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Neue jüdische Presse · 1904-07-01 · Heft 25 (1.7.1904) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 25 (1.7.1904)
Date
1904-07-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 25. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. joffi und der übrigen Sommerfrischen des Wiborger Gouvernements, bei Strafe von 100 Mark zu verbieten, ihre Diklen an Personen jüdischen Bekenntnisses aus dem Kaiserreiche zn vermieten, vorausgesetzt, daß diese Personen nicht ein Zeugnis vorweisen, das ihnen den Sommeraufenthalt an diesen Orten ausdrücklich gestattet?" Kiew. Die Auswanderung der Juden aus dem Kiewer Gouvernement wächst von Monat zu Monat. In Radomisel haben sich Gruppen von jüdischen Handwerkern gebildet, die ihre Habe verkaufen, um die Reise über das große Wasser anzutreten. In der Woche vom 17. bis 24. Mai sind aus Radomisel und Umgegend allein ca. 500 Juden ausgewandert. Mit dem Sommer hat auch die Saison der Brände wieder begonnen. Bis jetzt sind die Ghetto- HädtchenKoristischew, Loin, Horoschna und Koro st y n der vernichtenden Flamme anheimgefallen. 1500 Familien, sind hierdurch brotlos und obdachlos geworden. Die Armut spottet jeder Beschreibung, und dabei sind die Lebensmittel sehr teuer; es kostet z. B. jetzt ein Pfund Schwarzbrot 31/» Kopeken (sonst lVa Kopeken) und 5 Pfund Kartoffeln 2 Kopeken. Moskau. Der am 2V. v. M. hier verstorbene jüdische Philantrop K. W. W i s 0 tz k i hat sein gesamtes Privatvermögen in Höhe von einer Million Rubel unter gewissen eigenartigen Bedingungen jüdischen Zwecken vermacht. Das Kapital soll in Beträgen von je 20,000 Rubeln jährlich realisiert werden. Alle 5 Jahre tritt das Kuratorium zusammen, um über die Verwendung der inzwischen realisierten 100,000 Rubel zu beschließen. Zu Kuratoren wurde testamentarisch bestellt der Schriftsteller Ascher Ginzburg (Ächad Haam), der Moskauer Kronrabbiner M a s ö und der ehemalige Direktor der Moskauer internationalen Bank, Schmelkes. Spanien. Toledo. Hier herrscht zur Zeit große Beunruhigung, da das ehemalige Hospital von Santa Cruz, das 1491 bis 1514 von Enriquedo Egas erbaut wurde und bemerkenswerte Einzelheiten ausweist, mit dem Einsturz droht. Auch die S y n a g 0 g e d e l T r a n s i t 0, der Cristo de la Luz und das epigraphische Museum gehen dem Untergang entgegen, wenn nichts zu ihrer .Erhaltung geschieht. Diese Bauten sind vor Jahren vom Staat übernommen worden mit dem ausdrücklichen Versprechen, für ihre Erhaltung zu sorgen. G Feuilleton. <9 Ungleiche Bahnen. Eine Geschichte aus dem Leben. Von JacobLevy. (Fortsetzung.) „Dann habe ich nur um Entschuldigung zu bitten. Wenn Sie nicht wissen, weshalb das Rauchen an diesem Tage bei religiösen Leuten Aergernis erregen kann, wenn Sie nicht das Gefühl, das Empfinden dafür haben, muß ich freilich ineinen Vorwurf zurücknehmen."" Kurt erwiderte gereizt: „Ich weiß nicht, mein Fräulein, womit ich den Vorzug verdiene, so häufig von Ihnen schlecht behandelt zu werden. Sie werfen mir Taktlosigkeit vor, absichliche Verhöhnung jedes religiösen Gefühles, ohne erst "geprüft zu haben, ob ich diesen Tadel verdiene. Wenn Sie von der hohen Warte Ihrer makellosen Frömmigkeit so vernichtend auf mich Sünder herabblicken, so denken Sie bitte daran, daß Ihre Eltern Sie so erzogen haben, wie Sie sind, während in meiner Erziehung die Religion ganz ausgeschaltet war."" „Ich bat Sie vorhin schon, mir zu verzeihen und wiederhole diese Bitte. Kann ich mehr tun?"" „Nein, aber da wir uns wohl lange nicht mehr sehen werden, möchte ich, der nichts von Religion versteht, mir erlauben. Ihnen zum Abschied eine kleine Lehre zu geben. Es kann nicht im Sinne einer Religion liegen, daß Einzelne, die ihre Formen beherrschen und ausüben, sich deshalb über ihre minder gelehrten Mitmenschen erhaben dünken. Der wahrhaft Fromme ist demütig, verletzt seine Mitmenschen nicht durch Selbstgefälligkeit, durch Stolz, sondern sucht die Fehler seiner Brüder durch Freundlichkeit, durch Beispiel zu bessern. Ich empfehle mich Ihnen."" Herr Weber, der seinen Gast sich entfernen sah, hielt ihn am Rocke fest. „Das Seser, das Sefer!"" „Es hat für mich gar keinen Zweck, Herr Weber. Machen Sie mir das Vergnügen, es als Geschenk von mir anzunehmen." Weber, rot vor Freude, vergaß zu danken und eilte wieder mit seinem Schatz an's Fenster. Fanny, die über die Znrechttvei>ung Kurt's blaß geworden war, saß mit gefalteten Händen regungslos und blickte ihm nach. Ms sie seine Schritte auf der Straße verhallen hörte, barg sie das Gesicht in die Hände und weinte — ans Beschämung, wie sie sich sagte. 10. K a p i t e l. Kurt hatte seine Besuche bei Webers eingestellt. Er sagte sich mit bitterm Lächeln: „Ich scheine kein Talent für geregelten Familienverkehr zu haben. Erst bei Löser, dann bei Weber, überall werde ich unmöglich. Wenn der solide Umgang sich mir verschließt, nun, ich muß dann eben mit anderm vorlieb nehmen."" Und er stürzte sich in den Taumel des wüsten Genußlebens mehr als vordem. — Er war in seinein Bureau am arbeiten, als er an's Telephon gerufen wurde. „Kurt, komme sofort nach Hause, Vater ist krank geworden."" Er verabschiedete sich rasch von seinem Chef und eilte heim. Seine Mutter kam ihm fassungslos entgegen. „Vater ist vorhin von seinem Buchhalter in einer Droschke hergebracht worden.. Der Arzt ist oben." Kurt stürzte in's Schlafzimmer. Da lag sein Vater im Bett, das Gesicht kreideweiß, mit spitz gewordener Nase. Der Doktor machte eine sehr bedenkliche Miene. „Vater,"" schrie Kurt, an'S Lager stürzend. Ehrmann öffnete die halb geschlossenen Augen und versuchte zu lächeln. Seine Frau faßte die kalte Hand ihres Mannes, inzwischen zog Kurt den Arzt, ihren alten Hausfreund, auf Seite. „Was ist's, Herr Doktor?" „Ein Schlaganfall. Ich darf Ihnen nicht verhehlen, daß das Schlimmste zu befürchten ist. Seien Sie gefaßt, Herr Kurt, Sie werden Ihrer Mutter beizustehen haben." Ehrmann flüsterte mühsam: „Ich will mit meiner Frau und Kurt allein sein." Doktor Weinberg ging in's Nebenzimmer. Ehrmann hatte sich langsam aufgerichtet und sagte mit schwacher Stimme, die jedoch an Stärke noch einmal zunahm: „Unterbrecht mich nicht, ich habe nicht viel Zeit mehr. Sidonie, Knrt, wir sind ruiniert." Seine Frau sah ihn mit irren Blicken an. „Die Kosten unseres Lebens verschlangen mehr, als ich noch verdienen konnte. Ich spekulierte in Wolle, um ein Vermögen zn gewinnen, es mißglückte, mein Vermögen ist verloren. Als ich vorhin die Nachricht erhielt, wurde es mir nicht gut, — nun bin ich hier. Kurt, löse inein Geschäft auf. Allen meinen Verpflichtungen kannst Du gerecht werden, ich sterbe ohne Makel — aber ihr — verzeiht mir." Sein Weib schrie: „Louis, wie konntest Du. ." . Da faßte Knrt sie am Arm und rannte ihr zu: „Es war ihm nicht vergönnt, ruhig zu leben, laß' ihn wenigstens in Frieden sterben." Zu seinem Vater gewandt, sagte er: „Lieber Vater, laß' alles verloren sein. Vertraue mir, lasse mich von jetzt an sorgen und werde wieder gesund."" Er umschlang den Hals seines Vaters. „Gönne mir das Glück, siir Dich wirken zu dürfen.'" Ein mildes Lächeln verklärte die Züge des Sterbenden. „Gott segne Dich, mein Junge. Lasse die Chewroh rufen, ich will als Jude sterben. Kurt, verlasse die Mutter nicht» — sorge für Deine Mutter" — Sein Haupt saut zurück, er schien einzuschlafen. Frau Ehrmann war auf einen Stuhl am Bett gesunken und trocknete die Stirn ihres Mannes vom perlenden Schweiße. Knrt lief nach dem Arzt, der noch im Nebenzimmer weilte. „Herr Doktor, mein Vater wünscht die Chewroh, ich weiß nicht Bescheid." „Ich hörte es und habe den Vorsitzenden bereits telephonisch benachrichtigt." Der Arzt trat an's Bett. „Ihr Vater wird sanft hinüberschlummern."" Inzwischen waren schon einzelne Mitglieder der Chewroh erschienen, unter ihnen auch der alte Weber und nun ertönte die erhabene Anerkennung der Einheit Gottes, immer andächtiger, immer inbrünstiger wiederholt, von dem Sterbenden leise geflüstert. Plötzlich hauchte er: „Knrt." Dieser, der am Bette stand, stürzte auf die Knie. „Vater!" „Knrt, ich segne Dich. Tu warst meine einzige Freude — bleibe gut — und brav — und — brav."- Läuter ertönten die Gebete, der Sterbende seufzte tief, streckte sich lang aus und sein Herz hatte aufgehört zu schlagen. Frau Ehrmann fiel in Krämpfe. Der noch anwesende Arzt beruhigte Kurt mit einer Handbewegung und ordnete das Nötige an. Inzwischen war auch Löser mit seinem Schwiegersohn Behrend herbeigeeilt und reichte Kurt tief ergriffen die Hand. Dieser sah ihn mit brennenden Augen an. Plötzlich schlang er seinen Arm krampfhaft um den Hals seines Verwandten und brach in heiße Tränen aus. Löser stotterte: „Nun Kurt, recht mein Junge, weine Dich bei mir aus. Betrachte mich jetzt als Deinen Vater, ich habe Dich so lieb, wie einen Sohn." Karl Behrend aber sagte zn Kurt: „Ich nehme Dir alle traurigen Pflichten ab. Widme Dich jetzt Deiner Mutter." Knrt ging stumm hinaus. Seine Mutter aber sagte weinend: „Fetzt bist Du der Herr des Hauses, mein Sohn. Wo soll ich meine Traüergarderobe bestellen?" — — Die ganze Gemeinde nahm herzlichen Anteil an dem Tode des allgemein beliebten Ehrmann. Knrt erhielt den nötigen Urlaub seiner Chefs, um die Auflösung des väterlichen Geschäftes zu regeln. Bei der Ordnung, die darin herrschte, war sie leicht und in kürzer Zeit beendet. Für die Hinterbliebenen blieb jedoch fast nichts mehr übrig und Kurt hatte nun die schwere Aufgabe, seine Mutter vom Schlußresultate in Kenntnis zu setzen. Er tat dies auf schonende Weise. Seine Mutter ließ ihn jedoch nicht ausreden und fuhr wie rasend ans: „Wir stehen also vor dem Nichts. Es ist geradezu schändlich von meinem Manne, mich so zurückzulassen. Wie konnte er so leichtsinnig sein und sein Vermögen auf eine Spekulation setzen! Er hatte aber den Trieb, rasch und mühelos reich zu 'werden und dafür opferte er mich." Kurt war tief erblaßt und streckte seine Hand aus, seine Mutter unterbrechend. „Schmähe den Toten nicht. Er, der in seinem Leben rastlos gewirkt und geschafft hat, wie kein anderer, wollte nicht mühelos reich werden. Er konnte nicht verdienen, was Dein, wie ich nun eingesehen, unsere Verhältnisse übersteigendes Leben beanspruchte und geriet in gewagte Spekulationen; in seiner Ratlosigkeit wußte er keinen anderen Weg mehr, um 2>eine 23iinfd}e zn befriedigen. Hätte er sich mir doch anvertraut! Er aber wollte mir jeden Verdruß ersparen und verbot) sogar seinem alten Buchhalter Heß, mir etwas zu verraten." Sie lachte hysterisch aus. „Natürlich, Du wirst ihn gewiß verteidigen, er hat Dich ja mit seiner Affenliebe verwöhnt. Aber was bleibt mir jetzt übrig? Ich soll wohl ins Asyl gehen und dem Gedanken des verschwundenen Glückes leben." Er wandte sich ab. „Du wirst keinerlei Entbehrungen haben, Mutter, sei unbesorgt. Ich stelle Dir die Mittel zur Verfügung, um bequem wie bis heran weiter leben zu können. Nur wirst Du eine andere Wohnung beziehen müssen, diese ist zu groß. Ich ziehe nämlich aus." „Du willst von mir fortziehen Kurt?" „Ja! Ich will nicht täglich von Dir das Andenken meines armen, teuren seligen Vaters verunglimpfen hören. Zudem ist das Band, das mich am elterlichen Hause fesselte, zerrissen, sentimental sind wir beide nicht, also trennen wir uns. Ich werde meine Pflichten gegen Dich voll und ganz erfüllen, wie der selige Vater es gewünscht hat. Mehr kannst Du nicht von mir voraussetzen."' „Mein Sohn, Du willst mich ein einsames Leben führen lassen. Ist das Deine kindliche Liebe?" Er lachte auf. „Kindliche Liebe. Die verlangst Tu von mir? Warst Du mir denn jemals eine Mutter? Ich habe ja niemals mütterliche Liebe kennen gelernt. Du hast mich in gesunden und kranken Tagen den Dienstboten überlassen. In dem Alter, da andere Kinder von ihren Müttern zärtlich gepflegt werden, war ich einsam. Als sechsjähriger Junge sah ich, wie Frau Weber ihre Kinder zu Bett brachte, ihnen erzählte, sie küßte. Ich bat Dich da unter heißen Tränen um Liebe. Du aber hattest keine Zeit und versprachst mir Chokolade. Da zerriß in dem Herzen des sechsjährigen Knaben eine Saite» die nun auf ewig verstummt ist — ich störte Dich von da an nicht mehr mit meiner kindlichen Liebe, mein lieber Vater ließ mich nicht darben." „Diese verjährte Lappalien sind nur ein Borwand. Du täuschst mich nicht. Tu willst dein liederliches Leben jetzt ohne Scheu fortsetzen, deshalb willst Du ausziehen." „Du wirsst niir Liederlichkeit vor. Leider bis heute mit Recht. Aber dafür bist Du auch verantwortlich. Nur Deine Gleichgiltigkeit gegen mich ließ mich so tief sinken. Du wirst Tich erinnern, daß ich als fünfzehnjähriger Junge die Masern hatte. Der angegriffenen Augen wegen durfte ich nicht lesen und ich hatte nun, namentlich zur Zeit meiner Genesung, schreckliche Langeweile. Meine Freunde durften mich nicht besuchen, ich konnte auch nicht unaufhörlich Klavier spielen. Vater war aus Reise und Du hattest auch kein halbes Stündchen Zeit für mich, es war ja der Winter mit all seinen Zerstreuungen. Ich war genesen und sollte in einigen Tagen wieder in's Gymnasium gehen. Du warst in „Lohen-' grin" — ich weiß es noch ganz genau — ich war allein und trommelte auf den Tisch. Da kam unser damaliges Dienstmädchen Elise in's Zimmer und setzte sich neben mich auf's Sopha. „Herr Kurt, es ist doch Unrecht, daß Sie immer so allein sind," und sie schlang ihren Arm um meinen Hals. Als Du um elf Uhr heimkamst, schlich sie aus dem Zimmer. Bon da an wartete ich immer ungeduldig auf Dein Ausgehen, Dir war es gleichgiltig, daß Du beim Nachhausekommen das Mädchen einigemal bei mir im Zimmer trafst. Am Schluß des Semesters war mein Zeugnis allerdings miserabel. Das war meine Erziehung. Bon Religion war im Hause keine Spur.

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