Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 27 (15.7.1904)
- Date
- 1904-07-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Är. 27.__ sollst sehen," sagte er, indem er mir immer wieder die Hände drückte. „Du sollst sehen, daß ich ein folgsamer Patient'bin. Pflege mich gesund, und dann wollen wir uns freuen, freuen!" Ich bat ihn, nicht so viel zu sprechen. Das Sprechen machte ihm Beschwerden. Er fügte sich und lag ruhig da, nachdem er .mir noch gezeigt hatte, wie ich ihn halten solle, wenn die peinvollen Hustenstöße kämen. Jetzt konnte ich ihn mit Muse betrachten. Es war klar. Da lag ein Schwerkranker. Der Atem ging mühsam, pfeifend. Trotzdem er ohnedies halbsitzend dalag, mußte er sich immer wieder aufrichten, um, auf die beiden Hände gestützt, besser atmen zu können. Die Stirne war von kaltem Schweiß bedeckt, die Augen oft halb geschlossen. Das ganze Gesicht fahlgelb. Und doch, noch immbr hatte es die charaktervolle Schönheit früherer Tage nicht eingebüßt und hob sich aus dem tiefschwarzen, nur wenig ergrauten Barte und Haare wie herausgemeißelt ab. Die Hände waren schmäler geworden und zuckten oft unruhig ,anf der Decke. In mir brannte ein heftiger Schmerz. Dieser kranke, schwer leidende Mann war Herzl, den ich so viele Jahre in stolzer Kraft, voll hochfliegender Pläne für sein Volk, voll Energie in seiner anstrengende» Arbeit vor mir gesehen und bewundert hatte. Hier lag die Hoffnung von Hunderttausenden, und ach, es war kein Zweifel, sie war dem Erlöschen nahe! Der Kranke wurde unruhiger. Ich streichelte ihn, beruhigte ihn, erzählte ihm, ivie leicht ein Katarrh behoben werde» könne, wenn man ihn nur rechtzeitig behandle, und versprach ihm später ein Schlafmittel zu geben, weil er schon Nächte hindurch nicht hatte schlafen können. Das werde auch der Atemnot ein wenig abhelfen. Er seufzte. „Weißt Du," sagte er, „ich habe immer geglaubt, Schrecken und Grausen zu kennen. Mer alles das, was es gibt und was man sich auch deinen kann, ist ein Kinderspiel gegen den furchtbarsten Schrecke», gegen den Lufthunger. M), so recht leichr und tief atmen können." Ich tröstete, so gut ich es vermochte, beteuerte, daß mit dem Verschwinden des Katarrhs auch die Atemnot schwinden würde und reichte ihm das Schlafmittel. Er saß wieder aufrecht, weil die Hustenstöße häufig kamen und betrachtete immer, wenn er ausgehustet hatte, das blutige Sputum. „Mein Blut," sagte er, „ich habe nicht gedacht,, es so hingeben zu müssen!" Der Schlaf ließ auf sich warten. Endlich kam. ein leichter Schlummer. Aber nach kaum fünf oder 10 Minuten trieben die Hustenstöße den Kranken wieder in die Höhe und verstört sah er um sich. Wenn er mich dann neben sich sah, wurde er ruhiger. Er nahm meine Hand und schlummerte wieder ein. Ein paarmal gelang es ihm, fast eine halbe Stunde zu schlafen. Hie und da murmelte er im Schlafe. Dann fuhr er wieder auf und sah mich starr an. „Hast Du Cowen verständigt?" Ich antwortete: Ja. „Schreibe ihm, er möge warten und die Sache vorläufig nicht zu Ende führen." Ich versprach es. Er schlief wieder, unruhig und fortwährend durch den Husten gestört. Dann richtete er sich wieder einmal plötzlich auf. Die Augen weit geöffnet, den Oberkörper gestrafft, saß er da, als ob er horche. Dann rief er plötzlich mit tönender Stimme: Ad loca! Ad loca! Und die Rechte klopfte anf die Decke, als ob sie den Hammer schwänge. Ich war aufgesprungen und hielt meinen Arm um ihn geschlungen. Als ich ihn an mich drückte, kam er zu sich. „Du?" sagte er, „Du "warst ja gerade" . . . das andere verlor sich in einem Murmeln. Ich ließ ihn sanft anf das Polster gleiten. Er blieb eine Zeitlang wach, die Augen noch immer mit denc Blicke, der für das Nahe blind ist und Fernes sieht. Und die Lippen bewegten sich lautlos -und die Rechte klopfte wieder, einmal, zweimal.... Dann wieder Schlummer. Ich aber saß und schaute mit brennenden Augen aus ihn. Ich suchte zu erraten, was sich hinter dieser Stirne eben jetzt abspielte, lind ich sehe den Baseler Kongreßsaal. Die dichte Menge der Delegierten im Festkleid, die Galerie zum Brechen voll, vorne die Journalisten erwartungsvoll um die Tribüne geschart, oben das Präsidium, Aopf an Kopf, -und vorne Herzl in seiner ganzen Würde und Anmut, das Papier in der Hand. Ich höre ihn lesen, langsam, laut und die wichtigsten Stellen mit markiger Kraft hervorhebend. Und nun ein Beisallssturni ohne Ende. Und er steht aufrecht, umtost von immer erneuten Bei- Frcnckfurter Israelitische? Familienblatt. fallsstürmen und Hochrufen und schaut ernst und unbewegt auf die tobende Menge und — und plötzlich glaube ich, das; cs mir die Brust sprengen ivill. Mich schüttelt ein Schluchzen, das ich durch keine Anstrengung -unterdrücken kann. Da richtet sich H e r z l auf. „Hast du niir nicht etwas gesagt?", fragt er mich. Ich stehe schon bei ihm. „Nein," antwortete ich bereits ganz ruhig. „Es war mir doch . . . oder habe ich gesprochen?" Ein heftiger Hnstenanfall enthob mich der Antwort. Samstag morgens fühlte sich H e r z l ein wenig frischer durch den Schlaf, den er doch, die einzelnen Teile zusammengerechnet, 4—5 Stunden lang genossen hatte. Der objektive Befund war nur wenig von dem des Abends verschieden. Es war das Bild einer schweren Herzinsuffizienz mit komplizierender Lungenaffektiou. Als der behandelnde Arzt D r. K o n r i e d, der Leiter des Edlacher Sanatoriums seine Morgenvisite machte, konnte er wenigstens keine Berschtinnnerung konstatieren. Gleichivohl ivar es uns nicht zweifelhaft, daß die iveitere Ausbreitung der Lungenerkrankung absolut tödlich werden mußte. An diesem Tag war Herzl von einer verzehrenden Ungeduld »ach seiner Mutter und seinen Kindern erfaßt. Es war, als ob er ahnte, daß seine Stunden gezählt seien. So oft er vormittags aus dem leichten 'Schlummer, welcher ihn zeitweise umfing, erwachte, fragte er mich immer wieder, ob sie denn noch nicht da seien, trotzdem ich ihm bereits gesagt hatte, daß sie erst Sonntag vormittags kommen könnten. Endlich schien er zu fürchten, daß man seine Mutter nicht zu ihm lassen ivürde. Er nahm mir mein Wort ab, sie sogleich nach ihrer Ankunft zu ihm zu führen. Ich gab cs ihm unter der Bedingung, daß er sich nicht aufrcge und das erste Wiedersehen nicht länger als fünf Minute» dauern lasse. Damit gab er sich zufrieden. Gleichwohl erinnerte er mich noch oftmals während der folgenden schweren Stunden an mein Versprechen. Unterdessen hatte ich ihm mitgeteilt, daß ihn heute noch zwei Herren, die mit.uns gefahren waren, zu sprechen wünschten. Er sprach erst seinen alten christlichen Freund, dann den Sekretär des Kongreßbureaus, A. H. Reich, den er freundschaftlich begrüßte und als meinen „Koadjutor" engagierte. Während des Tages war das subjektive Besuchen besser. Herzl war gleichwohl unruhig. So oft ich mich entfernte oder Reich eine dringende Besorgung zu machen hatte, mußten wir ihm das Versprechen geben, sogleich wieder zu kommen. Im Laufe des Vormittags verabschiedete sich Dr. Asch von Herzl, der ihn mit einem Kusse entließ. Nachmittags war Architekt Marmorek wieder bei Herzl und fand ihn etwas besser aussehend. Ich merkte aber, daß er viel unruhiger war als früher. Wieder und wieder bat er, seine Mutter und seine Kinder doch sofort nach ihrer Ankunft zu ihm zu führen. Gegen Abend wurde er noch aufgeregter. Als ich, der ich 24 Stunden fast ununterbrochen an feinem Lager geweilt hatte, mich für ganz kurze Zeit entfernte, um einige Bissen zu mir zu nehmen, regte ihn das sehr auf. Als ich zurücklam, fragte er mich: „Du bist doch mein Freund! Wie kannst Du mich verlassen!" Marmorek, der anwesend war, suchte ihn mit mir zusammen zu beruhigen, >vas ilns auch gelang. Wer ich schloß daraus, daß er von schweren Angstgefühlen bedrückt sein müsse und wir gaben ihm abends reichlich Beruhigungsmittel. Er beruhigte sich auch so weit, daß er sogar meinte, R e i ch und ich könnten uns auf einige Stunden zur Ruhe begeben. Er ließ sich aber doch überreden, daß es besser wäre, wenn wir blieben und wir beschlossen, da es ihm besser zu gehen schien, uns in der Pflege so zu teilen, daß ich mit Reich bis Mitternacht zufammenbleibe und daß er dann allein mit der Wärterin die Wache halte. Um 1 Uhr nachts begab ich mich zur Ruhe. Wie mir Reich erzählte, war der zweite Teil der Nacht für Herzl weniger gut. Er konnte nur im Sitzen schlummern und war auch ein wenig somnolent. Als er nach einem starken Hustenanfalle fjch besonders erschöpft fühlte, sagte er zu Reich: „Ja, lieber Reich, Du wirst bald eine große Arbeit haben." Als ihn Reich fragend ansah, setzte er fort: „Du wirst bald einen Kongreß einberuscn müssen." Reich gelang es, ihn wieder zu beruhigen und er schlummerte weiter. Plötzlich fuhr er wieder aus seinem Schlummer auf. „Diese drei Grund- Seite 8. stücke," ric; er aus, indem er mit dem Finger auf der Decke wie anf einer Landkarte heruinsuhr, „diese drei Grundstücke müssen gekauft werden." Darauf sank er loicder in Schlaf. Aber bald fuhr er wieder auf. „Hast Du Dir notiert? Diese drei Grundstücke!" Gegen Morgen wurde der Zustand noch unruhiger. Man weckte mich daher um 5 Uhr. Ich war «»gekleidet aus dem Sopha gelegen und war sofort bei Herzl. Ich fand ihir sehr verfallen. Eilt pneumonischer Herd war anf der linken Seite nachweisbar, das Herz den gesteigerten Widerständen im Kreisläufe nicht gewachsen. Ich gab anregende Mittel, die den ganzen Tag hindurch in den verschiedensten Formen und in großer Anzahl energisch fortgesetzt wurden. Als der Zustand sich verschlimmerte und eine Herzschwäche cintrat, berief Reich telegraphisch Dr. Koke sch und Kahn. Marin o r e k und K r e m e n c z k y iveilten bereits in Edlach. Unterdessen war auch Dr. Singer wieder eingetroffen und ein ganzes Arsenal von Mitteln gegen die drohende Gefahr anfgeboten worden. In der Tat ging es gegen Mittag besser und ich durfte wagen, die Mutter, die unterdessen angekommen war, ans Krankenbett zu führen. Eine mir für immer unvergeßliche Szene spielte sich da vor mir ab. Herzl, den ich wenige Minuten früher in einem Zustand schwerer Atemnot, vorgebeugt, fast znsaminengebrochen, verlassen hatte, saß stramm aufgerichtet, mit weit geöffneten Angen in seinem Bette, streckte seiner Mutter die Hände entgegen und rief: „Das ist schön, liebe Mutter, daß Du schon da bist. Du siehst gut aus. Ich sehe nicht so gut ans, aber das wird bald vorübergehen!" Die Mutter, obwohl tief erschüttert von dem Aussehen des schwer leidenden Sohnes, hielt sich tapfer, ließ sich von ihin küssen und küßte ihn herzlich wieder. Sie sprach ihm Akut zu und als die beiden jüngeren Kinder, Hans und Trude, kamen (ihre ältere Schwester Pantine war schon seit Wochen in Edlach) und den Vater mit Gruß und Kuß begrüßten und von ihm zärtlich geküßt lvorden lvaren, war er fast heiter. Nach kaum fünf Minuten der Unterhaltung wendete er sich aber an die Mutter mit den Worten: „So, meine Liebe», jetzt habt ihr mich gesehen und ich Euch, jetzt geht wiederum!" Kaum hatten sich die Mutter und die Kinder zurückgezogen, da sank er in sich zusammen. Welch heldenhafte Anstrengung hatte er machen müssen, um die Mutter und die Kinder nicht zir ängstigen! Welch ungeheuere Energie wohnte in diesem bereits vom Tode gezeichneten Körper, daß er mit so freundlicher Ruhe seine Lieben begrüßen konnte, als kämen sie eben vom Spaziergange in sein Arbeitszimmer! Nachmittags war das subjektive Befinden etwas besser, so daß wir sogar die Hoffnung hatten, er lverde noch einmal den Kampf siegreich bestehen. Noch unc halb 5 Uhr nachmittags waren um sein Bett die 'Mutter, die Herren: Dr. Singer, Marmorek, Kreme nczky, Reich und sch versammelt, nachdem kurz vorher Frau Dr. Herzl eine Zeitlang an seinem Lager verweilt hatte und nach zärtlichem Abschied wieder zu den Kindern gegangen war. Die Herren erzählte», um Herzl aufzuheitern, Geschichtchen. Herzl selbst lächelte iviederholt und beteiligte sich auch durch einige Bemerkungen an dem Gespräche. Endlich sagte er: „Nun, meine Lieben, laßt mich allein." Die Anwesenden zogen sich .sofort zurück, zuleht Architekt Marmorek, dem er die Hand gab und sagte: „Ich weiß. Du bist mir ein treuer Freund!" Ich blieb mit der Wärterin allein bei ihm. Kaum hatte sich die Türe hinter den Weggehenden geschlossen, so ries mir Herzl zu: „Ich bitte, lieber Werner, gib mir das Glas." Ich gab es ihm. Rach einer Weile sagte er zu mir: „Nimm, ich bin fertig." Darauf sagte ich ihm: „Jetzt wäre es gut. wenn Sie ein wenig schlafen wollten." Er antwortete: „Ja, das. wäre gut." Er drehte sich auf die rechte Seite, mit dem Rücke» gegen mich. Ich hüllte ihn sorgfältig ein und drehte mich dann gegen daS nebenstehende Kästchen, uni meine Injektionsspritze bereit zu stellen. Da hörte ich einen tiefen Seufzer. Ich ivendete mich rasch um und sah Herzls Haupt gegen die Brust sinken. „Dr. Singer rufen!" schrie ich der Wärterin zu -und riß, während sie hinausstürzte, die Injektionsspritze an mich, füllte sie mit Kampferöl und injizierte und hielt ihm Aether unter die Nase. Er tat ein paar