Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 26 (8.7.1904)
- Date
- 1904-07-08
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Die Barmizwoh-Feier und ihre Vorbereitung. Referat des Lehrers E-Wertheimer aus Hardheim, geh allen bei der amtlichen Lehrerkonfercnz für den Ravbinatsbezirk Mosbach (Badm) in Wertheim a. M. In extenso mitgeteill von einem guten Freunde des Referenten. -8.- (Schluß). Den Erzieher nennt die heilige Schrift.Lumen', synonim — Wahrheit. Treue, Wärter. Das ganze Gehellunis der Vorbereitung der religiösen Erziehung liegt in: Emes w’emunoh, in der Glaubenstreue, in .der Konsequenz der Gottesfurcht, ausgehend von dem Geiste, Len der Lehrer in die Schule trägt; nicht bedingt vom Material eines zugesetzten Lehrplans. Jene sind die erwärmenden, ersprießlichen Sonnensttahlen. zu welchen die jugendliche Pflanze unwillkürlich hingezogen wird. Ueberzeugung und Begeisterung geben dem Menschenvaum Saft, Kraft, Widerstand und machen ihn zu einem Baume, von dem der königliche Dichter David sagt, daß er gepflanzt ist an Wasserbächen und-selbst zur Zeit der Dürre gedeiht und Früchte ttägt Wer Emunoh — jüdisches Gottvertrauen und jüdische Glaubenstteue — lehtt, muß sie besitzen; was man nicht hat, kann man nicht geben; man muß selbst vvn der Wahrheit überzeugt sein. Die „Emunoh“ ist vornehmster Faktor zu Barmizwoh-Borberettung- Dic Hebräische Sprache nennt den Erzieher „Aumen“; denn schon, wenn Ka’ascher jiso hoaumen es hajaunek, wenn der Wärter den Säugling ttägt, beginnt das Erziehungsgeschäft. R. Elieser ben Horkinos sagt einmal: Heil seiner Gebärerin, weil sie das Kind in der Wiege liegend in das «Bes Hamedrasch" brachte, um die Lichtteflexen aus jener geisttgen Sphäre auf das geisttge Ohr zu leiten. Der alte Philosoph Plato geht diesbezüglich noch weiter zurück und nimmt schon bezügl. Stellung vyr der Embiyode. Aus allem geht hervor, man kann nicht frühe genug Vorarbeiten. Der mächttgste Faktor der Verbreitung ist «Beispiel und Konsequenz^". «Er lehtt, wie er lebt, er lebt, wie er lehrt", las ich jüngst anläßlich einer Jubiläumsfeier über einen jüdischen Vorgesetzten. Samson Raphael Hirsch s. A. sagt in seinen pädagogischen Plaudereien: «Das ganze Geschäft des Erziehers mißlingt, wenn der Erzieher im eigenen Leben'nicht konsequent, wenn man den Lehrer selbst auf Abwege ettappt, wenn Theorie nicht der Praxis des Lebens konkurrent. Der Lehrer behandell z. B-: „La Buckaus teschwu“ und er wohnt selbst in keiner; „Al jeze isch minkaumau“ und er trögt selbst am Schabbes; „Ban taschchis pees sekonecho“ und der Lehrer und Verüitter handelt selbst entgegengesetzt. -Wie überall nicht teorethische Vorbereitung, sondern die Tat den Weihestempel der Heiligkeit aufdrückt, so wird auch hier nur die Lebensweise des Barmizwoh-Charakters und Lebens nur durch die übende Tat vollbracht. „Schimusch“-Umgang und konttetes Beispiel sind nachhallige Erziehungsmittel fruchtbringender Faktoren. Sind Eltern und Eizieher nicht mehr im Kreise ihrer Kinder und Zöglinge, so bleiben ihre Erziehungs- und Umgangsbilder ihnen doch im Gedächtnis. ja häufig bis ins hohe Mer, gleich einem Josef, dem im Moment der Versuchung das geistige Bild seines Vaters vorschwebte und rettete; gleich „Esther", die als Königin dem Erziehungsideale ihres Pflegevaters Mordechai noch in höchster Stellung nachzuleben sttebte. Als Stütze meines Jdeenganges zitiere ich hier einige Sätze von Samson Raphael Hirsch s. A.: «Nicht blos ein paar Einübungsstunden während eines halben Jahres zu einem melodramischen Konfirmations- Puppenspiel, seine ganze Kindheit war eine Konfirmations-Vorbereitung, ja die Konfirmation war die Festigung und Stählung selbst für seinen höheren Einttitt in die Zahl der jüdischen Männer, wo jüdische Eltern und Lehrer ihre jüdische Pflicht gttan. Was ist gegen diese jüdische Einweihung, diese jüdische Vorbereitung fürs Leben; die Konfirnmtion und Einsegnung mit ihrer tejährigen Katechismusdiktantenvorbereitung ttotz allen theattalsschrn Effetts und momentaner Rührungsparade.- Diese altjüdische Art und Weise ist es, die christl. Pädagogen, wie «Diesterweg" Frankfurter Israelitisches Familienblatt. mtt folgenden Watten feiert: «Von den Juden und ihrem Glauben kann man nicht reden, ohne von den Rechtsgläubigen mit Achselzucken angesehen zu werden. Trotzdem aber sage ich, daß sie ihren Kindern niemals ein formuliettes Glaubensbekenntnis vorlegten und dies bis zum heuttgen Tage nicht, sondern sich darauf beschränken, durch die historischen Schriften des alten Testaments, insbesondere durch den Pentateuch sittlich religiös auf die Jugend Witten. Darin haben sie ein sehr ttefes Verständnis der kindlichen Natur bewährt Ein so unterrichtetes und in seiner Familie ausgewachsenes Kind wird ohne weiteres heranwachsen d. h. ohne Bekenntniszwang, ohne Versprechen u. s. w. in die Gemeinde ausgenommen. Das Verfahren der christlichen Kirche muß daher als ein zurückgekommenes bezeichnet werden. In jener Weise spttcht sich das Verttauen zu dem Leben aus, daß das Kind unter Personen jüdischen Glaubens ausgewachsen, in das Wesen desselben lebendig hineingewachsen sei." Soweit über die allgemeine Vorbereitung zur Barmizwoh-Feier. Hat ein Baumeister 13 Jahre lang an einem Bauplan gearbeitet,!so bedarf es keiner großen Vorbereitung mehr, das Gebäude durch eine Einweihungsseierlichkeit zu ttönen. Kurz vor derselben führt jener den Besitzer desselben durch einzelne Gänge und Gemächer, macht ihn auf technische, ästhetische, insbesondere auf praktische Votteile aufmerksam, zeigt wie einzelne Objekte und Räumlichkeiten zu benutzen und zu verwetten, entwirft also ein Gesamtbild seiner langjähttgen Schöpfung, und daran schließen sich die Einweihungsfeierlichkeiten." Der Baumeister sind Lehrer und Eltern, welche in fast gleicher Zeit an einem Menschenbau, einem Heiligen Gebäude gearbeitet, wenn auch nicht so geräuschlos als der größte Baumeister «Salonwn" an seinem Heiligtum, da wir keinen Schomir mehr besitzen. Dieser Baumeister verfähtt in ähnlicher Weise vor der Einweihung der Barmizwoh-Feier, kvergl. Lehr- und Bauplan mtt seiner Schöpfung), hält kurze Revue über dieselbe, prüft einzelne Gemächer und Fächer und geht auf das prakttsche, nützliche Gebiet in rekapitulierender, anschaulicher Weise über. Ich bin hiermit am letzten Teil meines Vorttages. Bei diesen Vorarbeiten verfahre ich etwa folgendermaßen: Als Einleitung sage ich dem für die Barmizwoh Borzubereitenden: «Du heißt bald nicht mehr Naar Knabe, sondern wirst Isch Mann genannt Als solcher bist Du für Dein Tun und Lassen in religiöser Beziehung verantwortlich, hast alle Gebote und Verbote zu erfüllen. Danke deshalb dem lieben Gott und Deinen Ettern für die Gnade, Dich als gleichberechttgtes Glied der Gottes-Gemeinde anschließen zu dürfen. Diesem Appell an den zukünftigen Männerstolz schließen sichvlnim und Halocliaus über Bedeutung und Wichtigkeit berTefillin an. Es müssen da besonders in anschaulicher Weise Winke gegeben werden über die äußere Beschaffenheit der Tefiliin. Sie müssen schwarz, quadratisch, die 12 Nähte vollständig sein. Das eine „Scbin“ hat 3, das andere 4 Köpfchen. Das Basis soll aus einem Stück gearbeitet sein. Man mache auf die Länge der Rezuaua aufmerksam. Es ist besser gar keine TefiUin zu legen, als solche die „posul“ sind, da man im letzteren Falle eine „B'rocho Iewatoloh“ macht. Ganz besonders ist zu betonen, '.refillin und alle Gegenstände, deren Anfertigung religiöses Verttauen voraussetzen, niemals bei unbekannten Leuten zu kaufen. Die Oertlichkeit der 'refillin ist zu zeigen. Die Oettlichkeit der „Tefiliin schel rausch“ muß immer in unverrückter Form, oberhalb der Stirne, wo die Haarwurzeln anfangen aufwärts bis zum Ende der Stelle, wo das Pochen des Gehirns beim zatten Kinde bemerkbar, liegen und nie auf der Stirn. „Schel jad“ gehört an den Oberarm der linken Hand. Die Brocholi muß stets der ausführenden Tätigkeit vorausgehen und die ganze Mizwob stehend ausgeführt werden. Bei Tefiliin von „Rausch“ sind die 4 Abschnitte auf 4 Stückchen Pergament, bei Sehe! jad aus einem Stück geschrieben u. s. w. Den Hil’chaus Tefiliin schließen sich die über Zizzis an. Der Barmizwoh heißt nicht mehr Kotann, sondern Godaul; daher muß er auch beim Beten mit einem Tallis godaul bekleidet sein. In diesem Falle dispensiert die Brocho über letzteres das Arha kanfaus. Das wissen sehr viele der Aelteren nicht. Anschauliche Belehrungen über korrektes Anmachen der Zizzis sind notwendig, denn die Erfahrung zeigt, daß es diesbezüglich aus Unkenntnis nicht genau Nr. 26. genommen wird. Wie nach dem pädagogischen Grundsätze in der Schule der Weg vom Minderwichtigen zum Wichtigen einzuhalten ist, so verfähtt man auch bei Ausführung der Mizwaus (M aalin bekaudesch weenmauridin); legt man zuerst Tallis und dann Tefiliin. Beim Ablegen ist der umgekehrte Weg einzuschlagen; die Erfahrung zeigt aber, daß darin oft gefehlt wird. Zu Tallis und Tefiliin gehört als drittes Gebot im Bunde: Mesusoh, die auch in den Behandlungstteis der Barmizwoh-Borbereitungen zu bringen ist. Man bespricht den Inhalt der Mesusoh. Die Mesusoh sei immer rechts des Einganges angeschlagen und zwar am oberen Drittel der Pfostenhöhe u. s. w. Als kurzer Auszug und bleibender Wegweiser über die Vorschttsten von Tefiliin, Zizis und Mesusoh können die Wettchen: ..Obinuch bar mizwoh“ von Rabbiner Bamberger s. A., sowie «Katz": „Bar mizwoh“ empfohlen werden. Diese Büchlein sind als Barmizwoh-Geschenke gut geeignet. Die Vorbereitung zur Parschoh beginnt mit Einübung der Neginaus, der Tonzeichen. Kenntnis der Neginaus befähigt, dem Baal Kaure, dem Thoraverleser mit Verständnis zu folgen und der Pflicht zu genügen, die Sidroh maawir zu sein. Man mache aufmerksam auf die Zahl der Aufgerufenen unter Hinweis der Wichtigkeit und Heiligkeit der Tage. Am Schabbos werden 7, wochentags 3 aufgerufen u. s. w. Bedeutung des Maktir. Bei der Birchas hatauroh ist besonders ascher borach bonu zu erklären, resp. worin die Auserwählung besteht Beim Aufstieg zur Tauroh muß der kürzere Weg eingeschlagen, beim Weggehen der umgekehtte. Da der Barmizwoh zum Minjan zählt, muß man die Bedeutung von Tefilloh bezibur erklären. Man soll besttebt sein, stets zu den ersten von 10 der Synagoge gerechnet zu werden, stets gleichzeitig mit der Gemeinde zu beten. Kaddisch, Keduscho, Borcbu, Kerias hatauroh dürfen nicht ohne Minjan gesagt werden. Die Zeit und Idee von Kiddusch leuronoh ist klar zu machen. Ueber den Baach ist kurz- Revue zu Halten u. s. w. Der Schluß des Vorbereitungs-Kursus bildet das Mesumon-Benschen, das meistens schon im fortlaufenden Unterricht behandelt worden ist. Einen Aufschluß, warum im Benschen Schabbos und Jontof „Migdaul“ und Wochentagen „Magdil“ gesagt wird, gebe man wie folgt: Magdil — vergrößern, ist . ein Tätigkeitswott, Migdaul — Siegesturm, ist ein Substantiv. Schabbos und Jontof soll nicht nur jede wetttägliche Tätigkeit unterbleiben, selbst davon zu sprechen, ist verboten. Ich stehe nun am Ende meines Referats. Um aber einem alten Worte der Mischna zu folgen: „Al toamaud al haperek, bleibe nicht stehen bei einem Abschnitte", gestatte ich mir mtt einigen Worten ein Disziplin zu tangieren, die zwar nicht direkt in den Rahmen meines Vortrages gehört, die aber doch als fortsetzende Konsequenz meines Vorttages zu bettachten ist. Wir wissen, mit 13 Jahren gehött der Barmizwoh der Gottes-Gemeinde -selbständig an, er ist religiös mündig geworden und soll nunmehr leben nach den Anforderungen des erkannten Gesetzes. Als solcher darf er nicht frei sein von der Ueberwachung seiner fortschreitenden, fortbildenden Erkenntnis; denn eine Zeit, in der der Mensch im Vollbesitz aller Entschlüsse über Beruf und Pflicht gekommen wäre, tritt nie im Leben ein. Immer bedarf er der Mahnung. Warnung, Belehrung, Fortbildung. Nirgends gibt es deshalb einen solchen plötzlichen Bildungsabschluß wie bei dem jüdischenReligionsunterricht,unter andern: in Religionsschulen Badens und Preußens. Diese Lücke muß ausgefüllt werden und zwar durch einen Fortbildungs-Unterricht in unseren Religionsschulen, analog den bayrischen und württembergischen Religionsschulen und ähnlich wie es in den katholischen und protestantischen Kirchen Badens mit der diesbezüglichen Weiterbildung bis zuni 18. öder 18. Jahre gehalten wird durch sog. Christenlehre. Hiermit berühre ich einen Punkt, für den ich bereits seit 2ü Jahren bei jeder sich bietenden Gelegenheit und Veranlassung einttete, hoffentlich kommt derselbe noch zur Realisierung.