Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 27 (15.7.1904)
- Date
- 1904-07-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ilraitkfitrker ♦ Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des'Jn- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. iÄbonnementspreise stehe Schluß des redaktionellen Teiles). > He-aKtk-rr «n- Hefchäftsstekle: ZrsnKfurt s. M.. Lerligkreuzgaffe 32. Lcke Llapperfeldstraße (gegenüber der Urnen Zeit). , Herausgevev: KalU Heis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. m „ Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 „ Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.- Freitag, de« 3. Lv 5664 (15. Juli 1904). Ro. 27. 2. Jahrgang. Das Klagelied. (Megillath Eicho.) Zlus M. A. Klausner „Die Gedichte der Bibel."*) Kapitel 1. Der Prophet. Zahllos waren deine Bürger, Heilge Stadt, und üppig reich; Strahlend ragten deine Zinnen, Freunde durftest du gewinnen, Eh der unbarmherzge Würger .Dich vereinsamt, witwengleich. Fürstin einst in weiten Landen, Herrin einer halben Welt — Wie hat sich dein Los gewendet. Jähe hat dein Glück geendet. Jetzt bist du in Kuechtesbanden, Denn gefallen ist dein Held! Deine Tage voller Klage, Deine Nächte schlummerlos, Deine Schmeichler alle schweigen Und kein Tröster will sich zeigen. Von der Wange rinnt die bange Zähre nieder in den Schoß. Freunde waren dein in Scharen, Buhlten um der Minne Lohn, Weihten, deinem Dienst ergeben, Ihre Kraft dir und ihr Streben — Aber heute tragen Beute Sie ans deinem Raub davon. Deine Hallen wüst und wüster, Deine Tore still und leer. Deiner Jungfraun Blick so traurig. Durch die Gassen tönt es schaurig. Seufzend stehen deine Priester, _ Nirgend naht ein Pilgerheer. Schwer mit Zagen und mit Bangen Hat der Herr dich heimgesucht: .Deine Feinde sieggekrönet, Wehruf durch die Gassen tönet. Deine Töchter sind gefangen, ' Deine Söhne auf der Flucht. Fort sind Schmuck und Prunkgeschmeide, Deine Krieger kraftlos fliehn; Bitternis ist ihre Speise, Klagend klinget ihre Weise, Wie die Widder ohne Weide Sie vor ihrem Treiber ziehn. Zion denkt, gebeugt vom Leide,; Glücklicher Vergangenheit. Ihre Heere sind gefallen, Feiicheslieder höhnend schallen — Lauter Spott nach stillem Neide — , Ach, der Helfer ist so weit! Zion, mußtest so du fehlen! Scheu vermeidet dich der Blick, Deine Freunde selbst erbleichen lind vor deiner Schande weichen — Ach, sie läßt sich nicht verhehlen! — Voller Schändern sie zurück. *) Berlin 1904, S. Calvary & Eo. Vergl. Besprechung in voriger Nummer. Tauchtest in den Schlamm der Sünde, Dachtest nicht, was kommen inag. Du zunr Unheil Ausgeloste Blickst vergeblich aus nach Tröste. Naht sich selbst der Reue Tag — Wo ist, der Verzeihen künde? Zion: Herr, erhör mich, schenk Erbarmen! Sieh, der Feind ist überstark. Bricht die Zeichen meines Ruhmes, Dringt in deines Heiligtumes Schranken, zehrt an meinem Mark. Herr, erhör mich, hilf mir Armen! Hunger nagt an meinem Volke, Und um kümmerliches Brot, Nur für einer Stunde Labe Gibt es seine letzte Habe, Um zu scheuchen bittren Tod ' — Hör es, Herr, in deiner Wolke! Meine Wunden stehen offen. Die der Herr im Zorn mir schlug. Wandrer, kannst du ohne Grauen Solcher Qualen Fülle schauen. Wie noch keiner sie ertrug? — Herz, mein Herz, willst du noch hoffen? Fenersglut aus Gottes Händen Rast in Seele und Gebein; Meine Füße sind verstricket. Der Verzweiflung Schlange blicket Lähmend mir ins Herz hinein —- Ach, wohin soll ich mich wenden! Meiner Sünden Reis erblühet, Herr, in deiner Zorneshand, Schießet züngelnd Zweiggewinde, Daß es Hals und Arni mir binde. Bis es ganz mich überwand, Die vergeblich sich noch mühet. Meine Starken warfst du nieder. Meiner jungen Mannen Schar Gabst' du wildem Feind zum Raube, Meine Tochter wie die Traube Nach der Kelter stellt sich dar. Da gefallen ihre Brüder. Meine Augen — Tränenbäche;. Darf sich jemals Trost mir nahn? Meine Söhne unterlagen. Grimmer Feind hat sie erschlagen; Tränen, rinnet eure Bahn — Wer erbarmt sich meiner Schwäche? Der Prophet: Zion, ringst du auch die Hände, Bleibt dir doch der Tröster sern. Daß dich Feinde rings umgeben. Grausam Haß und Rache weben, , Ist der Willensschluß des Herrn — Wer ists, der dein Schicksal wende? Zion: Herr, du bist gerecht! Gesündigt Hab ich 'wider dein Gebot! Muß — mich konnte Niemand retten — Schmachten in der Knechtschaft Ketten, Brachte meinen Kindern Tod; Allen Völkern seis verkündigt! Alle meine Freunde trogen. Die ich rief in meiner Not; Meine Priester, meine Alten, Sich das Leben zu erhalten. Bettelnd um «in Stückchen Brot Sind sie durch die Stadt gezogen. Herr, mir ist so angst und wehe. Wie so bange ist das Herz! Meinen wilden Kummer steigert. Daß Gehorsam ich geweigert. Hier die Pest, dort würgend Erz Machen, daß ich ganz vergehe. Wird mein Jammer nicht vernommen? Will sich Niemand tröstend nahn? Meiner Feinde arge Rotten Fühllos meines Elends spotten. — Herr, du bists, der das getan! Wann soll mir Vergeltung kommen? Meine Sünde, unvergeßlich Ist sie, ach, und übergroß. Doch die Frevel jener Frechen, Vater, willst bii die nicht rächen? Weihe ihnen jetzt mein Los — Denn mein Leid ist unermeßlich! vr. TheodorHerzl's Selbstbiographte. Es wird unsere geschätzten Leser und Leserinnen gewiß interessieren, den Führer des Zionismus selbst über sein eigenes Leben und Schaffen zu hören. Er hat seine Autobiographie in dem Londoner Blatt „Jewish Chronicle" vom 14. Januar 1898 geschildert, und wir lassen dieselbe in deutscher liebersetzung folgen. Sie lautet: „Ich bin 1860 in Budapest geboren, nahe der Synagoge, in der jüngst der Rabbi mich mit den strengsten Worten anklagte, weil eigentümlicher Weise ich für die Juden mehr Ehre und Freiheit, als sie gegenwärtig genießen, zu erlangen versuche. Aber an der Vordertür des Hauses in der Tabakgasse, wo ich das Licht der Welr erblickte, wird nach 20 Fahren ein Zettel mit der Anzeige: „Zu> vermieten" zu lesen sein. (Herzl meint damit, daß er in Folge der zionistischen Bewegung dann in Palästina sein ■ werde.) Ich kann nicht leugnen, daß ich in die Schule ging. Zuerst wurde ich in eine jüdische Vorschule geschickt, wo ich ein gewisses Ansehen genoß, weil mein Vater ein wohlhabender Kaufmann war. Meine früheste Erinnerung an diese Schule besteht.in Prügeln, welche ich erhielt, weil ich die Einzelheiten des Auszugs der Juden aus Egypten nicht wußte. Gegenwärtig möchten mich viele Schulmeister prügeln, weil ich mich zu viel an jenen Auszug aus Egypten erinnere. Im Alter von zehn Jahren kam ich auf die Realschule, wo man im Gegensatz zu dem Gymnasium, welches das Schwergewicht aus die alteu klassischen Sprachen legt, mehr das moderne Wissen betont. Lesseps war damals der Held des Tages, und ich