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Neue jüdische Presse · 1904-07-08 · Heft 26 (8.7.1904) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 26 (8.7.1904)
Date
1904-07-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 26. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 8. Tnincrnden, und daher war sein Herz auch besonders empfänglich für die große soziale Aufgabe, -ie unsere Anstalt zu leisten, sich gestellt hat. Er stand gemeinsam mit unserem nie ermüdenden Lorsisteiideu, an der Wiege unserer Anstalt. Er verfolgte mit inniger Liebe und Hingebung ihre Entwicklung, jtiifc wenn es galt, Vorurteile zu besiegen, Hindernisse 'hinweg zu räumen, da wußten wir, an wen wir uns zu wenden hatten. Doch ein solches Leben kann nicht umsonst gelebt sein! Seine Unsterblichkeit auf Erden liegt darin, das; es als leuchtendes Borbild in den Nachlebenden weiter fortwirkt. So soll daher auch diese Stunde, welche wir der Erinnerung an diesen edlen Dahingcschicdencn weihen, für uns segenbringend sein! Sie soll uns aus dem Bannkreise des eigenen Ich erheben, soll in uns das heilige Pflichtgefühl erwecken zur tätigen Mitarbeit für die leidende Menschheit. Diesen Kranz der Verehrung wollen wir dem teueren Mitarbeiter widmen und, Ivcnn in späteren Zeiten der «Legen unserer Anstalt allseitig erkannt sein und über die Fluren und Gefilde des Judentums sich ergießen wird, dann werden in segnender Erinnerung unsere Nachtommcn auch dieses Mannes gedenken, der an diesem großen Baue mitgcwirkt hat." Sodann ergriff.Herr Konsul Simon, der Vorsitzende unserer Anstalt das Wort und beleuchtete in herzlicher Weise das innige Verhältnis zwischen ihm und dem Berstorbenen. Redner führte aus, wie er vor einigen Jahrzehnte», nachdem er bei seinem längeren Aufenthalt in Amerika die Uebcrzeugung gewonnen habe, das; das Elend der osteuropäischen Juden nur zu lindern sei, wenn die Heranwachsende Jugend in wirksamer Weise zu körperlicher Arbeit erzogen werde, und daß eine solche Hilfsaktion das notwendigste Erfordernis im Judentum sei, sich an die verschiedenen ihm namhaft gemachten Philantropen in Deutschland gewandt habe. Damals war cs der Vcrsiorbene, der sofort die ganze Tragweite dieser Ideen begriffen und mit tatkrästigem Eiser an ihrer Verwirklichung mitgearbcitet habe. Das Land, auf dem die Anstalt errichtet wurde, hat er vorher mitbcsichtigt, und nach seinem Rat ist cs erworben worden. Als das Haus fertig war, — war er zur Stelle. Als die Anstalt im Anfang auf Vorurteile und Anfeindungen stieß, und man die Zöglinge, die man vorher zngesagt hatte, nicht geschickt wurden, weil man — wie cs hieß — erst Erfolge sehen wollte, war er es, der aus Leipzig sechs Knaben sandte, mit denen die Anstalt eröffnet wurde. Ihm, im Verein mit einigen anderen Freuden gelang es, durch unermüdliches Arbeiten der Anstalt immer Ivcitere Sympathiecn bei den deutschen Glaubensgenossen zu erwerben. Trotzdem er mit geschäftlichen Arbeiten überhäuft war, fand er stets Zeit, sein Interesse der Anstalt zu widmen. Seinen 60. Geburtstag feierte er hier in Ahlem, weil er sich hier so außerordentlich wohl fühlte. Als Alphvns Jacobson im März ds. Js. seine Reise übers Meer antreten ivvllte, verweilte er eine Stunde in Hannover, um mit seinem Freunde noch Über die Anstalt zu beraten, und hier sagte er diesem, daß dieses seine letzte Reise sein solle. Es war seine feste Absicht, sich nach seiner Rückkehr vom Geschäft zurückzuziehen und sich nur in den Dienst unserer Sache und der Wohlfahrtspslege im allgemeinen zu stellen. Leider ist cs ja wirklich seine letzte Reise gewesen! Wir könne», um sein Andenken gebührend zu ehren, nichts würdigeres Und besseres tun, als anstatt in müßiger Trauer um ihn zu klage», in rührigem, unermüdlichen Schaffen die Ideen, die auch er als die richtigen und nutzbringendsten erkannt hat, immer weiter zum Heile und Segen der gesamten Judciiheit auSznbreite» und ihnen Stätten der Verwirklichung zu schasse». Hierauf sprachen die Waisenknaben der Anstalt das Kaddisch-Gcbet. Znm Schluß sprach Herr A p e l t - Halle, der Schwager des Verstorbene», in tiefer Ergrissenhcit noch einige Dankesworte. Breslau. .Bor der Majestät des Todes sind alle Ni e n s ch e n gleich, und es sollte deshalb auch au f der Stätte d e S Todes das Prinzip der Gleichheit maßgebend sein." Wen» nnscre Kultnrjuden diese so logisch einfache Wahrheit in der indischen Vedda oder sonstwo lesen ivürden, dann dürste man darauf schwören, daß sic diesen Satz hcrausschreiben und als ein edles Fiel menschlichen Fortschrittes in Wort und Schrift erstreben würden. Da es aber nur Lehre und Brauch „indischer" Uebcrliescrung ist, die Ungleichheit des Lebens angesichts des gleich machenden Todes zu verbergen, so zuckt inan spöttisch die Achseln und kultiviert — als wäre cs znm Trotze — das Protzentum auf dem Friedhöfe in einer Weise, daß die armen Leute sich schämen zu sterben. Eine hübsche Illustration einer v o n j ü d i s ch e m Brauche gereinigte» jüdischen Gemeinde bot die jüngste Repräsentanten-Vcrsammkung der hiesigen jüdischen Gemeinde. Es stand da unter anderem ein „Harmonium" sür den Friedhof ans der Tagesordnung. Seine Anschaffung wurde damit begründet, baß ein großer Teil der Gemeinde-Mitglieder nicht in der Lage sei, die erheblichen Kosten sür den „Ehorgesang" bei Beerdigungen zu zahlen und daher gezwungen sei, auf die Mitwirkung des Chores zu verzichten. Es tpsfrde dghec dem Wunsch vieler Gemeinde - Mitglieder' entsprechen, wenn sie sich zur „weihevolleren Gestaltung der Beerdigungsfeier" statt des Chors einer anderen musikalischen Begleitung ohne erhebliche Kosten bedienen könnten; dies könnte durch die Mitwirkung eines Harmoniums leicht erreicht werden. Wer aber die nur 1”> ,l(. Gebühren hierfür auch nicht hat, der wird sang- und klanglos in die Gruft gebettet. Auch von den Preisen der Grabstätten war in dieser Sitzung die Rede. Von den nicht reservierten Sperrsitzen —, Pardon! Grabstätte» in irgend einer verlorenen Ecke wollen wir garnicht reden! Wer im Leben nie seinen Weg zu einem „reservierten" Platze gefunden hat, der soll auch im Tode zufrieden sein, wenn er irgendwo zwischendurch oder nebenbei hineingeschoben wird, klns gehen nur die Leute au, die berappen können, und diese bezahlen — nota bene, wenn sie in Breslau sterben: aber auch in Berlin, Köln und in noch manch' einer anderen Großstadtgemeinde mit Großstadtprciscn soll es nicht billiger sein — für: reservierte Grabstellen in lausender Reihe 72 Grabstellen in erster Reihe 120 Sondergräber 300 ../£, Erbbegräbnisse 600 Mark und Mausoleen 2-100 Jf. Wie ich soeben von wohlunterrichteter Seite höre, geht eine der größten Gemeinden Deutschlands — den Ort konnte ich noch nicht erfahren, nur soviel, daß der Präsident dieser Gemeinde Vorstandsmitglied von 36 jüdische» Organisationen, Gesellschaften und Vereinen sei und wegen seiner „großen Verdienste um das Judentum" schon bei Lebzeiten vom Mcisel verewigt werden solle — mit der Absicht um, demjenigen einen Preis von 1000 ,lt. zu gewähren, der in irgend einer ihrer Institutionen noch eine Spur vom Judentume sände. Hameln (Hannover). Am 26. v. M feierte die iüdische Gemeinde Hameln die Wiederkehr des Tages, an dem vor 23 Jahren die Einweihung der Synagoge stattgesunden hatte. Unter Teilnahme von Mitgliedern der städtischen Kollegien wurde morgens in der festlich geschmückte» Snnagoge ein feierlicher Gottesdienst abgehalten. Nachmittags versammelten sich die Festteilnehmer zu einem gemeinsamen Mahl. Nach Begrüßung der Gäste durch den ersten Vorsteher Herrn Michaelis, der auch schon vor 23 Jahren dieses Amt bekleidete, brachte Lehrer B a ch r a ch den Kaisertoast aus. Rcchtsanlvalt R o s e n b e r g begrüßte hierauf die anwesenden Vertreter der Stadt Hameln, worauf «-tadtsyndikus Sertürner mit anerkennenden Worten des Vorstandes und der übrigen Vertreter der Gemeinde gedachte. England. London. Bei dem Untergänge des dänischen Dampfers „Rorge", der aus der Fahrt von Kopenhagen nach Newhork begriffen war und auf dem Felsen Rockall strandete, wurde von 2 3 6 polnischen Jude n nur einer gerettet. Italien. Rom, 2. Juli. Heute besuchte der König die neue Synagoge im alten Ghetto am Lungotevere. Er kam mit einer .Kürassiereskorte bereits morgens um 3 Uhr an, besichtigte den Bau eingehend, unterhielt sich mit den geladenen Mitgliedern der Gemeinde und schrieb sich als Erster in das Besucher-Album ein. Die Einweihung des neuen Tempels, dessen Bau drei Fahre gedauert hat, findet am 27. Juli statt. Rußland. Petersburg. Unter den in der Schlacht bei Kiulinchcng Gefallenen soll auch ein Sohn des zu trauriger Berühmtheit gelangten Gouverneurs von Kischinew, von R a a b e n , gewesen sein. — Ein Korrespondent des „Rußj" berichtet über einen jndi - s ch e n A r z t ans de m Kriegsschauplätze: „Ein Arzt des ersten Detachement des Roten Kreuzes hat in der Schlacht bei Wa-Fang-Kau sich nicht zurückziehen wollen und antwortete auf die gemachten Vorstellungen: „Ich werde das Schlachtfeld verlassen, nachdem ich die Wunden aller Soldaten verbunden haben werde." Der Doktor ist aus Kiesf und ich habe die Ehre, der „Nowoje Wremja" zu melden, daß er einer von den „schmntzigen Juden" ist." Warschau. Aus Krementschug teilt man mit, daß eine allgemeine Ge sch ü f ts k r i s iS dort herrscht. Die Notare sind mit Protestwechseln überhäuft, fortwährend laufen Berichte von Zahlungseinstellnngen großer Firmen ein, daS Diskontogeschäft ist fast eingestellt. Der Handel stockt vollständig, selbst die Lebensmittelgeschäfte klagen über Kaufmangel. — Die gleichen Nachrichten kommen ans den beide» größten Fabrikstädten Rußlands, Lodz und T o - m a s ch o w, wo viele Fabriken ihre» Betrieb ans Arbeitsmangel eingestellt haben und die wenigen nvch arbeitenden ihre Leute nur noch an 1 Wochentagen und da nur während 6 Stunden täglich beschäftigen. Wie aus der russischen Presse ersichtlich, sind die Folgen der Krisis im Ansiedlungsrayon am schlimmsten, in welchen schon in normalen Zeiten die Not bei dem sogenannten jüdischen Mittelstände, bei den jüdijchen Handwerkern und Arbeitern ein häufiger Gast ist. Nach Hunderten zählen die jüdischen Familien, die buchstäblich dem Hungertode ausgesetzt sind. Wilna. Wie man in Rußland zum politischen Verbrecher wird. Im Gefängnis zu Wilna befinden sich z. Z. vier Juden, die zu Verbannung nach dem ferne» Norden Rußlands verurteilt sind. Das sind: 1. Chaim Seif, 5!» Jahre alt„ Ackerbauer, Vater von 3 Kindern, Analphabeth (d. h.: er kann nicht lesen noch schreiben); 2. Fankel Seif, Ol Jahre alt, Krämer', hat 2 Kinder und eine alte Mutter, Annlphabeth; 3. Noschil Sesi, 33 Jahre alt, hat 2 Kinder und eine schwangere Frau, Händler und 1. Abram Seif, 63 Jahre alt, Glaser, 5 Kinder, Analphabeth. Ihr Verbrechen besteht in folgendem: Im April 1903 nahm ein Urjadnik (eine Art Landgendarm) unter dem Borwand, einen Pferdediebstahl aufzndecken, beim Jankel Seif eine Hanssuchung.vor, aber ohne Erfolg. Während der Hanssuchnng nahm er dem Jankel Seif verschiedene Sachen im Werte von 100 Rubel, und dessen Sohne Noschil 113 Rubel bar ab. Nach einiger Zeit forderten die Leute ihre Sachen und ihr (Mb vom Urjadnik zurück. Er aiitwortete aber, er hätte ihnen garnichts genommen. Da reichten sie eine Beschwerde, unter Anrufung von Zeugen, an den Generalgonverneur ein. Eine Antwort blieb aus. Sie reichten eine neue Beschwerde, diesmal an den Staatsanwalt des Kreises, ein. Der Staatsanwalt beauftragte einen Polizeibeamten, die Sache zu untersuchen. Dieser ließ die Seifs zu sich kommen und untersagte ihnen, weitere Beschwerden einzureichen, sonst werde er ihnen etwas einbrocken, woran sie ihr Leben lang zu verdauen haben werden. Die Seifs wollten indes auf ihr Recht nicht verzichten. Dann machte der Polizeibeamtc, im Bunde mit dem erwähnten Urjadnik, Anzeige bei dem Gouverneur von Wilna, alle die Seifs beteiligten sich an politischen Unitrieben, beherbergten politisch Verdächtige u. a. in. Infolgedessen werden jetzt die obengenannten vier Männer ohne jede weitere Erörterung der Sache nach Gonvernement Archangelsk („ferner Norden") für 3 Jahre verschickt. Die zurückgebliebenen Familien sind aller Existenzmittel bar. — So «geschehen im Jahre der vielgerühuiten Plehwesche» Reformen. China. Haitscheng. Vom Kriegsschaup latze. Nach der Schlacht bei Wafangou kamen nachts zwei Soldaten zum Arzte Liven und baten ihn, ihnen Sanitätspersonal zuzuteilen, sie wollten einen ihrer Kameraden, einen Inden, ans dem Schlachtfelde aussuchen. Sie behaupteten, daß derselbe noch lebe und daß man ihn noch retten könne. Bier Mann hoch ginge» sie ihn suchen, stießen dort auf Japaner, welche ebenfalls die ihrigen mit Laternen aussiichteii. Sich vor dem Feinde versteckend, gelang es ihnen nach mehrstündigeii mühseligen Aiistrengiiiigcii, bcii Kameraden zu finden: sie hoben ihn auf die Schultern und freuten sich seiner, wie man sich seines eigenen Bruders freut. — In den Schlachten vom 11. und 15. Juni zeichneten sich Juden durch hervorragende Tapferkeit ans. Personalien. Berlin. Der Direktor der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft Felix D e u t s ch ist zum K o in merzt e n r a t ernannt worden. Stadtrat M u g d a » hat den Roten Adlero r d e n 1. Kl. erhalten. Tilsit. Rabbiner Dr. Ehrlich hat die russische große goldene M e d a i l l e am Bande des St. Stanislniisordens erhalten. Neustadt in Oberschlesien. Am 28. v. Mts. starb im 69. Lebensjahre der hiesige Kommerzienrat und Stadtrat A b r n h a m F r ä n k e l. Der Verstorbene war seit 20 Jahren der Vorsitzende der hiesigen Synagogengemeinde. Elbing. Als Gemeindevertreter der jüdischen Gemeinde wurden gewählt: Gustav Jacoby, Kaufmann Lesse r, Rechtsanwalt Aron, Levy, Alexander M ü l l c r und Dr. Simon, als Stellvertreter : Oskar L e w i n s k i, Po in in e r a n z und E. F l a t o w. Ungleiche Bahne«. Eine Geschichte aus dem Leben. Von Jacob Levy. (Fortsetzung.) ll. Kapitel. Kurt hatte die elterliche Wohnung verlassen. Er konnte ungerührten Herzens, trockenen Auges ausziehe». 'An den Räumen, in denen er als Kind gespielt hatte, in denen er groß geworden war. hafteten keine süßen Erinnerungen sür ihn. Sie waren nicht verklärt durch die Poesie der Klnderzeit, durch die

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