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Neue jüdische Presse · 1904-06-24 · Heft 24 (24.6.1904) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 24 (24.6.1904)
Date
1904-06-24
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 24. Seite 2. Sind auch meine Gaben gering und kann sich mein Herr alles viel schöner und kostbarer Herstellen lassen, so wird es doch eine Genugtuung für ihn sein, wenn ich ihm einige Erzeugnisse der Handfertigkeiten, die er mich lernen ließ, zum Geschenk mache. Er wird doch sehen, daß er seine Gnade nicht an einen Undankbaren verschwendet hat, daß sein Liebeswerk von Erfolg gewesen ist und mich zu einem tüchtigen, brauchbaren und geschickten Menschen gemacht hat. Und noch ein Zweites nahm er sich fest vor: Wenn ich einmal selbständig draußen in der Welt mich tummele und die Menschen meine Fähigkeiten, meine gute Erziehung, meine glänzende Kleidung und mein gewandtes Auftreten bewundern, so werde ich niemals verfehlen, öffenüich die Güte meines königlichen Freundes zu bezeugen. Ich werde es niemals verhehlen, daß ich nur durch ihn geworden bin, was ich bin. Ich werde jede Gelegenheit benutzen, um sein Loblied ertönen zu lassen. * . * Wie dieser Jüngling zu seinem König, so steht der Mensch zu Gott, dem Herrn. „Wie kann ich Dir vergelten, o Herr, alles, was Du an mir getan," spricht er in seinem Herzen. „Der Himmel Unendlichkeit vermag Dich nicht zu fassen, was vermöchte ich schwacher Sterblicher Dir zu geben. Und doch kann ich nicht so ruhig, so gelassen, so selbstverständlich all Deine Güte hinnehmen. Es lebt in meiner Seele der Drang, fast möchte ich es einen Zwang nennen, mein herzliches Dankgefühl zu betätigen." Sollte dieses Gefühletwa ein falsches, vermessenes Gefühl des Stolzes sein? Sollte eine gewisse Ueberhebung, ein gewisser Unabhängigleitssinn, der uns von unseren Menschenbrüdcrn nichts annehmen läßt, ohne daß wir uns zur Erwiderung des Gebotenen verpflichtet fühlen, sollte eine gleiche Ursache etwa auch unseren Dankesbezeugungcn gegen Gott zu Grunde liegen? Doch nein, das wäre ja nicht bloß Vermessenheit, es wäre Torheit und Aberwitz. Vergiebst du dir denn etwas, wenn du aus gütiger Vaterhand die Gaben der Liebe entgegennimmst? Aber auch die Eltern freuen sich, so du ihnen aus der Fülle dessen, was sie dir geschenkt, etwas wiedergibst, nachdem du es verarbeitet und umgeformt, ihm den Stempel deiner Tätigkeit, deines Fleißes) deiner Geschicklichkeit ausgedrückt. Und dasselbe durften auch deine Ahnen im eigenen Lande ihrem Gotte gegenüber tun. Sie dursten ihm Opfer bringen. Sie konnten ihm ja nur von dem reichen Ueberslusse, der ihnen geworden, ein winziges Scherflein bringen. Aber dieses Scherflcin war geadelt durch den Wert der Arbeit. Sie bewiesen damit, daß sie der Gaben, die Gott ihnen aus dem reichen Schoße der Natur ersprießen ließ, wert und würdig seien. Sie zeigten damll, daß sie die Schätze des Bodens und der Tierwelt richtig zu benutzen verstanden, daß Gott seine Güte nicht an faule und undankbare Geschöpfe verschwendet hat. So sagte Rabi Akiba einmal in sinniger Weise: Die Werke des sterblichen Menschen können in gewisser Hinsicht noch schöner fein, als die Werke Gottes. Gott läßt das Getreide aus dem Boden sprießen. Der Mensch verarbeitet es zu dem köstlichen Brot. Gott läßt die Flachsstengel wachsen. Der Mensch fertigt daraus die prächtigsten Gewänder. So hat Gott dem Menschen die Gabe verliehen, die Schätze der Natur zu vervollkommnen, zu verfeinern und zu veredeln und so gewissermaßen noch schöner und zweckentsprechender zu gestalten) als sie ursprünglich aus Gottes Hand hervorgingen. So konnte also auch die geringste Opfergabe, welche bewies, daß der Mensch diese ihm von Gott verliehene Gabe entwickelt und ausgebildet habe, eine tiefe Bedeutung, einen wertvollen Sinn, ein vollkommenes Zeichen der menschlichen Dankbarkeit sein. So dursten deine Ahnen ihrem Gotte sich huldigend nahen. Was ist nun für dich, den Epigonen jener großen Zellen religiöser Erhebung, noch übrig geblieben? Wo jenedie Tatsür sich sprechen lassen durften, ist dir nur das Wort übrig geblieben. Du mußt es jenem Jünglinge in unserer Erzählung gleichtun! Du mußt frei und offen deinen Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Schöpfer bekennen. Du darfst nicht rufen: „Ach, wie haben wir cs doch so herrlich weit gebracht." Dein Wahrspruch laute: „Ad heno asorunu rachamecho: So weit hat Gottes Barmherzigkeit uns geführt." In welcher Form immer dir die Leistung des Menschen oder der Natur entgegcntritt, was immer du selbst schassen magst, seien es die einfachen Erzeugnisse, mit denen du des Lebens Notdurst fristest, seien cs die Früchte höchster geistiger und sittlicher Anstrengung, darfst du niemals den vergessen, der doch im letzten Grunde dir und deinen Brüdern die Kraft verliehen, so Großes zu vollbringen. So wird dein ganzes Leben ein großer Gottesdienst. Magst du nun in der Eintönigkeit des Alltagslebens dich mühen, magst du in der höheren Sphäre des Geistes wiegen, magst du die wunderbaren Erscheinungen der Natur genießen oder dich an den erhebenden Gebilden der Kunst erfreuen, niemals darfst du es versäumen, ihm zu huldigen, dem Quell alles Guten und alles Lebens. Und das Zauberwort, mit dem du dir das Leben so zu einem heiligen und erhebenden gestalten kannst) das ist die B'rocho und vor allem jene B'rocho, die in ihrer Erhabenheit alle anderen umfaßt: . Gepriesen seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der auch dem sterblichen Menschen von seiner Herrlichkeit mllgeteilt hat. Aus aller Wett. Deutschland. Berlin. Die neue Synagoge der israelit. Gemeinde Adaß Iis ro el in der Artilkcriest r a ß e wird im August ihrer Bestimmung übergeben werden. Zu dem monumentalen Neubau, dessen Fassade in Barockstil gehalten ist, führen fünf Eingänge, drei in den Männerraum und zwei zu der Frauengalerie. Im Mittelschiff erhält die Synagoge eine hohe, weite Kuppel, in welcher die Vcntilationsanlagen geschickt nntergcbracht sind. Die auf beut Hofe errichteten Qnergebäude, in welcher sich das Rabbiner-Seminar befinden wird, ist bereits vollendet. Dieses Gebäude soll mit Beginn des Wintersemesters bezogen Iverdcn. Mit dem Vermieten der Sitzplätze wird Anfang Juli er. begonnen werden. Berlin. Der deutsche Antisemitenbund hat seine alte Firma geändert. Er hat am Freitag beschlossen, den Namen Deutscher M i t t e l st a n d s b u n d anzunehmen. Der Grund ist durchsichtig genug. Nach der „Staatsb. Ztg." kam es in der Versammlung zu einer scharfen Absage an den Bund der Handwerker. Die „Staatsb. Ztg." berichtet darüber wörtlich: „In dem agitatorischen Vorgehen des Handwerker-Bundes fällt besonders die Tatsache auf, daß der Bund bis jetzt besonderen Wert darauf gelegt' hat, sich in denjenigen Wahlkreisen zu organisieren, die durch Abgeordnete des D. A. B., der Deutschen Reformpartei vertreten sind. Es ist aus der ganzen Art der Agitation des Bundes der Handwerker klar erkennbar, daß nicht sachliche, sondern rein persönliche Gesichtspunkte, maßgebend sind. Die Behauptung, der. Bund der Handwerker sei nichts weiter als eine verkappte Organisation des Bundes der Landwitte, wird durch sehr wichttge Vorgänge bei den Maßnahmen des Handwerker-Bundes unterstützt." Hannover. Für den verewigten Alp ho ns Jacobson wird am 2 6. ds. Mts. in der Israelitischen Erziehungsanstatt zu Ahlem eine Gedächtnisfeier abgehalten werden. Herr Alphons Jacobson hat s. Zt. in Gemeinschaft mit C o n s u l Simon die Anstalt begründet und wäre sie ohne Jacobson's tatkräftiges Eingreifen kaum zu der heuttgen Blüte gelangt. Im Anschluß an die Feier findet eine BesichtigungderAnstalt statt und an diese schließt sich ein einfaches, gemeinschaflliches Mahl in der Anstalt, sodaß die auswärttgen Gäste ohne weiteren Aufenthalt in Hannover, zurücksahren können. Die Anstalt ist von der in der Nähe des Bahnhofes gelegenen Gcorgstraße aus mit der Straßenbahn (Wagen mit grüner Scheibe) in 25 Minuten bequem zu erreichen; an der Endstation der Straßenbahn stehen Wagen der Anstalt, welche die angekommenen Gäste weiter befördern. Es ist der Anstalt erwünscht, wenn diejenigen, die an der Feier teilnehmen wollen, dies dem Vorstande baldigst Mitteilen, da entsprechende Vorbereitungen getroffen werden müssen, well der Besuch voraussichllich ein sehr reger sein wird. . Karlsruhe, 13. Juni. Der Großh. Oberrat der Israeliten in Karlsruhe hat die Aufstellung der Wählerlisten für die Wahl. des weltlichen Abgeordneten zur Israelit'isch en -Lanbessynode angeordnet. Die Synode soll im Oktober dieses Jahres zusammentreten. Wie wir hören. soll unter anderem die Erhöhung der allgemeinen israelitischen Landeskirchen st euer uni 20 Pro- I zent in Aussicht genommen sein zum Ztvecke der Ausbesserung gering besoldeter Rcligionslehrcr. Danzig. DerBerbandWe st preußischer Synagogen gemeinden hielt hier seine 7. Tagung ab. Der Vorsitzende, Herr Rechtsanwalt Behre nd t-Danzig, bat, daß die Gemeinden auch weiter in allen religiösen Angelegenheiten die Mithilfe des Verbandes in Anspruch nehme» möchten. Herr Rabbiner Dr. Fr c u d e n th al-Danzig berichtete über den Unterricht in den unter der Inspektion des Verbandes stehenden 4g Religionsschulen der Provinz. Die Versammlung bewilligte die Mittel zur Gründung einer Wanderbibliothek, zur Berufung von Predigern, die an den hohen Festtagen in den lleinen Gemeinden amtieren sollen, und zu Pensionsbeihilferh für Kultusbeamte der Provinz. Ferner wurde der Beitritt zu dem kürzlich gegründeten „Verband deutscher Juden" beschlossen. Oesterreich-Ungarn. Budapest. Hier hat während der letzten Woche eine Schulkonferenz getagt. Anlaß hierzu gab der neue Volksschulgesetz-Entwurf des Unterrichtsmini st e r s v. Berzeviczy. An der Konferenz nahmen auch einige Mgevrdnete teil, die zufällig Juden sind.- Der Gesetzentwurf tangiett in manchen Punkten auch die Autonomie der Konfessionen und die Selbstständigkeit der Konfessionellen. Man mußte sich also auch mit den jüdisch-konfessionellen Schulen beschäftigen und da bot sich das in Ungarn nicht mehr ungewohnte Schauspiel, daß der RegierungsvertreterdieTalmud-Thora-Sch uleunter Berufung auf den .Liberalismus gegen zwei „jüdische" Abgeordnete in Schutz nehmen mußte. Der Abgeordnete Edmund Barta beantragte nämlich, daß die Talmud-Thora-Schulen, sowie alle diejenigen Schulen, in welchen vor und nach den gesetzlichen Unterrichtsstunden Unterricht erteilt wird, als Winkelschulen zu bezeichnen und demzufolge zu verbieten sind. Sektionsrat Franz Hal a s z erklärt hierauf, daß es mit dem Liberalismus nicht vereinbar sei, den Eltern ihr gutes Recht, die Kinder auch außerhalb der Unterrichtsstunden lernen zu lassen, zu verkürzen. Hierauf ruft Mg. Josef Veszi dazwischen: „W i r I u d e n h a b e n n i ch t s dagegen!" Barta und Veszi sind beide Juden. Beide verdanken ihre Mandate den Juden, der Erstcre sogar ausschließlich orthodoxen und ch a s s i d i s ch e n Juden, denen die Talmud-Thora Lebensbedürfnis ist. Barta hat allerdings seine Kinder bereits taufen lassen, dafür war Veszi der Schleppträger des gewesenen Ministerpräsidenten S z e l l, der für das Aufblühe,i^des Antisemitismus in Ungarn verantwortlich ist. Zum Schluß sei erwähnt, daß der Universitätsprofessor Zsolt Beöthy (Christ) im Nameu vieler hauptstädtischer Juden an den Alinister das Ersuchen stellte, den Unterricht der hebräischen Sprache im Religionsunterricht zu v erb ieten. Lemberg. Der heilige Tempel en miniature. Ein eigenartiges Kunstwerk ist gegenwärtig im Hotel Bellevue zu sehen. Dort hat nämlich ein gewisser Leb Schwarzbach aus Skala einen Miniaturbäu des h e r o d i a n i s ch e n T e m p e l s ausgestellt. Das Kunstwerk, an dem Schwärzbach neun Jahre lang gearbeitet hat, ist genau nach den talmudischen Daten über den Tempel konstruiert. Die Ausstellung erfreut sich großen Zuspruchs und allgemeiner Anerkennung. Rußland. Petersburg, 18. Juni. Die „Petersburgskija Wedomosti" teilen heute bereits den Text des Gesetzes betresfeird das Wohnrecht der Juden im SOwerstigen Grenzstreifen der westlichen Gouvernements und Bessarabiens mit. Danach wird die Bestimmung aufgehoben, daß daselbst nur Juden wohnen dürfen, die vor dem 27. Oktober 1858 dort angeschrieben sind, und der Grenzstreifen allen Juden geöffnet unter Beobachtung der allgemeinen Gesetze über das jüdische Wohnrecht. Die Veranlassung dieses Gesetzes ist, daß das bisherige Verbot seinen 8weck, nämlich die Verminderung des ch m u g g e l s , nicht erreicht hat, dagegen für die Bevölkerung drückend war. Warschau. Wie der .Warschawslij Dnewnik" meldet, ist in Warschau eine große Jndustriekrise ausgebrochen, welche die Juden hart betroffen hat. Das offizielle Blatt schreibt, daß die Bestellungen aus den inneren Gouvernements dauernd zurückgehen und daß die Fabrikation um die Hälfte reduziert wurde. Die um diese Zeit regelmäßig eintreffenden Aufträge sind absolut ausgeblieben. Die Unterbrechung des alt Gewohnte» zieht außerordentlich störende, unbequeme, ja verhängnisvolle Folgen nach sich. Ein großer Teil der hiesigen jüdischen Intelligenz pflegte während des normalen, gewöhnlichen Ganges der Dinge alljährlich im Kommissionsgeschäfte seineausreichende, bisweilen glänzende Existenz zu finden. Die Gelegenheit dazu ist in diesem Jahre nicht geboten, und diese zahlreiche

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