch an: Ich sagte ihm natürlich meine Lektion fließend her, wie der Erste in der Klasse, er bestürmte mich mit Kreuzfragen und als er merkte, daß er mich schwankend gemacht, frug er mich plötzlich: „Du Moritz, wenn man Dich bei der Verhandlung fragen würde, ob Dich nicht Bandi Recsky zu dieser Aussage gezwungen, was würdest Du sagen?" „Daß es wahr ist, da er mich iw der Tat dazu gezwungen hat. Seither habe ich Recsky nicht mehr gesehen. Diese Szene kam auch in der Verhandlung zur Sprache, und — tief schäme ich mich, dies war die erste, selbständige, nicht einstudiertc Lüge — ich leugnete sie ab. Was nach der Verhandlung geschah, habe ich Ihnen erzählt Mein Vater hat mir nie, auch nur mit einem Wort Vorwürfe gemacht. Gleich nachdeni ich ans Henters Händen befreit war, kam ich zu meinen Eltern und von da hierher. Und dies alles erzähle ich Ihnen deshalb,' weil ich, auch dies iu's Reine gebracht haben möchte. Mein Vater schrieb mir vor zwei Jahren, ich möge Karl Eötvös, der damals an der Geschichte dieses Prozesses arbeitete, Einzelheiten über meine Erlebnisse mittcilen. Aber ich wollte meinerseits keinen Einfluß aus die Sache ausüben. Aber nun da das Werk erschienen, steht mir nichts im Wege, auch ein Wort ju sprechen. Dann zitierte Scharf aus der Rede des Staatsanwalts die Worte: Ich möchte die Blätter aus der Geschichte Ungarns ausreißen. „Auch ich möchte diese Blätter ans der Geschichte meines Lebens ausrcißcn," sagte er. „Ich fühle keine Gewissensbisse, da ich ja nur das willenlos gemachte Werkzeug für die bösen Pläne der Ruchlosen war. Wer leid, sehr leid tut cs mir, daß gerade ich der berühmte Moritz Scharf sein mußte. Warum, warum mußte gerade ich es sein!" Ties erschüttert hörte ich die Erzählung Moritz Scharf an. Ich bot ihm Eötvös' Werk an und versprach ihm, ein Wörterbuch zu schicken, mit dessen Hilfe er seine und der Anderen ttaurige Geschichte ausbuchstabieren könne. Er nahm das Buch an und übersetzte gleich zur Probe den Titel des Buches und fügte den Vers aus Schillers Glocke hinzu: „Noch dauern wird's in späten Tagen Und rühren vieler Menschen Ohr!" Aus der Lehrerwett. Berlin. In den Schul- und Talmud - Thora- Vorstand der jüd. Gemeinde wurde Oberlehrer Dr. Türk gewählt. Strümpfclbrunn bei Eberbach. Herr A. Rabinowitz aus Frankfurt a. M. ist als Lehrer an die hiesige Gemeinde berufen worden. Köln. Rabbiner-Wahl. Der ncugewählte Direttor des hiesigen Lehrer-Seminars, Herr Dr. E. Carlebach aus Memel, ist an Stelle des in den Ruhestand gettetenen .Herrn Rabbiners Dr. Plato gleichzeittg zum Rabbiner der Religionsg e s e l l s ch a f t „Adas; I e s ch u r n n" gewählt worden. Dobrisch (Böhmen). Der hiesige Rabbiner, Herr D r. S. W. Liusk ist an dze isr. Kultusgcmcindc in Pilsen berufen worden. Derselbe hat den Religionsunterricht an Volks- und Mittelschulen zu erteilen und den Rabbiner im Verhinderungsfälle zu vertreten. Budapest (Ungarn), 11. Juli. Der israel. Friedhof war heute Früh der Schariplatz eines ebenso . Nr. 27. seierlichen als ergreifenden Aktes der Pietät und Dankbarkeit Etwa hundert im Dienste vaterländischer Kultur uich der Religion ergraute jüdische Lehrer aus allen Gauen des Landes, die der Wohltaten der in ihrer Art einzigen Stiftung des großen Philanthropen Ignaz Ritter v. W e ch s e l m a n n teilhastig geworden, hatten sich unter Führung des Präsidiums des ungarländischen jüdischen Lehrcrvcreins an: 'Grabe ihres ■ Wohltäters eingesunden, um den Manen des Verblichenen den Zoll ihrer Dankbarkeit darzubringcn. Die allen Anwesenden unvergeßliche Feier wurde vom Präsidenten Kornfeld mit einigen ergreifenden Worten eingeleitet, worauf der Chor der Pester isr. Religionsgemeinde ein Trauerlied sang. Nachdeni Joseph Witt (Sarospatak) ein kurzes Gebet gesprochen, sang Kantor Israel Licht das „El niole rachmim". Und als die letzten Akkorde des erschütternden Liedes verklungen waren, würdigte Joseph Witt in einer der Form und dem Inhalte nach schönen Rede das Leben und die hochherzige That des Mannes, dessen Andenken noch die spätesten Generationen segnen werden. Mit dem vom Lehrer Ignaz Fischer (Nyitra) gesprochenen Gebete fand die erhebende Feier ihren würdigen Wschluß. Amsterdam. (Holland). In dem hohen Alter von 78 Jahren ist der Oberrabbiner Dr. L. L a n d s - b e r g von Limburg gestorben. Um ihn trauern seine Rübbinatsbezirke Limburg und Nordbrabant. New - Nork (Amerika). Das jüdisch-theologische Seminar von Amerika (1902 errichtet) hielt am 5. Juni nachmittags unter entsprechenden Feierlichkeiten hie erste Jahres-Schlnßseier ab in dem Anstaltsgebäudc an Broadway und 121 Str. Vier Graduierte wurden mit der Würde eines Rabbiners bekleidet, Elias L. Solomon, G e r s o n B. L e v y , Rudolph I. C o s f e e und Charles F. Hoff m a n n. Letzterer hielt die Abschiedsrede. Dr. Sch echter, Präsident des Seminars führte den Vorsitz bei der Feier. Dr. C Y r u s Adler, Präsident des Direktorenratcs der Anstalt Hielt die Eröffnungsrede. Dr. Levis N. Tembitz von Louisville, Ky., Dr. Pereira eilendes und Rev. S a m u e l S ch u l m a n n vom Tempel Beth-El nahmen darauf aus den Händen des Vorsitzenden Ehrendiplome als Doktoren der Theologie entgegen, worauf hie bereits genannten vier Graduierten die Rechte und Privilegien der Rabbiner- Ivürde erhielten. Aus den Vereinen. Berlin. Der Jahresbericht des Vereins zur Bekleidung armer jüdischer Kinder für das Jahr 1903, der erste seit dem Bestehen des Vereines in seiner jetzigen Gestalt, zeigt, daß der Verein einen« dringenden Bedürfnisse entsprochen hat, denn 224 Kinder wurden bereits vollständig bekleidet, während mindestens ebensoviel abgewiesen werden mußten. Für diese 224 Kinder sind 2260,02 .M. (10,09 Mark durchschnittlich pro Kopf) ausgegebcn worden. Der Vorsitzende des Vorstandes ist Herr Siegbert Wiirzburg. 0 Feuilleton. 0 Aus bewegter Zeit. Erzählung aus der Zeit der ftanzösischen Revolution Von R. 3. Fortsetzung. Alle Aiiivesenden sahen von diesem Augenblicke an den jungen Abarbanel als eine Art höheres Wesen an und fügten sich derart seinem Willen, daß sie alle, als sic zur Abstcllungskanzlci gerufen wurden, in ruhiger Fassung zur Untersuchung gingen. Als Abarbanel in den großen Vorsaal der Kanzlei eingetreten war, kam ihm hastig der Rabbi entgegen, der schon ans ihn gewartet hatte und redete ihn, halb zürnend, halb väterlich besorgt, an: „Warum gestandest Dir mir nicht gestern, daß Tu keinen Paß hast? Jetzt sitzt Du nun in der Klemme und ich werde Dich schwerlich aus ihr heraus helfen können. Ich habe bereits mein Bestes beim Hanptmannc und beim Arzte versucht, — aber vergebens, denn der Vorsteher, den Du Dir zum Feinde gemacht hast, hatte auf sie bereits seinen Einfluß ausgeübt." „Rabbi, seien Sie mir unbesorgt; — cs kann mir nichts geschehen!" erwiderte der Jüngling mit einer Zuversicht, die den Rabbi ihn mit verwundertem Erstaunen ansehen ließ. „Ausklciden!" rief in diesem Augenblicke die gebieterische Stimme eines eintretenden Korporales. Ein allgemeines Wehklagen war die Antwort. Bor der Türe standen jammernde Mütter und Väter, die sich mit harten Stößen an die Brust schlugen und laut das Sündenbekenntnis ablegten. Ihr Geschrei warf die Vorsätze ihrer Söhne über Haufen und mutlos zögerten diese, dem Pefehle des Korporales Folge zu leisten. „Glaubt ihr wohl in Euerer Synagoge zu sein, daß ihr einen solchen .Höllenspcttakel macht! s-chämt

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