Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 26 (8.7.1904)
- Date
- 1904-07-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. bis zur höchsten Spitze, große Lebenserfahrung und Klugheit mit der reinsten kindlichen Naivität, und er war so der Nationaltypus des jüdischen Volkes. Am Sonntag, den 20. Tamus, drei Tage nach dem Tage, an dem vor nun mehr fast 2000 Jahren der Schlußakt der Tragödie begann, die mit der Zerstörung des jüdischen Reiches endete, hat nach des Weltenrichters unerforschlichem Ratschluffe Theodor Herzl seine reine und große Seele ausgehaucht. Wir stehen nun trauernd an seiner Leiche! Wir scheiden trauernd von feiner Bahre, und wir werden diese Trauer mit uns nehmen, bis auch uns der kühle Rasen deckt. Aber Euch, die Ihr ihn nicht von Angestcht zu Angesicht gesehen, die Ihr nie in dem Bannkreis seiner bezaubernden Persönlichkeit gestanden und den harmonischen Klang seiner stets durchdachten, stets ruhigen, festen und zielbewußten Worte vernommen, Euch möchten wir es zum klaren Bewußtsein bringen, was Theodor Herzl seinem Volke gewesen. Mit lauter Stimme, mit Trompetengeschmetter, mit Donnergetöse möchten wir es Euch znrusen, daß es durchdröhne Euer innerstes Mark: Seht, einen Mann hat das jüdische Volk verloren, wie es nur wenige gab in Israel zu allen Zeiten und unter allen Völkern! Haschern jenachem es amau umoclio dimoli meal kol ponim! * * * Wien, den 4. Juli. Dr. Herzl litt schon seit zwei Jahren an Herzbeschwerden, an den Folgen der Verwachsung des Herzens mit dem Herzbeutel. Ms Folge davon traten bei ihm auch Stauungserscheinungen und Unregelmäßigkeiten der Herzaktion ein. Vor zwei Monaten begab sich Dr. Herzl nach Franzensbad, wo sein Zustand sich ctrvas besserte, und von - dort nach E d l a ch. In der letzten Zeit war sein Bcsinden anscheinend ein günstiges; allerdings muhte die Herztätigkeit fortwährend durch verschiedene Mittel unterstützt werden. Vor drei Tagen traten nun Fiebcrcrscheinungcn, starke Atemnot und eine Rippenfellreizung ein. Vorgestern bildeten sich unter hohem Fieber entzündliche Herde in der Lunge, die alsbald ein Lungenödem herbeiführtcn. Gestern früh konnte sich der Patient davon noch so weit erholen, das; er sich mittags ziemlich frei fühlte und seine Mutter, die auf sein sehnsüchtiges Verlangen nach Edlach gekommen war, sowie einige Freunde begrüßen konnte. Gegen 47s Uhr nachmittags trat aber dann plötzlich Hcrzlähmung ein. Die Leiche Dr. Hcrzl's wurde von Edlach heute in seine Wohnung XVIII Haizingergasse 29 gebracht; sie traf am Nachmittag auf dem Südbahnhofe ein und wurde von zionistischen Vereinen und Studentenverbindungen empfangen, welch' letztere auch die Ehrenwache mr der Leiche übernommen haben. Die Erschienenen geleiteten die Leiche bis zur Favoritenstraßc. Der Trauerzug erweckte lebhafte Teilnahme, die unter den zahlreichen Zuschauern deutlich zu erkennen war. Das Leichenbegängnis erfolgt Donnerstag um 10 Uhr Vormittags vom Trauer- Hause XVIII, Haizingergasse 23 ans nach dem Döblinger Friedhöfe. Wien, den 5. Juli. Die „Neue Freie Presse" schreibt über den Tod Hcrzl's: Der frühzeitige Tod unseres Kollegen Dr. Theodor Herzl hat in den weitesten Schichten des Publikums die wärmste TeUnahme hcrvorgerufen. Das traurige Ereignis bildete heute den Gegenstand des allgemeinen Gespräches, und einmütig war die Zluffassung, daß die österreichische Publizistik einen schlvcren Verlust durch den Tod eines ihres begabtesten Vertreter erlitten hat. Dr. Herzl hatte sich durch seine literarische Produktion zahlreiche Freunde und Anhänger erworben, die schmerzlich bedauern, daß ein so großes Talent, das noch lange nicht den Gipfelpunkt seiner Entwicklung erreicht hatte, durch ein grausames Schicksal vernichtet tvorden. An die Redaktion sind aus allen Kreisen des öffentlichen Lebens und von zahlreichen Freunden des Blattes, Von Schriftstellern und Publizisten, von den Redak¬ Frankfurter Israelitisches Familicnblatt. tionen der meisten Wiener Blätter überaus zahlreiche Beileidsbezeugungen eingetroffen. — Wien, den 5. Juli. Die Todesanzeige der H i n - t c r l> l i e l> e u c u Hcrzl's in der Neuen Freien Presse ist nutcrzcichnct: Julie Herzl geb. Naschauer, als Gattin, Jeanette Herzl, als Mutter, Panlinc, Hans und Trude Herzl, als Kinder. W i e n, ö. Juli. Der G r o ß h c r z o g v o n Baden richtete anläßlich des Todes Dr. Herzls aus St. Blasien an -die Wiener zionistische Parteileitung eine Depesche, in der cs heißt: „Mit aufrichtiger Teilnahme veruchmc ich die schmerzliche Nachricht vom Ableben Dr. Herzls. Ich würdige mit Ihnen die hohe Bedeutung des Verlustes und beivahre dem Verstorbenen ein dankbares Angedenken." Wien, 6. Juli. Das Leichenbegängnis Dr. Herzls findet morgen auf dem Döblinger Friedhöfe statt. Er verlangte testamentarisch ein Leichenbegängnis der ärmsten Klasse, keine Rede», keine Blumen und Beisetzung in der Gruft seines Vaters, bis das jüdische Volk seine Leiche nach P a l ä st i n a überführt. Wien, den 6. Juli. Zahllos sind die Depeschen und Beileidsbczc n g u n gen, welche die „Neue Freie Presse" aus allen Schichten der österreichischen Intelligenz — von den höchsten Staatsbeamten, wie von den Vertretern von Kunst und Wissenschast — erhalten hat. Wir vcrösfcntlichcii hier aus der Fülle der Kundgebungen einige charakteristische: Supcrintendcut Dr. Scbcriug: „Schmerz über den jähen, mir ganz unerwarteten Untergang eines so reichen, glanzvollen Geistes in dieser Welt voll Blindheit und Finsternis durchstürmt mein Herz. Bitte eine verehrte Redaktion, der armen, tieferschütterten Familie, der ich ganz unbekannt sein muß, mein aufrichtigstes, tiefstes Beileid auszudrücken. Nicht trösten, sondern mitweinen möchte ich über diesen wahrhaft niedcrschmettcrndcn Schlag des Geschicks, eine solche Ceder Libanons zu knicken!" Regierungsrat Dr. Adolf Bachrach: „Geehrte Redaktion! In der zweiten Hälfte der Siebzigerjahrc, als die „Madcmischc Lesehalle" au der Wiener Universität blühte, hatte ich als Vcrcinspräses unser „Wnnschbuch" zu erledigen. Hier fand ich wiederholt Desidcrien wegen Anschaffung von Büchern. Es waren aber keine bloßen „Wünsche". Sie waren vielmehr eingehendst begründet, und diese Motivierungen waren geistsprühcnde Kritiken, ganze Aussätze, deren Lektüre mich und meine Kollegen ties beeinflußte und uns nngcmcin anregte. Ihr Verfasser war: Theodor Herzl. Es waren vielleicht nicht seine ersten, aber jcdensalls blendendstcii literarischen Arbeiten. Es wäre der Mühe wert, sic noch hervorzusuchen. Indes, was hat Herzl nicht seither Gutes und Großes geschrieben und geleistet! Ich preise mich glücklich, den ersten Regungen seines bedeutenden (öeistcs gelauscht zu haben nsw. Frankfurt a. M., den 6. Juli. Die hiesige Zionistische Bereinigung teilte gestern das Ableben ihres Führers den Mitgliedern in einem besonderen Schreiben mit. Dasselbe lautete: Frankfurt a. M., 5. Juli 1904. Mit tiefer Wehmut im Herzen erfüllen wir hiermit die traurige Pflicht, Sie vou dem Ableben unseres unvergeßlichen Führers Dr. Theodor Herzl in Kenntnis zu setzen. Zwei unserer Mitglieder, die Herren S o n d h e i m e r und Gans, werden nach Wien eilen, um namciis der Frankfurter Zionisten dem großen Toten die letzte Ehre zu erweisen. Nach Rückkunft der beiden Herren werden wir in größerem Kreise eine Traizerscicr begehen, zu der Ihnen rechtzeitig eine Einladung zugehct. Der Vorstand. Berlin. Das Z e n t r a l - B u r e a n d c r Z i onist i s ch e N Vereinigung f ü r Deutschland hat beschlossen, eine T h c o d o r H e r z l - S t i f t u n g zu errichten. B e r l i h". Als Delegierte der hiesigen Zionie stischen Ortsgruppe werden an dem Leichenbegängnis teilnehmen: Professor Marburg, Dr. Klee, Dr. Hantle und Maler Strucks Nr. 26. Aus aller Welt. Deutschland. Nastätten. Synagogeneinweiyung. Am 29. und 90. Juli er. findet dahier die feierliche Einweihung der hiesigen Synagoge, durch den Bezirksr ab bin er W e i n g a r te n - Eins mit folgendem Programm statt. Für Freitag, 29., ist die Ileberführnng der Thora aus der alten in die neue Synagoge geplant. Daran anschließend wird sich ein Fesizug durch die «tadt unter Beteiligung säiiitlichee hiesiger Vereine und unter Mitwirkung der gesamten Militärkapelle des 8. Pionicr-Regiincnts zu Koblenz bewegen. Herr Landrat Berg- '«1. Goarshausen hat zu der Festlichkeit sein Erscheinen zugesagt. Berlin. Der Hilfsverein der deutschen Juden hat für die Abgebrannten in Wilkomir (Rußland) einen Beitrag von 500 Rubel telegraphisch angewiesen. Berlin. Wegen Veröffentlichung eines a n t i s e m i t i s ch c n W e i h n a ch t s f l u g b l a t t s ist der Redakteur Hübbe von der aiitiscinitischen „Deutschen Hochwacht" vom Landgericht I in Berlin wegen groben Unfugs zu 30 Jk Geldstrafe verurteilt worden. Das Schöffengericht hatte ihn freigesprochc». Es handelte sich um eine sogenannte Wcihnachtsbeilage, in der es u. a. hieß: „Verflucht sei jedes Stück, und Unheil bringe es dem Hanse, jedes Stück unter dem Weihnachtsbanm, das bei Inden gekauft ist!" Das Urteil lautete nach dem Anträge des Staatsanwalts auf 30 Jk Geldstrafe. In der Urteilsbegriuidniuz wurde nach der „Staatsbürgerztg." ausgeführt, daß zweifellos die Möglichkeit vvrliege, daß auch Nichtjuden sich durch das Beiblatt beunruhigt fühlten. Berlin. Der Streit uni die Stiftung Der Bankier M a x P r i c st c r in Berlin, der vor einem Jahr in Nauheim gestorben ist, hatte ein Vermögen von 0 Millionen hinterlassen. In einem Schriftstück, das von den Erben angefvchte» wurde, wurden dem „Bruöervcrciii", der „Rentcr- Stiftnng", dem „Asyl für Obdachlose", dem „Aucrbach'sche» Waisenhaiise" und der „Indischen Gemeinde" 37* Prozent des Vermögens zn gleichen Teilen und Rechten vermacht. Wegen der Giltigkeit des Testamciits schwebt ein Prozeß beim Kamincrgericht. Die Witwe ist bereit, den Willen ihres Ehemannes zn erfüllen, und die Geschwister Priester als Witerben »vollen sich gcgenZahlnng von 2 056 000 Mark für befriedigt erklären. Die Witwe will mm 10 500 Jk an die „Reuter-Stiftung" zahlen, wenn ein Vergleich zu stände kommt nsw. Der Berliner Magistrat ist hiermit einverstanden und ersucht minmehr die Stadtverordnetenversammlung um Zustinimnng. Berlin. Es ist für die jüdischen Herren Millionäre vergebliche Liebesmüh', sich dlirch Freigebigkeit die Ancrkcminiig ihrer Mitwelt zu erringen. Vorige Woche hatten die Pariser Barone Alphon», Gustav und Eduard v. Rothschild der Stadt P a - ris znm Bau von Arbeiterwohnnngen l0 Millionen Francs - überwiesen. Man sollte mm meinen, daß bei einem solch' fürstlichen Geschenke selbst die hämischen Glossen antisemitischer Kritik verstnninien würden. Wer weit gefehlt! Sv schreibt die Krcnzz e i t n » g, daß die Rothschilds für ihr „börsenkönigliches" Geschenk durch die Pariser Presse eine Reklame hätten machen lassen, die schon nicht mehr schön sei und glaubt, man dürfe als Triebfeder dieser hochherzigen Handlung irgend eine „Spekulation" annehineii. Hannover. Am Sonntag, den 26. Juni fand i» der Israelitischen Erziehungsanstalt Ahlem die Gedächtnisfeier für H crrii A l p h o n s I a c o b s o n statt. Nach einem einleitenden Chor der Anstaltszöglingc hielt das Vorstandsmitglied, Herr M. Z n ck e r m a n n , die Gedächtnisrede. Der Redner führte darin Folgendes aus: „In einer Jahreszeit, wo die Natur in segensreicher .Fülle dem Landmann den Lohn und die Früchte seiner Hände Arbeit öarbietet, haben wir Sie z» uns geladen, um Ihrem teilnehmenden Sinn und prüfenden Blick unsere Anstalt vorzuführcn. Wer wollte auch nicht beim Anblick dieser gesegneten Fluren, die uns hier umgeben, die sichtbaren Zeichcu ernster Arbeit und regen Fleißes erkennen. So bcberechtigt daher auch das Gefühl der Freude über das Geschaffene wäre, so wird dasselbe doch 'in dieser Stunde durch den schmerzlichen Gedanken getrübt, daß vor nicht langer Zeit einer der wackersten und tätigsten Mitarbeiter an unserer Anstalt ails unserer Reihe genommen worden ist: der Mitbegründer unserer Anstalt, Alphons Jacobson. Als die Kunde von dem jähen Hiiischciden dieses hochherzigen Mannes zu uns drang, da enipfandcu wir Alle, daß hier eine von jenen auserwählten Persönlichkeiten ans dem Leben geschieden ist, ans welche unsere Weisen den Klageruf anwcnden: „Wehr um diejenigen, die dahingehen und nicht wicdergefnnden tverden." Weit über die Grenzen seines Wohnsitzes hinaus hat dieser edle Tote die Saaten seiner Wohltätigkeit ausgestreut. Er kannte keine Grenzen des Landes, keine Grenzen des Stammes, keine Schranken der Religion, und er gab nicht nur mit opferwilliger Hand, sondern mit fühlendem Herzen. Er litt — nach einem Ausspruch unserer Weisen — mit den Leidenden, er trauerte mit den