Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 26 (8.7.1904)
- Date
- 1904-07-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu Nr. 26 des Frankfurter Israelitischen Familienblattes. Aufruf. Die Grundidee -des Zionismus war zu allen Zeiten mit dem Dasein unseres Volkes so eng und innig verwebt, daß sie bis aus den heutigen Tag einen sehr wesentlichen Bestandteil unserer Ideale bildet. Ist uns doch der Zionismus nicht bloß daruin teuer, weil unserer Ueberzeugung nach eine allgemeine Besserung unserer zerrütteten politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse nur durch einheitliche und zielbewußte Arbeit aus nationaler Grundlage zu erreichen ist, sondern in weit höherem Grade, weil durch die zionistische Bewegung unserem geistigen Leben ein Ausschwung und der Seele * der jüdischen Nation, d. i. der Tauroh hakdauschoh das ersehnte gesicherte Wirkungsscld, die nationale Heimstätte verheißen wird. Ganz abgesehen also von den zwingenden wirtschaftlichen und sonstigen Ursachen materieller Natur, die ans alte guten Juden in gleichem Maße einwirken, sollte diese Tatsache einen jeden, dem der Tiefstand unseres religiösen Lebens nahe geht, einen jeden, der Sinn und Interesse hat fiir das Aufblüheir und Gedeihen der g e i st i g e n Güter seines Volkes, bewegen, den in unseren Tagen wieder zur Geltung gelangenden Zionsgedankcn freudig zu begrüßen. Und namentlich der orthodoxe, gesetzestreue I e h u d i, er, der fast in jedem Augenblick seines Lebens, ans jedem Gebiete seiner Wirksamkeit es schmerzlich empfinden mutz, wie sehr uns eine Stätte nvttut, wo der Geist der Thauroh und der Mizwaus in vollem Glanz erscheinen könnte, wo gesetzestreue, jüdische Lebensführung ungehemmt von dem wuchtigen Ansturm fremder Lebensanschauungen, nnjüdischer Geistesrichtungen und gefährlicher sozialen Strömungen sich frei entfalten dürste, — gerade i h n müßte das ideale Moment gebieterisch mitbestimmcn, den Zionismus, der die Wiedergewinnung unseres geheiligten Landes fiir das jüdische Volk bezweckt, Lu seinem unveräußerlichen geistigen Besitztume zu machen, gerade er müßte sich der zionistischen Bewegung mit ganzem Herzen und ganzer Seele anschließen. Wenn wir dennoch die beschämende Wahrnehmung machen, "daß weite Kreise auch der gesetzcstreuen Judenheit unbekümmert um die große nationale Sache sich dem Zionismus gegenüber gleichgültig verhalten, wenn wir sehen, daß viele ihn ablehnen und manche ihn sogar unverhohlen bekämpfen, — so können wir das nur erklären, indem wir annehmen, daß sie die zionistische Bewegung nicht kennen oder verkennen. Denn gar manches wird fiir Zionisnins angesehen, was nicht dazu gehört, gar vieles wird ihm zugeschoben, wofür er nicht die Verantwortung trägt. Der Zionismus ist eine Volksbewegung und seine Anhängerschaft setzt sich naturgemäß aus allen Klassen und Schichten des Volkes zusammen, somit auch aus solchen, die in einer traurigen, d e m Zionis m ii s v o r a n ge g a n g e n e n Zeit dem Judentume und seinen Traditionen entfremdet wurden und nicht auf dem Boden der gläubigen Gesetzestreue stehen. Begreiflicher Weise suchen nun auch einzelne ans diesen Kreisen, ihre mitgebrachten nnjüdischen Anschauungen mit dem Zionismus zu verbinden, sie schlecht und recht mit ihm in Einklang zu bringen, und wo möglich auch geltend zu machen. Ans solche Weise wird in der „öffentlichen Meinung" zuweilen als Zionismus ansgegeben, was dem jüdischen Gesetze und den jüdischen Traditionen widerspricht, — was aber in Wahrheit genau der Gegensatz v o n Zionismus ist. Nur diesen beklagenswerten Erscheinungen können wir es zuschreiben, daß die ehrlichen und aufrichtigen Gesetzestreuen noch nicht alle unserer Bewegung zugetan sind. Diesem Ilebelstandc abzuhelfen, haben sich in Rußland die gesetzcstreuen Zionisten vereinigt und aufBasis des Baseler P r o g r a m m e s einen Verband mit Namen „M israch i" gegründet. Die Aufgabe des Verbandes ist: als festgefügte Organisation der gesetzestrenen Zio - nisten den Standpunkt der Gesetzestreue innerhalb des Zionismus zuwahren und zu vertreten, die zionistische Idee in ihrer Reinheit zu pflegen und zu fördern,alles Unjüdische, alles, was der heiligen Lehre und den jüdischen Traditionen nicht entspricht, vom Zionismus fern zu halten,.die gesetzestreue Judenheit für den Zionismus zu gewinnen und so allen Gesetzestreuen Gelegenheit zu geben, ihren heiligen Eifer und ihre Begeisterung mit ruhigem Gewissen in den D ienst des großen Werkes der zionistischen Bewegung zu stellen. Der „Misrachi" hat mit Wort und Tat!ür den Grundsatz einzutreten, daß beide, Thora und Zion, Grundlagen des Judentums darstellen, die einander ergänzen und aufeinander hingewiesen sind. Der in Rußland gegründete „Misrachi" hat bereits viele Tausende Gesetzestreucr fiir den Zionismus gewonnen und ist zu einer großen und mächtigen Vereinigung herangewachsen, deren heilsamer Einsluß innerhalb der nationale» Bewegung und außerhalb derselben deutlich zu erkennen ist. In seiner Arbeit für die zionistische Sache hat der „Misrachi" Beachtenswertes geleistet, und seine Bestrebungen zur Hebung der Religiösität und zur Vervollständigung und Verbreitung der Kenntnis der Tauroh hakdauschoh in seinem Kreise und darüber hinaus, sind erfolgreich. Das „Misrachi"-Programm hat auch außerhalb Rußlands, in Mittel- und Westeuropa, sowie jenseits des Ozeans, in Amerika, Beifall gefunden und allenthalben zahlreiche hervorragende Kräfte aus de» Kreisen der Gesetzestrenen unserer Bewegung zugefiihrt. Au vielen Orten wurden zionistische Vereine auf Grund dieses Programmes gebildet, und in allen diesen Vereinen tritt das Bestreben hervor, Vereinigungen, gleich dem russischen „Misrachi" zu schaffen. Zu diesem Zwecke haben die hier Unterzeichneten Mitglieder des Organisationskomitecs des „Misrachi" beschlossen, eine große Konferenz der gesetzestrenen Zionisten aller Länder einzuberufen» die die Aufgabe haben wird, die Grundzüge einer allgemeinen Organisation der G e - s e tz e s t r e u e n festzulegen und zugleich Maßnahmen zur Gründung von Verbänden - in den einzelnen Länder» zu treffen. Wenn Haschem jisborach unser Bestreben gelingen läßt, die zahlreichen Gesetzestreuen zu einem festen Bunde zusammenzuschließen, ist zuversichtlich zu erwarten, daß wir einheitlich und mit vereinten Kräften für Gott, seine Thora, sein Volk und sei» Land werden ersprießlich wirken können. Indem der „Misrachi" seine Tätigkeit auf weite Länder ausdehnen und die besten Kräfte des orthodoxen Judentums in sich vereinigen wird, wird er in jeder Beziehung zum Ausbliihen unseres Volkes Erhebliches beitragen können und zum Segen werden. Demgemäß wird der allgemeine Misrachistentag am 5., 6., 7. und 8. 8llul (16.—19. August) d. I. in Pretzbnrg (Pozsomy, Ungarn) abgehalten werden. Die Gesetzestreuen alter Länder mögen also an jenem Tage kommen und an den Beratungen teilnehmen, i m I n t e r e s s e d e s heiligen W e rkes zur Aufrichtung unserer n ied e rgebe n g t e n und schmachtenden Ration, zu r Hebung unserer, in den Staub getretenen T a ur o h hakdauschoh und zu r Wiedererlangung unseres verödeten, geheiligten Landes. Dieser Tag soll in unserer Geschichte zum R u h m e s t a g e werden! So wiederholen wir denn an dieser Stelle, was der „Misrachi" bei seiner Gründung in Rußland verkündete: „Teuere Brüder! Gleichwie es eine unumstößliche Wahrheit ist, daß Tanroh und Mizwaus die besten und schönsten Mittel sind zur Erhaltung und Pflege der „Zionslicbe" in Israel, ebenso sicher ist einzig und allein vom Zionsideal zu erwarten, daß es ein starker Ansporn sein wird zur Neubelebung und Gesundung des Tauroh- Geistes in unseren Reihen. Beachtet, daß die zionistische Bewegung die heilige Fahne der „jüdischen Gemeinschaft" entfaltet und das jüdische Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt hat, womit die Gewähr geboten ist, für die verheißene „Rückkehr des Herzens der Kinder zu ihren Eltern." — Treuer Eifer, ernster Wille und aufrichtiges Streben können und werden uns mit Gottes-Hilfe und mit der Unterstützung der Mächte in das geheiligte Land unserer Väter znrückführen, wo es uns gegönnt sein wird, die Hindernisse, die dem Gedeihen echtjüdischen Lebens im Wege stehen, siegreich zu überwinden, wo allein wir ungestört den Weg der Tauroh werden wandeln und jüdische Gesittung, den Stolz unserer 'Ahnen, ge- - bührend werden pflegen können, was uns leider jetzt in den Ländern des Exils mit jedem Tage sichtlich mehr erschwert und vielfach geradezu unmöglich gemacht wird. Erkennet Ihr gleich uns den traurigen Mißstand unserer gegenwärtigen Verhältnisse, empfindet Ihr mit uns das Bedürfnis, die tiefen Wunde» unseres Volkes zu heilen, wollt Ihr Euere Kinder Euch und Euerem Volke erhalten und seit Ihr ernstlich bemüht, die Jugend, Sie Stütze unserer Hoffnung. vor verlockenden, n n j ü d i s ch e n, schädlichen und gefährlichen 'Abwegen zu bewahren, — so werdet Ihr, jüdische Brüder, Euch von der Notwendigkeit der Bereinigung der gesetzestreuen Judenheit unter der Zionsfahne nicht verschließen können. Ihr werdet vielmehr, so hoffen wir, unserem brüderlichen Ruse Folge leisten und Euch in den Dienst der zionistischen Bewegung stellen, die in ihrer Reinheit das Bindeglied zwischen Thora und Israel darstellt und die unseren' Kindern Liebe zu ihrem Volke und zu seinen Heiligtümern einslößt und sie aneifert, in ihrem Volke und f ü r ihr Volk zu lebe» und zu wirken." Schicket also, liebe Brüder, Euere Delegierten u n d Be rtr au e ns m ä n n e r in großer Zahl zum M i s r a ch i st e n t a g nach P r e ß b u r g und nehmet liebevoll 'Anteil an dem gr oßen Werk. Werden wir da» Unsrige tun, so wird Haschem jisborach unsere Arbeit erfolgreich sein lassen und uns seinen Segen nicht versagen. zli leschtMii k-amau ularzau - ok-iui! Im Monat Siwan 5664. B. Abramowitz, Rabbiner, Newyork. L. Don Jachja, Rabbiner, Sklow (Rußland). M. I. Epstein, Rabbiner, Sheffield (England). Dr. D. Fink, Rabbiner, Wien. H. Falick, Rabbiner, Folticeni (Rumänien). Ch. Gelernter, .NreiSrabbiuer, Kuty (Galizien). N. Grünhaus, Rabbiner, Trok (Rußland). W. Jawitz, Rabbiner, Wilna (Rußland!. Dr. Ph. Klein, Rabbiner, Newyork. L. Kowalski, Kreisrabbiner, Wlozlawek (Rnßl.). L. M. Landau, Rabbiner, Bössani (Rumänien). Ch. Löbcl, Rabbiner, Piatra N. (Rumänien). Dr. A Nobel, Rabbiner, Leipzig. Dr. I. Nacht, Rabbiner, Focsani (Rumänien). I. I. Reines, Rabbiner, Lida (Rußland). M. A. Roth, Oberrabbiner, Papa (Ungarn). G. Schmclkcs, Kreisrabbiner, Kolonien (Galizien). E. I. Segall, Rabbiner, Husi (Rumänien). S. Teuen, Rabbiner (Rumänien). Beschlüsse des Organisationskomitecs. 1. Als vollberechtigte Teilnehmer werden zngelassen: ». Delegierte von Gruppen, die der Organisation „Misrachi" bereits angehörcn, b. Delegierte anderer zionistischer Gruppen, die einen Monat vor der Konferenz unserem Bureau, oder dem Vorsitzenden gegenüber sich bereit erklären, sich der Organisation anzuschließen. Nicht delegierte Privatpersonen, die an den Verhandlungen teilnehmen wollen, werden gebeten, sich einen Monat vorher anznmelden. Die Einladung, die sie sodann vom Bureau erhalten, berechtigt nur zur Teilnahme an den Beratungen, nicht aber an den 'Abstimmungen der Versammlung. 3. Ohne Einladungsbezw. Zulassungskarte kann niemand der Versammlung beiwohnen, es sei denn als Gast (Zuhörer). 4. Da die Kosten der Versammlung einen ansehnlichen Geldbetrag erfordern, sind wir genötigt, die tatkräftigste Unterstützung aller unserer Brüder, denen die Ehre unseres Gesetzes, unseres Volkes und unseres Landes teuer ist, in Anspruch zu nehmen. — Die zu schassende Organisation wird mit Gottes Hilfe unserem Volke zum Ruhme gereichen und eine Feste unserer Religion werden. So möge den» ein jeder nach Vermögen und Kräften so bald, wie nur irgendwie möglich sein Scherslcin beisteuern und dazu beitragen, daß es uns auch an materiellen Mitteln nicht gebreche, den erhabenen Zweck zu erreichen! Das ist unsere dringende Bitte. Gütige Spenden nehmen entgegen: in Rußland der Kassier des „Misrachi", Herr S. Ai. G n r l a n d, Wilna: in anderen Ländern Europas: Herr Oberrabbiner M. A Roth, Papa (Ungarn) und in Amerika: Mr. Rabbi Dr. P h. Klein, 57 East 7. th. Str. 'Newyork. Sämtliche Spenden werden in unserem Organ, der Monatsschrift „Hamisroch" dankend guittiert. Die Adresse des Organisations-Bureaus: zu Händen des Leiters, Herrn C h. I. E i ß, Zürich IE. (Schweiz), Müllerstraße 74.