Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 24 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 8. Geschästsklasse weiß sich keine andere Beschäftigung zu schaffen. Warschau. Die. Stadt Minsk, die besonders zahlreich von Juden bewohnt wird, steht an drei Steilen i u Klamme». Es ist Gefahr vorhanden, daß die Stadt vollkommen durch das Feuer vernichtet wird. Man vermutet, daß eine gegen die jüdische Bevölkerung gerichtete Brandstiftung vorliegt. Odessa. Die Gründer des Vereines „Geullay" in Rußland, dessen Zweck es ist, Land in Palästina anzukaufen, haben bis jetzt 140 Landteile im Gesamtwerte von 14060 Rubel erworben. Jur Sinne der Bereinsstatuten wird mit der Kolonisation begonnen werden, sobald tausend Landteile im Gesamtwerte von 100000 Rubel erworben sein werden. Libau» 2. Juni. An dem letzten Samstag Abend fuhren von hier mit den Dampfern Ferm und Wollmar ungefähr 700 jüdische Emigranten nach England und Amerika ab. Amerika. New-Aork. Neue Einwanderungsbestimmungen. Die ungewöhnlich große Zahl der Einwanderer, welche, weil sie der öffentlichen Wohltätigkeit zur Last - sielen, in jüngster Zeit nach Ellis Island zur weiteren Deportation geschickt wurden, veranlaßt den Einwanderungskommissär William Williams, einige neue Bestimmungen über die Einwanderung zu erlassen. Diese beziehen sich hauptsächlich auf die Höhe der B a r s u m m e, welche der Einwanderer vorweisen muß, um landen zu können. Im Sinne des im Borjahre geschaffenen Gesetzes kann jeder, der innerhalb zweier Jahre nach seiner Einwanderung der öffentlichen Wohltätigkeit zur Last fällt, dem Einwanderungsbureau' behufs weiterer Deportation in sein Heimatland überstellt werden. Mister Williams hat nun angeordnet, daß, wenn neu Ankommende von Ellis Island aus ihre in New- Pork lebenden Frennde oder Verwandten telegraphisch um Beistellung des Minimalfonds ansucheu, die im Telegramm gewünschte Summe zumindest 10 Dollar, in einzelnen Fällen sogar 20 oder 25 Dollar ausmachen müsse. Im Sinne der neuen Bestimmung müssen jetzt sämtliche Einwanderer ihre Freunde oder Verwandten von ihrer Ankunft in Ellis Island telegraphisch verständigen und diese haben den Behörden gegenüber die Verpflichtung zu übernehmen, daß sie für das Fortkommen der Eingewanderten nach ihrer Ankunft an ihrem Bestimmungsorte sorgen werden. Ans der Lehrerwelt. Bleicherode a. Harz. 14. Juni. Heute Früh ist der Kultusbeamte der hiesigen jüdischen Gemeinde Herr D. Samuel nach längerem Leiden entschlafen. Mit ihm ist ein ehrenwerter Mann aus dem Leben geschieden, welcher bei Allen, die ihn gekannt haben, in gutem Andenken bleiben wird. Karlsruhe. Als zweiter Rabbiner der hiesigen israel. Gemeinde wurde St. Julius Ziinels, bisher in Chemnitz, gewählt und von der Regierung bestätigt. Ungleiche Bahnen. Eine Geschichte aus dem Leben. Von Jacob Levy. 9. Kapitel. Ms in derselben Nacht Frau Ehrmann aus dem Theater nach Hause kam, traf sie ihren Gatten au, der unerwartet von der Reise gekommen war. Ehrmann sah mit den grauen Haaren, dem müden Gesichtsausdruck, alt und verfallen aus. Seine Frau fragte ihn nach der Begrüßung: „Louis, bist Du nicht wohl. Tu machst einen leideirden Eindruck." „Ich kürzte meine Tour ab, weil ich mich in der Tat nicht wohl fühle. Ich kann die Strapazen der Reise nicht mehr so vertragen wie früher." „Dann mußt Du das Reisen unbedingt anfgeben. Ich freue mich sogar damit. Es ist mir längst peinlich, stets allein in Gesellschaft zu gehen, dann wirst Du mich häufiger begleiten. Tu hattest doch noch nicht Viel vom Leben." „Sidonie, ich muß einmal offen mit Dir reden und will das jetzt sofort tun. Das Geschäft wird immer schwieriger, der Nutzen kleiner, nur meine Tätigkeit auf der Reise setzt mich in den Stand, Deinen Ansprüchen zu genügen. Wenn ich diese Tätigkeit aufgeben muß, werden wir uns sehr einzuschränken haben." „Das kann ich nicht, ich bin so sparsam, wie keine der Damen, mit denen ich verkehre." „Du darfst Dich nicht mit der Gemahlin des Bankier Markus, oder des Fabrikanten Simon messen, dje Hunderttausende verdienen." „Mein Gott, diese Damen haben Equipage, lassen ihre Toilette in Paris anfertigen, bringen den ganzen Sommer auf Reisen zu und was habe ich. . . Er lachte bitter auf. Der Groll, der sich in seinem Herzen augesammelt hatte, brach aus. „Du hast einen Parketplatz im Theater, bist auf Konzerte, auf Vorlesungen, im Stadtpark abonniert, gibst Gesellschaften. Von diesen Strapazen erholst Du Dich im Sommer zwei Monate in den Bädern und um dies zu erschwingen, inuß ich zehn Monate im Jahr reisen und schaffen, wie ein Galeerensklave. Ich kann aber nicht mehr, ich bin morsch." „Ich kann mich aber nicht einschränken. Weshalb hast Du nicht den weiten Blick wie andere Männer, die durch Spekulationen Millionen verdienen! Du sollst Dich gewiß nicht auf der Reise plagen, wenn Dein körperlicher Zustand es nicht erlaubt. Aber dann muß Kurt eintreten, das ist Sohnespflicht." „Nimmermehr," rief Ehrmann empört, „zu einem anständigen Leben in bescheidenen Grenzen haben wir genug. Ich werde aber niemals dulden, daß der Junge auch nur einen Pfennig seines Einkommens für Deine Vergnügung^- und Verschwendungssucht, die alles verschlang, was ich verdiente, opfern soll." „Weil Du Dein Haus nicht standesgemäß erhalten kannst, so wie ich es gewöhnt bin, häufst Du Beleidigungen auf Beleidigungen. Das läßt mich aber kalt, mein Lieber. Wenn Du ein Weib bist, muß ich ein Mann sein. Ich 'werde mit Kurt reden und ihm erzählen, daß sein Vater alt wird." „Kein Wort zum Jungen, ich verbiete es Dir. Er soll absolut keine häuslichen Sorgen kennen lernen. Lebe nur wie bisher, ich werbe schon weiter schaffen." Kurt's Wunde war in der Tat nicht bedeutend, er konnte dabei ausgehen und leben, wie zuvor. Er sandte einen kostbaren Blumenkorb zu Weber's „für die Damen" und machte Sonntags dort Besuch. Er traf die Eltern und Fanny an. Der Vater, der ein kleines, verhutzeltes Männchen geworden war, schlappte auf ihn zu und reichte ihm die Hand. „Ja, ja, ich erinnere mich. Sie waren ein kleines Jüngelchen, das nicht viel vom Jüdischen wußte." Kurt lachte herzlich. „Heute weiß ich noch viel weniger davon, ich bin zu früh aus Ihrer Schule gekommen." Dann wandte er sich zu den Damen. „Frau Weber, Fräulein Fanny, heute können wir uns bei Tage besehen und von früheren Zeiten plaudern." Fanny war aufgestanden und sagte mit ruhiger Freundlichkeit: „Herr Ehrmann, Sie wußten nicht, daß wir dieselben schlichten, einfachen Menschen geblieben sind, in deren bescheidenen Wohnung Sie als Kind geweilt haben. Schauen Sie sich in diesem altfränkisch gemütlichen Zimmer um, erinnern Sie sich unseres lieben Mütterchens, das heute noch so treulich sorgt wie früher und dann werden Sie finden, daß ein solch' vornehmer Gast, wie Ihr exotischer Blumenkorb sich hier sehr ungemütlich fühlen muß. Eines Dankes, besonders in Form eines Geschenkes bedarf es nicht. Ich erklärte dem Boten, daß ein Irrtum in der Adresse vorlägc und schickte ihn zu Ihrer Frau Mutter, die sich an der kostbaren Blnmenspende erfreuen wird. Wir danken Ihnen aber herzlich für die gute Msicht." Er antwortete unmutig: „Wtshalb verderben Sie mir die Freude, Sie durften doch von mir die paar Blumen annehmen. Eine solche Zurückweisung hätte ich nicht erwartet, Frau Weber." „Gewiß, da ich in der Küche war, beauftragte ich meine Tochter, den Boten zurückzuschicken. Ein Beilchensträußchen von Ihnen hätte mir alten Frau Vergnügen gemacht, aber einen Blumenkorb für eine Keine Gefälligkeit, Jemanden erwiesen, den ich als kleinen Jungen auf dem Schoß hatte, nehme ich nicht an. Wie geht es denn mit Ihrer Wunde?" Die Unterhaltung wurde lebhaft. Ter Vater, der seine Augen fortwährend auf Kurt gerichtet hatte, fragte neugierig, wie so viele alte Leute: „Wo waren Sie denn, doZ Sie Mends so spät durch unsere Straße kamen?" Er sagte kaltblütig: „Ich war im Begriff, einen Besuch zu machen." „Einen Besuch zu dieser vorgerückten Stunde?" „Warum nicht, unter Umständen ist immer Besuchszeit, Herr Weber." Herr Weber fing an, laut zu überlegen. Fanny aber sagte: „Herr Ehrmann, würden Sie auch .nt Ihren Kreisen einen alten Herrn, in Gegenwart von Damen, durch Antworten zu weiteren intimen Fragen veranlassen?" „Mein Fräulein, ich sage nur volle Wahrheit, oder antworte überhaupt nicht." „Dann zeigt Ihre Erziehung betreffs Umgang mit Damen bedenkliche Lücken." Sie erhob sich langsam und wollte das Zimmer verlassen. Kurt war betroffen aufgesprungen, da ging die Tür auf und Fritz trat ein. Er ging mit ungeheuchelter Freude auf Kurt zu und drückte ihm die Hand. „Grüß Gott, alter Junge, bist Du wieder wohlauf?" „Jawohl und eben streite ich mit Deiner Schwester." Diese wehrte ab. „Ein kleines Mißverständnis des Herrn Ehrmann." Mittlerweile hatte Frau Weber Wein und Gläser gebracht. ,„Wir wollen auf die alte und neue Freundschaft trinken." Er sagte leise, sein Glas an das Fanny's klingen lassend: „Ich fürchte, daß Sie mir die neue Freundchasi schwer machen werden, da ich ja fortwährend Ihr Mißfallen errege. Ich glaube. Sie stellen zu hohe Ansprüche an Ihren Verkehr." Sie erwiderte gleichmütig: „Durchaus nicht. Ich beanspruche nur von Jedem den Takt, den sein Bildungsgrad ihn gelehrt haben muß." Frau Weber hatte nun vieles zu fragen und so verging die Zeit rasch. Kurt nahm seinen Hut. „Wenn Sie erlauben, komme ich bald wieder. Aber — Fritz — wir könnten doch manchmal zusammen ausgehen. Wie verbringst Du denn Deine freie Zeit?" „Abends bleibe ich meistens zu Hause. Sie verwöhnen mich hier zu sehr. Trotzdem bin ich für ein Glas Bier, es dürfen auch zwei sein, zu haben. Sonntags gehe ich mit Mutter und Fanny spazieren. Vater will nicht. Mutter drückt sich übrigens auch gerne." Frau Weber lachte. „Ich werde doch als alte Frau nicht imnier mit den jungen Leuten gehen." Kurt sagte hastig: „Ich würde mich dem Spaziergang gerne anschließen. Schon heute Nachmittag, wenn Sie gestatten." Fanny bemerkte: „Es freut mich für Fritz, wenn Sie den Nachmittag mit ihm verbringen wollen, denn Mutter und ich müssen einen Krankenbesuch machen." Die Mutter sah verwundert auf. „Gewiß Müller, zu Frau Strauß." „Nun," meinte Fritz, „so gehen wir allein. Ich hole Dich in Deiner Wohnung ab." Kart sagte abschiednehmend zu Fanny: „Gnädiges Fräulein, ich werde mir Ihr Wohlwollen zu verdienen suchen, wenn ich auch mit einigem Zagen an diese Aufgabe herantrete." Sie überhörte scheinbar die etwas spöttische Nuance und erwiderte: „Das ist sehr leicht, denn ich schätze Jeden nach seinem Geiste ein und verlange nicht mehr von ihm, als er bieten kann." Kurt biß sich auf die Lippen und entfernte sich mit einer tiefen Verbeugung. Herr Weber aber fragte: „Weshalb wollt Ihr denn wieder zu Frau Strauß gehen. Ihr habt doch gestern einen Besuch dort gemacht." „Weil ich nicht mit Herrn Ehrmann ausgehen möchte, lieber Vater." Die Mutter jagte: „Ich meine. Du hättest aber nicht so unhöflich gegen ihn zu sein brauchen. Er war doch unser Gast." „Er ist mir durchaus nicht sympathisch." Kurt aber dachte, als er aus der Straße war: „Was ist das für ein naseweises, eingebildetes Mädchen." — Er wollte nun Fritz häufig abends abholen. Dieser hatte aber nicht immer Zeit, da er noch fleißig studierte. „Weshalb bist Du noch immer ein Bücherwurnt, da Du doch schon Oberingenieur bist?" „Aber mein Lieber, ich fachsimple doch nicht, sondern befasse mich mit der Politik und der Literatur. Man muß doch alles kennen lernen, um seinen Horizont zu erweitern. Ich will doch nicht vor meiner Schwester zurückstehen." „Vor Deiner Schwester?" „Nun ja. Wir sind Mitglieder der literarischen Gesellschaft, besuchen sonsllge Vorlesungen und was Fanny so hört, damit befaßt sie sich zu Hause eingehender." „Wie kann denn ein solch gebildetes Mädchen so fromm sein, das verträgt sich doch gar nicht." ,„Das vereinigt sich sogar sehr gut, wie Du siehst. Wie häufig paart sich höchste Geistesbildung mit wahrer Frömmigkeit." — Kurt wollte einmal seinen Freund besuchen, traf aber Frau Weber allein an, da der Vater mit den Kindern ausgegangen war. Ms er sich zu ihr setzte, fragte sie ihn scherzend: „Wollen Me denn wirklich einer alten Frau Gesellschaft leisten?" „Es freut mich. Sie einmal ganz allein für mich zu haben." Sie fragte ihn nach seinem Leben und die kluge Frau hörte bald trotz seiner Zurückhaltung, daß er ein wahres Heim niemals gekannt hatte. „Ich verdiene viel Geld und brauche mir kein Vergnügen zu versagen." ,/Denken Sie nicht ans Heiraten? In wenigen Jahren sind Sie des «traßenlebens überdrüssig." Er sah sie an. „Heiraten? Ich habe wirklich noch kein Mädchen kennen gelernt, an das ich mich fesseln möchte. Außerdem ist das Junggesellenleben so angenehm — keinerlei Pflichten" — „Pflichten hat jeder Mensch, so lange er Eltern hat." Ec verzog sein Gesicht, blickte verständnislos drein und blieb die Antwort schuldig. —. 'i 1