Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 27 (15.7.1904)
- Date
- 1904-07-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Nr. 27. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Memzüge. Dr. Singer eilte herbei, wir gaben Injektionen, ich machte Herzmassage, aber alles, alles war vergebens. Ich konnte ihm nur noch den letzten Dienst erweisen und ihm die Augen zudrückcn. Um ü Uhr nachmittags hat das jüdische Volk seinen größten Sohn verloren. An seinem Totenbette standen die vier Mitglieder des A.-C. neben der fassungslosen Familie. Ich aber schlich in Len Garten und weinte und weinte. W. Weitere Beileidskuudgebimgen und Nachrufe zum Tode Theodor Herzl's. Frankfurt a. M. Anläßlich des Ablebens Theodor Herzl's erhielt die Redaktion dieser Blätter unter dem Ausdruck herzlicher Teilnahme von Se. Hochwurden Herrn Prof. D. Bornemann, Pfarrer an der St. Nicolaikirche hier, die folgenden Zeilen: Die Nachricht von dem Hiuscheiden Tr. Theodor Herzl's hat mich niit tiefer Wehmut erfüllt. „Wie iß der Held gefallen und der Streitbare umgekommen!" (2. Sam. 1, 27.) Wohl bin ich nie unmittelbar mit ihm in Berührung gekommen, habe ihm auch nie die Hand drücken dürfen. Aber seit ich bei dem 3. Zionistenkongreß in Basel während der ganzen Verhandlungen (als Berichterstatter der „Allgemeinen Schweizer Zeitung") ihn aus nächster 'Nähe beobachten durfte, habe ich für seine Persönlichkeit und Wirksamkeit die größte Hochachtung und reinste Verehrung empfunden. Unter den zahlreichen bedeutenden Männern, die ich im Laufe meines Lebens kennen gelernt habe, war er einer der bedeutendsten. Ein stattlicher, schöner Mann, wie Saul alle andern um eines Hauptes Länge überragend, mit großem, duntlem, geistvollem Auge und einer in ihrer Schlichtheit doppelt beredten Sprache; durch und durch ein edler Idealist, aber mit den Verhältnissen des realen Lebens aufs Beste vertraut; ein echter, demütiger Charatter, der ganz und gar für seine große Sache lebte und in selbstlosester Weise in Arbeit und Opferwilligkeit sich verzehrte; fest in seinem Wolle» und Auftreten und dabei doch von weitherziger Freiheit und bezaubernder Liebenswürdigkeit, imponierend und gewinnend zugleich; ein Feldherr, der weittragende Entwürfe und Pläne ■ schuf, aber auch mit den kleinsten Hemmnissen und nächsten Aufgaben fertig zu lverden lvußte; ein geborener Herrscher und Leiter, der selbst bei den stürmischsten Verhandlungen und unter den schwierigsten Verhältnissen das sichere Gleichmaß der Gerechtigkeit bewahrte; ein Prophet seines Volkes, der es für seine Aufgabe hielt, die Herzen zu erwärmen, zu stärken und zu trösten und über das kleine und große Elend des Lebens hinweg zu den großen Aufgaben der Hoffnung und der Liebe zu führen; — so steht er dauernd vor meinem inneren Auge. Was der Zionismus an ihm verliert, wird in diesen Tagen in tausendfacher Totcnklage und vielleicht noch mehr demnächst durch die kaum au^ullbare Lücke selbst kund werden. Ich kann es nur ahnen. Aber persönlich kann ich hinzufügen: das Bild dieses „Großen in Israel" wird mir unvergeßlich sein. Wien. Die „Neue Freie Presse" aus der wir in voriger Nummer bereits Verschiedenes anführten, schrieb u. a. noch folgendes: Dr. Theodor Herzl war einer der brillantesten Pariser Korrespondenten, und eine bleibende Frucht seines Pariser Aufenthaltes ist das Buch, in welchem er die markantesten Persönlichkeiten des damaligen Frankreich und besonders der französischen Kummer und des Senats meisterhaft gezeichnet hat. Aus Familiengründen hatte er jedoch den Wunsch, Paris zu verlassen und seinen Aufenthalt lvieder . in Wien zu nehmen. Er wurde Redakteur unseres Feuilletons und kam in unmittelbaren Zusammenhang mit den Wiener Verhältnisse». Die Gründe, welche ihn zur Rückkehr nach Wien bewogen, tvaren so charakteristisch für seine Persönlichkeit, das; sic in diesem schmerzlichen Augenblicke trotz ihrer privaten Natur erwähnt werden müssen. Doktor Herzl stand zu seinem Vater und zu seiner Mutter in einem ungewöhnlichen Verhältnis. Es war nicht die Liebe der Eltern zu einem wahrhaft prächtigen Sohn; es war auch nicht die Zuneigung eines Sohnes zu den Eltern. Es war mehr als das, ctlvas ganz Eigenartiges, das diese Gefühle zur höchsten Innigkeit und gegenseitigen Ergebenheit steigerte. Die Eltern, Ivelche ihn nach Paris begleitet uird dort mit ihm gewohnt hatten, wollten »ach Wie» zurückkehren, und dieses Motiv hat auch Dr. Herzl bewogen, von Paris wieder nach Hause zu kommen. Er wurde ein Wiener Feuilletonist, der über Wiener Vorfälle, über Wiener Theatcrereignisse, über Wiener Bücher und Stücke schrieb. Als Feuilletonist hatte Herzl einen Glanz der Fori», einen Reichtum des Darstellungsverinögcns,- eine jugendfrische Selbst- 'tändigkeit der Auffassung, die ihn ln die allererste Reihe der österreichischen und " deutschen Publizistik rückten. Dazu kam die besondere Fähigkeit, zu schildern, die Stimmung des Lebens und das persönliche Element in die Beschreibung der Natur zu bringen. Wenn er ein Feuilleton schrieb über eine Reise auf der Donau nach Budapest, über einen Frühlingstag im Schwarzenberggarten oder im Schönbrunner Park, so spielten entzückende Farben um das Bild, so lag darin eine solche Innigkeit, eine solche Fähigkeit, diskret und zart menschliche Gefühle zum Ausdruck zu bringen und mit der Landschaft gleichsam zu verweben, daß die Lektüre dieses Feuilletons ein wahrhaft auserlesenes Vergnügen war und die Veröffentlichung ei» hoher Festtag für das Blatt wurde. Basel. Die „Basler Nachrichtc n" bringen in ihrer Nummer vom 5. Juli einen sehr warmen Nachruf, in dem es am Schluß heißt: Schon seine äußere Persönlichkeit wirkte geradezu fascinierend; seine schlanke, hochgewachsene Gestalt, der glänzend schwarze, auf die Brust wallende Vollbart, die schmale hohe Stirn mit den charakteristisch gezeichneten Brauen, die schön geschnittenen orientalischen Augen, das gab ein Bild männlicher Schönheit; dazu kam die ivarmc, von einem wohllautenden Organ getragene Beredsamkeit, kurz ein Mann, geeignet zu seinem Führeramt wie kein zweiter. Wallende orientalische Tracht und Priesterbinde hätten ihn sicher noch besser gekleidet, als der elegante Salonanzug, den er niit vollendetem Anstand trug. An Angriffen hat es Herzl nicht gefehlt in seiner Führerrolle; sic mehrten sich in den letzten Jahren, besonders als Herzl und mit ihm der Vorstand sich für ein Ansicdclungsprojekt in Britisch-Ostasrika ausspräch. Da drohte die Opposition ihm über den Kopf zu wachsen, aber durch geschickte dilatorische Behandlung wurde auch dieser Konflikt beschworen. Herzl ist nun gestorben, ehe diese Sache spruchreif wurde und läßt den Zionismus in einer Krise zurück. Aber wie es auch kommen mag, Herzl hat die nationale Bewegung unter seinen Stammesgenossen mächtig entfacht und mancher, der sich heute wieder mit Stolz Jude nennt, verdankt dies dem Einfluß des Mannes, der vor den Sultan Slbdul Hamid und zu Fürsten und Staatsmännern gegangen ist, um seinem Volke, so weit es einer H e i m a t bedarf, diese auf dem alten Boden ZionS wieder zu verschaffen. Der Schlag, den heute der Zionismus mit Herzl's vorzeitigem Tod erlitten hat, ist ungeheuer. Ob die Zionisten ohne ihren klugen Führer noch zu praktischen Zielen kommen, muß bic Zukunft lehren. I Wien. An das z i o n i st i s ch e Aktions - k o m i t e e sind unter Hunderten von Telegrammen und Beileidskundgebungc» die folgenden gelangt: Im Auftrag des Königs Viktor E Manuel von Italien vom Minister des königlichen Hauses Ponzio-Vaglia: „Racconigi-Reggia, 7. Juli. Der König, mein erhabener Souverän, hat beim Empfange der Trauernachricht mich gnädigst beauftragt, bei Ihnen und Ihren Kollegen der Dolmetsch seines Dankes für die große Liebenswürdigkeit ihm gegenüber zu sein und der Dolmetsch sünes "aufrichtigsten Beileids zu Ihrem schweren Verluste, den Sic durch den Tod Ihres hervorragenden Führers, welchen Se. Majestät persönlich zu kennen das Vergnügen hatte, erlitten haben." „Sc. königl. Hoheit der G r o ß h e r z o g von Hessen lassen für Anzeige vom Mieden des Dr. Theodor Herzl danken und sprechen aufrichtige Teilnahme an diesem.Verluste aus. Geheimer Kabiuettsrat Römheld." Ministerpräsident D r. v. K o e r b e r schreibt: „An das geehrte Aktionskomitee des Zionistenlongresses in Wien. Für die betrübende Mitteilung über das Ableben des Präsidenten Herrn Dr. Theodor Herzl verbindlichst dankend, bitte ich das verehrte Aktionskomitce, den Ausdruck meiner wärmsten Teilnahme entgegenzunehmen. Koerber." Petersburg. Der „N o w o st i", die größte und. angesehenste Zeitung Rußlands, bringt einen großen Nekrolog zum Tode Herzl's; nach Aufzählung seiner Taten und Wiedergabe seiner Biographie endigt er: „Als Kämpfer für eine bestimmte Idee hat er viele Gegner gehabt; cs waren das Leute, welche die Größe seines Ideales nicht begreifen konnten. Jetzt, da nun Herzl nicht mehr da ist, werden alle, sowohl Freunde als auch .Feinde, sich vor seinem Staube mit Gefühlen der Erhabenheit beugen." Odessa.- Der „Odeskis Listok" schreibt: „Herzl ist tot! Der berühmte Führer des Zionismus und der wirkliche Held des Volkes, der da war der Herrscher der Gedanken von Millionen Menschen ist nicht mehr da! In einer kurzen Zeit gelang es Herzl, um seinen geliebten Gedanken der nationalen und politischen Wiedergeburt seines Volkes sowohl die Massen als auch die Intelligenz zu sammeln. Man mag vom Zionismus denken, was man will, so ist dennoch nicht zu leugnen, daß er eine Erscheinung von großer Bedeutung und großer Tiefe ist. Der Zionismus hat Seite», die jeder ehrliche Mensch unbedingt anerkennen muh. Der Umstand allein schon, daß innerhalb einer so kurzen Zeit der zionistische Gedanke fast das ganze Volk ergriffen und eine ganze Literatur geschaffen hat, genügt, um zu beweise», daß in ihm lebendige Kräfte walten und daß Herzl, der Schöpfer des Zionismus, es verstanden hat, den Geist des Volkes zu erfassen und in dessen Richtung den Volkswillen zu lenken. Um Herzen von Millionen Menschen zu erwärmen, muß man großes Talent für den Kampf einer Idee besitzen, und ein solches Talent hatte Herzl, dessen Licht eben erloschen ist. — Ohne daß Herzl ei» Redner war, hat er mit seiner graden Logik und mit seine» Worten, die aus der Tiefe seines Herzens kamen, für die Selbstbefreiung feines Volkes die größten Gegner des Zionismus gewonnen; und zwar nicht nur seine eigenen Brüder, sondern selbst die Fürsten und Staatsmänner der Welt." Warschau. Die Bestürzung, welche der Tod Herzl's unter den russischen Juden hervorrief, ist u n - beschreibt ich. Zu vielen Hunderten zählen die Leute,, die auf die Nachricht hin ohnmächtig zusammenbrachen, zu Tausenden die, die krank geworden sind. In vielen Städten schloß man die Läden und eilte in die Synagoge, um Tehillim zu sagen. Diese allgemeine geradezu grandiose Trauer zeigt, welch' tiefe Wurzeln der Zionismus innerhalb der russischen Judenheit geschlagen hat. Wien. Auch Fürst Ferdinand von Bulgarien sandte sein Beileid. Wien. Die Witwe Theodor Herzl's hat dem Aktionskomitee den Wunsch ausgesprochen, daß sic sich mit aller Kraft an der zionistischen Arbeit beteiligen wolle. __ Wir haben nur ein ganz Weniges aus der unendlichen Fülle der Beileidskundgebungen herausgegrisse». In den: ganzen Erdenrund hat die Nachricht von dem Ableben des Führers der zionistischen Bewegung tiefe Teilnahme hervorgerufen. Auf dem ganzen Erdenrund werden in diesen Tagen Trauerfeiern für Herzl veranstaltet; von Berlin, Wie», Basel usw. sind bereits Berichte über äußerst lvürdig verlaufene Trauerfeicrn cingelausen. Aus aller Wett. Deutschland. Berlin. In der bekannten Ko Nitz er M o r d s a ch e sind, wie uns ein Privattelegramm meldet, abermals Von dem Untersuchungsrichter iu Könitz Nachbarn der mehrfach genannten Familie Masloff vernommen worden. Die Zeugen wurde» befragt, ob sie sich erinnern könnten, am Mordtage, den ermordeten Ernst Winter bei Masloff gesehen zu habe», und ob . sie sich erinnern könnten, was Mas-