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Neue jüdische Presse · 1904-07-08 · Heft 26 (8.7.1904) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 26 (8.7.1904)
Date
1904-07-08
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 26. Seite 5. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. senden Generation die eiiiiiiciite Bedeutung der erhabene» lichtvollen Persönlichkeiten ans unserer Vergangenheit znm Bewußtsein zn bringen und ihr ei» Bild von deren geistiger und sittlicher Größe zn geben. Folgende Mhandlung hat nnn den Zweck, Gelehrte und Laien auf die Bedeutsamkeit des bevorstehenden Tages anfmerksanl zn machen und sie zu veranlassen, Vorbereitungen zn treffen, diesen Gedenktag in würdiger und angemessener Weise zu seiern. * * * . . . Wir befinden uns im finsteren Mittelalter. ' Das jüdische Volk hatte vor einem Fahrtausend unter den Trüminerhausen von Jerusalem und Beihar seine nationale Selbständigkeit gelassen; seine Heimat war verödet, seine Siedelungen dem Erdboden gleich gemacht, der Tempel in Flammen vernichtet. Und mit dem großen Weltenbnch in der Hand trat Israel die Exilswanörung an durch die Jahrtausende und in alle Länder der Erde. Stuf dcni Schauplatz der Weltgeschichte beginnt von nnn an eine große entsetzliche Tragödie ohne Gleichen; der gesamte Erdball ist ihr Ort, Jahrtausende — ihre Zeit, blutige Verfolgungen und grausame Mißhandlungen auf der einen, unerschütterlicher Widerstand und passiver Heroismus auf der anderen Seite — ihre Handlung. Und mit jedem Mte ivächst der Schauer, die Katastrophen übergipfeln einander. Die veredelnde Wirkung des Trauerspieles auf die Zuschauer bleibt aber hier aus: die Gemütsbewegungen der Nationen der Erde werden nicht gereinigt, ihr Mitleid nicht geweckt; ja sogar, als sie dann allmählich selbst hintereinander in die Handlung eingreifen, führen sic den Vernichtnngskampf gegen den tragischen Helden mit progressiv zunehmender Erbitterung und Gransainkeit fort und jagen und hetzen ihn unaufhörlich und erbarmungslos von Ost nach West, von Nord nach Süd. Aber wie ihre Wut, so ist auch die Widerstandskraft und der Heroismus des Helden unerschöpflich . . . Wie ist denn das nur möglich? Woher diese merkwürdige, einzig dastehende Stärke, gegen die eine Welt Jahrtausende lang vergebens kämpft? In der jüdischen Lehre, in der Thora liegt des Rätsels Lösungi . . . Inmitten einer Welt von Geistcsdunipfhcit, ungeschlachteter Sittenroheit und Barbarei ertönte das Wort Gottes in allen Ländern der Diaspora, — an de» Wassern Babels, in den Lehrhäusern von Sura und Pumbeditha und im Abendlande, vom Guadalquivir bis znm Rhein — und übte einen außerordentlich wohltuenden Einfluß aus auf Charakter und Sittlichkeit. Die Gaonim Babyloniens, die Rabbiner Spaniens und Frankreichs können, was Geistesgröße und sittliche Idealität, Streben nach . Wahrheit und unbedingte Gottergebenheit anbetrifft, „für alle Zeiten und Kreise als Muster menschlich erreichbarer Vollkommenheit ausgestellt werden". Aber nicht allein von Gaonim und Rabbinern gilt das Gesagte. Wie das Judentum seinem ganzen Wesen nach durchaus demokratisch ist und in der Religion keinen Unterschied zwischen Priestertum und Laientum, in der sozialen Gesetzgebung keine Ständegliederung kennt, so war das Thvraftudium, ja sogar, wie dies namentlich in Spanien der Fall ivar, der wissenschaftliche Forschergeist und die Liebe und das Verständnis für die Poesie Gemeingut ganzer Gemeinden. So waren denn die Jüden der damaligen Zeit», durch tiefe, geläuterte Religiosität und geistige Regsamkeit gegen alles Ungemach gewappnet. Wohl konnte man Jude n zu Tausenden hinschlachtcn, das j ü - d i s ch e Volk aber, dessen geistiges Zement, dessen innerster Kern die Thora . ist, blieb wie diese unversehrt;- aus jedem Scheiterhaufen stieg der wetterfeste jüdische Geist, einem Phönix gleich, ncugckrüftigt und neuverjüngt. Auch unsere Feinde scheinen immer dunkel geahnt zn haben, wo die Quelle der jüdischen Kraft;u suchen sei. Die Amoniten und Moabitcn, die sich nach dem Berichte des Talmuds bei der ersten Eroberung Jerusalems vor allem auf die Thorarollen stürzten, A n t i o. ch u s E p i p h a n e s und Kaiser Hadrian, die das Thorastudium und die Befolgung der wichtigsten religiösen Vorschriften mit Todesstrafe ahndeten, jener blutige Tyrann, der Rabbi C h a n a »j a b c n T r a d i o » in eine Geletzesrolle gehüllt aus einein Scheiterhaufen von srichen Weiden verbrennen ließ, die katholische Geistlichkeit, die 1244 die öffentliche Verbrennung aller in Frankreich befindlichen Talmudexemplare und anstiger talmudischer Schriften herbeiführte bis hinab zu den Kischi'newcr Mordbrennern, die 30 Thorarollen in Fetzen rissen — alle fühlten sie instinktiv, daß die Thora den innersten Lebensnerv des jüdischen Volkes ansmache, daß man daher vor allein diese „Quelle des Lebens" zu verstopfen trachten müsse, wenn man mit Erfolg den Juden an de» Leib rücken soll. Als ob inan in der Hülle auch den Geist treffen, mit dem Pergament auch das Wort Gottes vernichten könnte! . . . . . . „Uebcrall, ivo Israel hinwanderte," heißt es im Talmud, „wanderte die Sch'chinah mit." Und in der Tat: wir sehen, daß überall wo Juden sich ansässig machen, ihnen bald Lehrer und Meister erstehen, die ihre geistige Führung übernehmen, sie das göttliche Gesetz lehren und sie somit für die bevorstehenden schwierigen Kämpfe rüsten. Mit der Verschiebung des Schwerpunktes der jüdischen Massen im Laufe der Wanderung, tvandert auch die geistige Hegemonie von Land zu Land. Jnc elften I a h r h u n d e r t der üblichen Zeitrechnung sollte Babylonien, nachdem der Zug der jüdischen Wanderung im Abendlande angelangt war und auch der geistige Schwerpunkt seit der bedeutsamen Episode von den vier Gefangenen immer mehr die Tendenz zeigte, völlig nach dem Westen Europas hinüberzuschwenken, endgültig seine glänzende Rolle in der jüdischen Geschichte ausspielen und die Hegemonie an das.Abendland abtreten. C h i s k i a, des Exilarchen David b e» Sakkai Urenkel, der beide Würde», das Gaonat und Exilarchat, in sich vereinigte, wurde, wie Rabbi ölbraham Jbn David!) berichtet, im Jahre 1040 von dem damaligen Inhaber der politischen Gewalt im morgenländischen Chalisatc, dem Bujidcn G ' e l a l A d d a u l a h , in den Kerker geworfen, gefoltert, aller Güter beraubt und zuletzt hingerichtet. In demselben Jahre nun, in welchem der letzte Gaon den Märtyrertod starb, wurde in T r o y e s (G h a in p a g n e) der nachmalige große Gcsetzcrklärer, Rabbi Salomo I tz ch a k i, nach den Anfangsbuchstaben seines Namens R a s ch i genannt, geboren, als sollte damit angedentet werden, daß die Leistungen Raschi's den Untergang der alten Institution ersetzen werden. Seine Mutter war die Schwester jenes berühmten liturgischen Dichters, Rabbi S im o n b. I s a a k ans M a i n z, der sich um die Mainzer Juden große Verdienste erworben hat — seinem Eifer' gelang cs, der Mainzer Judenverfolgung unter Kaiser H e i n r i ch II. (1012—13) Einhalt zn tun und für die Verbannten die Erlaubnis zn bewirken, sich wieder in Mainz niederznlassen — und dem die dankbare Gemeinde eine ewige Erinnerung widmete, seinen Namen allsabbatlich in der Synagoge zu nennen: „daß er sich um die Gemeinde viel Mühe gegeben und daß durch ihn die Verfolgungen aufgehört haben." Auch der Vater Raschi's war als gelehrter und talmndkniidiger Mann bekannt Wurde nun Raschi solchergestalt schon durch das Milieu von frühester Jugend an dem Thorasnidinm zugeführt, so gebührt doch den Lehrhänsern der drei bedeutendsten und angesehensten Gemeinden Süddeutschlands der Ruhm, dem nachmaligen „Lehrer des Exils" .zn den umfassendsten .Kenntnissen auf dem ganzen Gebiete des jüdischen Schrifttums verholfen zu haben. Er besuchte die Talmndschulen des R. >F a k o b b. I a k a r in M a i n z, des R. Isaak H a l e v i und R. Isaak b. I c h u d a in W o r in s und des R. E l i a k i m in S p e i e r, die damals unter dem Namen der „Weisen Lothringens" weit und breit bekannt waren. In einem seiner Responsa-j berichtet Raschi in welchen dürftigen Verhältnissen er das Studium betrieb, und wir können uns eines Gesiihls des Erstaunens nicht erwehren, über den großen Mann, der, ein zweiter R. Akiba, Hans .und Weib verließ, um Jahre lang in der Ferne dem Talmudstiidiirm zu obliegen und den weder Not und!) Sefer Ilakabkilah. -) Chofes Matmonim, No. 1. 'Mangel noch die Fürsorge für seine Familie in seinem übergroßen Eifer für das Studium erschüttern konnte. Erst nachdem er das ganze Gebiet der talmudischen Literatur bewältigt hatte, kehrte er im 'Alter von 2ö Jahren nach Troges zurück, wo er sich dauernd niederließ und höchst warscheinlich auch die Stellung eines Rabbiners einnahin. Gehalt bezog er keineswegs von seinem Amte. Zn jener Zeit und auch noch lange nachher w » ß t c m a n » o ch nichts pvn bezahlten R a b b i » e r n. Das Rabbinat war ein Ehrenamt, das nur dem Würdigsten übertragen wurde, der sich sowohl durch umfassende Gelehrsamkeit, als auch durch idealen Lebenswandel anszeichnete und der Gemeinde in jeder Weise als Muster voranleuchten konnte. Bald strömten aus den .entfernteste». Ländern zahlreiche Schüler nach Troges und nach dem Heimgang der Weisen Lothringens, wurde das Lehrhaus Raschi's der Brennpunkt des jüdischen geistigen Lebens für ganz Frankreich und Deutschland. Schon damals verehrte man ihn als eine Autorität ersten Ranges, ans nah und fern ergingen an ihn gutachtliche Ansragen und seine aus uns gekommenen Responsa aus der Jugendzeit schon zeugen von tiefer Sachkenntnis, von einer erstaunlischcu Beschlagenheit in allen talmudischen Schriften, vom durchdringenden Geiste eines gewandten, den Stoff beherrschenden Meisters, zugleich aber auch von liebenswürdiger Milde des Charakters und rührender Bescheidenheit, die ihn seine eigene Bedeutung nicht ahnen läßt. Während seine Lehrer in ihren Briefen an ihn ihm rückhaltlos die begeistertsten Lobeserhebungen spenden, R. Isaak H a l e v i aus Worms an ihn schreibt: „Durch Dich ist das Zeitalter nicht verwaist und solcher, die Dir gleichen, möge es viele in Israel geben"-) und R. Isaak b. Jehuda ihn im Eingang eines Briefes anredet: „Dem im Himmel geliebten und auf Erden Wohlgelittcnen, der da beherrscht die Königsschütze iTalmiid), um tief in das verborgenste einzudringen"H — entgcgnete er einem alten Rabbiner, R. D o r - bal, der eine zivilrechtliche Anfrage an ihn gerichtet hatte, wie er, der Greis, denn darauf komme, von ihm, dem Jüngling Anskunft zu verlangen; es müßte denn sein, daß er aus Liebe zn ihm, ihn nur prüfen wolle, um sich der Antivort eines Jugendlichen zu erfreuen.'') (Forts, folgt.) Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Geehrter Herr Redakteur! In den letzten Nninniern berührten Sie mit Exemplijizieriing ans die Frankfurter Gemeinde das d e in o k r a t i s ch e P r i n z i p d e s j üd i s ch e n G e - m e i n w e s e n S. Ich bin kein Frankfurter und lebe nicht in Frankfurt. Die lokalen Verhältnisse berühren mich 'nicht und ich will sie in diesen Zeilen auch nicht behandeln. Dieselben sind mir zudem gänzlich nnbckannt. Ich möchte nur an Ihre Aiisführungen anknüpfen. Ich habe das schon lange aus dem Herzen zu sagen. Aher Sie wissen, ich bin kein Artikelschreibcr. Wenn mich aber einmal etwas packt, dann zuckt es mir so lange in der Hand, bis ich zur Feder greise. Sie sind ater garnicht gehalten, diesem Herzenserguß die Spalten zn ösfnen. Mir genügt es zumeist, wenn meine Gedanken, die merkwürdiger Weise erst im Herzen gekocht werden, als Dämpfe znm Kopfe steigen und — wenn sie dort kein Ventil finden, »in entweichen zu können, durch den Arm den Ausgang suchen. Größtenteils endigen sie in einem Schubfach, im Papiertorb oder im Winter manchmal auch im Ösen. Ich konstatiere dann immer zn meiner Freude das wichtige physikalische Gesetz, daß Papier ein leicht brennbarer Stofs ist. Wollen Sie also, geehrter Herr Redakteur, eine Bemerkung zn der Ihrigen gestatten? Es schmerzt einen, allenthalben zn sehen, wie heute noch bei aller sozialen Bewegung ringsum im jüdischen Olemeinwesen. so gar wenig von dieser sozialen Anschanung zu merken ist. Höchstens im Statut Das. 13, zitiert bei Grütz. t) Das. 14. :') Das. 12, Pardes 23 und Mordchai zu Ehulin VII. Zitiert bei Grätz.

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