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Neue jüdische Presse · 1904-07-08 · Heft 26 (8.7.1904) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 26 (8.7.1904)
Date
1904-07-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Irankfitne? i . > Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. lAbonnementsPreise siche Schluß des redaktionellen Teiles). SraiHtturl a. M.. Leiligkreuzgaffe 52. Ecke Llapperfeldstraße (gegenüber der Urnen Peil). -HW'- Herausgeber: Karg ch>ets. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile.25 Psg. Die Reklamezeile.100 „ Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— biS Mk. 8.—. 2. Jahrgang. Freitag, de« 25. Tamns 5664 (8. Juli 1904). Ra 26. Rationale Trauer. „So wisset denn, ein Fürst und Großer ist heute in Israel gefallen!" Nun ister dahin, er, der Stolz und die Hoffnung des gebeugten Israel, er, der so sehr geliebt ward, weil er-so sehr liebte. — Theodor Herzl ist nicht mehr! Wie ein glänzender Meteor ging er am düstern Horizont unseres Goluslebens auf, in die ärmsten Hütten Licht und neuen Lebensmut tragend — und nun ist er entschwunden. Sieben Jahre nur vermochte er die schwere Leidenslast unseres gesamten Volkes auf seinen Schultern zu tragen — dann aber mußte auch seine Riesenkraft versagen,- die stolze Zeder des Libanon, die auf fremdem Boden zur Augenweide und zum Tröste der Gebeugten so herrlich hervorragte. ist nun geknickt! Das edle Herz, das den beseligenden Traum „der Rückkehr der Gefangenen Juda's" hingebungsvoll hegte — es schlägt nicht mehr! In den historischen Trauertagen des jüdischen Stammes, in denen von je her unser unglückliches Volk alles Unheil ereilte, ist der große Führer gefallen; er. der mit kühnem Adlerflug uns zu den lichten Höhen einer besseren Zukunft emportrug, der mit dem tiefen Glauben an sein Volk es erst gelehrt hat, an sich selbst zu glauben. Und so fließen denn zu den alten Tränen neue, und durch die neue Wunde bluten die alten wieder. * * * Wie Moses einst wurde auch er in fremdem Kreise auferzogen und „erst als er zum Manne herangewachsen war. begab er sich zu seinen Brüdern und sah ihre Not." Er kam und verkündete die frohe Wundermär der Befreiung^ aus Elend und Schmach — und merkwürdig! das Volk, das totgesagte, — es glaubte! Es glaubte die mit tiefem Glauben verkündete Botschaft, es faßte neuen Mut und neue Hoffnung — es raffte sich zur Arbeit auf. Von dem Kap der guten Hoffnung bis zu den Eisfeldern Sibiriens regte sich neues Leben, die zerstreuten Glieder strebten mit Macht zueinander hin, aus allen Weltteilen reichten sich die Zersprengten die Hände zum erneuten Bruderbünde, zum Kampf und zur Arbeit für Israels Recht und Israels Ehr'. Er, der Führer, arbeitete, nach verschiedenen Fronten'känipfend, mit Aufopferung, mit Aufbietung aller seiner Kräfte, so auch hierin mit nachahmenswertem Beispiel vorangehend. Er verlangte von seinen Mitarbeitern viel, sehr viel, aber am meisten von sich selbst. Von seinem vierzehnstündigen Arbeitstag widmete er in der Regel elf Stunden der Sache seines Volkes) oft aber auch mehr. Auch ist es für Eingeweihte kein . Geheimnis mehr, daß er auch materielle, seine Vermögensverhältnisse weit überschreitende Opfer brachte. Seiner Aufopferungssreudigkeit gelang auch vieles, was anderen unmöglich ^gewesen wäre, denn niemand konnte dem hohen Adel seiner Person widerstehen; dem Zauber eigenartiger Größe, der über seinem ganzen Wesen ausgegoffen war, vermochte niemand, der mit ihm in Berührung kam, sich zu entziehen. Nun ist er dahin; er brach unter der überschweren Arbeit im Dienste seines Volkes zusammen. Auch ihm war es nicht beschieden, die Erfüllung seiner Hoffnungen und die Verwirklichung seines Strebens zu erleben. Jedoch eins war ihm vergönnt: er durste die große Liebe und die tiefe Verehrung, die ihm die breiten Schichten des jüdischen Volkes in so rührender Weise entgegenbrachte, schauen. Im Vorjahre war es. als er im Interesse seiner verfolgten Brüder die schwere Reife nach Rußland antreten mußte. Da durfte er es erfahren, daß in den jüdischen Zentren Rußlands, die auf seiner Route lagen, Tausende und aber Tausende in Sturm und Regen, tageja wochenlang die Bahnhöfe umlagerten. — seine Ankunftszeit mußte aus begreiflichen Gründen geheim gehalten werden — und diejenigen bestürmten, von denen fie annahmen, daß sie Bescheid wiffen müßten, ihnen doch Gelegenheit zu bieten, ihren Führer zu begrüßen. In Wilna war es. im „Jerusalem Lithauens", wo ihn der gesamte Vorstand der jüdischen Gemeinde, von einer unübersehbaren Volksmenge begleitet, mit überschäumendem Enthusiasmus begrüßen konnte. Der greise, achtzigjährige Gaon, Rabbi Schlomoh Hakohen. der Wilnaer Rosch- Beth-Din, war es, der ihm in eigener Person den „Priestersegen" erteilte und eine kostbare Thorarolle im Aufträge der Gemeinde überreichte. Er, der Entschlafene, empfing beides unter Tränen. Wir glauben, dieser Moment war der schönste seines so schönen aber ach! leider für uns so kurzen Lebens. . Aber das höchste Ziel seines Lebens zu erreichen. ward ihm versagt: er brachte sein heißgeliebtes-Volk nicht in das gelohte Land. Auch hinterließ er keinen Ersatz, Keinen, der seine Stelle ausfüllen könnte, und so blieb nun das jüdische Volk wiederum führerlos in seinem verzweifelten Ringen um die Befreiung. Er, dessen segensreiches Wirken in alle Kreise des jüdischen Volkes neues, frisches Leben brachte und wie ein siegender Lebensquell über alle Fluren, auch die scheinbar unfruchtbarsten, befruchtend, sich immer mehr ausbreitend, dahinströmte — hat seine Wirksamkeit beendet. Verzweiflungsvoll stehen wir nun an seiner Bahre und fragen vergebens: Was nun? Wenn wir vollends der Millionen gedenken, die von ihm so viel erwarten durften, und uns ihrer Verzweiflung vergegenwärtigen, so ergreift uns ein Grauen ob der tiefen Hoffnungslosigkeit, die nunmehr, alles erstarrend, eintreten muß. Man möchte wünschen, ein Jeremias zu sein, um dem abgrundtiefen Schmerz Ausdruck und Worte verleihen zu können, damit die tauben Ohren hören, die geblendeten Augen sehen den unsagbaren Jammer ihres Volkes und den Weg zu seinem Herzen und zu seiner Rettung finden. Ihm, dem großen Führer seines Volkes, )effen Herz voller Liebe und Erbarmen war, logen alle Herzen zu. Die Trauer um ihn. den Hohen, Edlen, ist eine Nationaltraner. An seiner Bahre weint ganz Israel. Sein Andenken aber bleibt für alle Zeiten, solange ein jüdisches Herz schlägt, gesegnet. Theodor Herzl. Cedern des Libanon, neiget wehmutsvoll Eure Wipfel! Ihr Weiden am Bache Kidron, ihr Flüsse und Bäche in den Höhen und Niederungen des Jordanlandes haltet ein in Eurem Säuseln, denn stumm sei die Klage Eures namenlosen Schmerzes. — Eine Eiche — kraftvoll und männlich — die da wurzelte in Eurem Boden, die ihre Zweige hinausstreckte nach Eurem Himmel und ihre Brüder vor Sturm und Wetter schützen und neue Säfte zu neuem Frühlinge ihnen zuführen wollte — fie liegt entseelt am Boden. Der Augenblick, den wir seit Wochen mit stillem Beben geahnt und mit Zittern gefürchtet, dieser furchtbare Augenblick hat fich verwirklicht, und das Herz eines Mannes hat zu schlagen aufgehört, mit dessen Pulsschlag Millionen von Herzen fich vereinten. Was Theodor Herzl dem jüdischen Volke gewesen, welche Feder vermöchte es nur annähernd zu schildern, welcher Mund den Reichtum seiner gewaltigen Persönlichkeit nur anzudeuten! Schien doch ein jedes einzelne Atom seines Lebens nur zu der einen einzigen Aufgabe geschaffen worden zu sein, seinem Volke fich zu opfern, damit es nicht nach 3000 jähriger, ruhmvoller Geschichte rühmlos seinem Untergange entgegen gehe, damit es vielmehr fich herausreiße aus den es verschlingenden Wogen des Golusmeeres und wieder festen Fuß fasse in dem Lande seiner Väter. Und Theodor Herzl hat fich geopfert. — er hat sich geopfert in der Kraft seiner Jahre! Die Sorge um sein Volk, hatte ihm allmählig die Stirn gefurcht, die Arbeit für sein Volk hatte ihm seit Jahren den Schlummer geraubt, wenn die müden Augenlider fich schließen wollten. Er trug aus seinen Schultern die Last von Millionen gedrückter Judenseelen, die im Osten hungem nach Brot und Menschenrechten, im Westen nach der Achtung und dem Glück des fteiett Bürgers. Er trug fie willig und ruhig, bis der Nacken ob der zu schweren Last fich beugte, bis er — einer stämmigen, vom «sturme gestürzten Eiche gleich — zusammenbrach. Gehört es auch nicht in den Rahmen dieser Geleitsworte. Theodor Herzl's Persönlichkeit eingehend zu behandeln, so sei uns doch in einigen kurzen Strichen ein Gesamtbild gestattet. Energievollste Strenge und Kraft paarte fich in ihm mit der vollsten Milde und Sanstmui, Realität im buchstäblichsten Sinne des Wortes mit Idealismus

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