Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 27 (15.7.1904)
- Date
- 1904-07-15
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 11. Euch, ihr feigen Memmen!" rief dieser zornig: — und als auch der Rabbi mit strafendem Blicke ihnen die jüdische Pflicht, dem Fürsten zu gehorchen, vorhielt, da verstuinmte das Wehklagen, und die anwesenden Jünglinge entkleideten sich nunmehr in der größten Eile. Auch Abarbancl hat sich entkleidet. Er hatte aber aus seinen Stiefeln ein zerknittertes Stück Papier hervorgeholt, das er sorgfältig unter den Hemdärmeln verbarg. Als alle entkleidet waren, öffnete der Korporal die Türe eines zweiten Saales und gab dem Hauptmann ein Zeichen, daß die Abstellung nunmehr beginnen könne. Der Hauptmann nahm eine Liste und rief: „Ephraim Abarbancl!" Der Vorsteher hatte nämlich den Namen dieses Jünglings absichtlich zuerst auf die Liste gestellt, weil er es vor -Schadenfreude nicht erwarten konnte, dem Rabbi einen Trotz anzutun. — Der Gerufene trat mutig ein und gewahrte zur Seite des Hanptmannes den Vorsteher, der ihn mit boshaftem Lächeln entgegenblicktc. Gleich, nach ihm trat der Rabbi ein und wendete sich an den Hauptmann: „Verzeihen Sie, Herr Hauptmann, daß ich ungerufen komme; aber dieser Jüngling ist einer meiner hoffnungsvollsten Schüler und verdient daher, verschont zu bleiben." „Das kümmert uns nicht", entgegnete dieser, „das Gesetz sagt, daß jeder Paßlose Fremde zu Gunsten jener Gemeinde, in der er ertappt wird, in den Militärdienst cingereiht werden kann." „Sind doch Ihre Theologen vom Kriegsdienste befreit, warum nicht auch unsere Talmudjünger?" „Na, soweit sind wir noch nicht, Rabbi! Das Christentum ist Staatsreligion, das Judentum ist nur im Lande geduldet. Ihre.Talmudjünger haben deshalb noch nicht das Recht, sich neben unsere Theologen zu stellen", erwiderte der Hauptmann etwas gereizt. „Und ich sage, daß wir Juden dieselben bürgerlichen Pflichten erfüllen und daher auch Anspruch auf dieselben bürgerlichen Rechte haben: wir brauchen ebenso nötig Rabbiner, als Sie Geistliche. Auch bitte ich Sie, Herr Hauptmann, zu erwägen, daß unsere geduldete Religion die alte, ehrwürdige Mutter der Ihrigen ist." „Rabbi, zu dergleichen Erörterungen ist hier nicht der Ort! — Unter das Maß gestellt und hübsch grade sich aufgestellt!" rief er darauf gebieterisch dem Jünger zu, welcher sich mutig hinstellte und in seiner ganzen Körpcrläuge sich hoch aufrichtete. „Famos", sprach der Hauptmann sehr freundlich, indem er ihm das Maß auf den Scheitel niederließ, „so beherzt hat sich noch kein jüdischer Rekrut auf diesen Platz gestellt. Potztausend! fünf Schuh und acht Zoll hoch gewachsen, ein kräftiger Körperbau und noch dazu recht beherzt; solche Kerle können wir brauchen. — Jetzt links hinein zum Untersuchungsarzt!" „Entschuldigen Sie, Herr Hauptmann, hier ist mein Paß!" „Was soll das heißen?" rief der Hauptmann erstaunt, indem er den Paß durchlas und den Vorsteher zornig anblickte, der vor Beschämung und Aerger umzusinken drohte. „Das soll so viel heißen, als daß ich, als mit ordentlichem Paß versehener '-Ausländer, dem österreichischen Heeresdienste nicht unterstehe," erwiderte der Jünger'mutig und den Vorsteher mit Stolz ansehend. „Und warum hat er den Paß nicht bei der Haussuchung vorgezeigt?" rief der Vorsteher, vor Wut knirschend. (Fortsetzung folgt.) Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Uebersetzter Auszug eines hebräischen Briefes, den ich dieser Tage an Se. Ehrwürden Herrn Rabbiner Silberstein-Waitzen gerichtet habe: (Fortsetzung). Uni durch materielle Hülfeleistung Israels Zukunft vorzubereiten, ist eine Mahnung von dem Amora via verkündet (Talmud Tractat Labhath 139a), die auf folgende Stelle beruht: Die Zurückkehrenden nach Zion werden durch Wohltätigkeit zurückbefördert werden (äesaja 1)27). — Wir gehen gewiß nicht fehl, das Wort „2edoko" hier mit „Wohltätigkeit" zu übersetzen, wie Ramham Hilchoth Mathonoth Anijim Perek X Halocha I und Tur Jore Dea 247. Schon aus dem Pentateuch selbst und aus der jüdischen Vorgeschichte ist deutlich bewiesen, daß I) die Verdienste um die Mizwoh von „Wohltätigkeit" allein schon so groß sind, daß davon allein die Befreiung aus der Diapora und die Zukunft von Jsrael's Selbstständigkeit abhängig ist, und daß 2) nur solche Leute zur Vorbereitung der Befreiung und als Sendboteu zur Verkündung von Gottes Willen, in der Tauroh zum Ausdruck gebracht, von der göttlichen Vorsehung erwählt sind, die mit Herz und Seele teilnehmen an des jüdischen Volkes Leiden und Freuden. „Und Mosche weidete die Schafe seines Schwiegervaters Jithro, des Priesters von Midjan und kam bei dieser Gelegenheit zum Gottesberge Horeb; da war ihm ein Engel Gottes sichtbar u. s. w." An diesen Text knüpft der Midrasch die folgende Geschichte: Ein Ziegenbock war der Herde entlaufen und Mosche fand den Bock am Fuße des Berges, wohin er verirrt war. Dort lag der Bock ermattet und vor Durst schmachtend Da trug Mosche den Bock nach einem erfrischenden Wasserquell und labte ihn; — und dann erschien der Gottesengel und sprach: „Du, Mosche, der du gegen das durstende Tier Erbarmen gezeigt, dich habe ich als Retter meines leidenden Volkes erwählt." Mosche, der wußte, daß es über Israel besttmmt war, 400 Jahre Untertanen einer fremden Macht zu sein (stehe Josef Jahez, Maamorim), der aber auch wußte, daß die Erlösung beschleunigt werde, sobald Israel in der Schule des ersten Golus gezeigt habe, daß es reif zur Selbständigkeit geworden sei, fragte (siehe Rasch! Exodus m/11): Und durch welche verdienstvolle Handlung hat sich Israel dieser beschleunigten Erlösung würdig gezeigt? — Und als Gott antwortete: Israel wird Gottes Diener an diesem Berge werden, war Mosche dennoch nicht bereit, die hohe Gottessendung anzutteten. Er zögerte. Mosche kannte seine geknechteten Brüder. Er wuße es. daß die Familienttaditionen schon längst aus dem Bewußtsein der Adelsahnen geschwunden. Nur die alten Firmen waren beibehalten, der Kaftan und der Dialekt. (Nach derTradition hat Mosche auf diese Reste der absondernden Eigentümlichkeiten später hingewiesen,um in seinen Brüdern die Gedanken ihrer Abstammung zu erwecken). Aber weg. weg — waren die jüdischen Tugenden. Keine Spur mehr von Barmherzigkeit, kein Zeichen mehr von Schamhaftigkeit, kein Schein mehr von Wohltätigkeit. — Und die göttliche Vorsehung antwortete: Gehe hin, rufe zu dir die Aeltesten Israels. — Sage, du bist bemfen, Pokauä Pokadti zu sagen, (Vergleiche Tosfos Awaudo Soro 27) d. h. dich nur zu beschäftigen mit den Gedanken, Israel zu erlösen, — und — Barmherzigkeit. Schamhaftigkeit und Wohltätigkeit werden wieder einziehen in die Herzen der Abraham», Jsaae- und Jacobskinder. Darum: Und eine jede Frau soll von ihrer Nachbarin und von ihrer Mitbewohnerin silberne und goldene Geräte und Kleider leihen, die ihr euren Söhnen und Töchtern zu tragen gebietet. — Die Nachbarin und die Mitbewohnerin waren auch isralitische Frauen. In Gosen's Ghettis wohnten keine EgYPter. (Siehe Mechilta und Cbabiw und Chagis Erklärung. Asulai.) Die Mitglieder der Stämme Juda und Levi waren begüterte Leute, auch teilweise der Joseph-Stamm und waren nicht der Frohnarbeit untergeben. — Bis dahin hatten sie sich um ihre armen Brüder nicht gekümmert und Mosche war es, der auf Gottes Geheiß diese Reichen anspornte, sich bannherzig zu zeigen, wohltätig zu sein und die nackten Brüder nicht nur zu bekleiden, sondern ihnen sogar goldene und silberne Geräte zu ttagen zu geben — um aus Mezraim entkommen zu können. Und Ula hat es verkündet. Durch Wohltätigkeit werden die nach Zion Zurückkehrenden erlöst! — Und Israels Thron und die Lehre der Wahrheit wird wieder durch Wohltättgkeit standhaft werden, denn geschrieben steht es in dem Buch der Bücher. Bizedoko Tikonnoni. Durch Wohltätigkeit wirst du befestigt! Liepman Philip Prins. (Fortsetzung folgt.) Bunte Chronik. Die Juden v o n A f g h ani st a n. In Afghanistan wohnen mehr als 40,000 Juden. In der Stadt Kabul sind 2000 derselben meist gutsituierte Kanfleute, die ihren Handel bis in's Innere Asiens ausdehnen, ansässig, und nach deren Aussage befinden sich im Innern des Landes 60 jüdische Gemeinden, die ihre Zentralstelle in Kabul haben. Wenn auch nicht vollberechtigte Staatsbürger, erfreuen sie sich dennoch der Gnnst und des Schutzes des Emirs. Die afghanischen Juden, die keine Kenntnis von den talmudisch-rabbinischen Schriften haben, beobachten den Sabbat, die Beschneidung, Schechita usw. und feiern die Feste wie wir. Mit ganz besonderer Feierlichkeit begehen sie das Laubhüttensest, an welchem sie sich besuchen und die Bedürftigen mit Almosen unterstützen. Ihr Familienleben ist ein musterhaftes und unterscheidet sich sehr vorteilhaft von dem ihrer afghanischen Umgebung. Was die Afghanen selbst betrifft, so werden sie von Kennern des Landes für Nachkömmlinge der Juden erklärt, und diese Annahme wird nicht nur durch ihren Typus, sondern auch durch lokale Traditionen unterstützt, welche in dem vor etwa 100 Jahren aufgefundenen Werke: „Geheimnisse der Afghanen", dessen Verfasser ein Perser, Hussain ibn Salir, ist, niedergelegt sind. Dort wird erzählt: „Als die Israeliten gegen ihre Bedrücker, die Amalekiter, zu Felde zogen, wurden sie von denselben besiegt. Unter den Schätzen, welche die Amalekiter erbeuteten, befand sich auch die Bundeslade. Letztere hielten sie für den Gott der Juden und suchten sie zu zerstören, aber das Feuer und alle anderen Zerstörungsmittel blieben erfolglos, und deshalb schickten! sie dieselbe auf dem Rücken einer Kuh in die Wüste. Die verzweifelten Jsrealiten baten nun ihren Propheten Samuel, daß er ihnen einen König und Heerführer ernenne. Nachdem sie zugesagt, in Gottes Wegen zu wandeln, erschien der Engel Gabriel und reichte dem Propheten einen langen Stab indem er sprach: „Wer wie dieser Stab das ganze Volk überragt, soll nach Gottes Ratschluß König über Israel sein." Eines Tages entlief einem armen Hirten Namens Saul ein Rind. Sein Herr schickte ihn zu Samuel, damit dieser ihm zur Wiedererlangung des Verlustes verhelfe. Als er zu Samuel kam, siel diesem die Körpergröße desselben auf, er fand, daß Saul der Länge des Stockes gleichkomme, und sprach zum Volke: „Das ist der vom Herrn zum König Auserkorene." Während das über diese Wahl wegen der niedrigen Stellung Sauls unwillige Volk darüber stritt, kam die von den 'Amalekiter» in die Wüste ausgesandte Kuh mit der heiligen Lade auf ihrem Rücken in das israelitische Lager und siel vor Saul in die Knie. Da brach das Volk in Jubel aus und rief: „Das i|'t_ ein Zeichen Gottes: es lebe der König Saul." saul' fiel in einer Schlacht wider die Amalekiter: seine zwei Söhne, Brachia Jeremias, erwarben sich später im .Heere des Königs David durch ihren Mut großen Ruhm. Brachia nannte seinen Sohn „Afgahan" und Jeremias den seinigen „Usbag." Afgahan, ein gewaltiger Kriegsheld, wollte sich den Befehlen des Königs Salomo nicht beugen, verließ sein Vaterland, mit sich und seinen Nachkommen ein neues Reich zu gründen. In den Gebirgen östlich von Persien siedelte er sich an, gründete einen Staat und nannte sich „Ben melik Talnt" (Sohn des Königs Sauli. Seine Nachkommen vermehrten sich sehr schnell, eroberten Grenz» länder, bauten Burgen und Festungen und nannten sich „Beni melik Talut", dem Lande aber gaben sie den Namen Afghanistan nach ihrem Urahn Afgahan." Bücherschau. Theodor H e r z l. Feuilletons. Zwei Bünde. Wiener Verlag. Wien. Dringende Arbeit hielt mich immer wieder von der Lektüre dieser beiden schon seit Wochen unaufgeschnitten auf meinem Schreibtisch liegenden Bände ab. Da traf mich plötzlich wie ei» Blitz aus heiterem Himmel die erschütternde Nachricht von, dem Tode Herzl's, und nun litt es mich nicht länger, ich mußte zu den beiden Bünden greisen, um aus ihnen das Bild dieser fiir uns heutigen Juden so bedeutungsvollen Persönlichkeit vor meinem geistigen Auge wieder erstehen zu lassen. Zwar von dem Zionisten Herzl erzählen uns diese Feuilletons wenig, aber der Mensch Herzl tritt uns auch in ihnen in seiner ganzen Vornehmheit — in dem besten Sinne dieses Wortes — und mit seiner ganzen Herzensgüte entgegen. Mag er uns von seinen Reisen erzählen oder über Literatur plaudern oder gar uns in die Kinderstube führen, um den Regungen der Kinderseele nachzugehen, überall spüren wir den Pulsschlag des sür alles Gute und Schöne so empfänglichen, mit allen Unglücklichen und Unterdrückten mitfühlenden Herzens. Wer den ganzen Menschen Herzl kennen lernen will, der versäume nicht auch zu seinen Feuilletons zu greifen: ich bin überzeugt, er wird sch"n aus ihnen den Menschen Herzl liebgewinne», mag er zu seinen zionistischen Ideen stehen, wie er will. 41. (4. Die Juden. Schauspiel in vier Aufzügen »on Eugen T s ch i r i k o w. Deutsch von Georg P o l o n s k i j. Im Verlage von Dr. I. Marchlewski u. Co., München, ist soeben ein Drama erschienen, aus das ein jüdisches Blatt seine Leser nicht nachdrücklich genug Hinweisen kann. Der Verfasser dieses „Tie Inden" betitelten Tramas, ist der russische Schriftsteller Eugen Tschirikow, ein Freund Maxim Gorki's, in dessen Spuren er auch wandelt. Wohl selten hat mich eine Dichtung so im Innersten ergrisse», wie dieses Drama. In packender Weise weiß der Verfasser das Elend und die Unterdrückung, worunter die russischen Juden zu leiden haben, und die beständige Furcht, in der sie leben, vor uns erstehen zu lassen. Meisterhaft versteht er es, uns in den einzelnen Typen die unter den russischen Juden herrschenden Strömungen darzustellen. Nur einem Dichter konnte es gelingen, sich so in dies Seelenleben eines ihm fremden Volkes hinein zuversetzen. Mit welch seiner Kunst läßt der Dichter vor uns die einzelnen Gestalten erstehen:. Da ist der sromme und kluge Uhrmacher Leiser Frenkel» der den Schmerz erleben muß, daß seine Kinder — ein Sohn und eine Tochter — die wegen sozialistischer Umtriebe ihr -Studium aufgeben mußten, kein Verständnis für ihre angestammte Religion haben, ja daß seine Tochter ihre Liebe einem christlichen Studiengenossen, einem gleichfalls sozialistischen Freund ihres Bruders, zuwendet. Da ist weiter der skeptische Zyniker Dr. Fuhrmann, der als Lebensmaxime ausstellt, daß die Juden danach streben müßten, so reich wie möglich zu werden, damit sie nicht unterdrückt werden, sondern unterdrücken können. Da ist ferner der jüdische sozialistische Arbeiter Jserson, der weder konsessionelle noch nationale Unterschiede kennt, für den es nur Ausbeuter und Ausgebeutete gibt. Und da ist last n-ot least der mit vieler Liebe geschilderte Zionist Bachmann, der sein ganzes Leben seinem zionistischen Ideal widmet und