Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 25 (1.7.1904)
- Date
- 1904-07-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Nr. 25. Da ich nun ein solcher Mensch geworden bin, ohne Moral, ohne 'Achtung vor Gott und vor den Men-, schen, ohne Achtung vor mir selbst, verlangst Du Kindesliebe von mir und machst mir Vorwürfe über meinen Lebenswandel?" „Ich werde alt, ich will nicht allein sein." „Ich bin jünger und bin verurteilt, einsam zu bleiben. Wer das Leben so bis zur Neige ausgekostet hat, wie ich, wer im elterlichen Hause das Familienleben nie kennen gelernt hat, ist fiir das Familienleben verloren, der darf niemals ein reines Mädchen an sich ketten." „Ich antworte Dir nicht mehr. Ich bin die unglücklichste Frau in der Stadt." — (Fortsetzung folgt.) Aus bewegter Zeit. Erzählung aus der Zeit der französischen Revolution. Bon R. 2. Fortsetzung. „Weiß Gott, was die wollen! Wie ich höre, hat sich unsere Regierung mit Preußen und Rußland zu einem Kriegszuge gegen Frankreich verbunden, um König Ludwig zu befreien und die alte Ordnung wieder herzustellen. Doch, Herr Rabbiner, ich will von unserer Not weiter berichten! — Bei der letzten Aushebung sind wir mit 8 Mann im Rückstand geblieben — wir konnten damals beim besten Willen nicht mehr auftreiben —, und nun befiehlt uns das Krcisamt, außer den 50 auch noch diese 8 Mann — also 58 Mann — innerhalb der nächsten 8 Tage zu stellen, widrigenfalls sämtliche Synagogen gesperrt, jeder jüdischen Familie zwei Mann Exekution ins Haus gelegt und endlich sämtliche Mitglieder des Gemeindcrates verhaftet werden, bis hie Forderung voll und ganz erfüllt ist. Dabei sind wir bis jetzt erst mit zehn Emigrantenkindern versorgt, welche ich durch Gcrichtsdiener teils bei Tag auf der Straße auffangen, teils bei Nacht aus den Betten holen und in sicheres Gewahrsam bringen ließ. Die Flüche, die mir da von den jammernden Eftern nachgeschleudert wurden, soll mir Gott alle in Segen verwandeln. Das Herz tat mir weh genug dabei! Aber was soll ich tun? Not kennt kein Gebot; wenn wir die Anzahl nicht zusammenbringen, muß ich ins Gefängnis." „Wer waren jene Aufgefangencn," unterbrach ihn der Rabbi. f „Abraham Jentels . . . ." „Ein einziger Sohn, der seine kränkliche, verwitwete Mutter ernährt; — das ist doch empörend! Sie dürfen ihn nicht nehmen, und sollte ich auch einen meiner Söhne an seiner Stelle hergeben!" „Ist das Ihr Ernst, Rabbi?" fragte der Vorsteher lächelnd. „Nun ja, so streng war es nicht gemeint; ich sage nur, daß es höchst unrecht wäre, jenes Kind, das an seiner Mutter soviel Treue übt, derselben zu entreißen; sie könnte leicht den Tod davon haben." „Wenn man von einer feindlichen Kugel getroffen wird, kann man auch den Tod davon haben, und dennoch mutz das Heer vollzählig sein. — Nun, und ihr Bachurim," wendete der Vorsteher sich mit scherzendem Tone an die Jüngerschar, die mit Spannung an jedem Wort seines Mundes hing, „von euch kann man gar keinen brauchen? Bei so vielen jungen, starken, rüstigen Menschen soll eine Gemeinde sich nicht mit einigen Mann aushelfen können! Was habt ihr bei euerem Talmud? Werdet Soldaten und ihr könnt euer Glück machen; wir bekommen einen langen Krieg, bedenkt, wie leicht sich da ein mutiger Mann eine Offiziersstellc erringen kann!" „Wenn man beim Kriegsdienst so glücklich werden kann, warum lassen Sie nicht einen Ihrer sieben Söhne «oldat werden?" fragte ihn mutig eine Stimme aus der Jüngerschar. „Was? ein Kind ehrlicher Eltern, zumal eines Gemeindevorstehers, Soldat werden?" „Wir sind auch Kinder ehrlicher Eltern; unsere Borfahren standen mit den Ihrigen zugleich am Berge Sinai; unser Stammbaum ist daher ebenso alt, als der Ihrige!" .Seit wann, Bocherl, hast Du soviel Chuzpe? Weißt Du, daß ich Las Recht habe. Dich von hier ausweisen zu lassen? — Doch, da wir grade im Reden sind, bei wem wohnst Du hier?" „Er weiß es nicht;" fiel der Rabbi schnell ein, indem er dem Jünger einen bedeutungsvollen Blick zuwarf. „Wir werden es schon zu erfahren wissen," entgegnet« der Vorsteher mit verhaltenem Zorne — der Vorsteher war ein kaltherziger, selbstbewußter Mann und nur mit großer Mühe und durch seinen großen Geldsack war es ihm seiner Zeit gelungen, das Haupt der Gemeinde zu werden —; darauf wandte er sich wieder zu demselben Jüngling *und fragte: ,Lat er einen Paß?" „Jetzt wird mir die Sache aber nachgradc zu bimt," unterbrach den herrischen Frager der Rabbi mit seiner sonoren Stimme, „Herr Vorsteher, hier ist keine Polizeistube, sondern mein Lehrzimmer. Sie sind mir fonft willkommen, aber während meines Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Unterrichtes bitte ich Sie, mich nicht zu stören; sonst kann ich in die Lage kommen, mein Hausrecht zu gebrauchen!" „Der Unterricht in Ehren, aber auch ich habe meine Rechte und diese erlauben mir, mit paßlosen Fremden nach meinem Gutdünken zu verfahren. Ich brauche Soldaten; wen ich ohne Paß erwische, den halte ich fest; darauf verlaßt euch, Herr Rabbiner!" „Und ich bin Orts- und zugleich Oberlaichesrabbiner und habe das Recht und die Verpflichtung, dem Fudeutume tüchtige Lehrer heranzubilden und zugleich diese gegen Gewalt in Schutz zu nehmen! — Doch nun genug!" Nach diesen Worten griff der Rabbi nach seinem Buche und setzte, ohne den Vorsteher, der sich bald still entfernte, weiter zu beachten, den unterbrochenen Unterricht wieder fort. Als jedoch der Vorsteher die Türe hinter sich geschlossen hatte, da blickte der Rabbi seine Schüler forschend an, als wollte er einem jeden derselben ansehen, ob er vor dem Vorsteher geschützt sei; dann fragte er: „Seid ihr alle mit Pässen versehen?" „Alle," erscholl es aus den: Kreise einstimmig. „Das ist gut, da kann euch niemand etwas anhaben. — Mer wir sind heute ganz von weltlichen Dingen in Anspruch worden; wenn in allen unseren Lehrstunden so viel wie heute geleistet würde, möchten meine Schüler mir wenig Ehre machen. Es ist schon Mittag; doch wir lernen noch ein Viertelstündchen, damit ich einen Rabbonon-Kaddisch sagen kann." Der folgende Nachmittag lvar einer der kläglichsten, den man je erlebt hatte. Alle Zugänge zum Judenviertel waren durch Sicherheitsmannschaft besetzt, damit kein Dienstpflichtiger Jüngling sich durch die Flucht retten könne. In den Gassen sah man die Jünglinge wie scheue Rehe vor den sie verfolgenden Gerichtsbienern entfliehen, die Witter heulend und händeringend hintendrein. Ein merkwürdiger Anblick für unsere Zeit, aber damals, wo der Militärdienst noch nicht selbstverständliche, allgemeine Bürgerpflicht war, sondern ein rohes, blutiges Handwerk, dem der Reiche sich entzog und das dem Armen aufgezwungen wurde, bei Jud' und Christ' gang und gäbe. Am schlimmsten ging es natürlich Len sogenannten Emigrantenkindern. Mit diesen verhält es sich folgendermaßen: Kaiser Joseph II. hatte wohl seinen jüdischen Untertanen zahlreiche Beweise des größten Wohlwollen geschenkt, doch war er sich in seiner Liberalität nicht konsequent. So war er bestrebt, der Vermehrung der jüdischen Bevölkerung Schranken zu setzen und hatte zu diesem Zwecke für jedes österreichische Erblaud eine bestimmte Anzahl jüdischer Familien, sogenannte Geschlcchtsstellen, festgesetzt, welche Anzahl nicht überschritten werden durfte. Für die Markgrasschast Mähren war die Grenze der Geschlechtsstellen sechstausend g-amilien, welche auf 52 Judengemeinden nach Verhältnis der Größe des Ortes verteilt waren. War nun in einer Gemeinde die gesetzliche Anzahl der Familien vollständig besetzt, so wurde keinem Heiratsbcwerber die Heiratsbewilligung erteilt, bis durch das Wleben eines Familienvaters sich eine Gcschlechtsstelle erledigte, um welche sich dann oft zwanzig Hagestolze wie hungrige Wölfe um eine fette Beute rissen. Die Erlangung einer solchen Bewilligung war mit großen, gesetzlichen und ungesetzlichen, von den Beamten willkürlich vorgeschriebenen 'Unkosten verknüpft, und so sahen sich arme Heiratslustige, aber auch solche, denen das Warten zu lange währte und die dennoch — dem biblischen Spruche „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei" getreu — eine Haushaltung bilden wollten, gezwungen, sich „ohne Bewilligung" zu verheiraten. Eine solche heimliche Trauung wurde gewöhnlich auf einem Speicher oder sonst einem abgelegenen Orte vollzogen, indem in der Eile, aus einem Leintuch und vier Stangen der Trauungsbaldachin zusammengeflickt und das Ehepaar von dem ersten Besten eingesegnet wurde. Diese heimlich Verheirateten nun hießen im Volksmunde Emigranten. Selbstverständlich ruhten auf diesen ungesetzlichen Eheu die härtesten Strafen; aber besonders schlimm ging es den Kindern, die als „unehelich" zu keiner Geschlechtsstelle und zu keinem Gcmeindeamte zugelassen, von den ehelichen Kindern verachtet und bei Truppenaushebungcn als erstes und bestes Kanonenfutter betrachtet wurden. Menschenfreundliche Beamte drückten wohl den heimlichen Ehen gegenüber ein, Auge zu, hartherzige und selbstsüchtige Beamte jedoch 'machten sich daraus ein recht fettes Einkommen. So oft es ihnen beliebte, brandschatzten sie die Gesamtheit der heimlichen Ehen mit einer willkürlichen Geldsumme bei Androhung einer amtlichen Haussuchung. Diese wird gewöhnlich des Nachts vorgenommen, die Ehegattin in das Gefängnis gebracht und wenn sie eine Auswärtige ist, per Schub in ihre Heimat geschickt. — Ein trostloser Tag des Jammers und der Tränen war vorüber und eine noch! trostlosere Nacht kam. Wen man während des Tages nicht abgefangen hatte, den holte man bei Nacht aus dem Bette. Jeden Augenblick durchzitterte die Luft ein jämmerliches Geschrei, untermengt mit den Flüchen und Schimpsxeden der rohen Häscher, Sy muß es einst in Egypten ausgesehen haben, als der Würgengel um Mitternacht einherzog, die Erstgeborenen der Egypter zu töten. Auf die Bachurim hatte der Herr Vorsteher, um den: Rabbiner einen Trotz anzutun, einen besonderen Zahn, und gar eifrig fahndete er danach, einen Paßlosen zu erwischen. Glücklicherweise waren alle mit Pässen versehen, und ärgerlich wollte er schon die Erfüllung seines Wunsches aufgeben, als er zu guter Letzt den jungen Marbanel, den wir ja bereits kennen gelernthaben, packte, da er keinen Paß vorzeigen konnte. Hätte er nur geahnt, daß dieser ihm den Paß nicht vorzeigen — wollte, wäre ihm eine Situateon tiefer Beschänrung erspart geblieben. Willig ließ sich Marbanel nach dem Assentierungsgebäude bringen, wo er bis zum Morgen als einziger Fröhlicher unter Trauernden in dem Wachtzimmer zubringen mußte. Während.seine Unglücksgefährten sich vor ohnmächtiger Wut auf dem Boden wälzten, redete er ihnen, ohne durch ihr fortgesetztes Klagen zu verdrießen, Mut zu, malte ihnen den Kriegerstand als «inen Stand der Ehre und des Ruhmes vor und führte ihnen die Heldengestalten ihrer Ahnen vor. Augen, deren würdige Enkel sie nur dann seien,' wenn sie sich mannhaft in das Unvermeidliche fügen. Allmählich ward es auch ruhiger im Kreise, nur einer — es war Abraham Jentels — schluchzte noch herzzerreißend: „Meine Mutter, meine kranke, schwache Mutter. Wer wird sie ernähren, wer sie trösten; — ich war ihre einzige Stütze!" „Sei ruhig. Du bleibst Deiner Mutter und Deine Witter Dir; Du wirst nicht Soldat, daraus gebe ich Dir mein Ehrenwort!" rief dem Weinenden Marbanel mit einer so festen Zuversicht zu, daß alle Anwefenden ihn mit größter Verwunderung ansahen. „Wartet," fuhr er in demselben Tone fort, „bevor die Mittagsglocke morgen läuten wird, werdet ihr von mir etwas hören und sehen, desgleichen man in euerem Orte noch nie gehört und gesehen hat!" — (Fortsetzung folgt.) Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Oeffentlichkeit! Oessentlichkeit der V o r st a n d - und A u s s ch u ß s i tz u n g e n! — Wie ein Blitzstrahl muß diese Parole zwischen die Mitglieder der Frankfurter Israelitischen Gemeinde fahren, und mit diesem Schlachtrufe müssen die nächsten Wahlen vor sich gehen, wenn bis dahin die Gemeindeverwaltung sich noch nicht selbst dazu verstanden haben sollte, den steuerzahlenden Genieindemitgliedcrn das ihnen znstehendc Recht der Kontrolle über die Tätigkeit ihrer von ihnen gewählten Vertreter zu gewähren. Es ist wirklich ein Rätsel, wie die leitenden Persönlichkeiten der Gemeinde es mit ihren demokratischen Grundsätzen vereinbaren können, die Gemeinde- Mitglieder wie unmündige Kinder zu behandeln. Hier bewahrheitet sich wieder einmal die alte Erfahrung, daß die Prinzipien der Demokratie nur solange stand halten, als sich ihre Anhänger in Opposition befinden. Haben sie die Macht, dann adieu Gesinnungstreue, dann geht M a ch t vor Recht. Der Schreiber des vorwöchentlichen Sprechsaals hat den Nagel auf den Kopf getroffen: Einige Regisseure leiten die Gemeinde. Sie besorgen nicht allein die Vcrwaltungsgefchäfte — wie zu ihrem Lobe gesagt Iverden mutz, in durchaus mustergültiger Weise — sondern sie sind auch bestrebt, die Gemeinde in die Bahnen ihrer religiösen Anschauungen zu lenten. lind das ist ein schweres, nicht zu verantwortendes Unrecht! Man komme mir nicht damit, daß her Vorstand nur korrekt gehandelt habe, wenn er in Befolgung der Wünsche freisinniger Gemeindemitglieder einen deutschen Gottesdien st einrichte. — Ist der. Gottesdienst einmal da, dann wird er besucht; daran zweifle ich nicht. Mer das Publikum, das den „deutschen" Gottesdienst bevölkert, hätte auch weiter wie bisher den „jüdischen" Gottesdienst besucht, an der deutschen Predigt und dem deutschen Gesänge sich erbaut und während der jüdischen Gebete, die deutsche Uebersetzung nachgelescn. Ein jüdischer Gemeindevorstand, der die Axt legt an den Lebensnerv des jüdischen Gemeindelebens, indem er einen Gottesdienst ohne die j ü - bische Sprache eiurichtct, hat seine Pflichten als Wächter für die Interessen einer jüdischen Gemeinde aufs gröbste verletzt, hat sich selbst sein Todesurteil gesprochen. Den Mteuren nnscrcr Gemeinde steht nicht einmal di? Entschuldigung zur. Seite, bona fibc' ge-