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Neue jüdische Presse · 1904-07-15 · Heft 27 (15.7.1904) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 27 (15.7.1904)
Date
1904-07-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Leite 2. Nr. 27. faßte den Man, den anderen Isthmus, den von Panama, zu durchstechen. Bald aber verlor ich meine bisherige Vorliebe für Logarithmen und Trigonometrie, weil damals eine ausgesprochene antisemitische Richtung auf der Realschule herrschte. Einer unserer Lehrer erklärte die Bedeutung des Wortes „Heiden", indem er sagte: „Zu diesen gehören die Götzendiener, Mohammedaner und Juden." Wach, dieser merkwürdigen Erklärung hatte ich von der Realschule genug und wollte eine klassische Anstalt besuchen. Mein guter Vater zwängte mich für meine Studien nie in eine enge Bahn hinein, und so wurde ich Schüler eines Gymnasiums. Trotzdem war der Panamaplan für mich noch nicht ganz beseitigt. Viele Jahre später hatte ich als Pariser Korrespondent der „Neuen Freien Presse" (in Wien) die Pflicht, über die berüchtigten Vorkommnisse bei dieser skandalösen Episode der Geschichte Frankreichs zu schreiben. Im „Evangelischen Gymnasium" bildeten die Juden die Mehrzahl, und deshalb hatten wir uns nicht über irgend welche Judenhetze zu beklagen. In der Klasse VHa schrieb ich meinen ersten Zeitungsartikel, natürlich ohne Namen, sonst würde ich vom Lehrer eingespcrrt worden sein. Während meines Aufenthalts in der obersten Klasse des Gymnasiums starb meine einzige Schchester, ein Mädchen von 18 Jahren; meine gute Mutter wurde vor Kummer so schwermütig, daß wir 1878 nach Wien verzogen. Während der Trauerwoche besuchte uns Rabbi Ävhn und fragte mich, was meine Pläne für die Zukunft wären. Ich sagte ihm, daß ich ein Schriftsteller werden wollte, worauf der Rabbi seinen Kops ebenso unzufrieden schüttelte, roke er später den Zionismus mißbilligte. Eine Schriftstellerlaufbahn ist kein eigentlicher Beruf, schloß der unzufriedene Rabbi. In Wien studierte ich die Rechte, nahm an allen Studententorheiten teil und trug die bunte Mütze einer Verbindung, bis diese eines Tages de» Beschluß faßte, daß fortan keine Juden mehr als Mitglieder ausgenommen werden sollten. Die es schon waren» erhielten die freundliche Erlaubnis, in der Verbindung zu bleiben. Ich sagte den edlen jungen Leuten Lebewohlund fing nun an, mich ernstlich an die Arbeit zu setzen, 1881 wurde ich Dr. juris und trat als unbesoldeter Beamter unter Leitung eines Richters in die Gerichtspraxis ein. Ich fand Verwendung am Gericht in Wien und in Salzburg. In Salzburg erschien mir die Arbeit anziehender; die Szenerie um die Stadt ist bekanntlich eine besonders schöne. Mein Amtszimmer war in einein alten Festungsturm gerade unter dem Glockenstuhl, und täglich tönte mir dreimal .das Geläute recht hübsch in die Ohren. Natürlich schrieb ich mehr für das Theater als für das Gericht. In Salzburg brachte ich einige der glücklichsten Stunden meines Lebens zu. Ich wäre auch gern in der schönen Stadt geblieben, aber als Jude wäre .ich nie 'zur Stellung eines Richters befördert worden. Deshalb nahm ich damals von Salzburg und der Rechtsgelehrsainkeit Abschied. Wieder bereitete ich dem Rabbi von Budapest großen Aerger; denn anstatt einen wirkliche» Berns oder eine Kunst zu »-greifen, fing ich an zu reisen und für das Theater und Zeitungen zu schreiben. Viele meiner Stücke wurden auf verschiedenen Bühnen ausgeführt: einige rnit vielein Beifall, anbcrc sielen durch. Bis zu diesem Augenblick kann ich nicht verstehen, warum .einige meiner Stücke Beifall fanden, andere von der Bühne verschwanden. Diese Verschiedenheit der Aufnahnic meiner Stücke lehrte mich icdoch, es nicht zu beachten, ob das Publikum mein Werk beklaschte oder auspfiss. Man muß es sich selbst recht machen, alles andere ist glcichgiltig. Ich verwerfe gegenwärtig alle meine Stücke, selbst die, welche noch am Kaiserlichen Burgtheatcr in Wien Beifall finden, und kümmere mich, nicht länger um sic. Im Jahre 1889 heiratete ich und habe drei Kinder, einen Knaben und zwei Mädchen. Nach meiner Meinung sind meine Kinder weder häßlich noch dumm. Wer natürlich kann ich mich täuschen. Während meiner Reise in Spanien, 1891, machte das Wiener Blatt „Nene Freie Presse" mir das Änerbieten, ihr Korrespondent in Paris zu werden. Ich nahm diese Stellung an, obgleich ich bis zu der Zeit die Politik verachtet und verabscheut hatte. In Paris hatte ich Gelegenheit zu erfahren, was die Welt unter Politik versteht, und ich sprach meine Frankfurter Israelitisches Farmlienblatt. Ansichten in einem kleinen Buch „Das Palais Bourbon" aus. 1895 hatte ich genug an Paris und kehrte nach Wien zurück. Während der letzten zivei Monate meines Aufenthalts in Paris schrieb ich das Buch „Der Judenstaat", das mir die Ehre verschafft hat, von Ihren« Blatt u«n einige biographische Angaben über meine geringe Person ersucht worden zu sein. Ich erinnere mich nicht, je etwas in so erhabener Gemütsstinnnnng tvic dieses Buch geschrieben zu haben. Heine sagt, daß er die Schwingen eines Wlers über seinem Haupte rauschen hörte, als er gewisse Verse nicdcrschrieb. Ich glaubte auch an so etwas wie ein Rauschen über meinein Haupte, als ich dieses Buch schrieb. Ich arbeitete an ihin täglich, bis ich ganz erschöpft' war; meine einzige Erholung am Wend bestand darin, daß ich Wagner'scher Musik zuhörtc, besonders dein Tannhäuser, welche Oper ich so oft hörte, als sie gegeben wurde. Nur an den Abenden, wo keine Oper aufgeführt lourde, fühlte ich Zweifel a» der Richtigkeit meiner Gedanken. Zuerst hatte ich. den Gedanken gehabt, diese meine kleine Schrift über die Lösung der Judensrage nur privatim unter meinen Freunden uinlaufen zu lassen. Die Veröffentlichung dieser Ansichten habe ich erst später in's Auge gefaßt; ich hatte nicht die Wsicht, eine persönliche Agitation für die jüdische Sache zu beginnen. Die meisteu Leser werden erstaunt sein, wenn sie von diesem früheren Widerstreben hören. Ich betrachtete die ganze Sache nur als eine solche, in der man handeln, nicht aber disputieren müsse. Oeffentliche Agitation sollte nur mein letztes Anskunftsmittel werden, wenn man meinen privat gegebenem:» Rat nicht anhörte oder nicht befolgte. Als ich mein Buch beendigt hatte, bat ich einen meiner ältesten und besten Freunde, das Manuskript zu lesen. Während er es las, fing er plötzlich an aufzuschreien. Ich fand diese Erregung ganz natürlich, da er ein Jude war; ich hatte ja auch manchmal beim Schreiben laut aufgeschrieen. Wer zu meiner Enttäuschung gab er einen ganz anderen Grund an. Er dachte, ich wäre irrsinnig geworden, und da er mein Freund war, machte ihn mein Unglück sehr traurig. Er lief weg, ohue ein anderes Wort zu sagen. Nach einer schlaflosen Nacht kam er zurück und drang in mich, die Sache zu lassen, da mich jeder für. irre halten würde. Er war so erregt, daß ich ihvr alles versprach, um ihn zu beruhigen. Dann riet er mir, Max Nordau um Rat zu fragen, ob niein Plan die Eingebung einer vcrnünstigen Person sei. „Ich werde niemand. fragen," war meine Antwort; „wenn meine Gedanken einen solchen Eindruck auf einen gebildeten und treuen Freund machen, werde ich den Plan ausgeben." Ich hatte dann eine sehr ernste Krisis durchzumachen; ich kann sie nur damit vergleichen, wenn man einen rotglühenden Körper in kaltes Wasser wirft. Freilich, wenn dieser Körper zufällig Eisen ist, wird er Stahl. Mein Freund, von dem ich oben gesprochen habe, hatte meine Rechnungen für Telegramm-Ausgaben zusammenzuzählen. Als er mir die Rechnung gab, die aus einer sehr große» Reihe von Posten bestand, sah ich. aus den ersten Blick, daß er ungenau zusammengezählt hatte. Ich richtete seine Aufmerksamkeit darauf, und er zählte noch, einmal zusamnien; aber erst beim dritten oder vierten Male stimmte seine Summe mit der »«einigen. Dieser kleine Vorfall gab mir mein Selbstvertrauen zurück. Ich ivar doch imstande, genauer zusaminenzuzähle», als er; meine Vernunft mußte mich also nicht gänzlich verlassen haben. An jenem Tage begannen meine Beunrnhigungen betreffs des Judenstaates. Während der zwei und mehr folgenden Jahre habe ich, viele, viele traurige Tage erlebt, und ich fürchte, daß noch niehr traurige Tage folgen werden. 1895 begann ich ein Tagebuch zu führen; jetzt sind schon vier starke Bände angesüllt. Sollte ich sie je veröffentlichen, so würde die Welt erstaunt sein, zu erfahren, was ich einzustecken gehabt habe, wer die Feinde meines Planes waren und andererseits, wer mir beistand. Wer eines betrachte ich geioiß und über allem Zweisel erhaben: Die Bewegung wird anhalteu. Ich weiß nicht, wen» ich sterben werde; aber der Zionismus Ivird nie sterben. Seit den Tagen von Basel hat das jüdische Volk wieder eine. Volksvertretung; später wird der „Fudenstaat" in seinem eigenen Lande erstehen. Ich bin jetzt am Werke, die Bank in's Leben zu rusen, und ich erwarte, daß sie sich als ein ebenso großer Erfolg, ivie der Kongreß, erweisen wird." Die letzte« Tage Dr. Herzl's. *) „Das Meer — weißt Du beim, wie ich cs liebe! Im heißen Sande liegen und stumm hinausschauen. Und gesundwerden, gesund! Das soll dann ein Leben werden, wie Du es noch nicht gelebt hast!" So sprach er noch wenige Tage vor der geplanten Reise zu seiner trelien Pflegerin. Auch wir waren hosfnungsvoller und erwarteten mit Sehnsucht den Freitag, an dem er in Wien ankommen sollte. Da kam mittags eine Depesche an Oskar Marmorek, er möge sofort mit zwei Aerzten nach Edlach kommen,, da sich das Befinden Herzl's durch einen quälenden Husten verschlechtert habe. Als ich zu Marmorek kam, uin mit ihm zum Bahnhofe zu fahren und den Grund des plötzlichen Aufschubes erfuhr, war ich sofort sehr besorgt. Wir beschlossen außer dem Hausarzt Dr. B o n d i den der Familie befreundeten Dozenten Dr. Gustav Singer an das Krankenlager zu bitten. Mit fieberhafter Ungeduld warteten wir den Wgang des Zuges ab, der «ins Marmorek, Dr. Singer, A. H. Reich und mich nach Edlach führen sollte. Am Bahnhofe gesellte sich uns ein alter christlicher Freund Herzl's und unserer Bewegung bei, während Dr. Bondi bereits mit einem früheren Zuge an das Krankenlager geeilt war. Der Schnellzug war für unsere Ungeduld von einer qualvollen Langsamkeit. Endlich waren wir in Payerbach, und nun ging es in zwei Wagen mit stets wachsender Schnelligkeit aus Edlach. zu. Wir hatten beschlossen, daß Marmorek mit Dr. Singer zu Herzl sollten, während ihm von uns drei andern erst am nächsten Morgen gesprochen werden . sollte, damit er durch die plötzliche Anwesenheit so vieler Freunde nicht etwa erschreckt würde. Wir saßen etwa fünf Minuten in Erwartuilg des Ergebnisses des Aerztekonsiliums, als man mich eiligst zu Herzl rief. Seine Frau hatte ihni von meiner Ankunft erzählt, und er bat mich sofort zu sich. Ich eilte durch - den dunkelnden Garten auf den schlichten Pavillon zu, in den« mein teuerer Freund und Führer lag. Vor dem Eingänge trat mir seine Frau entgegen nnd bat mich nach freundlicher. Begrüßung bei dem Kranken zu bleiben. Wie oft hatte ich während der letzten Woche gebeten, mich ihn pflegen zu lassen, aber solange Frau Herzl sich, noch aufrecht erhalten konnte, war sie von« Krankenlager ihres Mannes nicht gewichen und hatte kaum gestattet, daß ihr hie lind da eine Krankenpslegerin aushalf. Wie gerne sagte ich. also zu. Frau Herzl führte mich durch ein Nebenzimmer, noch eine Tür.— und ich sah ihn mit ansgestreckteu Händen mir entgegenwinken und hörte die Stimme, die so liebkosen konnte, wenn er einen Freund begrüßte. „Mein lieber Werner!" . . . Einen Moment wurde ich schwach, daß ich mich am Fußende des Bettes stützen mußte, aber schon im nächsten Augenblick stand ich an der Seite des Bettes und drückte seine Hände und schaute ihm in das liebe Gesicht, das wehmütig lächelte. Und während die Aerzte noch int Nebenzimmer berieten, machten wir ab, daß ich fortan bei ihm bleiben sollte, um mit einer Pflegerin gemeinsam ihn zu betreuen. Ach, nur allznkurz war die Zeit, die ich. ihm widmen durfte, nur allzuschnell ward ich des freudig übernommenen Dienstes enthoben! Die Aerzte kamen und teilten uns mit, daß sie einen Bronchiälkatarrh konstatiert hätten und trafen die nötigen Anordnungen/ denen sich der Kranke vertrauensvoll unterwarf. Noch ein kurzes Gespräch, das die Hoffnungen/ des Kranken stärken, ihm neue Zuversicht einflösen sollte und sch war allein mit meinem teueren Kranken, um die Nachtwache zu halten. .; Mit seiner 'gewohnten Bescheidenheit bat er mich um Entschuldigung/ daß er von mir ein Opfer verlange. Erst als ich ihin mehrmals versichert hatte, daß ich von Hunderten beneidet würde, weil ich um ihn sein dürfe, gab er sich zlifrieden. „Du ' *)' Aus der „Welt".

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