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Neue jüdische Presse · 1904-07-15 · Heft 27 (15.7.1904) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 27 (15.7.1904)
Date
1904-07-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Vellage zu Nr. 27 des Frankfurter Israelitischen Famllienblattes. Raschi, (Rabbi Salomo Jtzchaki) sein Leben und Wirken- (Zu seinem Todestage, 29.Tamus/12. Juli) Von M. I. G-n. (Fortsetzung.) Aus den ösfentlichen Vorträgen für seine Schüler ist wahrscheinlich jenes phänomenale Werk eines Riesengeistes hervorgegangen, das in der Geschichte der jüdischen Literatur im Exil einzig und allein dasteht — der Kommentar zum babylonischen Talmud, dem der Aufschwung und die Verallgemeinerung des Talmudstudiums durch alle folgende Jahrhunderte zu verdanken ist, ohne den uns der Talmud ein Buch mit sieben Siegeln geblieben wäre, wie dies schon die Aeußerung eines Großen wie R. Menachem b. Serach besagt: „Ohne ihn wäre der babylonische Talmud vernachlässigt worden, wie der jerusalemische."Z Es ist dies ein unübertrossenes Meisterwerk aus diesem Gebiete, das trotz der ungeheuren Schwierigkeiten, die in der Materie liegen, wie aus einem Gusse hervorgegangen scheint und in allen seinen Teilen den Stempel des hohen, scharf ausgeprägten Geistes Raschi's trägt. Der Kundige wird den charakteristischen Stil Raschi's nach zwei — drei Worten schon erkennen. Im Traktat Baba-Bathra (s. 29a) wo der Kvmulentar Raschi's in der Mitte abbricht und die Texterklärung von dessen Enkel, R. Samuel b. Meir fortgesetzt wird, ist der Unterschied der beiden Kommentare so augenfällig, wie bei zwei ineinander nründenden Flüssen. Raschi's Stil ist schlicht, wortkarg — daher der Wolksspruch: „In den Tagen Raschi's kostete ein Tröpfchen Tinte einen Dukaten" — und doch deutlich und lichtvoll. „Mit einem Buchstaben," bemerkt der bekannte Gaon und Bibliograph Asulai,-) „sagt er mehr, als andere in ganzen Reihen." Raschi versteht die Kunst, sich in die Seele des Lesers zu versetzen, jedem Mißverständnis und allen Einwürsen durch einen geschickt angebrachten 'Ausdruck oder eine Wendung vorzubeuge». Wen» Raschi „klaumar" (nämlich) sagt, so weiß schon jeder Anfänger, daß hier irgend eine Frage abgeschnitten, irgend ein Einwand entkräftet ist, und heute noch bietet jedes „Klauniar" dem Talmudjünger einen Anlaß, seinen Scharfsinn im Erraten der eventuellen Einwürfc zu bekunden. Umsonst würde doch Raschi, bei dem nie ein Wörtchen zu viel ist, nicht „nämlich" sagen! Die Reichhaltigkeit der Raschi'schen Explikationen führte sogar nachmals zu den wenig genießbaren und vollends fruchtlosen Versuchen, aller Art Allegorien und Mystik in Raschi hineinzutüfteln und hineinzudeuteln. Die einen wollten einzelne Stellen in Raschi aus dem Wege gekiinstelter mystischer Zahlenkonstruktionen (Gimatrioth) erklären, die anderen glaubten seine Bekanntschast mit dem „Sohar" Nachweisen zu können, wieder andere erblickten in ihm einen großen Kabbalisten. Gegen alle diese Hirngespinste zieht schon R. David b. Lara, Verfasser des „Mischmoroth-Kehunah" scharf ins Feld?) Wie Raschi keine überflüssige Weitschweisigkeit kennt, so kann man ihm auch keine übertriebene Wortkacgheit vorwcrfen, die allzuviel beim Leser voraussetzte. Um den Text durchsichtig zu machen, scheut Raschi bisweilen — allerdings nur dort, wo der Gegenstand es unbedingt erfordert —.auch eine gewisse umständliche Breite nicht. Und doch macht sich nirgends eine ungleiche Verteilung der stilistischen Mittel geltend; alles ist zu einem einheitlichen, harmonischen Ganzen verschmolzen. Die gleichzeitige tiese Gründlichkeit und überraschende Faßlichkeit macht den Kommentar sür Lehrer und 'Schüler gleich wertvoll. Die Wort- und Sacherklärung ist für den Anfänger, wie für den tiefgehenden Fachmann berechnet. Selbstverständlich benützt Raschi auch die Erklärungen, seiner Vorgänger.?lber während wir in der allgemeinen Weltliteratur die Erfahrung machen, daß. der Forscher in ähnlichen .Fällen nur selten der Versuchung widersteht, mit seinem ausgedehnten Wissen eiu wenig zu glänzen und eine hübsche Portion von Zitaten und Wiedergaben fremder Ansichten aufzutischen, so daß der Leser sich nur mit bitterer Not durch die verschrobenen, in Bandwurmstil gehaltenen Erörterungen zu der eigentlichen Ausfassung des Verfassers, die ihm triumphierend als die einzig mögliche dargereicht wird, durchringt — versteht es Raschi, die 'Ansicht seiner Vorgänger in deutlicherer, präciserer Fassung wiederzugeben und ihr in der H Zeda-La-Derech. Vorrede. 2) Siehe Pros. Dr. A. Berliner: Beiträge zur Geschichte der Raschi-Kommentare, Berlin 1903. 3) Schern Hagdolim. ihm eigentümlichen Bescheidenheit die eigene Auffassung entgegenzustellen, die uns durch Verstandesschärfe und Faßlichkeit zugleich überrascht. Die Gewohnheit, mitten in seinen Erörterungen vom eigentlichen Thema mehr oder weniger abzuweichen, von der kaum ein wissenschaftlicher Schriftsteller aller Zeiten frei ist, kennt Raschi nicht. Er hält sich immer mit penibler Strenge an seinem Thema; etwas wie eine Art eiserner geistiger Disziplin geht durch alle seine Schriften. Man fühlt es aus Schritt und Tritt, daß er uns noch, sehr viel zu sagen hätte, im Gegensatz zu so vielen Schriftstellern, die bisweilen mehr sagen, als sie wissen. Raschi besitzt den seltenen Vorzug, daß er in seinen Gegenstand ganz aufgeht. Während jeder andere Kommentator oder Darsteller sich nie ganz mit seiner eigentlichen Rolle als Erklärer begnügt, vielmehr oft .die Gelegenheit ergreift, sein liebes Ich in den Vordergrund zu rücken und seine Originalität auch einmal zu zeigen, will Raschi nichts als die Vorlage erläutern und erklären. Er lebt und webt ganz in seinem Texte und ist mit ihm gleichsam innig verwachsen und in eins verschmolzen. Im Volksbewußtsein lebt der Raschikommentar bis auf den heutigen Tag wie ein Zwillungspaar eng verbunden mit der heiligen Schrift und mit dem Talmud; er ist gleichsam der ewige Trabant des Textes und gehört zu ihm, wie der Mond zur Erde. (Fortsetzung folgt.) Eine Unterredung mit Moritz Scharf. Im „Magyar Hirlap" berichtet der ungarische Journalist Adolf Harsänyi über eine Unterredung, die er gelegentlich einer Reise in Hollarrd mit Moritz Scharf, dem bekannten traurigen Helden des Tisza-Eßlaer -Prozesses hatte, und entnehmen wir den interessanten Ausführungen folgendes: „Nach langem Hin- und Hersuchen in A m st e r - dam stand ich endlich vor dem Hause, in dem Moritz Scharf wohnt. Auf meine Frage nach demselben an den Hausbesorger, telephonierte ihm dieser, und Moritz Scharf kam selbst herurrter. Der vor 21 Jahren als Knabe zu so trauriger Berührntheit Gelangte, ein gesund aussehender junger Mann, mittlerer Statur, mit braunem Bart, stand vor mir. Ich begriißte ihn in ungarischer Sprache. Er antwortete in gebrochenem Ungarisch und entschuldigte sich damit, daß es bereits 20 Jahre her seien, daß er keine Gelegenheit mehr hatte, sich in seiner Muttersprache zu üben. Ich setzte mein Gespräch in deutscher Sprache fort und bat ihn, mich auf einem kleinen Spaziergang zu begleiten. Cr zögerte, seine Augen blickten argwöhnig umher, aber nachdem ich ihm versicherte, daß nur das Interesse an seinem Schicksal mich zu ihnc führte und nur mit seiner Einwilligung unser Gespräch in die Oefsentlichkeit käme, wurde er zutraulicher, und Mitternacht war längst vorbei, als wir uns in nieinem Hotelzimmer auf's Wiedersehen für morgen verabschiedeten. Noch mit Niemandem sprach Scharf über seine Rolle in dem großen Prozeß ausführlicher. Er wollte nicht mehr von sich reden machen, er ging der Oeffentlichkeit aus. dem Weg. Mehrere Blätter und Journalisten ersuchten ihn um Daten, er verweigerte stets die Antwort. ' Inzwischen kolportierte man die Nachricht von feinem Zobe — er reagierte nicht darauf. 21 Jahre sind es — so erzählte er — daß er mit seinem Vater und der ganzen Familie — wenn ich mich seiner Worte recht erinnere — durch das Wohlwollen der israelitischen Landes-Kanzlei nach Amsterdam übersiedelte. Sein Vater setzte dort sein Schuhmacher-Handwerk fort, er aber kam zu einenr Diarnantenschleifer in die Lehre. Sein Vater, der sich .der fremden Lebensweise nicht anpassen konnte, und dem auch der Verdienst zu gering war, übersiedelte nach London; doch auch von da aus brach er nach einem halben Jahre wieder aus; er ging nach Budapest zurück, und steht seitdem im Dienste der israelitischeic Gemeinde als Aufseher in einer Metzgerei. Moritz, der in Amsterdam blieb, kam mit seinem Vater während der verflossenen 20 Jahre nur ein einziges Mal zusaormen und zwar im Fahre 1300, als er im vollsten Jncognito nach Budapest reiste. Er verkehrte außer mit seinen Eltern und. Geschwistern mit Niemandem. Nach fünftägigem Aufenthalt in Budapest kehrte er wieder nach Amsterdam zurück. Gerne würde er wieder seinen alten Vater besuchen, aber es geht ihm jetzt, wo er durch den Strik der Diamantschleifer seit 4 Monaten ohne Arbeit ist, nicht gut. Unter normalen Verhältnissen verdient er wöchentlich 25 Gulden, wovon er als alleinstehender junger Mann leben kann. An's Heiraten denkt er nicht. Wozu auch? Daß man einst aus seine Kinder mit Fingern zeige: „Der Vater dieser Kinder war der berühmte Moritz Schars!" Sein ganzes Wesen, seine Auffassung verraten den viel belesenen, intelligenten, denkenden Arbeiter. Seine Sprechweise ist einfach, ohne Pose, wenig erregt. Man merkt, daß er über sein Schicksal viel nachgedacht hat, und eine gewisse Lebensweisheit ist das Resultat seiner Erfahrung. Hie und da vertieft er sich in die Vergangenheit, aber er fühlt sich nicht schuldig, er war bloß ein Werkzeug Anderer. Ich zeigte ihm das Werk von Karl Eötvös*) fein Interesse blitzte auf. Er bat mich, ihm einige auf ihn Bezug habende Stellen zu übersetzen. Ich nahm alle Kapitel, die sich ausschließlich mit seiner Person befaßten, der Reihe nach vor. Die Leichenschwämmungsgeschichte interessierte ihn weniger, aber als ich zu jenem Teil kam, welcher von dem französischen Königssohn erzählt, der gegen seine Mutter Zeugenschaft ablegt und seine Mutter, die Königin der allerniederträchtigsten Unzucht beschuldigt, da verfehlte diese meisterhafte Schilderung ihre Wirkung nicht: Verstohlen suchte er nach seinem Taschentuch und konnte kaum seine Erregung verbergen. „Meine ganze Rolle beginnt eigentlich dort," sprach er, „als man inich in jener denkwürdigen Nacht ini Hause des B a n d i B e c s k y verhörte. Anfangs sagte ich die Wahrheit, öfters wurde ich verhört, und immer sagte ich dasselbe: „Eßter Salymosi kenne ich nicht, im Tempel hat sich nichts zugetragen, nur Probegesang wurde abgehalten." Dies war am Vormittag. — Wends »ach deni Abendgebet verhandelten zwei Jude» einen Vergleich in einer strittigen Branntweinaugelegenhcit. Als kleiner Knabe, der ich damals war, flößte mir der Umstand allein, daß ein Gendarm mich vor den Richter fiihrte, gräßlichen Schrecken ein. Ein Gendarm, ich erinnere mich noch aus seinen Nanren — Josef N a g y — stand während des Verhöres immer hinter mir. Am 22. Mai 1882 — dieses Datum werde ich nie vergessen — führte man mich von Tisza-Eßlar nach N a g y f a l u zu R e c s k y. In den Nachtstunden wurde ich wiederholt vernommen. Auch Peczely war dort und sein Sekretär, der wie sich später herausstellte, schon einmal »oegen Raubmord verurteilt war. Sie sprachen von den Juden, ich hörte in eirrer Ecke zu. Man sagte rnir öfters vor, was ich später aussagte. Nachher führte mau mich in die Küche, wo nian mir zu essen vorfetzte, aber ich wies sie zurück, meine Religion verbiete mir den Genuß. solcher Speisen, sagte ich. Ich hatte Schlaf, und man ließ mich uiederlegen. Plötzlich weckte man mich, führte mich nochmals vor den Gendarm, und Recsky stellte Peczely als Geistlichen vor. Peczely sorderte mich sodann auf, die Wahrheit zu sagen, >onst öffnen sich vor mir die Pforten der Hölle. Ich blieb bei meinen 'Aussagen; man zankte, schimpfte mich und drohte mir. Schließlich, als vor Schlaf meine 'Augen zufielen, machte ich halb unbewußt die Aussagen, tvelche man mir diktierte. Sofort nahm nian sie zu Protokoll. Recsky diktierte und ich sagte aus alles ja. Nachdem es fertig war, legte man es mir vor. ich solle es unterschreiben. 'Als ich dies getan, frug mich der Gendarrn: „Warum sagtest Du dies alles erst jetzt aus?" „Weil ich muß," war meine Antwort. Daraus hob mich Recsky bei den Ohren in die Lust, schüttelte inich, drohte, mich umzubringen, wenn ich getraue, was anderes zu sagen, als was im Protokoll aufgenommen war. Man ließ mich uiederlegen.' Ich war ganz zerknirscht und geqilält. Noch einmal weckte marc mich in derselben Nacht. Der Untersuchungsrichter Barry *) Karl Eötvös, der berühmte Verteidiger im Tisza-Eßlaer-Prozeß, hat jetzt die (beschichte dieses Prozesses veröffentlicht unter dem Titel: Eiu Prozeß der tauseild Jahre währt und rroch nicht zu Ende ist.

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