Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 24 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 24. Seite 4. Frankfurter.Israelitisches Familienblatt. Einst spazierte Kurt mit einem Freund über die Hauptstraße, als ihm Fanny begegnete. Er grüßte respekwoll, sie ignorierte ihn und ging an ihm vorüber. Kurt blieb verblüfft stehen und die Herren sahen ihr nach. Sein Begleiter sagte, das Mädchen bewundernd. Las mit seiner schönen Gestalt, der einfachen, eleganten Toilette wirklich vornehm aussah: „Welch königliche Erscheinung! Die Dame hat Ihren Gruß nicht bemerkt." Kurt erwiderte nichts darauf. — Sonntags machte er einen Besuch bei der Familie Weber um eine Zeit, da er die Mutter in der Küche und Fritz nicht zu Hause vermutete, um Fanny allein zu sprechen. Er hatte richtig gerechnet. .Fanny war mit einer Handarbeit beschäftigt. Ihr Vater war zwar zugegen, lcker für diesen hatte er gesorgt. ,Herr Weber, ich habe einem alten Mann ein Buch abgekauft. Es ist hebräisch und da bitte ich Sie mir zu sagen, was es für ein Werk ist." Damit überreichte er dem Greis einen uralten Band. Der öffnete ihn neugierig. „Ah', ein Sefer Jezira (kabbalistische Abhandlung über die Weltschöpfung), sehr interessant,-sehr interessant." Er setzte sich damit ans Fenster und war bald darin vertieft. Nun wandte sich Kurt an Fanny, die das Manöver mit unmerklichem Lächeln beobachtet hatte. „Mein -Fräulein, weshalb geruhten Sic gestern nicht, den Gruß Ihres gehorsamen Dieners anzunehmen?" Sie sagte finster: „Soll ich Ihnen denn immer im Hause meiner Eltern etwas Verletzendes sagen?" „Sie werden nicht beabsichtigen, mich unverdient zu kränken, also bitte, reden Sie." „Wenn Sie am Samstag mit der brennenden Zigarre über die Straße geheim ist es viel taktvoller, mich zu ignorieren, anstatt mich zu grüßen. Sie kennen meinen religiösen Standpunkt und müssen wissen, daß diese absichtliche Verhöhnung jedes religiösen Gefühles mich verletzt." Er sah sie mit ungeheucheltem Erstaunen an. „Wer mein Fräulein,, wenn ich 'Sie versichere, daß ich von alledem, was Sie als verabscheuungswürdig schildern, nichts weiß. Mir ist es nicht recht begreiflich, daß es Jemanden beleidigen kann, wenn ich am Samstag rauche, es geht schließlich ja auch nur mich allein an. Alle meine Bekannten tun desgleichen. «Eine kränkende Wsicht war mir dabei gänzlich fern." (Fortsetzung folgt.) Aus bewegter Zeit. Erzählung aus der Zeit der französischen Revolution. Bon R. I. Fortsetzung. Um sich von dem Fleiß seiner Jünger zu überzeugen, hüll der Rabbi am Ende jeder Woche ein „Verhör" ab und nach Wlauf eines jeden Halbjahres ein „großes Verhör". Wer beim gewöhnlichen Verhör nicht besteht, bekommt vom Rabbi einen tüchtigen „Ausputzer" (Verweis) und als Strafe keine „Plett". Die „Plett'-' (Blllet) ist eine Anweisung auf einen Freitisch für den kommenden Sabbat, an welchem Tage kein Jude unter Juden darben darf; er muß drei gehörige Mahlzeiten erhalten. An jedem Freitag und Erew Jontef begeben sich daher in einer jeden Gemeinde die Armen — einheimische sowohl, als auswärtige —, sowie alle Talmudjünger zum Armenvorsteher: dieser hat ein Verzeichnis aller bemittelten jüdischen Hausväter, die er der Reihe nach wöchenllich mit einem „Gast" versorgt, und es wird nun von ihm einem jeden Armen und einem jeden Talmudjünger ein „Plett" ausgestellt mit der Adresse seines Gastgebers und dem Text: „Sie werden yöslichst ersucht, Ueberbringer dieses für den kommenden Sabbat an Ihren Tisch zu laden." Daß sich niemand der jüdischen Pflicht der Eastsreundschaft entzieht — selbst wenn sein eigener Wohlstand ein sehr bescheidener ist — ist selbstverständlich. Besteht also ein Talmudjünger durch sein eigenes Verschulden beim wöchentlichen Verhör nicht, so belegt ihm der Rabbi die nächste Plett mit Beschlag. Eine empfindlich harte Strafe für ein ehrliches Judenlind, den Sabbat bei frugalem Mahle in seinem schmucklosen, einsamen.Stübchen verbringen zu müssen, statt in froher Gesellschaft und an reichlicher Festestasel zu plaudern und zu schmausen! Nun noch — ehe wir unsere Erzählung beginnen — einen Blick in den Hörsaal! Ein geräumiges Zimmer mit einem lan en viereckigen Tisch und einer Bantreihe an den Wänden als einzige Möbelstücke. Um drei Kanten des Tisches stehen die Jünger, die vierte Kante gehört dem Rabbi, der «ein kleines Pult vor sich hat, auf dem ein riesiger Foliant aufgeschlagen liegt. — Die Lehrzeit selbst beansprucht gewöhnlich die letzten zwei bis drei Vormittagsstunden. Bor dem Eintritt des Rabbi geht es meistens recht stürmisch her, manch' lustige Streiche werden da angestellt, doch kaum ist der Schritt des verehrten und gefürchteten Lehrers zu hören, da verstummt die Schar zu lautloser Stille. Es war an einem der letzten Tage des Juni 1793. Die ganze Versammlung harrte - eben ihres Meisters, der in jedem Augenblicke auf der Bildfläche erscheinen mußte. Dieser selbst war ein schöner, stattlicher Mann, im besten Manncsalter. Ein dichter, bis an die Brust heräbwalleuder Bart umrahmte ein edel geformtes Gesicht, aus dem ein Paar gute und intelligente Augen in die Welt hinaus blickten. Kraft und Milde atmete seine ganze Erscheinung; und eine jüdische Jdealgestalt wäre er gewesen, wenn nicht seine abgeklärte giuhe durch Zeichen einer beginnenden nervösen Unruhe mitunter unterbrochen worden wäre, wenn nicht dann und wann ein fremder Zug über seine Mienen gehuscht haben würde. Auch ihn hatte die Aufruhr der Welt in Mitleidenschaft gezogen; ja mit dem regsten Interesse verfolgte er dre merkwürdigen, neuartigen Aktionen, die unerwartet und unvermutet sich in schneller Aufeinanderfolge auf der Scenerie des öffentlichen Lebens abspielten. Er trat, mit einem Zeitungsblatt in der Hand, in heftiger Aufregung in sein Ährzimmer. Die versammelte Jugend erhob sich, wie von einer Feder getrieben, ehrsurchtsvoll von ihren Sitzen und alle sahen sie ihren Rabbi besorgt an, da sie ihn noch nie in solcher Stimmung hatten eintreten sehen. „Haben sie ihn doch eingeholt, den armen König; nun möge sich Gott seiner erbarmen!" rief er im Tone tiessten Schmerzes aus, ein Zeitungsblatt in der Hand haltend. „Welchen König, Rabbi?" fragte, wie aus einem Mund, die Versammlung erschrocken. „Den armen König Ludwig von Frankreich; an dem werden wirklich die Vergehen seiner Vorfahren heimgesucht; was diese schwer verschuldeten, muß er büßen; und wer weiß, wie noch das Ende sein wird," erwiderte er mit Kvpsschütteln, nahm das Zeitungsblatt und las daraus die folgende Meldung vor: - „Paris, den 22. Juni. In der Nacht vom 20. auf den 21. Juni verließ die königliche Familie, als Engländer verkleidet, heimlich unsere Residenzstadt, um sich nach Koblenz, dem Hauptsitz des auswärtigen Frankreichs . . . ." : f „Was heißt das?" fiel ihm ein Jünger in die Rede. „Schweig doch und unterbrich den Rabbi nicht," rief ihm die Versammlung unwillig zu. „Er hat schon recht," beschwichtigte der Rabbi in gütigem Tone; „wer sich, zu fragen schämt, lernt nicht zu, sagen unsere Weisen" und sich zu dem Frager wendend, antwortete er: „Unter dem auswärtigen Frankreich versteht man diejenigen Franzosen, größtenteils Wlige und Geistliche, welche sich beim Ausbruch der Unruhen ins Ausland flüchteten, um die auswärtigen Mächte zu einem Kriegszug gegen ihr eigenes Vaterland zu bewegen, damit die alte Ordnung, oder besser Unordnung, dort wieder eingeführt werde." Dann fuhr er wieder zu lesen fort: „... um sich, nach.Koblenz, dem Hauptsitz des auswärtigen Frankreichs zu begeben, um vielleicht von dort an der Spitze eines zahlreichen Heeres nach Frankreich zurückzukchren und uns die schönsten Früchte der Revolution zu entreißen. Anfangs schien die Flucht gelingen zu wollen. Sie kamen abends ungestört in St. Menehould an. Allein während sie hier anhielten, um die Pferde zu wechseln, wurde der König von Dronet, dem Sohne des Postmeisters, erkannt. Als eifriger Anhänger der Revolution beschloß der junge Mann, die Flucht des Königs zu verhindern. Er bestieg ein Pferd und eilte auf einem Seitenwege voran nach Varcnnes, um den Bürgerral von der Ankunft des Königs zu unterrichten. Sogleich wurde die Sturmglocke gezogen, das Volk trat unter Waffen und besetzte alle Auswege; und als die königlichen Wagen ankamcn, wurden sie angehalten und ihre Passagiere zum Aussteigen genötigt. Anfangs leugnete Ludwig, daß er der König sei. Ms er sich aber von mehreren erkannt sah, rief er wehmütig aus: „Ja,' ich bin euer König! In der Hauptstadt von Dolchen und Bajonetten umgeben, will ich in der Provinz mitten unter treuen Unterthanen die Freiheit suchen, die ihr alle genießt; ich kann nicht länger in Paris bleiben, ohne mit meiner Famllie mnzukommen!" Seine Worte fanden jedoch kein Erbarmen, er wurde nach Paris zurückgebracht, umgeben von zürnenden Pöbelhaufen und Nationalgarden, vor deren Beleidigungen ihm kaum die drei begleitenden Deputierten Schutz gewähren konnten. Die königliche Familie steht bis auf weiteres unter strengem Gewahrsam." — Erschüttert schloß der Rabbi und manch' Träne glänzte in den Augen der Jünglinge. Heilig war stets die Ehrfurcht vor der Majestät des Königs in Israel. Nach einigen Minuten der Sammlung begann der Rabbi: „Bete für das Wohl der Regierung, denn wäre nicht die Furcht vor ihr, dann würde Einer den Andern lebendig verschlingen, sagen unsere Weisen gesegneten Andenkens." Dann stockte der Rabbi in seinen Worten, er zögerte, — doch plötzlich richtete er seine ohnehin schon bedeutende Statur in ihrer ganzen Größe auf, sein Gesicht nahm einen entschlossenen Ausdruck an und er fuhr fort: „Wohl ist das der Ausspruch unserer Weisen; doch die Landesherren sollten auch vernünftig sein und ihren Untertanen ihr billiges Recht gutwillig gewähren, damit diese es sich nicht mit bewaffneter Macht holen müssen. Die Menschen sind heute keine Kinder mehr! — Säht unfern, uns leider durch den Tod so früh entrissenen Kaiser Joseph II. an, wie der es sich zur höchsten Lebensaufgabe gemacht hatte, seine Untertanen zu beglücken! Ihm brauchten die Unterdrückten keine Menschenrechte abzutrotzen; er gewährte sie edelmütig von selber; ja er gab mehr» als man von ihm verlangte. Schade, daß er nicht länger regiert hat; wer weiß, was er noch für uns Juden getan hätte!" — „Was er noch getan hätte? — Was hat er denn getan?" fiel mit spöttischem Tonfall ein vorlautes Bürschlein dem Rabbi in die Rede. „Was er getan hat? — Rechnest Du es für nichts, daß er den Fuden-Leibzoll aufhob, die entehrenden gelben Wzeichen an den Kleidern der Juden abschaffte, unserer Jugend die Universitäten erschloß und uns zum Kriegsdienste heranzog? Nur die größte Beschränktheit kann eine solche Wohltat verkennen." „Rabbi, ich sehe wohl ein, daß der Kaiser es gut gemeint hat, doch ist er auf halben Wegen stehen geblieben; auch bringen manche uns gewährten Rechte uns Juden nur Nachteile. — Die öffentlichen Schulen dürfen wir besuchen; und besuchen wir sie, so kommen wir in die Gefahr, am Samstag zu schreiben, -zu zeichnen oder sonstige Gesetzesübertretungen zu begehen. Hat man sich einmal über Eines hinausgesetzt, dann büßt man immer mehr von seiner Jüdischkeit ein und am Schluß hält man garnichts mehr von den Vorschriften unserer heiligen Religion. Und dann — hat er uns die Erlaubnis zum Studieren erteilt, warum gewährte er uns nicht zugleich die Möglichkeit, eine Anstellung im Staate bekommen zu können, ohne welche Möglichkeit doch das Recht des Studierens wertlos ist. Der Jude muß sich taufen lassen, will er Staatsbeamter werden; ich glaube deshalb, daß die Zulassung der Juden zur Universität nur ein Lockvogel zum Slbfalle vom Judentum ist. Was nun aber die Zuziehung zum Kriegsdienste betrifft, von tvelchem wir vorher befreit waren, so kann ich diese Wohltat wirklich schon garnicht einsehen." „Vom Kriegsdienste befreit, sagst Du? sag' lieber: ausgeschlossen! — In früheren, Zeiten mutete,man uns keine Liebe zum Vaterlande zu und versagte uns deshalb, wie die anderen Bürger, für das Vaterland zu kämpfen. Man dachte wohl, daß man dem unterdrückten und geknechteten Juden keine Liebe für sein undankbares Vaterland zutrauen dürfe. Das Andenken unseres Kaisers Josef sei schon deshalb gesegnet, weil er mit der Aufhebung dieser Schranke ausgesprochen hat, daß auch wir treue Söhne des Vaterlandes sind. Deine anderen Einlvände freilich sind nicht unbegründet; bedenke jedoch; daß der wahrhaft überzeugungstrcue Jude in jeder Lebenslage und in jeder Lebensstellung ein .treuer Ersüller seiner jüdischen Pflichten bleiben wird. Daniel nahm am Hofe von Babylon einen sehr hohen Rang ein und versäumte nie, dreimal täglich zu beten; unser großer Maimonides war Leibarzt des Sultan Saladin und lebte streng nach dem Gesetze; Isaak Abarbanel war an den bedeutendsten europäischen Höfen hochgestellt und opferte sich freudig für die Seinigen auf . . . -." „Was willst Du, Bocherl?" rief hier — sich unterbrechend — der Rabbi einem jungen Manne zu, der bei Erwähnung des Namens „Marbanel" sich stolz von seinem Sitze aufgerichtet, den Mund zum Reden gespitzt, aber aus Ehrfurcht, um den verehrten Lehrer nicht zu unterbrechen, sich wieder mit der größten Selbstüberwindung auf seinen Sitz niedergelassen hatte. „Isaak Marbanel war mein Vorfahr," erwiderte der Angered'ete stolz. „Mso ein Mejuches (von vornehmer Herkunst)? Das ist schön! Wie lauge bist Du schon hier?" „Sechs Wochen." „Wieviel Kvsttage hast Du schon?" „Keine." „Und hast Du keine Aussicht, welche zu erhalten.?" „Man .macht mir Hoffnung; daß ich, wenn ich an Herrn Löb Frankfurter gehe, von diesem einen Freitisch erhalten werde." „Da möchte ich Dir freundschaftlichst raten, nicht hinzugehen, sonst hast Du nicht einmal diese Hoffnung," sagte der Rabbi spöttisch lächelnd. Darauf fuhr er mit leichtem Kvpfschülleln fort: „Ich habe zwar schon täglich zwei Bachurim an meinem Tische; jedoch, da Du ein Nachkomme Marbanel's bist, will ich Dir zwei Kosttage wöchentlich bei mir geben. — Doch nun wollen wir unseren Schiur (Unterricht) beginnen; wir sollen. Talmud lernen und sprechen über weltliche Angelegenheiten." Hierauf schlug er den auf seinem Ständer liegenden Folianten auf und begann in eigentümlich singen-