Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 27 (15.7.1904)
- Date
- 1904-07-15
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 zehrten Händchen ausstreckte und „Großmama" stainmeltc. Da fiifjtc Kurt weinend die Hand der alten Frau, er hatte endlich voll und ganz seine Mutter gefunden. „Mutter, wir verdanken Dir das Leben unseres Kindes." „Stille, ich hatte vieles gutzumachcn. Und nun laßt mich nach Hause gehen, seht kann ich ruhig schlafen." Die ungeheuren Anstrengungen hatte die Kräfte der alten Frau doch erschöpft. Die Älufregung hatte sie aufrecht gehalten, bis ihre Ausgabe gelöst war, aber andern Tags war sie nicht im Stande, sich vom Lager zu erheben. Die Kinder eilten herbei, der Arzt ivurde sofort benachrichtigt. „Mutter, ich hätte das nicht zugebcn dürfen. Du hast Dich für uns aufgeopfert." „Dann hätte mein Tod mein ganzes unnützes Leben gesühnt. Aber beunruhigt Euch nicht, Kinder, ich bin nur abgespannt und kann bald wieder mit meinem kleinen lieben Louis spielen." Und der Arzt konnte die Kinder auch beruhigen. „Ihre Mutter hat sich in der Tat zu sehr angestrengt und wird wohl ihre früheren Kräfte nicht wiü>er gewinnen. Wer sic wird genesen und ihr Enkelchcn weiter verwöhnen können. Ob lange noch, ob kurz, entzieht sich freilich meinem Wissen." Und sie konnte nach einigen Tagen wieder zu ihrem Enkelchcn fahren, das inzwischen nach seiner Großmutter verlangt hatte und nun mit einem Frcudenschrei seine Händchen ihr entgegenstrcckte. Und bald war sie so weit gekräftigt, daß sie bei schönem Wetter jeden Morgen den genesenden Knaben, der im Kinderwagen vom Mädchen gefahren wurde, zum Stadtpark begleiten konnte, da ihre Schwiegertochter und die andere Großmutter in ihrer Häuslichkeit wirken mußten. Es war ein rührendes Bild, die alte blasse Frau mit de» müden Augen, in denen die Morgenröte des Jenseits zu schimmern schien und das genesende Kind, dessen Bäckchen sich langsam Ivicdcr rundete» und das, immer lebhafter werdend, dem Leben entgegenschritt. Aber mit den kürzer werdenden Tagen wurde Frau Ehrmann immer matter. Die zärtlichste Fürsorge der Kinder konnte den Verfall der Kräfte nicht aufhalten. Und in ihrer Schwäche war sie freudig gesinnt! Immer sagte sie zu Frau Löser und' Frau Weber, die sic selten verließen, sagte sie zu Kurt und Fanny, die ihr den Enkel zuführten, daß sic solche Liebe nicht verdiene; ihr Glück sei zu groß, als das; sic es lange genießen dürfe. Und so schlummerte sie sanft hinüber, umgeben von Men, die sie liebte, glücklicher im Sterben, als sic es jemals in ihrem hastenden, geräuschvollen Leben gewesen war. Ende. Unter jüdischen Bettlern.^) Es war an einem recht schönen, sonnigen Sonimcrtagc, als mich ein Wilnaer Freund, den ein langjähriger Aufenthalt in Deutschland mit den Lebens-, Arheits- und Wohnungsverhältnissen unserer einheimischen Arbeiter vertraut gemacht hat, zu einem Rundgang durch die Ghettostraßen des Wilnaer Judenviertels einlnd, und sehr gerne habe ich seiner Einladung Folge geleistet. War cs ja ohnehin mein sehnlichster Wunsch, mit eigenen Sülgcn das in ganz Rußland sprichwörtliche Massenelend der Wilnaer jüdischen Proletarier zu sehen und deren Lebensweise kennen zu lernen. Es war ein sehr heißer Tag, und die Wanderung durch die schmutzigen, engen, schlcchtgepflasterten Ghettostraßen ward mir doch recht beschwerlich. Immer dasselbe graue Elend, nichts als zerlumpte Männer und Frauen, und nackte, mit schmutzigen, zerrissenen Hemdchcn hcrumlaufende Kinder zu sehen, wirkte so niederdrückcnd und entmutigend, daß man an der Hoffnung, jemals für diese Deklassierten eine bessere Zeit kommen zu sehen, schier verzweifeln mochte. Wie wohnen diese sich Menschen ncnncndcu Wesen! In Räumen, die für das Vieh noch zn schlecht wären, hausen Tausende und Abertausende ohne Luft, Sonne und Licht. Uebcrall wohnen und schlafen Erwachsene und Kinder beiderlei Geschlechtes mit fremden F-amilienangehörigcn nebeneinander, mit- und beieinander. Das Wohnungselend erreicht in Wilna den höchsten Gipfel. So gelangten wir auf unserer Wanderung bis zum „Schulhof", dem alte» historischen Platz der alten Synagoge, in welcher mancher bekannte jüdische Gelehrte seine Tätigkeit entfaltet hat, die der Schauplatz mancher brutale» Verfolgung gewesen ist. Dieser „schulhof" bildet vorzüglich auch den natürlichen Aufenthaltsort aller derjenigen Bettler und Schnorrer, welche sich nicht einmal den Luxus einer Schlafstelle in den sogenannten menschlichen Behausungen erfreuen können und gezwungen sind, von Tag zu Tag, je nach der HSHe der Barmittel, sich nach einer «chlafstätte umzufehen. Auf diesem „Schulhof" kampieren sie wenigstens tagsüber kostenlos und von der fürsorglichen Poli¬ *j Aus dem „Reuen Montagsblatt". Frankfurter Israelitisches Familienblatt. zei ungestört, und manchmal gibt cs auch einen fetten Brocken, wenn irgend ein meuschlich denkender Glaubensgenosse oder ein Fremder des Weges kommt, der sich nicht schämt, den verlumpten Bettlern irgend eine Münze in den Schoß zu Wersen. Mit jauchzendem Herzen und sreudestrahlendem Gesicht wird jede, noch so kleine Münze ciiigcgengcnommcn und für alles herzlichst gedankt. Hier sind die Aermstcn der Armen, die sogenannten „Luftmenschcn", welche über keinen weiteren Besitz verfügen können, als über die Luft des 'Schulhofes, und auch diese wird ihnen manchmal noch durch Konkurrenten streitig gemacht. Unser Erscheinen auf dem Schulhof und unsere Besichtigung der Synagoge sowie der vom jüdischen Verein für Volkswohl begründeten Bibliothek, konnte in den Kreisen dieser Luftmenschen nicht unbemerkt bleiben. Es war für sie ein Ereignis. Wir hatten uns mit Kleingeld versehen und gaben jedem der Armen je nachdem eine größere oder kleinere Münze. Je«mehr wir aber gaben, unr so «größer wurde die Zahl der Nehmenden. Schien uns beim Betreten des Schulhofes die Zahl der sich dort aufhaltende» Bettler im ganzen vielleicht 5 bis 10, so wuchs sie bald auf 20 bis 30, und je länger unser Aufenthalt sich durch unseren Besuch in der Bibliothek hinzog, uni so größer wurde auch die Zahl der Bettler, so daß wir im ersten Augenblick - unser Erstaunen über diese rasche und zahlreiche Vermehrung nicht unterdrücken konnten. Und dennoch mußten wir uns über das Natürliche dieser Erscheinung eigentlich ganz klar sein. Diejenigen, welche bereits ihre Gabe hatten, holten schnell aus ihrer Nachbarschaft Bekannte heran und stellten sich mit den neuen Gästen nochmals in Reih und Glied, so daß manche, mit dem Handwerk des Schnorrens gut vertraute Bettler an diesem für die Bewohner des Schulhofes denkwürdigen Tage ein doppelt gutes Geschäft zu verzeichnen gehabt haben mögen. Wir verteilten all unser kleines Bargeld und waren gezwungen, auch noch größere Münzen wechseln zu lassen, zu welcher Arbeit viele aus der Reihe der Bettler sich freiwillig meldeten, meist in der Hoffnung, daß bei diesem 'kleinen Geldgeschäft noch ein kleiner Nutzen für sic zu erübrigen sein werde. In der allerehrlichsten, Weise lieferten uns die armen Leute bis auf die letzte halbe Kopeke — ein bis anderthalb Pfennige — den ganzen Betrag ab, und wurden demgemäß in einer sic zufriedenstellenden Weise belohnt. Dabei fingen aber schließlich auch die größeren Münzen au, auf die Neige zu gehen, und wir machten uns auf den Heimweg. Wir waren bereits ein Stück gegangen, als uns durch mehrere Straßen und Gassen ein hinkender, schmutziger, zerlumpter Bettler mit aufgeregtem, aufgedunsenem Gesicht und gläserne» Augen, redend und mit dem ganzen Körper gestikulierend, nacheilte. „Was wollen Sie noch von uns?" fragte mein Freund auf Jargon, in welcher Sprache übrigens die ganze Unterhaltung mit den Leidensgcuossen des Schulhofes vor sich gegangen war. Und von den» schnellen, beschwerlichen Nachlaufen ermüdet, erwiderte der Angesragte stotternd: „Ich habe noch nichts bekommen." Wenn wir auch ob der schon unverschämt erscheinenten Aufdringlichkeit kein gerade freundliches Gesicht machten, mußten wir uns doch sagen, daß, wen» die Angabe dieses in Lumpen gehüllte» Bettlers auf Wahrheit beruhte, wir ihm nach Lage der Dinge wegen seiner Dreistigkeit nicht gerade Unrecht geben konnten. Im Augenblick war aber Geld für uns sehr rar, und wir mutzten lange suchen, bis mein Freund glücklicher Weise in der tiefsten Falte einer seiner Taschen eine silberne Münze im Werte von 10 Kopeken fand. „Geben Sie mir 5 Kopeken zurück", sagte mein Begleiter in etwas ernstem Tone. Unser Freund holte nach langem Ucberlcgen aus seinen Lumpen ein Portemonnaie hervor, und nachdem er es von den vielen Bändern und Bindfäden, die cs uniwickelten, befreit hatte, bestand seine ganze Barschaft im ganzen nur aus 3 Kopeken. Es fehlten ihm zur'Herausgabe 2'ganze Kopeken. In der Nähe wechselte mein Freund die Silbermünze und gab dem Mann hiervon in aller Eile ein Dreikopckenstück. Damit glaubten wir uns von der Zudringlichkeit des Bettlers befreit zu haben. — Wir täuschten uns aber. Mit derselben Ausdauer wie vorher rannte uns der hinkende Mann trotz der unerträglichen Hitze weiter nach, -„Was wollen Sie noch," schrie mein Freund. „Sie wollten mir doch ein Fünfkopekeiistück geben und haben mir nur ein Dreikopekenstück gegeben." Es -var eigentlich selbstverständlich, daß wir diesen um einzelne Kopeken kämpfenden Bettler im gewissen sinne Unrecht getan hatten. — Hätte er sich, als er uns traf, des «Besitzes von 5 Kopeken erfreut, so hätte er ja statt 3 Kopeken ein Fünfkopekcnstück erhalten. Frohen Ri Utes und mit innigem Behagen zog der von allen Genüssen des kapitalistischen Zeitalters Ausgeschlossene seiner Zufluchtsstätte, dem Schulhof zu, um sich dort fernes Reichtums zu erfreuen. „Wie genügsam hat doch die göttliche Weltordnung die Menschen gemacht," sagte ich zu meinem Freund, und erschüttert von dem Eindruck, den der Vorfall auf ihn gemacht, erwiderte er: ,/Diese zwei Kopeken bilden das Tagcsbüdget eines jüdischen Bettlers in Wilna." Nr. 27. Briefkasten. 8t. 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