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Neue jüdische Presse · 1904-07-01 · Heft 25 (1.7.1904) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 25 (1.7.1904)
Date
1904-07-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Irartkfitrker Sfrarlitifdirs JFamilirnlilatt. ittWtt*«« f 3niaitiim3(icri[t: Srankfurt 3. IR», Die viergespaltene Petitzeile.25 Pfg. Lelliglreuzgaffe 52, Lcke Llapperfeldstraße Ke“ame*ei*e * 10« " Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 „ (gegenüber der Venen Zeit). _. x . Beilagen: „ „ „ Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.—. . HsrauSgeber: Sa lg He iS. . Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe Schluß des redakttonellen Teiles). <, ' Jnfertionspreife: Die viergefpaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 » Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8- —. . 2. Jahrgang. Freitag, de« 18. Tarnns 5664 (1. Juli 1904). No. 25. Der jüdische Student und das studentische Vereinsleben. Mehrmals hatte ich in Berlin Gelegenheit, das jüdisch-studentische Vereinsleben in seiner jetzigen Gestalt kennen zu lernen und zu beobachten, und ich betrachte es als sin Bedürfnis sowohl der Zeit als auch der Verhältnisse, meine jüdischen Kommilitonen auf manche, in ihrer Mitte ausgebrochene oder jetzt im Bahnbrechen begriffene Uebel aufmerksam zu machen. Ich fühle mich dazu um so mehr berechtigt, als ich bis jetzt keiner Verbindung angehört habe, noch auch gegenwärttg irgend einer angehöre, und deshalb mein Urteil von einseitigen Anschauungen, die jeder Korporation in Vertretung der Berechtigung ihrer Existenz und ihres ganzen Treibens meistens anhastet, frei sein dürfte. Mit der geschichtlichen Entwickelung der jüdischen Studentenvereine habe ich es hier weniger zu tun, denn ich beabsichtige nur das Verhältnis dieser Verbindungen zu dem christlichen Korporationswesen zu zeigen. Da aber in der letzten Zeit über die Wsonderung der jüdischen Sttldenten von christlicher Seite soviel Redens gemacht wurde, halte ich es für angemessen, mit einigen Worten auch hierauf einzugehen. — Wir finden heute fast aus allen Universitäten, wo Juden in größerer Anzahl studieren, jüdische Verbindungen, die ernste und spezifisch jüdische Tendenzen in ihr Programm ausgenommen haben. Diese Abschließung der jüdischen Sttldenten von ihren christlichen Kommilitonen in eigene, selbständige Vereine ist neueren Datums und verlangt daher nähere Untersuchung. Falsch ist es, zu behaupten, wie es von Seiten der christlichen Studenten und manchen begeisterten Zionisten geschah, die Wsonderung der jüdischen Studenten sei durch ein neues Erwachen ihres jüdischen Selbstbewußtseins zustande gekommen. Ebensowenig geschah sie infolge der Befürchtung, man könnte sein Judentum vielleicht unter den christlichen Vereinen und im steten Verkehr mit ihnen im Laufe der Zeit verlieren; denn dazu standen die Studenten dem Judentum viel zu indifferent^ gegenüber. Die wahre Ursache ihrer Wsonderung und der Bildung eigener Vereine liegt lediglich in der M- und Ausschließung aus den Verbindungen durch die christlichen Studenten, wie es mehrmals in neuerer Zeit der Fall war. Der Ausgangspunkt für das neu erwachte Selbstbewußtsein des jüdischen Studenten war nur der unter den christlichen Verbindungen aufgekommene Anttsemitismus. Der ausgestoßene jüdische Student mußte sich fragen: „Warum werde ich denn ausgeschlossen, da ich doch mit meinen studentischen Leistungsfähigkeiten aus dem Gebiete des Fechtens, Trinkens und Saufens meinen christlichen Kommilitonen in keiner Beziehung nachstehe?" — Nebenbei bemerkt, eine Behauptung, wofür sie auch in ihren jetzigen Vereinen den Beweis erbringen. — Geschah dies aber lediglich nur seines Judentums wegen, so mußte er sich fragen: „Ist denn der Jude ein minderwertiger Mensch?" Er fing daher an, den Juden und das Judentum nach seinem geschichllichen und kulturellem Werte zu studieren und zu erforschen, und sah bald ein, daß seine flüchtigen Kenntnisse vom Judentume, die er auf der christlichen Schule erworben hatte, ihm nichtdenlei festen Schimmer seines geschichtlichen Wertes für die europäische Kultur und der hohen ethischen Bedeutung für die Menschheit verraten hatte. Mit der Erkenntnis des Wertes seines Volkes wuchs zugleich sein eigenes Selbstbewußtsein, und er fühlte sich in seiner Eigenschaft als Jude dem Christen gleichberechtigt, und dementsprechend und in diesem Sinne gründete er eigene Vereine. Sieht mair sich diese Vereine näher an, so findet man, daß die meisten trotz ihres jüdischen Selbstbewußtseins im großen und ganzen bestrebt sind, den ch r i st l i ch e n Verbindungen n a ch z u - ahmen. Diesen allzueifrigen Nachahmungstrieb des jüdischen Studenten möchte ich mit einigen Worten berühren. Es wäre selbstverständlich töricht, von dem jüdischen Studenten, nachdem er ausgeschlossen und zur Bildung eigener Vereine genöttgt wurde, zu verlangen, er solle fein Bereinsleben in jeder Beziehung neu gestalten und das Verbindungswesen vollständig umgestalten. Dagegen glaube ich, daß man wohl mit Recht von den jüdischen Studenten verlangen kann, daß sie die allgemein bekannten, unter den christlichen Korporationen jedoch schon allzu sehr eingebürgerten Uebel aus ihren jetzt entstehenden oder entstandenen Vereinen ausrotten und ihre Nachahmungslust auf das Nachahmenswerte und auf die geringeren Uebel beschränken. Daß z. B. das studentische Biersausen auf den Kneipen für den Körper und das ganze Nervensystem nicht gerade heilbringend ist, dürfte wohl auch dem begeistertsten Verehrer des Gambrinus bekannt sein. Ebenso hat das Mensurwesen bei den modern-ernstdenkcnden Studenten seinen romanttschen Zauber verloren. Gerade diese beiden Uebelstände, die bei den christlichen Korporattonen doch schon im Wsterben begriffen sind, werden von den jüdischen auf das eifrigste gepflegt und nachgeahmt. Trotz aller Nachahmungslust vermisse ich mit Schmerzen unter den jüdischen Verbindungen den wirklich st u d e n t i s ch e n Humor, die frohe und freudige Kommersstimmung, die ungebundene und zwanglose Unterhaltung, wie man es unter den christlichen Verbindungen sieht. Man könnte allen Anschein nach behaupten, daß dem Juden im allgemeinen der Lebenshumor, nämlich das Leben in natürlicher Freude und ungebundener Lust zu genießen, instinktiv nicht gegeben ist. Der Jude ist seinem Wesen nach ernst veranlagt und hat nicht allein andern, sondern auch sich gegenüber eine stark kritische Ader. Sein Ernst läßt sich wohl auch aus der ganzen Welt- und Lebensanschauung des Judentums erklären, von welchem die Natur nicht als Zweck, sondern als Mittel zu einem höheren Zweck betrachtet wird. Die echt jüdische' Freude, wie wir sie noch teilweise heute unter den Jrweii Rußlands und Galiziens finden, ist den deutschen und westeuropäischen Juden überhaupt, durch ihre, Annäherung an das Germanentum und die 'Aufnahme christlicher Bildung, geschwunden, geblieben ist ihnen, was der Gesamtjudenheit überhaupt anhastet, durch das stetige Hin- und Herdrängen im Mittelalter, durch die Einschließung im Ghetto, durch ihre noch gegenwärtige Ausnahmestellung eine ernste Lebensauffassung. So begreift man, weshalb der jüdische Student ein tragi-komisches Bild auf der Kneipe abgiebt, gemischt von Ernst und aufgezwungener Lust. Indem er sich durch Biersaufen bemüht, eine heitere Stimmung hervorzurnsen, sieht man ihm aber zugleich das Gesicht vom Ernst umhüllt, jede 'Aeußerung und Bewegung von einer Wehmut umschattet. Dieser ungeziemende Ernst auf der Kneipe muß ebenso wie das Biersaufen in den jüdischen Vereinen abgeschafft werden. Zwar läßt sich nicht eine feste und allgemeine Norm aufstelken, wie dieser Ernst von der Kneipe zu beseitigen sei, das muß vielmehr jedem Studenten selbst überlassen werden. Der jüdische Sttldent, dem sein Judenttlm und sein Volk am Herzen liegt, soll sich zwar nicht einem frohen und leichtfertigen Studentenleben hingeben, da ihm ernste 'Aufgaben als Angehöriger seines zurückgesehten und nur geduldeten Volkes obliegen. Er soll mit seinem Studium Ernst machen, zumal ihm als gebildeter Repräsentant seines Stammes die Pflicht auferlegt ist, jeden ungerechtferttgten Angriff auf sein Volk und Judenttlm mit Kraft und Mut zu verteidigen. Die Zeit der 'Ausrüstung zum geistigen Kampf sind nur gerade die Studentenjahre, wo man sich dem wissenschaftlichen Studium mit'voller Hingebung"widmen^kann. Schon durch seine Ausschließung aus den christlichen Verbindungen hat der Jude die traurige Erfahrung wieder machen müssen, daß er und mit ihm sein ganzes Volk aus sich selbst angewiesen sind. Jedoch soll der jüdische Sttldent auch dem Spruche Salomon's folgen, der da sagt „alles hat seine Zeit", es ist eine Zeit ernst zu sein und eine Zeit fröhlich zu sein. Neben dem ernsten Studium ist vom Student zu erwarten, beim Kommers, der nicht nur den Wert einer Zerstreuung und Zeitvertreib an sich hat, sondern auch zu einer Erholung und Wiedersammlung der durch geistige Anstrengung des täglichen Studiums abgespannten und ermüdeten Kräfte dienen soll, von seinen ernsten Aufgaben und Tendenzen abzusehen; sich lediglich dem frohen und heitern Genüsse des Kommersabends hinzugeben. Hier am Stammtisch unter geselligen Bereinsbrüdern soll der Studio den Ernst des Studiums unter nicht aber auf dem Tische ausbreiten, und da er nicht auf christliche Weise heiter sein kann, so soll er sich bestreben, es auf jüdische Weise zu sein. Wenn er sein Verbindungswesen und seine Studienzeit in dem oben erwähnten Sinne ordnet, dann wird er auch mit Stolz in seinem späteren Beruf und in gereifterem Alter auf seine Studentenjahre zurückblicken können; dann wird er auch mit Recht das Lied „O alte Burschen Herrlichkeit" singen können, dann hat ja auch er die KommerSabende froh und ungebunden gefeiert. Land. Phil. Salkinowitz, Berlin.

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