Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 25 (1.7.1904)
- Date
- 1904-07-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 25. Roch einmal der „Verband der dentschen Juden." Veranlaßt durch den gleichnamigen Artikel in der vorigen Nummer, nehmen wir Gelegenheit, unsere Stellungnahme zum Verband, die wir bereits in mehreren Artikeln eingehend begründet haben, . in kurzen Federstrichen noch einmal zu präzisieren: Im Prinzip stehen wir einer jeden Bereinigung von Juden als Juden syinpajhisch gegenüber, denn eine jede solche Vereinigung bedeutet einen Bruch mit der Assimilation; eine jüdische Gruppierung um gesonderte jüdische Interessen muß schon an und für sich zum jüdischen Bewußtsein führen. Wenn wir nun in unserer Stellungnahme zu der vor einigen Monaten begründeten „G e s a m t o r g a - nisation der deutschen Juden" zu einem verneinenden Resultate gekommen sind, so galt dasselbe nicht der Idee der Organisation an und für sich, sondern ihrem Aufbau und ihrer Gestaltung in diesem besonderen Falle. Die Gesamtorganisation der deutschen Juden hat sich präsentiert als eine politische Partei. Und gerade dieses Moment, das rein politische, ist eine Sache, deren praktischer Wert zweifelhafter Natur ist und manche Befürchtungen in sich birgt. Wie wir von vornherein vermuteten, und wie es sich jetzt bereits bewahrheitet, kommt hierzu noch ein weiterer Moment, nämlich, daß der Verband der deutschen Juden nicht rein politisch sein wird, weil er nicht rein politisch sein kann, daß er — auch wenn er es nicht auf sein Programm geschrieben hat — auf die inneren jüdischen Verhältnisse religiöser Natur übergreifen muß; das beweist die Bildung einer Kommission zur Bearbeitung von Gesetzes- und Verfassungsfragen, die neben der ebenfalls gebildeten politischen und juristischen Kommission keinen anderen Zweck haben kann, als aus eine staatliche Organisation hinzuarbeiten, sowie ferner die Bildung einer literarisch-apolegetischen Kommission. Aus aSCev Wett. Deutschland. Frankfurt a. M. Es giebt immer noch sehr viele rituell lebende Leute, die keinen Anstoß daran nehmen, überall Butter zu genießen. Man beruhigt sich damit, daß das Gesetz die Vermischung von Butter mit hohen Strafen belegt. Wie wenig diese Entschuldigung genügt, zeigt ein Bericht der „Rhein.- Weftf.-Ztg." über holländische Butterverfälschungen. Das Blatt schreibt: Durch umfangreiche Untersuchungen des Lebensmittel-Untersuchungsamts Ruhrort-Oberhausen sind bedeutende Butterfälschungen, die seit Jahren in Holland in großem Maßstabe betrieben werden, aufgedeckt worden. Die Fälschungen waren oft so geschickt ausgeführt, daß sie von den meisten deutschen Handelschemikern nicht gefunden wurden. In der jüngsten Zeit hat man nun ein ganz neues Verfahren bei diesen Untersuchungen in Anwendung gebracht, welches es ermöglicht, Butterzusätze mit Sicherheft sestzustellen. Um einen annähernden Anhaltspunkt über die Höhe der Fälschungen zu gewinnen, entnahm der Vorsteher des Untersuchungsamts giuhrort- Oberhausen, Großmann, auf den holländischen Butterbörsen (Botter-Mine), die jeden Dienstag und Freitag in Einhoven und Hertogenbosch stattfinden, am 17. Mai Proben der dort zum Verkauf angefahrenen Butter der Genossenschaftsmolkereien. Diese Butter ist „garanttert rein". Die Untersuchung ergab schon hier, eine Verfälschung. An dem betreffenden Tage waren ca. 58000 Kg. Butter zum Verkauf ausgestellt. Diese Butter, welche sämtlich von ungefähr zehn Firmen aufgekauft wurde, kam am 18.—24. Mai, nachdem sie die „Misch f ab rike n", in Holland Knoirij genannt, passiert hatte, zum Versandt. Von der nachweislich zu obiger Zeit abgesandtcn Butter wurden am 24.-27. Mai ca. 20 Proben in Ruhrort, Oberhausen, Essen a. d. R., Meiderich und Hamborn zur Untersuchung entnommen. Sie lieferte das nicht mehr überraschende Resultat, baß sämtliche Proben mft fremdem, minderwertigem Fett bis zu 28 Prozent gefälscht waren. Die Fälschungen bestehen in den meisten Fällen im Zusatz von Oleomargarin oder Neutral-Lard (amerikanisches Schweineschmalz) oder beiden zusammen. Einige benützten auch die ganz offen von holländischen Margarinefabriken als Mischbutter angebotenen Fettmischungen: „Mischbutter, vorzüglich geeignet zum Mischen, so daß selbst bis zu 30 Prozent die deutschen Chemiker nicht Nachweisen können." Wie groß der Schaden ist, den die rheinisch, westsülischen Butterproduzenten und auch die Kvnumenten dadurch erleiden, das dürften folgende Zahlen beweisen, die eines Kommentars nicht bedürfen: Monalliche Einfuhr ca. 900,000 Pfund; Börsenpreis in Holland Mitte Mai „85 Pfg." Offeriert wurde die Butter in Deutschland, einschließlich Zoll, Fracht und Verpackung, die für das Pfund ettoa 10 Pfg. betragen, für 82.88 Pfg. Ladenpreis 1.08 bis 1.10 JlL Hauptabnehmer dieser Butter ist das rheinischwestsälische Kvhlengebiet; aber auch nach Köln, Frankurt, Wiesbaden und Berlin komnit diese „billige" holländische Eßbutter, die selbst mit 85 Pfg. Ladenpreis noch zu teuer bezahlt ist. Breslau, den 24. Juni. Die Repräsentanten des Synagogen- Bezirks Breslau traten am Mittwoch Nachmittag 6 Uhr unter dem Vorsitz des Geheftnen Justtzrats Dr. Freund zu einer längeren Sitzung zusammen. Vorausgegangen war eine geheime Sitzung, in der u. a. zur Beratung standen: Bewilligung eines Extrahonorars an einen Religionshilsslehrer, Errichtung einer Fortbildungsschulklasse an der Religions-Unterrichts-Anstalt I, Anstellung eines Shnagogendieners, Wahl eines Mitglieds in die Kommission für Schlachtwesen. Ehrengabe für eine silberne Hochzeit (Dr. Guttmann). Subventionen. Bugacz in Galizien wurde im April d. Js. von einer nicht unerheblichen Feuersbrunst heimgesucht; zur Linderung dieser Notleidenden beantragt nunmehr der Synagogenvorstand die Summe von 100 JL unb dem jüdischen Krankenhausbau in Memel den Betrag von 200 JL zu bewilligen. Die Versammlung stimmt diesen Leiden Anträgen nach kurzer Diskussion unter Abänderung dahin zu, daß man nach Bugacz 200 JL entsende. Anschaffung eines Harmoniums in der Begräbniskapelle zu Cosel. Der Vor-' tand beantragt die Summe von 768 JL zu bewilligen ür die Anschaffung eines Harmoniums in der Leichenhalle. Die Position wird, bewilligt. Aenderung der Beleuchtungsanlage in der „NeuenSynagoge".Kostenaufwand4040 Mark. Man stimmte der Vorlage nach kurzer Debatte zu. AnnahmevonLegaten. Der Rentier Josef Gotthelf hat der hiesigen Gemeinde ein Legat in Höhe von 300 000 JL letztwillig vermacht und zwar mit der Maßgabe, daß die Zinsen von IM 000 JL an arme jüdische Studierende der Medizin und Jurisprudenz der Provinz Schlesien und Posen verteilt werden, der Rest von 200000 JL fall zum Ankauf für Wohnhäuser bestimmt werden, in welchen ordentliche, jüdische Familien billige Wohnungen finden können. Das Kollegium beschließt die Annahme des Legats einstimmig. Oesterreich-Ungarn. Wien. Daß die Taufe in unserer Zeit durchaus kein sicheres Mittel mehr ist, um den Juden abzuschütteln, hat sich bereits verschiedentlich bewahrheitet. So ist vor einigen Monaten Erzbischof Lohn in Olmütz nur deshalb gestürzt worden, weil seine Vorfahren Juden gewesen sind. Und so ist jüngst Professor Otto Lewel- Straßburg, einer der hervorragendsten Romanisten von heute, wenn nicht der hervorragendste, nur deshalb nicht an die Wiener Universität gekommen, weil er jüdischer Abstammung ist. — Herr HofratCzyhlarz, eine Stütze des „Liberalismus", sah sich nämlich veranlaßt, im Professoren-Kollegium auf den Umstand aufmerksam zu machen, daß Herr Professor Lewel jüdischer Abstammung sei. Der Herr Hofrat meinte, es sei doch sehr schwer, einen Juden für die Lehrkanzel des römischen Rechts in Vorschlag zu bringen. Budapest,den20.Juni. Generalversammlung der Pest er israelitischen Religionsgemeinde. Die Pester israelitische Religionsgemeinde setzte gestern Vormittags 10 Uhr ihre .am 12. d. M. unterbrochene außerordentliche Generalversammlung fort. Den einzigen Gegenstand der Beratung bildete der neue Statutenentwurf. Den Vorsitz führte Hofrat Sigmund K o h n e r, als Referent fungierte Gemeindesekretär Dr. Julius G ü b o r. Zu einer längeren Diskussion gab bloß § 87 Anlaß, demzufolge die Vorsteher der Settionen zu. allen Sekttonsverhandlungen, die aus den Mitgliedern der Repräsentanz eingeteilten Mitglieder jedoch nur zur Verhandlung wichttgcr oder prinzipiell bedeutungsvoller Gegenstände zu-laden sind. Dr. Max Schächter erllärt sich gegen die Disparität bei der Einladung von Vorstands- und Repräsentanzmitgliedern; es dürfe hier kein Unterschied gemacht werden. Paul Teurer führt den Beweis, daß dieser Unterschied eben den Zweck verfolge, das Interesse der Repräsentanzmitglieder an den . Scktionsberatungen wachzuhalten. Denn wenn diese Mitglieder nicht nur den wichtigen Sitzungen, sondern den alltäglichen, nur bedeutungslose, laufende Angelegenheiten behandelnden Sitzungen beigezogen werden, so wird ihnen die Lust, sich, am Gemeindeleben intensiv zu beteiligen, verleidet. Nachdem Dr. Bela F e l e k i, Dr. Alexander G r o ß, Dr. Philipp Weinmann u. A zur Sache gesprochen, wurde der Paragraph in der ursprünglichen Fassung acceptiert. Die Generalversammlung acceptierte den Statutenentwurf mit einigen stylarischen Modifikationen. Präsident Siginund Kvhner bemerke, daß der Statutenentwurf nunmehr unverzüglich der Regierung mft der Bitte um baldigste Genehmigung unterbreitet werden wird, damit die nächste Wahl schon auf Grund der neuen Statuten erfolgen könne. Frankreich., Paris. Es dürfte Ihre Leser interessieren, daß die Scheidung zwischen Kirche und Staat, die gegenwärtig die französische Regierung zur Durchführung bringt, auch für die 80 000 Juden Frankreichs von Bedeutung ist, da bisher der Staat 200000 Fr. zu den Kultuslasten der Israeliten beisteuerte; außerdem erhielt der Oberrabbiner von Frankreich 4000 bis 5000 Fr. und sämtliche andere Rabbiner 1800 Fr. aus der Staatskasse, die nunmehr in Fortfall kommen würden. Paris. Die Freiherren Alfons, Gustav und Edmund von Rothschild in Paris spenden zehn Millionen Franken zur Schafsung billiger Wohnungen und zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der französischen Arbeiter. England. London. Menasse den Israel-Ausstellung. Zur Erinnerung an den 300. Geburtstag von Menasse ben Israel fand im Hause des Vorsitzenden des „Verein für jüdische Geschichte" eine Erinnerungsfeier statt, bei welcher Gelegenheit viele Bücher, Manuskripte und Portraits, die auf diesen Großen in Israel Bezug haben, ausgestellt waren. An der Ausstellung beteiligte sich auch Herr Vita Israel aus Amsterdam, er sandte u. a. eine Abbildung des Grabsteins von Menasse ben Israel und ein Manuskript einer nicht erschienenen, jüdischen Grammatik (Sefer Berurah). Holland. Amsterdam. Der Niederländische Bund der Zionisten veröffentlicht folgendes: In einer Konferenz, die von einigen niederlän-. bischen Oberrabbinern ain 13. und 14.. Juni zu Amsterdam abgehalten wurde, ist die Resolution gefaßt worden: „Bezüglich des Zionismus fühlt die Versammlung sich veranlaßt auszusprechen, daß sie die schwerwiegenden Bedenken teilt, die von orthodoxer Seite gegen diese Bewegung vorgebracht werden." In einer Besprechung, die hierüber ein Vorstandsmitglied des „N. B. d. Z." mit dem Zionist, Se. Ehrwürden, Herrn Dr. Dünner, Oberrabbiner von Nord-Holland, am Freitag, den 17. Juni hatte, drückte der Herr Obcrrabbiner, der an der Versammlung seiner Kollegen nicht teil genommen hatte, sein größtes Bedauern wegen der publizierten Resolution aus. Der Herr Oberrabbiner begriff nicht, daß die versammelten Herren keinen weiteren Blick zeigten, denn sonst hätten sie einsehen müssen, was der Zionismus bereits für das Judentum geleistet hat und noch tun wird; wie eine große Anzahl Juden — besonders das junge Geschlecht — nicht nur hier, sondern im ganzen Lande einzig und allein durch den Zionismus für das Judentum bewahrt blieben und bleiben werden, Leute, die sonst dem Judentumc als Assimilanten gegenüber stehen würden und wie durch den Zionismus auch der Reform Abbruch getan werde. Keinesfalls hätte es ihm je möglich erschienen, daß das Urteil der Versammlung dahin gehen würde, daß der Zionismus durch sie vom orthodoxe» Standpunkte aus verurteilt werden müßte,. weil die Leiter der Bewegung nicht aus orthodoxem Standpuntte stehen. Dies könne doch wahrlich keinen Einfluß haben auf die Beurteilung des Zionismus selbst. Dr. Dünner glaubt, daß doch sicherlich die Anwesenden seine Orthodoxie nicht weniger ernst und ehrlich schätzen würden, als ihren eigenen Standpunkt in religiöser Beziehung und ihnen allen war doch sein Urteil über das Verhältnis des orthodoxen Judentums zum Zionismus bekannt. Abgesehen von dem Inhalte der Resolution selbst, war es ihm ein schmerzliches Gefühl, zu wissen, daß mit einer einzigen Ausnahme alle Anwesenden direkt oder indirekt seine früheren Schüler sind und bei diesen seinen früheren Schülern die Erfahrung machen zu müssen, daß sie im Widerspruch mit den jüdischen Vorschriften im Gebiete seines Ressorts ein Urteil abgeben konnten, dasselbe publizierten und über das ja oder nicht Erlaubte vom jüdisch-orthodoxen Standpunkte aus ein anderes Urteil abgaben, als er, ihr Lehrer. Wenn man vom jüdisch-orthodoxen Standpunkte aus etwas betrachtet, so hat man sich doch zu allererst an die Vorschriften des Schulchan Aruch zu halten. — Herr Oberrabbiner Dr. Dünner erlaubt uns, dies zu publizieren. Der Vorstand des N. B. d. Z. S. Seeligmann, G. C. Polak, Mr. Isidore Hen. Amsterdam, 20. Juni 1904 (7. Tamus 5664). Rußland. Petersburg. Jüngst ist mit großer Beflissenheit gemeldet worden, daß in der russisch enJudengesetzgebung eine einigermaßen liberalere Wendung eintreten soll. Eine gute Beleuchtung erhält diese Kunde durch folgende Verfügung, die der Gouverneur von Wiborg dieser Tage erlassen hat: „Aus bestimmter Veranlassung halte ich es für notwendig, den Villenbesitzern in Raiwola, Terri-