Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 26 (8.7.1904)
- Date
- 1904-07-08
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Leite 6. von Separatgcmciiidcn findet man den Ansatz liberaler Anschauung /Hört! hört!), und man merkt 'cs ihnen a», das; der Legislator solcher Satzungen seiner Zeit vielleicht »in Zwcijahrhunderte voransgceilt ist. Man fresse mich bitte nicht. Ich bin kein Mitglied einer Anstrittsgcmcindc. Ich wollte auch kein rotes Tuch entrollen: ich wollte nur etwas objektiv und nicht engherzig betrachten. War doch der Schöpfer des Austrittsgesctzes gewiß ein Genie mit ivcitcstcm Blick. Jsts möglich?! fragte ich mich zur Zeit. Ich sollte nämlich einmal irgendwo eine» Vortrag über diesen Jochanau ben Takai der Neuzeit halte», da wurde mir bedeutet, seine „Gcmcindcpolitik" dürfte ich aber in dieser Stadt aus naheliegenden Gründen nicht berühre». ES kam mir so vor, als wenn man wohl über den Geist der Thora ihre Religionsphilosophie sprechen dürfe, aber nicht über ihre praktische» Gesetze — um niemand, der sic zufällig nicht hält, zu verletzen. Wie eng gehört doch bei i h in gerade seine nicht politische Gcmcindcpolitik als seine Praxis zu seiner Theorie! Nun kurzum, wir wurden wegen des — Preises nicht einig; denn ich bin ein — Commcrricnraw! und ich hielt den Vortrag zum Glücke meiner andächtigen Zuhörer nicht. Und wie liberal im liberalsten Sinne sind doch seine Ideen über Gcmeindcrccht — denn er führt sie zurück ans die Ucberlicfcrungen der Väter, auf den Geist der Thora. In ihr findet der Einzelne seinen Wert. Das „Volk" seine Bedeutung. Da sehen wir überall, wie die Fürsten zurücktreten und das Volk souverain ist. Ist doch das jüdische Gesetz nicht seinen. F-ürsten und Priestern überantivortet. „Es ist in seiner Gesamtheit ein Reich von Priestern und ein heilig Volk." Und „Am" heisst vor allem die Brzcichnnng, mit der Israel als Volt seinem Gotte geheiligt >vird. Eine soziale Genossenschaft soll cs sein. Die Tcmolratic im jüdischen Volke ist jm edelsten Sinne sozial und darum ist sie. gerade keine Sozialdemokratie des zwanzigsten Jahrhunderts. Ich habe mir nie erklären könne», wie cs möglich ist, das; jemand, der politisch sozialdemokratisch wählt, i» jüdischer Gemeinde- Politik ini besten politischsten Sinne ei» die Rechte der Gemeinde verletzender Vorsteher sein kann. Jüngst gab mir gelegentlich ein hoher Rcgieruiigsbcamter den Schlüssel zu diesem Rätsel. Er sagte mir: „Der Radikalismus ist immer fanatisch." Und diesen Fanatismus trägt noch immer unsere Zeit! Sollte man doch vom jüdischen Sinne der sortschreiteuden Entivickclung zu dem uns winkenden Ziese des Thora-Ideals an allererster Stelle erwarten, das; es die Bande», die ihm ein zivcites „Golus" aufcrlegen, abschüttclc! Ein Judengesetz, >vie wir cs haben, und wie es im großen Ganzen napokconischen Ursprungs ist. Passt nicht mehr für die Zeit der sozialen Gesetzgebungen. M a n merkt ihm an, d as; es 1847 u nd n i cht 1848 zu m Ge - setz erhoben wurde. Es passt ja überhaupt nicht mehr für Vereinigungen, die lediglich religiöser Natur sind. Es ist zum Zwecke der Zusamnicnsassung der Juden in „Judenschaftcn" in politischer Hinsicht zu verstehen! Sieben Vorsteher und 21 Repräsentanten entscheiden über das Wohl und Wehe der Gemeinde! Und wie entsteht dies .Kollegium? Durch die nach Stcnerquote» klassifizierte Gemeinde! Das Gros der Gcmciiide, die weitaus größte Majorität kann etwas ganz anderes wolle», sie wird einsach ignoriert! Gcschiveige denn, wenn eine Minorität sich untcrsangen wollte, ganz ungehorsamst anderer Meinung zu sei»! Wer sitzt aber in diesen Verwaltungskörperschastcn? Etwa Männer, denen im Leben ait dieser jüdischen Gemeinde und deren lediglich religiösen Zwecken etwas gelegen ist? Nein, das sind ja zumeist die minder Begüterten und sic haben ja keinen Anspruch aus Sitz nnd Stimme in der Verwaltung der ihnen ernstlich. heiligen Institutionen. Sie müssen sich ihre nur von i h » e n benutzten Anstalten, an denen nur s i c Interesse hege», sich — ja gegen sich verwalten lassen von Männern, die diese Anstalten erst mit dem Augenblick haben nennen hören, mit dem ihnen der.„Ehrenposten" untertänigst angctragcn wurde. Vor unsere» nichtjüdischen Mitbürgern müsse» wir uns ja schäme». Und wir wollen das Volk der Religion xar exvollsnee sein: „Aber es können ja nur unabhängige Männer Mitglieder der Verwaltungen sein," so hört man Frankfurter Israelitisches Familienblatt. sagen. Denn sic allein werden cs wagen, ihre Stimme nach bestem Wissen und Genüssen abzugebe». O, wie anders ist cs in Wirklichkeit. Ich wage den Satz — ich spreche nur von ehrlichen Ai enschcn —. Die innere Unabhängigkeit des Menschen steht im umgekehrten Verhältnis zu seiner äußeren „U n a b - h 8 n g i g k e i t." Sehen wir das nicht im Politischen Leben genau so? Der heutige Arbeiter zeigt doch wahrhaftig mehr Rückgrat als der Rittergutsbesitzer. Nach vbcü nimmt der Grad ab. Der angestcllte Kaufmann z. B. ist schon viel devoter und wenn sein Herr Prinzipal Repräsentant werden möchte und der Kommis wird zur Wahlurne abkommandicrt, heisst cs: „Des; Brot ich esse, des; Lied ich singe." Nun weiter im eigentlichen Stand, der das Kontingent der Wähler für die jüdische Gemeinde stellt. Da gibt es so mancherlei geschäftliche Rücksichten die nicht abnchnic», sondern w a ch s e n mit der Größe des Geschäftes und der Höhe der sozialen Stellung. Und >vie herrlich leuchten doch die goldenen Worte der Thora uns entgegen, 5. B. M. ,1, 7: Achtet teilt Ansehen im Gericht, Kleines wie Großes habt ihr zu hören, habt euch vor niemandc m zu fürchten, de u n das Gericht i st Gotte s." In dem GemeindesitzungSsaal einer bekannten und altbcrühmten Gemeinde Mitteldeutschlands hat eine jüdische Erkenntnis wahrhaften Fortschrittes diese Worte an die Wand geschrieben. Wie groß stünde gerade heute das Judentum da, wo die Welt solche Worte zu verstehen beginnt! Unsere das goldene Kalb umtanzcndc Väter, haben es sicherlich noch nicht begriffen — und wie wenige ihrer Söhne verstehen cs heute. Die Thora und alle die, welche in ihrem Sinne Gemeinden zu schassen sich mühten und diese Gemeinden mit humanen nnd rechtlichen Gesinnungen zu durchhauchen bestrebt waren, haben sicherlich nicht gewollt, daß das Geld auch ans d c m Gebiete herrschen sollte, woselbst - es noch stets die grösste Verwirrung und die ödeste Vernichtung angcrichtet hat. Da ziehen sie vom Lande in die Stadt. Da draußen war der ganze „Ort" von ihnen abhängig. Tie waren die geborenen Vorsteher. Wer wagte ihnen zu widersprechen?! Der blaue Mittet wird mit einem Frack vertauscht oder die „Elle" mit einem Rcntncrspazicrstock. Doch ändert sich der Mcnsch? Kann er sich ändern, weiß er Besseres? Er wird „gewählt". Und nun wird die Sache „gemacht" Kraft aller zu Gebote stehender Autokratie. Oder man ist Parvenü. Vor zwanzig Jahren noch „bcdallcs" und heute in der Verwaltung .mit allen Eigenschaften, die man an Emporkömmlingen gewohnt ist. Geehrter Herr Redakteur! Ich versichere Tic, ich habe an keine spezielle Stadt, an keine Gemeinde, an keine Personen gedacht. Und doch mögen Sie meine Zeichnungen einmal nehmen nnd sie mit Ihnen belannten Originalen vergleichen. Zeigen Sic aber bitte nicht mit dem Finger; ich habe ihn wirklich nicht gemeint. Wollen Sic aber etwas tun zur Heilung dieses Uebels an dem wir leiden, das die Betätigung der großen sozialen Idee des JndentninS hindert, das die Entwickelung anshält, dann klären Tie das Volk auf. Weisen Sie cs hin ans jenen großen Forscher des Judentums, dessen unsterblicher Name mit den glorreichen Mauern Ihrer Stadt verbunden ist. Wecken Tie auch dort seinen großen Geist, ans daß die Jugend nicht vergesse, was ihre Ahnen gewollt nnd lassen Sie in alle Welt hinanSklingcii dieses großen Mannes Prinzipien, welche die unverfälschte» Idee» der Thora sind-vielleicht weckt in diesen Trauerwochen der völlige Bankerott des Machtnnd Gewalt-, des Politiknnd Diplomalicstaatcs unserer Altvordern eine leise Ahnung von dem Rcchtsstaate, den das Judentum hätte gründen müssen und der in jedem einzelnen jüdischen Gemeinwesen sein Bild im Kleinen sehen müßte. Ihr ergebener X. X. Losvdsr. Losvder. Solei und Pension Parkhaus Bad Harzburg. Schönste Lage. — Vornehmes Etablissement I. Itiinges. — 40 Salons. Illustrirte Prospecte gratis und franko. Nr. 26. Briefkasten. T r e »er Lese r. H e r z l war am 2. Mai 1800 in B n d a P e st geboren. Nach Absolvierung seiner Univcrsitätsstudicn wandte er sich der Journalistik zn. Er wählte als Wohnsitz P a r i s, wo er die Wiener „Nene Freie Presse" vertrat, deren Feuilleton- Redakteur er später wurde und bis zn seinem Tode geblieben ist. Familiennachrichten. (Aufnahme in diese Rubrik kostenlos.) Geburten. Ein Sohn, Herrn Leon Scligsbergcr, Fürth i. B. Verlobte. Olga Strauß, Augsburg, mit Leo Rcitlinger, Schwabmüchen. Paula Birn, München, mit Richard Leitncr, München. Rosel Mainzer, Pfungstadt, mit Dr. Sicgfr. Fackenheim, Kassel. Stervefälle. Markus Cahn, 73 I., Frankfurt a. Ai., Ostendstraße 20. __ Rosine Straus; geb. Map, Wwe., 5(5 I., Frankfurt a. M., Röderbergweg 62. Gustav Stern, Mainz. Ignaz Reiner, München, 58 I. Barmizwohs. (Ohne redaktionelle Verantwortlichkeit. Wir bitten um gesl. Mitteilung der Barmizwohs; die Ausnahme geschieht kostenlos.) Samstag, den 9. Juli, Barmizwoh des Friedrich BIcibtrcu, Sohn des Herrn N. Bleibtreu, Ostendstrasze 10, in der Neuen Gemeinde-Synagoge am Börncplatz. Das „Frankfurter Israel. Familienblatt" kostet: Frankfurt a. M. (durch Postkarte bei der Geschäftsstelle des „Frankfurter Israel. Familienblattes" zu bestellen) Mk. 1.— frei ins Haus pro Vierteljahr. Auswärts (am Postschalter zu bestellen) Mk. 1,02 einschließlich Bestellgeld pro Vierteljahr. Auch im Auslände nehmen sämtliche Postanstalten zu dem gleichen Preise — in. Landesmünze umgcrechnet — Abonnements entgegen. Bei direktem Streisbaud-Bczug von der Geschäftsstelle des „Frankfurter Israel. Familienblattes": in Deutschland Mk. 1,50, Oesterreich- Ungarn Kr. 2.—, Rußland Rubel 1.—, Holland fl 1,25, Frankreich, Schweiz, Belgien, Italien Frcs.. 2.50 vierteljährlich. Wochen-Kalender. Samstag, den 9. Juli. Wochenabschnitt: Llataus, Masai. Sabbath-Ausgang in Frankfurt a: M. 9 Uhr 35 Min., Berlin 9 Uhr 27 Min., Straßburg 9 Uhr 25 Min. Kaiser Friedrich Quelle -OlTcnbacli a. 31.- Vornehmstes Tafelwasser. 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