Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 27 (15.7.1904)
- Date
- 1904-07-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 5. Nr. 27. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. loffs am Mordtage getrieben hätten. Ein positives Ergebnis haben diese Vernehmungen aber ebenso wenig erbracht, wie ein nenes Verhör der seht in Berlin wohnenden'Schwester des Schlossers Berg, namens Jda Berg, die schon früher in Könitz mehrfach vernommen worden war. Würzburg. Die israelitische Kultusgemeinde Königshofen i. Gr. begeht am 29., 30. und 31. Juli die Feier der Einweihung der neucrbauten «Synagoge. München. Unter den 55 000 Juden Bayerns wurden im Jahre 1902 3 8 M i s ch ehe» eingegangen. Von den Müttern u neheli ch geborener Kinder waren in demselben Jahre 24 Jüdinnen. zu den Galerien führen. An diese», ebenfalls auf Säulenreihen errichteten Tribünen sind vergoldete Kandelaber angebracht, von denen elektrische Lampen hcrabhäugeu. Psalmverse sind auf großen Tafeln an den gewaltigen Pilaster», welche die Kuppel.stützen, angebracht. Gegenüber dem Haupteingauge befindet ich die marmorne Bundeslade mit den Gesetzestafeln. Der Mosaikfußboden des Tempels weist griechische lmd geometrische Zeichnungen, die Malerei der Seitenwände Palmenornamente auf. Bequem und elegant eingerichtete Lokale für die Verwaltung, Wohnungsräume für den Oberrabbiner, ein Saal für die Zusammenkünfte des Gemeindevorstandes sind der Synagoge angegliedert. Gestern fand die Ervssnnngsfeier statt, wobei König Victor Emanuel zugegen war. Oesterreich-Ungarn. Wien. Der Landeshauptmann von Schlesien, Graf Heinrich L a r i s ch - Ä ö n n i ch hat dem I s - raelitischcn Bethausverein von Orkan den Betrag von 2000 K. zum dortigen Teiupelbau gespendet. Prag. Die Taufe auf dem Sterbebette. Vor ungefähr eineni Jahre brachte, so erzählt das „Extrablatt", die Witwe Fanny B e n d i n e r ihren Sohn, der an einer unheilbaren Krankheit litt, über Verwendung ihres Arztes im Hanse der Barmherzigkeit zur Pflege armer Unheilbarer unter. In dieser Heilanstalt, die unter dem Protektorate der Erzherzogin Maria Josefa steht und im 18. Wiener Bezirke, Antonigasse Nr. 70, gelegen ist, sind Nonnen, die Schwestern des heiligen Vinzenz von Paul, mit der Krankenpflege betraut. Der schwcrkranke Bendiner, der wegen gerichtlich erhobenen Schwachsinnes unter Kuratel stand, wurde, von seiner Mutter mehrmals in der Woche in der Anstalt besucht und ist daselbst vor wenigen Tagen gestorben. Dies wurde seiner Mutter bei ihrem letzten Besuche mitgeteilt. Als die Frau nun Anstalten traf, ihren Sohn nach jüdischem Ritus zu bestatten, wurde ihr gesagt, daß dies nicht möglich sei, da sich ihr sohn vor seinem Tode habe taufen lassen. Frau Bendiner war über diese Mitteilung sehr überrascht, da sic zwei Tage zuvor ihren Sohn noch besucht hatte, bei welcher Gelegenheit er ihr nicht die geringste Andeutung gemacht hatte, daß er zum Christentum überzutreteu beabsichtige. Die Pflegerinnen teilten der Frau nun mit, daß ihr Sohn ihr den öfters geäußerten Wunsch, sich taufen zu lassen, wahrscheinlich verschwiegen habe, weil er ihren Widerstand befürchtete. Ilich da man ihn wohl für einen Melancholiker, aber sonst für geistig normal gehalten, von der Verhängung der Kuratel wegen Geistesschwäche aber nichts gewußt habe, sei der Taufe nichts im Wege gestanden. Diese sei also ordnungsgemäß vom Seelsorger der Anstalt, 'einem bet Pfarre Weinhaus ungehörigen Priester, vorgenommen worden. Nun müsse auch das Begräbnis noch christlichen! Ritus erfolgen. Infolgedessen wandte sich die Mutter au die Israelitische Kultusgcmeinde. Der Kultusvorstand überzeugte sich von dem angeführten Tatbestände und betraute das Rabbinat mit der Einleitung geeigneter Schritte, worauf das erzbischöfliche' Ordinariat die sofortige Herausgabe der Leiche zur Bestattung an die Mutter verfügte. Dies geschah auch. Der Fall ist Gegenstand einer Untersuchung. . Lemberg. Die hiesigen Zionisten haben beschlossen, in Zukunft Eingaben au den Kultusvorstand nur in hebräischer «spräche zu verfassen. Der Anfang wurde bereits vergangene Woche gemacht. Es bleibt noch abzuwarten, lvie sich der Kultusvorstand zu diesem schritte der Zionisten stellen wird. Die Lemberger Zionisten beabsichtigen an sämtliche zionistischen Vereine einen Aufruf ergehen zu lassen, wenn nur irgend- Ivie Möglich, den schriftlichen Verkehr mit den Kultusvorständen in hebräischer Sprache zu führen. Im Osten dürfte ja diese Aktion leicht durchführbar sein, im Westen hingegen wird vorerst eine Generation erzogen werden müssen, welche der hebräischen Sprache mächtig ist. Italien. Rom, 3. Juli 1904. Die neue Synagoge. Die Niederreißung des alten Ghetto und die monumentale Ausmauerung der Tiberwerftc brachte die hiesige israelitische Gemeinde auf den Gedanken, an Stelle des wenig ästhetischen, wenngleich innen reich ausgeschmückten Gebäudes der bisherigen Synagoge eine neue erstehen zu lassen. Dieselbe nimmt xine Grundfläche von 1500 Quadratmeter ein,, weitere 2000 Quadratmeter dienen als Gartenanlagen. Die Arbeiten lvurden vor drei Jahren begonnen und eine Million Lire dafür ausgeworfen. Der architektonische Stil zeigt Anklänge an griechische und assyrische Kunst, beide Richtungen harnlonisch miteinander vereinigend; die Bogenlinien fehlen und sind durch flache Querbalken ersetzt. Das von Travertinstein ausgeführte, reich mit vergoldetem Stuck verzierte Gebäude hat einschließlich der Aluinininnlkuppel eine Höhe von 46 Meter, der Vorraum am Hauptcingange ist von vier dorischen Säulen getragen, am Frontgiebel liest man in hebräischer Sprache die Worte: „Gesegnet sei dein Eingang und dein Ausgang," darüber prangt der sicbenarmigc Leuchter. Durch zwei große, vergoldete Türen gelangt mau vom Haupteingange zu breiten Marmortreppen, die Personalien. Frankfurt a. M., den 12. Juli. Gestern starb Dr. Simon M aas, der 181 t hier geboren war, >ich 1835 als Rechtsanwalt hier »iederließ und Jahrzehnte lang in dem öffentlichen Leben seiner Vaterstadt eine hervorragende Rolle spielte, so gehörte er u. a. der gesetzgebenden Körperschast und später dem Stadtverordnetenkollegium an. Berlin. Der Privatdozent Professor Dr. Alfred Wohl von der Berliner Universität ist zum ctatsmäßigen Professor an der Technischen Hochschule in Danzig ernannt worden. — Ter preußische Konsul in Bogota, Bankdirektor 2 a l o in o n Koppel, hat den Roten Adlerorden 4. Klasse erhalten. Essen, 5. Juli. Auszeichnung. Nach 52'/-fahr. Dienstzeit trat dieser Tage Herr Kanzlcirat Josef Hirsch in den Ruhestand. Anläßlich seines Ausscheidens aus dein Dienst fand im großen Schwurgerichtssaale eine kleine Feier statt. Herr Landgerichtspräsident Büsch er hielt eine Ansprache an den scheidenden und überreichte ihm in Anerkennung seiner Dienste deil Kroiienorden dritter Klasse. Neustadt (Oberschlesien). Der Stadtrat und Kommerzienrat Abraham F r a e n k e l, Begründer und seniorchef der weltbekannten Leinenweberei S. Fraenkel ist im 70. Lebensjahre gestorben. Posen. Der Königliche Kommerzienrat Adolf Kantorowicz, der Begründer und seniorchef der bekannten Eisengroßhandlung Wolf Kantorowicz in Posen, feierte' am 1. Juli sein fünfzigj ä h r i g e s G e s ch ä f t s j n b i l ä n m und die Fülle der Ehrungen, die bem anspruchslosen Manne erwiesen wurden, zeigten am besten, wie sehr Herr K. im Mittelpunkt des Posener Lebens steht. Das Vertrauen der städtischen Körperschaften dokumentierte sich darin, daß er zum Stadtrat gewählt wurde, das Vertrauen der Gesamtheit, daß man ihn vor Jahren schon in deii Provinziallandtag und in den Provinzialausschuß wühlte, zahlreiche andere Ehrenämter wurden von ihm mit derselben Unermüdlichkeit wahrgenommen. So ist es also verständlich, daß dieses Geschüftsjnbiläuin auch für weitere Kreise Interesse bot und zu einer Feier sich gestaltete, über die das konservative Posener Tageblatt wie solgt, berichtet: „In den Morgenstunden wurde dem Jubilar ein Stündchen von der Kapelle des Jnf.-Regt. Nr. 46 dargebracht. Im Laufe des Tages begaben sich zahlreiche Deputationen nach der Wohnung des Jubilars, um ihre Glückwünsche zu übermitteln. Die Angestellten der Firma überreichten dem Jubilar eine künstlerisch ausgeführte Ergebenheitsadresse. Die Spitzen der Behörden, unter ihnen der Polizeipräsident v. Hellmann, ließe» eS sich nicht nehmen, teils brieflich und durch Telegramme, teils persönlich zu gratulieren. Der Magistrat sandte in Vertretung des Oberbürgermeisters Stadtbanrat Grüder und stadtrat Schweiger. Erstercr hob in längerer Rede die Verdienste des Jubilars um die Stadt Posen hervor. Die Handelskammer drückte durch ihren Vorsitzenden, Geheimrat Herz, ihren herzlichen Glückwunsch aus. Eine Anzahl Vereine hatten gleichfalls Deputationen gesandt. Von den brieflichen Gratulationen seien die des jetzigen Oberpräsidenten sowie die des früheren, Herrn von Bitter und die ganz besonders herzliche und ergreifende des Grasen Zedlitz, Oberpräsidenten von Schlesien, erwähnt. Ungleiche Bahnen. Eine Geschichte aus dem Leben. Von Jacob Levy. (Schluß). Heute kam er zu ihr zu ungewohntcr Stunde. Ueberrascht sah sie statt des gewohnten apathischen Gesichtsausdruckes ein von Glück verklärtes Antlitz. „Mutter ich habe Dir eine freudige Nachricht zu verkünden, ich habe mich verlobt." Sie saß da mit gefalteten Händen. „Kurt, hat sie Dich von Herzen lieb'?" „Ja, Mutter, und ich sie auch." „Kurt, ist sie ein Mädchen, das als Frau ihr Glück im Hause suchen wird, oder ist sie modern, genußsüchtig, wie..." Die Worte, wie ich es war, wollte» ihr nicht über die Lippen. Kurt verstand sic. „Mutter, Du kennst auch meine Braut." Und nun erzählte er alles und sie hörte mit leuchtenden Augen zu. „Gott sei Lob und Preis sür Dein Glück, mein Sohn. Mag ich nun einsam mein Leben beschließe», ich will nicht »lehr klagen. Wirst Du mir Teiue Braut zusiihren'?" Er ward gerührt ob dieser demütigen Worte der einst so stolzen Frau, die Eisrinde schmolz von seinem Herzen. Er sagte milder: „Morgen komme ich mit meiner Fanny, um Deinen sagen zu bitte», und, Mutter, ich bleibe bei Dir, bis ich heirate. Du sollst nicht mehr allein sein, meine Braut bat mich dacnin." „Gott segne Dich und sie mein Sohn," sagte sie mit Freudenträne». Sie küßte seine Stirn, seit vielen Jahren die erste Zärtlichkeit, ans vollem Mutterherzen quellend. 1 2. st apitel. Im Volksgarten sitzt eine Damcngesellschuft mn einen Tisch. Es waren Frau Ehrmann und Schwiegertochter, Frau Löser mit ihrer Tochter .Hilde Behrcnd und Frau Weber. Die Familien verband eine herzliche Freundschaft. Start Behrcnd hatte nicht mehr über den Spott Kurt'S zu klage», seitdem dieser sich mit rührender Geduld unter der Anleitung seines Schwiegervaters der häuslichen gottesdienstlichen Verrichtungen befliß, als da ist Kiddusch, Habdalah, Chanukalichtcr anzünden und dergleichen. Freilich wird sein Verdienst etwas dadurch herabgemindert, weil er jedesmal von seiner abgöttisch geliebten Frau mit einem Stusse belohnt wird. Weber, der rasch ungeduldig wurde, scuszte zwar oft: „Er ist und bleibt ein Amchoorez." Wenn aber Fritz darüber lachte, fuhr er ihn an: „Er ist immer besser, als so ciir Poscheh JiSroel wie Du, der Neißcch (unkoschereil Wein) trinkt." Die Damen unterhielten sich lebhaft, doch hatte Frau Ehrmann nicht die richtige Geduld. Jeden Augenblick erhob sie sich und schritt zu einem Korbwagen, aus dem ein rosiges Gefichtchen und zwei kleine Fäuste hervorlugten. Fanny lachte. „Mutter, schläft Louis noch? Wenn er Dich ahnt, wacht er doch immer auf." .Hilde erzählte: „Mein Ernst, der zweijährige Bengel meinte gestern, Lulu iS noch dumm, tann noch nit Ball snappen." Und nun wurde von den Müttern und Großmüttern Wunderdinge von den Slindcrn berichtet. — Der kleine Louis gedieh prächtig, von seinen Großmüttern freilich ein wenig verhätschelt. seine Ellern hatten ihn eigentlich fast nur Nachts zu Hause. Nachmittags war er immer bei einer Großmutter, wo er mit seinen nnn zweijährigen Beinche» hcrumtrippelte und anstellen konnte, was er wollte. — Eines Nachts wurde das Slind unruhig^ klagte über Durst und stöhnte mit ganz heiserer stimme: „Mein Kopf." Fanny untersuchte das .Kind und fand es am ganzen Körper glühend, den Hals gerötet. Kürt eilte sofort zum Arzt, das Slind wurde inzwischen immer aufgeregter, schrie und lärmte. Der Doktor, der kam, konstatierte Scharlachsieber. Am folgende,! Tag war der Arzt gerade anwesend, als Stnrl's Mutter eintrat. Die Frau, die von nichts wußte, und nnn das ficberglühende Slind, die blassen, besorgte» Gesichter der Eltern sah, erbleichte vor Schrecken. Der Arzt sagte eben z» Slurt: „Wir müssen vorsichtig sein, es hat sich Diphteritis dazu gesellt. Sie werden eine Wärterin nehme», die Pflege wäre für Ihre Frau, die ja selbst stark erkältet ist, geradezu gefährlich. Ich komme später wieder. Da legte Frau Ehrmann ihre Hand aus den Arm ihres Sohnes. „Kurt, Du sollst keine Wärterin holen, ich werde Tag und Nacht nicht vom Bette des Spindes weichen." Er rief: „Aber Mutter, diese Ausgabe kannst Du nicht auf Dich nehmen, das dürfen wir nimmer zugeben.'' „Kinder, ich beschwöre Euch im Namen meines seligen Mannes, laßt mich meinen Enkel pflegen, ich.rette ihn." Es lag etwas Zwingendes im Wesen der alten Frau, sodaß Slurt und Fanny nach kurzem Widerstreben Gewährung nickten, im Jniiern tief dankbar der Großmutter, daß sie das Slind nicht der Pflege fremder .Hände überließ. Und nun begann eine schwere Zeit. Die Krankheit erreichte einen hohen Grad. Wer immer anwesend, immer hilfreich, immer geduldig, war die Großmutter Ehrmann. Es war, als ob die Frau keines Schlafes bedurfte. Wenn ihre Kinder sie nötigten zu ruhen, war sie doch bei der kleinsten Bewegung des kranke» Knaben wieder zur Stelle, sodaß der Arzt seiner Bewunderung tauten 'Ausdruck verlieh. Und nach langen, bangen Wochen wich endlich die tückische .Krankheit. Welche Freude, als das Slind mit klare», munteren Augen erwachte, seine abge-