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Neue jüdische Presse · 1904-07-08 · Heft 26 (8.7.1904) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 26 (8.7.1904)
Date
1904-07-08
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 26. Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. mütterliche Liebe, welche das Kind behütet, die das Leblose durch den Zauber des Märchens, der Erzählung lebendig macht. — Er hatte nun gar keinen Familienverkehr mehr. Seine Verwandte Löser hatte er trotz wiederholter Einladung nicht besucht. „Ich will nicht familiensimpeln" sagte er sich, aber her wirkliche Grund war, daß er das glückliche Familienleben nicht sehen wollte. Die Familie Weber hat er — außer Fritz — nicht wieder gesehen. Frau Weber hatte damals ihren Kindern den Inhalt ihrer Unterredung mit Kurt erzählt. „Fanny, Du hast ihn vielleicht doch verkannt. Wer bei diesem Mangel an Erziehung und bei dieser Lebensweise noch ein tüchtiger, energischer Kaufmann ist, in dem muß ein guter Kern sein. Siehe, es hat ihn doch zu uns hingezogen und Du hast verschuldet, daß er uns nicht mehr besucht, cs tut mir leid für ihn." Fanny ging schweigend aus dem Zimmer. — Kurt war seiner bisherigen Lebensweise müde geworden und mied seine Kumpanen. Nun ging er in's Theater oder las in irgend einem Cafe Zeitungen. Einigemal in der Woche kam er mit Fritz Weber zusammen, und der Verkehr mit diesem wirklich gebildeten, charakterfesten Menschen wirkte ivie ein Jungbrunnen auf ihn, ward ihm geradezu unentbehrlich. Eines Abends saßen die Freunde wieder zusammen und Fritz erzählte, cs sei ihm eine einträgliche Stelle in Berlin angeboten worden. „Und nimmst Du sie an?" „Ich bin noch nicht entschlossen meiner Eltern wegen. Meine Mutter sagt zwar, ich solle auf sie keine Rücksicht nehmen und nach Berlin gehen, wenn dies meinem Fortkommen förderlich sei." „Deine Mutter ist eine herrliche Frau, Ihr seid zu beneiden." Fritz entgegnete in warmem Tone: „Darin muß ich Dir voll und ganz beipflichten. Was ich und Fanny geworden sind, verdanken wir nur unserer Mutter. Unser armer kränklicher Vater konnte nicht viel verdienen, und trotzdem ermöglichte die Frau durch ihre Willenskraft, ihren unermüdlichen Fleiß, uns ausbilden zu lassen. Und sie regiert und verwöhnt uns heute noch."' Sfiirt brütete lange vor sich hin, plötzlich begann er: „Weißt Du Fritz, wenn man einsam ist, wie ich und stets seinen Gedanken nachhängt, wird nran des Lebens überdrüssig. Für meine Mutter habe ich gesorgt. Wenn ich sterbe,. werde ich von niemanden entbehrt werden." Fritz rief entsetzt: „Kurt, was fällt Dir ein?" Dieser fuhr düster fort: . „Jeder Mensch hat ein Liebes auf der Welt, woran er mit allen Fasern seines Herzens haften kann, nur mir ist cs versagt. Mein Verhängnis ist, daß ich alle Jene, die nur wahrhaft Wohlwollen, und die mir vielleicht teuer geworden wären, zurückstoßc. Du bist der Einzige, mit dem mich eine wahre Freundschaft verbindet, bist mir wie ein Bruder, und nun wirst Du mich auch verlassen. Als kleiner Knabe fühlte ich mich wohl in Eurem Hause. Wäre mir der Verkehr mit Euch erhalten geblieben. Deine Mutter, die einfache, edle Frau hätte mit ihrem guten Einfluß auf mein ganzes Leben wohltätig eingewirkt. Doch es hat nicht sollen sein." „Kurt, Mensch, laß' die Grillen. Ich bleibe doch mindestens noch ein halbes Jahr hier und die Erziehung meiner Mutter kannst Du heute noch haben. Du besuchst uns morgen wieder und es müßte sonderbar zugehen, wenn Du bei uns Deinen Spleen nicht los würdest." „Nein Fritz, das ist vorbei und Du weißt auch weshalb. Es tut mir wirllich leid, daß ich Deine Eltern nicht mehr sehen kann, aber in Euer Haus gehe ich nicht mehr." Und er erhob sich. „Starrkopf. Dann wollen wir morgen Abend in das philharmonische Konzert gehen, vorläufig wirst Du mich noch nicht los." — Am Tage nach dieser Unterredung verließ Kurt wie gewöhnlich um sieben Uhr sein Bureau. Da begegnete ihm Fanny Weber. Ms er das schöne Mädchen sah, das mit seinem leichten stolzen Gang ihm entgegen kam, wurde er um einen Schein bleicher und wollte mit einem höflichen Gruße Vorbeigehen. Sie aber blieb stehen und sagte in sanftem Tone: „Wollen Sie nicht die Güte habe», mich einige Schritte zu begleiten?" Er blickte überrascht auf, verbeugte sich stumm und blieb an ihrer Seite. Sie gingen einige Schritte schweigend nebeneinander, da begann sie: „Sie sollten doch die Meinen nicht entgelten lassen, Herr Ehrmann, wenn Sic sich von mir verletzt glauben. Meine Eltern vermissen Sie. Besuchen Sie uns doch tvieder." Kurt erkannte, daß Fritz die Unterhaltung des vergangenen Abends den Seinen erzählt hatte. „Gnädiges Fräulein, ich bin Ihnen dankbar für Ihr Milleid, aber ich habe für Sie zuviel Antipathisches, was Ihre Rüge, Ihren Tadel herausfordert. Und da ich wohl zu alt bin, mich zu ändern, andernseits mir die Höflichkeit verbietet, Ihre Eltern zu Zeugen unseres ständigen Streites zn machen, bleibe ich besser fern.' Vielleicht gewährt cs Ihnen Genugtuung, wenn ich Ihnen gestehe, daß ich Ihr gastliches Haus sehr vermisse." „Erfreuen Sie doch meine Eltern durch Ihren Besuch. Sehen Sic, man muß alte Leute nicht Ivartcn lassen. Meine Ihnen so unerwünschte Gegenwart soll Sie dann nicht lange stören." „Ihre Eltern werden mich kaum entbehren. Sie leben nur für ihre Kinder, gehen so in ihrer Liebe ür sic auf, daß sie Fremder wahrlich nicht bedürfen. Und Fritz sehe ich ja häufig." „Herr Ehrmann, wenn ich Ihnen nun gestehe, daß ich selbst mir Vorwürfe mache. Sie von uns vertrieben zn haben, grollen Sic mir dann noch, immer?" „Ich zürnte Ihnen niemals. Ich begreife, daß meine Zerfahrenheit, mein Mangel an jeglichem Gottesglauben abstoßend auf Sic wirken muß. Sie brauchten ja nicht zu bedenken, daß ich nur das Produkt meiner Erziehung bin, ich habe kein Recht, von Ihnen 'Nachsicht, Schonung zu verlangen. Allerdings hätten Sie den Widerwillen, den Sie gegen mich hegen, nicht so deutlich zu zeigen brauchen. Auch ohnedem war ich unglücklich genug, da ich bei Ihnen lernte, daß ein tugendhaftes, reines Mädchen, wie Sie, mich verachten muß." ^erachten!" rief sie fassungslos. „Als Sie uns damals verließe», fühlte ich, daß ich zu hart gegen Sie gewesen bin. Aber was mir bei Andern gleichgültig war, bei Ihnen konnte ich cs nicht ertragen. Wenn ich Sie niit Ihrem leeren Gcinütslebcn prunken sah, krampfte sich mir das Herz zusammen. Mögen Andere, mögen die Herren Ihres Bekanntenkreises sein, wie sie wollen, — Sie wollte ich an Charakter so vollkommen sehen, wie Sie es an Geist sind." Während der Unterhaltung waren sie im Stadtpark angelangt und wandelten nun in den menschenleeren Seitenwegen. Er sah vor Erregung bebend in ihr flammendes Antlitz. ' „Fräulein Fanny, ich beschwöre Sie, spricht nur das Mitleid aus Ihnen?" „Und als Fritz uns gestern Mend von Ihren düster» Reden erzählte, uns das Schrecklichste ahnen ließ, da hatte ich nur noch einen Gedanken, Sie zu sprechen. Sie zu retten — oder mit Ihnen unterzugehen." Wie von einer inneren 3)lad)t getrieben, hatte sie gesprochen. Nun stand sie da, die Wangen von mädchenhafter Scham gerötet, mit Augen, aus denen Angst und Liebe sprachen. Er faßte ihre Hand mit krampfhaftem Druck. „Fanny, als ich mich in Groll und Liebe verzehrte, als ich mich von Dir gehaßt wähnte, dachtest Du in Liebe an mich?" Er zog die Erglühende an sich, sie widerstrebte nicht und ihre Lippen begegneten sich im innigen Kusse. „Und Du kannst mich mit all' meinen Fehlern lieben. Du Süße!" „Ich liebte Dich immer und wollte gegen meine Liebe ankämpse». Aber als Fritz uns erzählte, ivie unglücklich Du warst, fühlte ich, daß meine 'Seele unauflöslich an Deine gekettet ist." Der in seinem Lebe» zum ersten Male Glückliche sagte: „Geliebte, Du hast mich vom Abgrund gerellet. Nein, ich bin noch nicht zu alt, ein Anderer zu werden. Die letzten Worte meines sterbenden Vaters haben die Umwandlung begönnen und Du, Edle, wirst sie vollenden." — Die Elter» schallten erstaunt auf, als Fanny den lange Ferngcbliebenen in ihr Haus brachte. Aber wie stieg ihre Verwunderung, als nach den ersten Begrüßungsworten Kurt sie ohne Umschweife um ihren kostbarsten Schatz, um die Hand ihrer Tochter bat. Frau Weber küßte ihre Tochter, die sie umarmt halle und sagte: „Kurt, Sie waren aus schlimmem Wege. Goll hat die Erkenntnis davon in Ihr Herz gelegt, es wird weiter gut gehen." Der Vater aber begann, Kurt in Punkto des Jüdischen auf den Zahn zu fühlen, kam jedoch zu einem sehr unbefriedigenden Resultat. Kurt sprach: „Ich lasse meiner Fanny vollkommen freie Hand, unser Hauswesen so religiös einzurichten, wie sie cs erforderlich hält. Da mir das jüdische Familienleben bis jetzt gänzlich fremd geblieben ist, will ich die Wonne der Häuslichkeit von jetzt an voll und ganz auskosten. Sie sollen sich immer gemütlich und heimisch bei uns fühlen. Auch werde ich mich bemühen, in Ihrem Sinne als Jude zu leben. Lassen Sie sich das vorläufig genug sein, lieber Vater." Weber brummte etwas, gab sich aber zufrieden, da er seine Frau zufrieden sah. Frau Weber aber, der Fritz die Entfremdung zwischen Kurt und seiner Mutter erzählt hatte, sprach: „Kurt, Fanny darf nur dann mit Dir unter die Chuppc gehen, wenn Du sie von der mütterlichen Wohnung aus holst. Du sollst mit. Deiner Mutter Frieden schließe». Nur dann wird Deiner Ehe der Segen nicht fehlen." Kurt erwiderte finster: „Mein Herz schlägt nicht für meine Mutter, ich möchte auch bezweifeln, daß meine Verlobung sie mehr interessiert, wie andere Ereignisse meines Lebens. Ich erfülle ineine Pflichten gegen sic in vollem Maße, aber auf meine Liebe hat sie keine» Anspruch." „Wann hast Du sie zuin letzten Male besucht?" „Vor etwa vier Wochen, es war uns beiden leinlich." „Sollte Dein Glück Dich nicht versöhnlich stimmen? Deine Mutter hat gewiß gefrevelt, wie so manche genußsüchtige Frau in unserer Zeit. Aber ie hat auch jetzt in ihrer Einsamkeit dafür gebüßt ind Du als Sohn hast sie nicht zu richten. Soll ie mich beneiden?" Fanny schmiegte sich an Kurt und bat: „Geliebter es würde einen Schatten auf inein Glück werfen, wenn ich Deine Mutter verbittert und einsam wüßte. Ich bitte Dich, sei versöhnlich." Kurt kämpfte mit ,sich. Er blickte Fanny an und Frau Weber die Hand reichend, sprach er: „Morgen gehe ich zu meiner Mutter, bei ihr zu bleiben bis zu. imserer Hochzeit." — Frack - Ehrniann hatte in den letzten Monaten rasch gealtert. Des Trauerjahres wegen verbot sich der Besuch von Theater und Konzerten von selbst, ie trug aber auch kein Verlangen mehr danach. Den Verkehr mit ihrer frühere» Gesellschaft schränkte sie sehr ein. So war sie viel allein. Da sie wegen eines Augenübels bei Lampenlicht nicht lesen durfte, ivarcndic Abendstunden schrecklich für sie. Sie saß allein im einsamen Gemach, zurückdenkend an die früheren, glücklicheren Zeiten, da alles geräuschvoll und lebendig um sie war. Dann dachte sie aber auch an ihren blondlockigen Knaben, wie er einmal gefleht: „Bitte, Mama, bringe mich doch zu Bett, ich bin doch auch Dein Kind," und wie sie ihm diese Bitte verweigerte, um sich in ihrem äußeren, geräuschvollen Leben nicht stören zu lassen, und wie er von da an nicht wieder eine Zärtlichkeit von ihr heischte. Und dann sah sie ihren Sohn wieder als Jüngling, mit blassen Wangen und übermächtige», dunkel umränderten Augen; „Mutter, und wenn ich so geworden bin, ist cs Deine Schuld!" Und jie hörte diese Worte immer wieder und sie sagte sich unter heißen Tränen: „Meine Vereinsamung, mein Schicksal ist verdient, ich bin nicht würdig, den heiligen Mutternamen zu führen." Sie empfing mit scheuer Dankbarkeit die Besuche ihres Sohnes. Sie wagte nicht mehr, ihn nach seinem Tun und Treiben zu befragen, da er sic beim ersten Versuche darob verwundert angeschaut und ihr kurzen Bericht erteilt hatte. (Schluß folgt.) _ _ Raschi, (Rabbi Salomo Jtzchaki) sein Leben und Wirken. (Zu seinem Todestage, 29. Tamus/l2. Juli) Von DJi. I. G-n. Stelle dir Zeichen auf,.richte dein Augenmerk auf die Straße, den Weg, de» du gegangen (Jeremias 31, 21). Nächstes Jahr wird die Sonne zum a ch t h u n - d e r t st e n Male ihren Kreislauf beendet haben, seitdem einer der größten Geister des' dritten Exils, R a b b i S a-l o m o b. Isaak, gemeinhin R a s ch i genannt, das Zeitliche gesegnet hat. — Wir Juden sind von jeher sehr sparsam gewesen mit Ehrenbezeugungen gegen unsere Große» oder deren Andenken. Der achthundertjährigeTodcstag Rabbi Isaak 8l l f a s i' s, gleichfalls eines „Fürsten und Großen in Israel", der auf den 10. Sivan vorigen Jahres siel, wurde mit vollständigem Stillschweigen übergangen und selbst in gesetzestrcucn Kreisen gedachte man bei diesem Anlaß des Vaters der „Poskim" (Decisoren) mit keinem Worte. Auch ein so seltener Tag, wie der 1000jährige Geburtstag des Begründers der jüdischen Religionsphilosophie, Rabbi S a a d i a b e n I o s e pH G a o n, der 1892 fällig war, wurde nicht gebührend gewürdigt. Wenn dieses Verhalten unseren großen Lehrern und Meistern gegenüber in den Tagen des abgeschlossenen Ghettolebens, wo ihr Geist noch in jedem Inden lebendig war und die ununterbrochene geschichtliche Continuität einer Jahrhunderte langen Beschäftigung mit Thorastudium und eines unvergleichlich heroischen religiösen Enthusiasmus zwischen Vorfahren und Nachkommeu ein unzerreißbares Band des Zusammenhanges gesponnen hatte, eher ein Vorteil, als ein Nachteil war — entgingen wir doch dadurch der Gefahr des Pcrsonenkulttis, von dem kaum je ein anderes, auch noch so zivilisirtcs Volk frei war — so würden wir uns doch heute, wo dieses eherne Band de» geschichllichen Zusammengehörigkeitsgefühls, namentlich in Westeuropa, so sehr gelockert ist, einer unverzeihliche» Indolenz und Interesselosigkeit anklagcn müssen, wollten wir es unterlassen, der hcranwach-

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